Kulturalismus

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Der Begriff Kulturalismus ist ein in verschiedenen Disziplinen divergent verwandter Begriff.

Kulturalismus in der Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Philosophie bezeichnet der Begriff „Kulturalismus“ Denkrichtungen, welche die anthropologische Einordnung des Menschen als eines zielbewusst und zweckmäßig handelnden Kulturwesens betonen und Wissenschaft als eine dieser Kulturleistungen betrachten. Methodischer Kulturalismus nennt sich dabei die philosophische Reflexion, die von dieser Einsicht ausgehend den Zusammenhang vorgängiger Kulturleistungen als Grundlage wissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung methodisch und systematisch berücksichtigt.

Die kulturalistische Position geht auf die Zeit der Aufklärung zurück, in der sich die ungeahnten Möglichkeiten menschlichen Handelns immer deutlicher offenbarten. Demnach ist der Mensch im Gegensatz zu den anderen Lebewesen ein Kulturwesen. Nach dieser Vorstellung entfernt er sich immer weiter von einem natürlichen Urzustand, der räumlich und zeitlich nicht mehr wiederherstellbar ist. Rousseau nennt diesen Vorgang „Entfremdung“. Natur ist in diesem Sinne nur das Material zur Gestaltung, das überformt, ersetzt und verdrängt wird.[2]

Den Gegenpol zum „Kulturalismus“ bildet der „Naturalismus“, nach dem sinnvolle und zweckmäßige selbstbestimmte und selbstgestaltete Kulturleistungen als Naturerscheinungen wie andere betrachtet werden mit der Folge, sie undifferenziert naturgesetzlich erklären zu müssen und damit nicht mehr methodisch diskutieren und kritisieren zu können.

Peter Janich definiert deswegen den philosophischen Kulturalismus folgendermaßen:

„Kulturalismus bezeichnet in allgemeinster Form eine philosophisch-kritische Bezugnahme auf die Kultürlichkeit des Verhältnisses von Mensch und Welt und mit besonderem Gewicht eine gegen jede Form des Naturalismus gerichtete Betonung, daß alle menschlichen Hervorbringungen im Alltag, in den Wissenschaften und nicht zuletzt in der Philosophie selbst Kulturleistungen sind.“

Die methodisch-konstruktivistische Richtung der Marburger Schule von Peter Janich, Dirk Hartmann und anderen wird zur programmatischen Abgrenzung von naturalistischen Ansätzen ausdrücklich als Methodischer Kulturalismus bezeichnet. Ausgang und methodischer Anfang des Philosophierens ist hier die selbstgestaltete Lebenswelt, deren Produkte (Artefakte, materielle Kultur) und kulturspezifischen Praxen beispielsweise in der Wissenschaft in Hinblick auf ihre Zwecksetzungen und die Rationalität der Wahl von Mitteln handlungstheoretisch reflektiert werden.[3] Der Kulturbegriff des Methodischen Kulturalismus ist stärker ein technischer, als ein semiotischer.[4]

Siehe auch den Artikel: Methodischer Kulturalismus.

Kulturalismus in den Sozialwissenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kulturalismus ist in den Sozialwissenschaften ein Terminus, der kritisch Forschungen und Ideologeme der Kulturanthropologie bezeichnet, die eine Grundpersönlichkeit annehmen.[5] Auch die Betonung des „Kulturellen“ vor dem „Sozialen“ wird mit „Kulturalismus“ bezeichnet.[6]

Der starken Betonung kultureller Faktoren – auch in der Manifestation semiotischer Zeichen (culture as a system of symbols and meanings) – wie sie von Clifford Geertz und David Schneider verfolgt wurde, stehen seit Mitte der 1980er Jahre Tendenzen gegenüber, welche kulturelle Faktoren verstärkt als gesellschaftlich bedingte „kulturelle Werkzeuge“ (culture as tool kit) untersuchen. William H. Sewell beschreibt diese Verlagerung des Forschungsschwerpunkt folgendermaßen:

“What all of these approaches had in common was an insistence on the systematic nature of cultural meaning and the autonomy of symbol systems – their distinctness from and irreducibility to other features of social life. They all abstracted a realm of pure signification out from the complex messiness of social life and specified its internal coherence and deep logic. Their practice of cultural analysis consequently tended to be more or less synchronic and formalist.”[7]

Kulturalismus in der Ethnologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Kulturalismus wird auch in frühen Arbeiten aus dem Umkreis der englischsprachigen cultural anthropology und der cultural studies von Stuart Hall verwendet. Er meint in diesem Zusammenhang die zu starke Betonung des Kulturellen gegenüber dem Sozialen, Ökonomischen oder Geschichtlichen.

Stuart Hall[8] stellt Cultural Materialism (Kulturalismus) und Strukturalismus einander gegenüber. Der Kulturalismus erforscht Kulturen als Lebensweisen und bevorzuge die sozialgeschichtliche Rekonstruktion von Kulturen. Er versucht, den Hyper-Strukturalismus früherer Theorien zu korrigieren, indem er das kollektive wie das individuelle Subjekt wieder ins Zentrum der Betrachtung rückt.[9]

Kulturalismus als Neorassismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch den Hauptartikel: kultureller Rassismus.

Konzepte, die Kultur nicht als historisch konstruiert und nicht als veränderbar betrachten, und in denen Vorstellungen von Kultur „in einem solchen Maße verdinglicht und essentialisiert werden“, dass Kultur „zum funktionalen Äquivalent des Rassenbegriffs wird“, werden von einigen Forschern als „Kulturalismus“ oder „kultureller Rassismus“ bezeichnet:[10] John Solomos und Les Back vertreten beispielsweise die Auffassung, dass Rasse heute „als Kultur kodiert“ werde und dass „das zentrale Merkmal dieser Prozesse darin besteht, dass die Eigenschaften von sozialen Gruppen fixiert, naturalisiert und in einen pseudobiologisch definierten Kulturalismus eingebettet werden.“[11]

Das Wort „Rasse“ werde hier, da heutzutage meist negativ konnotiert, häufig durch „Kultur“ (auch „Ethnie“, „Volk“, „Nation“ oder andere Begriffe) ersetzt. Da allerdings der Begriff „Rasse“ in diesen Argumentationen in der Regel nicht vorkommt, wird der Kulturalismus vielfach als ein „Rassismus ohne Rassen“ bezeichnet, der den Begriff „Rasse“ aufgibt, ohne dass in ihm die Abwertung und Ausgrenzung des ›Anderen‹ an Schärfe verloren gingen.[12]

Als Merkmale kulturalistischer Konzepte werden insbesondere folgende Eigenschaften beschrieben: Ethnische Formulierung: Kultur wäre allein mit der (ethnischen, völkischen) Herkunft verbunden. Homogenität: Alle Mitglieder einer ethnischen Gruppe sollten die gleiche Kultur haben. Reduzierbarkeit: Die wesentlichen Eigenschaften einzelner Menschen wären auf die kulturellen Eigenschaften einer Gruppe beschränkt. Starrheit: Kulturen seien nicht oder nur über lange Zeiträume (im Rahmen von Generationen) veränderbar.

Solchen Konzepten zufolge wird „Kultur“ als eine unüberwindliche Schranke betrachtet, die politisch nicht zu überwinden sei. Entsprechende naturalisierende und biologisierende Argumentationen kämen sowohl im Rechtsextremismus als auch in verkürzten ethnopluralistischen Ansätzen der Neuen Rechten in der Gestalt von „Kulturalisierungen der Differenz“ (Müller) vor. Der emanzipatorische „Kultur“-Begriff des Multikulturalismus werde hier in seiner politischen Bedeutung umgedreht (bei Taguieff als „Retorsion“ bezeichnet). Dieser „kulturalistische“ (eigentlich naturalistische) „Kultur“-Begriff sei mit emanzipatorischen Vorstellungen der prinzipiellen Veränderbarkeit von Gesellschaften nicht vereinbar, die davon ausgingen, dass Menschen sich ständig mit ihrer Umgebung auseinandersetzten, so dass sie nicht passive Kulturträger sind, sondern sich aktiv Kultur aneignen und die Kulturen ihrer Umwelt auch verändern.[13]

Gazi Çağlar geht soweit, objektiv sehr verschiedenartige Kreislaufmodelle als „kulturzyklische“ zu bündeln und in die Kulturalismus-Debatte einzubeziehen. Dazu zählt er insbesondere Samuel P. Huntingtons Clash of Civilizations.[14] Zyklische Kreislauftheorien interpretieren nach ihm die Geschichte von Gesellschaften als „Summe der Geschichte einzelner Kulturen bzw. Zivilisationen“.[15] Der kulturalistische Rassismus verwende Bruchstücke aus den Zyklentheorien zumal von Oswald Spengler und Arnold Toynbee.[16] Auf diesen Zyklentheorien baut – nach Gazi Çağlar – auch das Zivilisationsparadigma auf, wie es von Samuel P. Huntington in Kampf der Kulturen ausgeführt wird.[17]

Ethnopolitische und geopolitische Konzepte, die auf die Vorstellung eines Kulturkampfes hinauslaufen und sich auf die Tradition des völkischen Nationalismus der Konservativen Revolution beziehen, sind bei Alain de Benoist, Armin Mohler, Karlheinz Weißmann und anderen Vordenkern der Neuen Rechten zu finden.[18]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lexika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • WFH [Werner Fuchs-Heinritz]: Kulturalismus. In: Werner Fuchs-Heinritz u. a. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. 3. völlig neu bearb. u. erw. Auflage. Westdt. Verlag, Opladen 1994, S. 381.

Methodischer Kulturalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Janich: Konstruktivismus und Naturerkenntnis. Auf dem Weg zum Kulturalismus. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1996, ISBN 3-518-28844-X.
  • Dirk Hartmann, Peter Janich (Hrsg.): Methodischer Kulturalismus. Zwischen Naturalismus und Postmoderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1996, ISBN 3-518-28872-5.

Zum Kulturalismus als Neorassismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin Barker: The New Racism. Conservatives and the Ideology of the Tribe. Frederick (Maryland) 1982.
  • Institut für Wissenschaft und Kunst: Rassismus und Kulturalismus. In: Mitteilungen des IWK. 1997, Nr. 3 (online) (PDF; 1,1 MB)
  • George M. Fredrickson: Rassismus. Ein historischer Abriß. Hamburger Edition, 2004. (Einleitung)
  • Angelika Magiros: Kritik der Identität. ‚Bio-Macht‘ und ‚Dialektik der Aufklärung‘ – Werkzeuge gegen Fremdenabwehr und (Neo-)Rassismus. Münster 2004.
  • Pierre-André Taguieff: Die Macht des Vorurteils. Der Rassismus und sein Double. Hamburg 1988.
  • Mark Terkessidis: Kulturkampf. Volk, Nation, der Westen und die Neue Rechte. Köln 1995.
  • Mark Terkessidis: Psychologie des Rassismus. Opladen/Wiesbaden 1998.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. WFH [= Werner Fuchs-Heinritz]: Kulturalismus. In: Werner Fuchs-Heinritz u. a. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie, 3. völlig neu bearb. u. erw. Auflage. Westdt. Verlag, Opladen 1994, S. 381.
  2. Gregor Schiemann: 1.5 Natur – Kultur und ihr Anderes. In: Friedrich Jaeger u. Burkhard Liebsch (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Band 1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe. J. B. Metzler, Stuttgart - Weimar, 2004. ISBN 3-476-01881-4. S. 64–65, 71.
  3. So die Selbstdarstellung von Dirk Hartmann Zu Publikationen zum Methodischen Kulturalismus s. unter Literatur
  4. vgl. Peter Janich: Kultur und Methode. Frankfurt a. M. 2005
  5. vgl. Fuchs-Heinritz u. a., a. a. O.
  6. vgl. Fuchs-Heinritz u. a., a. a. O.
  7. William H. Sewell: The Concepts of Culture. In: Victoria E. Bonnell and Lynn Hunt: Beyond the cultural turn – New directions in the study of society and culture. University of California Press, 1999, ISBN 0-520-21678-4, S. 51.
  8. Stuart Hall: Cultural Studies. Zwei Paradigmen. 1980
  9. [1]
  10. George M. Fredrickson: Rassismus. Ein historischer Abriß. Hamburger Edition, Hamburg 2004. Einleitung [2]
  11. George M. Fredrickson, a. a. O.
  12. so bei Angelika Magiros (2004): Kritik der Identität. ‚Bio-Macht‘ und ‚Dialektik der Aufklärung‘ – Werkzeuge gegen Fremdenabwehr und (Neo-)Rassismus. Münster 2004, insbes. S. 166 ff. Weitere Autoren: Barker, Taguieff, Balibar, Bielefeld, Jaschke, Terkessidis, s. unter Literatur.
  13. vgl. Pierre-André Taguieff 1988; Mark Terkessidis: Kulturkampf. Volk, Nation, der Westen und die Neue Rechte. Köln 1995; Jost Müller: Rassismus und die Fallstricke des gewöhnlichen Antirassismus. In: Die freundliche Zivilgesellschaft (Hg.: Redaktion diskus), Edition ID Archiv, Berlin 1990; Kanak attak: Multikulturalismus? Die Caprifischer schlagen zurück! [3]
  14. Gazi Çağlar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen: Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntingtons. 2002
  15. Gazi Çağlar, a. a. O., S. 48.
  16. Detlef Felken: Oswald Spengler. Konservativer Denker zwischen Kaiserreich und Diktatur. München 1988.
  17. Gazi Çağlar, a. a. O., S. 10.
  18. Martin Dietzsch, Siegfried Jäger, Helmut Kellershohn, Alfred Schobert: Nation statt Demokratie – Sein und Design der »Jungen Freiheit«. Edition DISS, Bd. 4. Duisburg 2003