Leyenda negra

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Detail aus „Die Geschichte Mexikos“, von Diego Rivera (1929–1935)

Der Begriff Leyenda negra, „Schwarze Legende“, bezeichnet ein seit dem 16. Jahrhundert verbreitetes antispanisches Geschichtsbild, das die Spanier als fanatisch, brutal, menschenverachtend, faul und rückständig darstellt und im Zusammenhang mit der spanischen Dominanz im frühneuzeitlichen Europa von politischen Gegnern im vorwiegend nord- und mitteleuropäischen Ausland in diversen Medien verbreitet wurde. Der Begriff wurde 1914 vom Historiker und Soziologen Julián Juderías (1877–1918) geprägt und enthält folgende Kernpunkte:

  • die einseitige Anprangerung der von Spanien begangenen Verfehlungen, während jene von anderen Ländern verschwiegen oder kaum thematisiert werden. Als Beispiel kann die Behandlung der Eingeborenen in Süd- und Mittelamerika durch die Spanier gegenüber jener der Eingeborenen Nordamerikas durch Angelsachsen oder der Eingeborenen Afrikas durch Briten, Niederländer, Franzosen sowie Belgier herangezogen werden.
  • die Dämonisierung spanischer Institutionen und Handlungen im Vergleich zu den entsprechenden Einrichtungen anderer Staaten. So besteht z. B. noch heute gemeinhin die Ansicht, die spanische Inquisition habe massive Hexenverfolgung betrieben, obwohl sie diese als Aberglauben bekämpft hat, während gerade protestantische Geistliche, darunter Luther, zu ihr aufriefen.
  • das Auslassen positiver Aspekte der spanischen Geschichte. Beispielsweise wurde auf die Werke von Las Casas verwiesen, dabei aber nicht gewürdigt, dass eine solche massive Kritik der Politik des eigenen Landes in Spanien möglich war und positive Veränderungen zur Folge hatte.
  • die ungenaue, fehlerhafte und übertriebene Darstellung spanischer Gewalttaten. Unter Berufung auf Las Casas lastete man die sinkende Zahl amerikanischer Indigener spanischen Massakern an, während die von den Europäern eingeschleppten Krankheiten als Erklärung außer Acht gelassen wurden, gegenüber denen die Indios über keine Immunabwehr verfügten.
  • die vom historischen Kontext losgelöste Betrachtung spanischer Aktionen. So werden die Konquistadoren an modernen ethisch-moralischen Grundsätzen gemessen, die Menschenopfer, Kriegszüge und streng hierarchischen Gesellschaftsordnungen der Azteken und Inkas aber mit dem kulturellen und zeitlichen Kontext erklärt.

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Üblicherweise wird die Entstehung des Begriffs »Schwarze Legende« Julián Juderías zugeschrieben, doch der tatsächliche Ursprung ist unbekannt. Mindestens Emilia Pardo Bazán und Vicente Blasco Ibáñez hatten den Ausdruck im heutigen Sinne schon verwendet, bevor es Juderías tat,[1] es war aber Juderías, der ihn verbreitete und den Begriff in seinem Werk La Leyenda Negra (1914) folgendermaßen erklärte:[2]

Julián Juderías
Seite mit der Definition der Leyenda Negra, in La leyenda negra y la verdad histórica (1914) von Julián Juderías - Seite 20 eines 242 Seiten DjVu-Buches.

«[...] el ambiente creado por los relatos fantásticos que acerca de nuestra patria han visto la luz pública en todos los países, las descripciones grotescas que se han hecho siempre del carácter de los españoles como individuos y colectividad, la negación o por lo menos la ignorancia sistemática de cuanto es favorable y hermoso en las diversas manifestaciones de la cultura y del arte, las acusaciones que en todo tiempo se han lanzado sobre España fundándose para ello en hechos exagerados, mal interpretados o falsos en su totalidad, y, finalmente, la afirmación contenida en libros al parecer respetables y verídicos y muchas veces reproducida, comentada y ampliada en la Prensa extranjera, de que nuestra Patria constituye, desde el punto de vista de la tolerancia, de la cultura y del progreso político, una excepción lamentable dentro del grupo de las naciones europeas.
En una palabra, entendemos por leyenda negra, la leyenda de la España inquisitorial, ignorante, fanática, incapaz de figurar entre los pueblos cultos lo mismo ahora que antes, dispuesta siempre a las represiones violentas; enemiga del progreso y de las innovaciones; o, en otros términos, la leyenda que habiendo empezado a difundirse en el siglo XVI, a raíz de la Reforma, no ha dejado de utilizarse en contra nuestra desde entonces y más especialmente en momentos críticos de nuestra vida nacional.
»

„[...] das Ambiente, geschaffen durch die fantastischen Erzählungen über unser Vaterland, die das Licht der Öffentlichkeit in fast allen Ländern gesehen haben; die grotesken Beschreibungen, die immer wieder über den Charakter der Spanier als Individuen und als Kollektiv gemacht wurden; die Leugnung oder mindestens systematische Ignorierung von allem, was für uns vorteil- und ehrenhaft ist in den verschiedenen Manifestationen unserer Kultur und Kunst; die Anschuldigungen, die zu jeder Zeit gegen Spanien vorgebracht wurden und die sich zu diesem Zweck auf übertrieben dargestellte Ereignisse stützten, schlecht interpretiert oder zur Gänze falsch, und schließlich die Behauptung, die in im ersten Moment respektabel und wahrhaft scheinenden Büchern enthalten ist und vielfach reproduziert, kommentiert und in der ausländischen Presse aufgebauscht wird, dass unser Vaterland vom Standpunkt der Toleranz, der Kultur und des politischen Fortschritts aus betrachtet eine bedauernswerte Ausnahme innerhalb der Gruppe der europäischen Nationen sei.
Mit einem Wort: Wir verstehen unter Leyenda negra die Legende von einem inquisitorischen Spanien, ignorant, fanatisch, unfähig, unter den kultivierten Völkern heute wie auch früher zu bestehen, immer bereit zu gewalttätigen Repressionen; Feind des Fortschritts und der Neuerungen, oder, mit anderen Worten, die Legende, deren Verbreitung im 16. Jahrhundert wegen der Reformation begonnen hat, wird seither immer gegen uns verwendet, vor allem in kritischen Momenten unseres staatlichen Lebens.“

Julián Juderías: La leyenda negra (1914); Überserzung von Friedrich Edelmayer[3]

Das zweite klassische Werk über das Thema ist Historia de la Leyenda Negra hispano-americana (»Geschichte der spanisch-amerikanischen Schwarzen Legende«) von Rómulo D. Carbia. So, wie Juderías sich mehr mit der europäischen Seite der Legende beschäftigt hat, widmete sich der Argentinier Carbia der amerikanischen Seite. Für Carbia lautet somit eine etwas allgemeinere Definition folgendermaßen:[4]

«[...] abarca la Leyenda en su más cabal amplitud, es decir, en sus formas típicas de juicios sobre la crueldad, el obscurantismo y la tiranía política. A la crueldad se le ha querido ver en los procedimientos de que se echara mano para implantar la Fe en América o defenderla en Flandes; al obscurantismo, en la presunta obstrucción opuesta por España a todo progreso espiritual y a cualquiera actividad de la inteligencia; y a la tiranía, en las restricciones con que se habría ahogado la vida libre de los españoles nacidos en el Nuevo Mundo y a quienes parecería que se hubiese querido esclavizar sine die.»

„[...] die Legende beinhaltet in ihrer vollgültigen Ausdehnung, also in ihrer typischen Form, Urteile über die Grausamkeit, über die Aufklärungsfeindlichkeit und über die politische Tyrannei. In Bezug auf die Grausamkeit, die man in der Vorgehensweise hat sehen wollen, die man benutzt haben soll, um den Glauben in Amerika einzuführen oder in Flandern zu verteidigen; in Bezug auf die Aufklärungsfeindlichkeit, mit dem Spanien allen geistigen Fortschritt und jedwede Aktivität der Geistigkeit mutmaßlich verhindert haben soll; und, was die Tyrannei angeht, in den Einschränkungen, mit denen man das freie Leben der in der Neuen Welt geborenen Spanier erstickt haben soll, für die es so scheine, als hätte man sie ohne Ende versklaven wollen.“

Rómulo D. Carbia: Historia de la leyenda negra hispano-americana (1943)

Nach Juderías und Carbia haben viele andere den Begriff ebenfalls verwendet und abgegrenzt. 1944 hat ihn der American Council on Education in einem langen Bericht, in dem er seine Sorge wegen des anti-hispanischen Vorurteils des nordamerikanischen Lehrmaterials und Bildungswesens zum Ausdruck brachte, zu bestimmen versucht.

The 'Black Legend' is a term long used by Spanish writers to denote the ancient body of propaganda against the Iberian peoples which began [sic] in sixteenth century England and has since been a handy weapon for the rivals of Spain and Portugal in the religious, maritime, and colonial wars of those four centuries.

„Die »Schwarze Legende« ist ein Ausdruck, der von spanischen Schriftstellern seit langem verwendet wird, um die althergebrachte Propaganda gegen die iberischen Völker zu bezeichnen, die im 16. Jahrhundert in England anfing und seitdem als willkommene Waffe von den Gegnern Spaniens und Portugals in den religiösen, See- und Kolonialkriegen der letzten vier Jahrhunderte eingesetzt wird.“

American Council on Education[5]

In seinen Buch Tree of Hate (1971) definiert Philip Wayne Powell die Schwarze Legende folgendermaßen:[6]

The basic premise of the Black Legend is that Spaniards have shown themselves, historically, to be uniquely cruel, bigoted, tyrannical, obscurantists, lazy, fanatical, greedy, and treacherous; that is, that they differ so much from other peoples in these traits that Spaniards and Spanish history must be viewed and understood in terms not ordinarily used in describing and interpreting other people.

„Die grundlegende Prämisse der Schwarzen Legende ist, dass Spanier, geschichtlich gesehen, sich einzigartig grausam, bigott, tyrannisch, aufklärungsfeindlich, faul, fanatisch, gierig und verräterisch gezeigt hätten; das heißt, dass sie sich so sehr von anderen Völkern in diesen Wesenszügen unterscheiden würden, dass Spanier und spanische Geschichte mit einer Begrifflichkeit betrachtet und verstanden werden müssten, in der andere Menschen üblicherweise nicht beschrieben und erklärt werden.“

Philip Wayne Powell: Tree of hate (1971)

Ein jüngerer Autor, Manuel Fernández Álvarez, hat die Schwarze Legende so definiert:[7]

«Cuidadosa distorsión de la historia de un pueblo, realizada por sus enemigos, para mejor combatirle. Y una distorsión lo más monstruosa posible, a fin de lograr el objetivo marcado: la descalificación moral de ese pueblo, cuya supremacía hay que combatir por todos los medios.»

„Sorgfältige Verzerrung der Geschichte eines Volkes, von seinen Feinden erfunden, um es besser zu bekämpfen. Und eine so monströse Verzerrung wie nur möglich, um das verfolgte Ziel zu erreichen: die moralische Disqualifizierung dieses Volkes, dessen Überlegenheit mit allen Mitteln bekämpft werden soll.“

Manuel Fernández Álvarez

Der Philosoph Julián Marías betrachtet die Schwarze Legende als etwas sehr Ungewöhnliches in der Universalgeschichte:[8]

«La Leyenda Negra consiste en que, partiendo de un punto concreto, que podemos suponer cierto, se extiende la condenación y descalificación de todo el país a lo largo de toda su historia, incluida la futura. En eso consiste la peculiaridad original de la Leyenda Negra. En el caso de España, se inicia a comienzos del siglo XVI, se hace más densa en el siglo XVII, rebrota con nuevo ímpetu en el XVIII —será menester preguntarse por qué— y reverdece con cualquier pretexto, sin prescribir jamás.»

„Die Schwarze Legende, mit einem Ausgangspunkt, den wir als wahr vermuten könnten, breitet die Verurteilung und die Disqualifizierung des ganzen Landes während seiner kompletten Geschichte, inklusive der zukünftigen, aus. Darin beruht die einzigartige Besonderheit der Schwarzen Legende. Im Fall Spaniens beginnt sie Anfang des 16. Jahrhunderts, sie verdichtet sich im 17. Jahrhundert, keimt wieder mit neuem Elan im 18. auf — es sollte gefragt werden, warum — und ersprießt unter jeglichem Vorwand neu, ohne jemals zu verjähren.“

Julián Marías: España inteligible (1985)

Es ist aber wichtig, einen Punkt hervorzuheben, in dem die meisten Geschichtswissenschaftler sich einig sind und den der britische Historiker William S. Maltby sehr gut ausgedrückt hat:[9]

The Black Legend may not constitute a legitimate or justifiable point of view, but it is necessary to recall that it is a legend and not a myth. It sprang, as legends do, from actual events, and these cannot be ignored in the interests of partisanships. Spaniards committed grave wrongs, but so did men of other nations [...]

„Die Schwarze Legende mag kein legitimer oder gerechtfertigter Standpunkt sein, es muss aber daran erinnert werden, dass es sich um eine Legende handelt, keinen Mythos. Sie entsprang, wie alle Legenden, echten Geschehnissen, und diese dürfen nicht aus Parteinahme ignoriert werden. Spanier haben schwere Missetaten begangen, aber genau dies haben auch Männer anderer Nationen getan [...]“

William S. Maltby: The Black Legend in England (1968)

Natürlich gibt es auch Historiker, die die Existenz der Leyenda Negra bestreiten. In jüngeren Jahren haben zum Beispiel die Geschichtswissenschaftler Alfredo Alvar, Ricardo García Cárcel, Lourdes Mateo Bretos und Carmen Iglesias behauptet, dass es diese Legende objektiv gar nicht gebe, sondern dass es sich lediglich um die Wahrnehmung des eigenen Erscheinungsbildes der Spanier im Ausland handele. Dazu Carmen Iglesias:[10]

«La "leyenda negra" es por así decir, la imagen exterior de España tal como España la percibe [...] La leyenda negra consiste, por tanto, en los rasgos negativos —que son objetivamente los más repetidos— que la conciencia española descubre en la imagen de ella misma.»

„Die »Schwarze Legende« ist sozusagen, das Bildnis Spaniens im Ausland, so wie Spanien es wahrnimmt [...] Die Schwarze Legende besteht also in den negativen Wesenszügen — objektiv sind dies die am häufigsten wiederholten —, die das spanische Bewusstsein im Bild von Spanien entdeckt.“

Carmen Iglesias

García Cárcel leugnet gar in seinem Buch La leyenda negra komplett die Existenz der Legende:[11]

«Ni leyenda, en tanto en cuanto el conjunto de opiniones negativas de España tuvieran no pocos fundamentos históricos, ni negra, dado que el tono nunca fue constante ni uniforme. Abundan los grises, pero la coloración de estas opiniones estuvo siempre determinada por los colores contrapuestos de lo que aquí hemos llamado leyenda rosa.»

„Weder Legende, da die Gesamtheit der negativen Meinungen über Spanien nicht wenige historische Grundlagen hatte, noch schwarz, da der Tenor nie konstant oder gleichmäßig war. Es sind Grautöne im Überfluss vorhanden, aber die Färbung dieser Meinungen war schon immer von den gegensätzlichen Farben her bestimmt, nämlich von dem, was wir hier die rosa Legende genannt haben.“

García Cárcel y Mateo Bretos: La leyenda negra (1991)

Für den Geschichtswissenschaftler und Hispanisten Henry Kamen existiert der Begriff der »Schwarzen Legende« im angelsächsischen Kulturraum seit vielen Jahren nicht mehr, obwohl er sich in Spanien tatsächlich wegen interner politischer Fragen hält.[12] Die Stellungnahme Kamens und sein Buch Imperio wurden von dem Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte und dem Botschafter und Intellektuellen José Antonio Vaca de Osma heftig kritisiert.[13][14] Laut Vaca de Osma verdreht Kamen Argumente, wiederholt anti-spanische Klischees und widerspricht sich.[15] Der Geschichtswissenschaftler Joseph Pérez glaubt auch, dass die Schwarze Legende nicht mehr existiere, obwohl man hier und da noch Reste finden könne, da die Vorurteile über Spanien von jenen über andere Länder nicht zu unterscheiden seien.[16]

Mittelalterliche Vorläufer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem 13. Jahrhundert war die Krone Aragón mit der Hauptstadt Saragossa eine bedeutende Mittelmeermacht, zu der sowohl Valencia und Katalonien mit Barcelona als auch Neapel, Sardinien und Sizilien gehörten. Dies erzeugte in Italien teilweise einen großen Hass gegen die Spanier; der aus der valenzianischen Familie der Borgia stammende Papst Alexander VI. wurde zu einer Schurkengestalt mythisiert, mit dessen Namen sich zahllose Legenden und Anekdoten verbanden. Kardinal Giuliano della Rovere, ein Rivale und später Nachfolger Alexanders, charakterisierte Alexander VI. folgendermaßen: „ein Katalane, Marrane und beschnitten“. Sverker Arnoldsson (1908–1959[17]) folgend, beruhten die italienischen Vorurteile gegen Spanier (neben wirtschaftlichen und politischen) überwiegend auf kulturell-rassistischen Gründen: „Jahrhundertelange Mischung der Spanier mit Orientalen und Afrikanern plus jüdischen und islamischen Einfluss auf die spanische Kultur bewirkte die weitverbreitete Ansicht, die Spanier seien eine minderwertige Rasse von zweifelhaftem Glauben.“ (zum islamischen Einfluss siehe Geschichte Spaniens#Islamische Reiche (711-1492))

Entstehung in der frühen Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spaniens Aufstieg zur Großmacht im 16. Jahrhundert (siehe Geschichte Spaniens#Spanien als mittelmeerische und Weltmacht) und seine antiprotestantische Außenpolitik hatte einen vorwiegend durch niederländische und englische Pamphletisten entfachten Propagandakrieg zur Folge, der zur eigentlichen Entstehung der Leyenda negra führte.

Die spanische Inquisition war das wichtigste und beliebteste Thema der leyenda negra im 16. Jahrhundert. Dabei existierte die Inquisition bereits in vielen europäischen Ländern, bevor sie von Ferdinand II. in Spanien eingeführt wurde, um gegen Conversos, konvertierte Juden und Muslime, vorzugehen und sie zu bestrafen, wenn die Aufrichtigkeit ihrer Konversion zum Katholizismus bezweifelt wurde.

Möglicherweise um die in Italien und anderswo verbreiteten o. g. Vorurteile zu widerlegen, sicher aber um die in Regionen, unterschiedliche Monarchien und verschiedene Religionen aufgeteilte, neu entstehende Nation zu erzwingen, erließen die katholischen Könige Isabella I. und Ferdinand II. ein Edikt, das alle Juden vor die Wahl stellte, sich entweder taufen zu lassen oder das Land zu verlassen. Etwa 50.000 Juden ließen sich taufen. Als offenkundig wurde, dass viele Juden emigrieren wollten, wurden die ohnehin harten Bestimmungen des Erlasses nicht mehr eingehalten. Viele der Emigranten wurden ihrer Vermögen beraubt und mussten das Land mittellos verlassen. Etwa 20.000 Juden starben in den Wirren der Vertreibung (siehe auch Antijudaismus#Spanien). Nicht wenige Conversos ließen sich zwar nach außen hin als Christen taufen und besuchten die Messe, hielten sich jedoch innerlich nicht an die Dogmen der Kirche, sondern an die traditionellen jüdischen Zeremonien und Speisevorschriften, heirateten untereinander, besuchten heimlich die Synagoge und erzogen ihre Kinder nicht allein im katholischen, sondern im jüdischen Glauben. Der erste Erzbischof von Granada, Hernando de Talavera, bemühte sich um religiöse Unterweisung der überwiegend moslemischen Bevölkerung, um arabische Sprachkenntnisse seines Klerus und um Übersetzungen von Katechismus und Kirchenliedern. Er lehnte die Inquisition und die Ausübung von Druck ab. 1499 setzte jedoch Kardinal Jiménez de Cisneros als Großinquisitor Zwangsmaßnahmen und Repressalien gegen Moslems durch, aber nicht nur gegen sie: Jene ca. 50.000 Juden, die sich im Zuge der Reconquista hatten taufen lassen, wurden von den cristianos viejos, den alten Christen, als cristianos nuevos oder Marranos bezeichnet und ihre rassische Diskriminierung gefordert (limpieza de sangre). Auf Betreiben Cisneros’ wurden schon am 18. Dezember 1499 in Toledo 4.000 Mauren öffentlich getauft und der Koran in Granada verbrannt. Eine unvollständige Namensliste aus Granada berichtet von über 9.000 Personen, die sich in panischer Furcht taufen ließen. 1502 nahm ein Edikt jetzt auch offiziell die in der Kapitulationsurkunde zehn Jahre zuvor den Moslems gewährte Religionsfreiheit. Alle conversos (also mehr als 300.000 Juden und Mauren, die zum katholischen Glauben übergetreten waren) sahen sich nun einem tödlichen Misstrauen ausgesetzt.

Einige der wichtigsten Beiträge für die Legende kamen von zwei Protestanten: John Foxe, Autor des Book of Martyrs (dt. ,Buch der Märtyrer‘, 1554), und Reginaldo González de Montes, Autor der Exposición de algunas mañas de la Santa Inquisición Española (dt. ,Bericht über einige Listen der Heiligen Spanischen Inquisition‘, 1567).

Zur Legende trug auch spanische Selbstkritik bei. Das spanische System der Encomienda und des Repartimiento war immer wieder Gegenstand von Kritik und Polemik vor allem durch Dominikaner. 1511 hielt der Dominikaner Antonio de Montesino in Santo Domingo eine aufsehenerregende Predigt gegen die grausame Behandlung der Indígenas: Mit welchem Recht und welcher Gerechtigkeit haltet ihr diese Indios in solch grausamer und schrecklicher Dienstbarkeit? Mit welcher Autorität habt ihr solche verabscheuenswürdigen Kriege gegen diese Menschen geführt, die still und friedlich in ihren Landen gelebt haben und wo ihr Unzählige von ihnen mit Tod und unerhörten Verheerungen zugrunde gerichtet habt? Wie könnt ihr sie so bedrückt und beschwert halten, ohne ihnen zu essen zu geben und ihre Krankheiten zu heilen, Folgen der übermäßigen Arbeit, zu der ihr sie zwingt und durch die sie euch wegsterben, besser gesagt, ihr tötet sie, um jeden Tag Gold zu graben und zu erwerben?

Damit war die Legitimität der spanischen Kolonisierung Amerikas in Zweifel gezogen worden, was für großes Aufsehen sorgte. König und Ordensgeneral rügten Montesino öffentlich, doch der beugte sich nicht. Die Kontroverse ließ sich nicht auf die theologisch-moralische Ebene begrenzen, sondern stellte ein Politikum dar, dessen Konsequenz im Dezember 1512 die Gesetze von Burgos waren: Darin wurde festgelegt, dass die Indígenas als freie Menschen behandelt und zum katholischen Glauben bekehrt werden sollten.

1542 veröffentlichte der Dominikaner Bartolomé de las Casas (1484/85–1566) sein Brevísima relación de la destrucción de las Indias (dt. ,Kurzgefasster Bericht über die Verwüstung der westindischen Länder‘) – eine polemische Streitschrift, die Exzesse und gewohnheitsmäßig verübte Gräueltaten während der Kolonisierung anprangerte, in der er die Indígenas mit wehrlosen Lämmern verglich und die Spanier für den Mord an zahlreichen Arawaks auf der Insel La Española verantwortlich machte. Diese Schrift wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und fand in den mit Spanien verfeindeten Ländern große Verbreitung. Man sah dort in der Tatsache, dass ein Spanier solche Anklagen öffentlich verbreitete, einen Beleg für deren Wahrhaftigkeit.

Eine weitere frühe Quelle ist Girolamo Benzonis Buch Historia del Mondo Nuovo (dt. ,Geschichte der Neuen Welt‘); es wurde erstmals 1565 in der Republik Venedig publiziert.

Das brutale spanische Niederschlagen des Aufstands der Niederlande im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts gab der leyenda negra weitere Nahrung, insbesondere die europaweit kritisierte Statthalterschaft des „eisernen Herzogs“ Fernando Álvarez de Toledo, Herzog von Alba (Amtszeit 1567–1573). 1576 griffen beispielsweise spanische Truppen Antwerpen an und plünderten es drei Tage, eine Tat, die als „spanische Raserei“ in die Geschichte einging. Die Soldaten plünderten die Stadt, forderten Geld von den Bürgern und brannten die Häuser derjenigen ab, die nicht zahlten. Der niederländische Gegenspieler der Spanier, Wilhelm von Oranien, brach eine Propagandaschlacht gegen die spanische Politik los, die über die Grenzen der Niederlande hinaus erfolgreich war, vor allem im ebenfalls protestantisch geprägten England, wo das Narrativ aufgegriffen wurde, um den eigenen Kampf gegen Spanien zu unterstützen.

Eine weitere Stimme im Narrativ war Antonio Pérez, der nach seinem Sturz als Sekretär des Königs Philipp II. nach England floh und 1594 einige Schmähschriften gegen die spanische Monarchie unter dem Titel Relaciones (dt. ,Berichte‘) veröffentlichte.

Die verzerrte Darstellung der Gefangennahme des geistig labilen und zu Grausamkeit neigenden Prinzen Don Carlos (1545–1568) durch seinen Vater, König Philipp II., und der anschließende mysteriöse Tod des Prinzen trugen ebenfalls zur Leyenda negra bei. Die Gefangennahme und der Tod Don Carlos’ inspirierten Friedrich Schiller 1787 zu seinem Theaterstück Don Carlos, Infant von Spanien und später Giuseppe Verdi zu der Oper Don Carlos. In diesen Werken wurde Don Carlos zum Freiheitshelden verklärt und Philipp zum unmenschlichen Despoten gestempelt.

Im 17. Jahrhundert, als Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens, nicht von der kastilisch dominierten spanischen Monarchie absorbiert werden wollte, wurden hier viele Schmähschriften produziert.

Aufklärung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zeitalter der Aufklärung bildete das etablierte negative Bild Spaniens eine beliebte Negativfolie. Dadurch erhielt die Leyenda negra erneut und nachhaltig Auftrieb. 1770 veröffentlichte Guillaume Thomas François Raynal L’Histoire philosophique et politique des établissements et du commerce des Européens dans les deux Indes (dt. ,Die philosophische und politische Geschichte der Gründung und des Handels der beiden Indien‘, womit Ostindien, also Asien, und Westindien, also Amerika, gemeint waren).

Romantische Reisende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert konstruierten viele Schriftsteller ein mythisches Andalusien: Washington Irving, Prosper Mérimée, George Sand, Théophile Gautier, Wassili Botkin u. a. In ihren Schriften wurde Spanien zu einem Orient der westlichen Welt (Afrika beginnt in den Pyrenäen), einem exotischen Land voll von Banditen, wirtschaftlichem Niedergang, Zigeunern, Ignoranz, machismo, Matadoren, Mauren, politischem Chaos, Armut und fanatischer Religiosität. In der Musik trugen Georges Bizet mit Carmen (1875) und Nikolai Rimski-Korsakow mit Capriccio espagnol (1887) zur Persistenz dieses Topos bei.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 21. Jahrhundert lebt die Schwarze Legende noch besonders stark im deutschsprachigen Raum fort. So hat Roland Bernhard in seiner Dissertationsarbeit nachgewiesen, dass in den deutschen und österreichischen Schulbüchern noch viele Fehler, Auslassungen und Übertreibungen vorhanden sind, die auf die Schwarze Legende zurückgehen. Neue Forschungsergebnisse werden dabei oft nicht berücksichtigt. Die zentrale Rolle der indianischen Verbündeten bei der Eroberung der Grossreiche der Azteken und Inkas wird z. B. weiterhin kaum erwähnt, und der demographische Kollaps wird oft dem Wirken der Spanier zugeschrieben anstatt den verheerenden Epidemien, die aufgrund der mangelnden Immunabwehr der Indios Millionen Opfer forderten.[18]

Rezeption in den Vereinigten Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem Buch Tree of hate (dt. ,Baum des Hasses‘) beschrieb Philip Wayne Powell 1971 detailreich, wie sich die Leyenda negra ab dem 16. Jahrhundert ausgebreitet hat und über England in den USA insbesondere von den White Anglo-Saxon Protestants aufgenommen und verbreitet wurde. Die Vorurteile gegen die Spanier seien im 19. Jahrhundert auf die Mexikaner übertragen und in Massenmedien popularisiert worden. Bisweilen wurden sie als Rechtfertigung von Kriegen gegen Spanien bzw. lateinamerikanische Staaten, z. B. im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg, Spanisch-Amerikanischen Krieg oder bei der Kolonisierung der Philippinen nach dem Philippinisch-Amerikanischen Krieg, herangezogen. In zahlreichen Romanen und Hollywood-Filmen haben die Spanier bzw. Mexikaner die Rolle der Bösen, wodurch das antispanische Geschichtsbild in breiten Bevölkerungskreisen verfestigt wurde.

Empirische Gegenbefunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marcel Bataillon wies 1937 in seinem Buch Erasme et L’Espagne (dt. ,Erasmus und Spanien‘) den Einfluss nach, den der Humanist Erasmus von Rotterdam und seine Ideen in Spanien genossen, was den Stereotyp des ungebrochen fanatischen Katholizismus hinterfragte.

Genetische Untersuchungen widerlegen das Postulat des spanischen Völkermords in der Karibik. Eine Analyse der Mitochondrien und Y-Chromosomen zeigte, dass 62 % der Puertoricaner indigene Vorfahren haben und über 70 % zudem auch eine europäische Herkunft.

Leyenda rosa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Spanien gab es u.a. Tendenzen, nicht nur die Leyenda negra zu bekämpfen, sondern die eigene Geschichte in besonders günstigem Licht erscheinen zu lassen. Diese Geschichtsbetrachtung wurde bisweilen als Leyenda rosa oder auch als White Legend bezeichnet. Allerdings hat sie außerhalb Spaniens kaum Wirkung entfaltet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Español Bouché, Luis: La Leyenda Negra: una denuncia de Julián Juderías (= La Aventura de la Historia. Nr. 111). 2008, S. 56–61 (spanisch).; Español Bouché, S.112
  2. Juderías (1914), S.24
  3. Friedrich Edelmayer: Die "Leyenda negra" und die Zirkulation antikatholisch-antispanischer Vorurteile. In: Europäische Geschichte Online. 3. Dezember 2010, abgerufen am 13. Juli 2014.
  4. Carbia (1943), S.34-35
  5. Op. cit. Powell (1985), S.134; op.cit. García Cárcel (1997), S.286
  6. Powell (1985), S.11
  7. Op. cit. Alvar (1997), S.5
  8. Marías (1985), S.202; op.cit. Molina Martínez (1991), S.25
  9. Matlby (1968), S.10-11
  10. Vaca de Osma (2004), S.208
  11. García Cárcel & Mateo Bretos (1990), S.84
  12. Henry Kamen. In: El Mundo. 21. August 2001, abgerufen am 6. September 2014 (spanisch).
  13. Vaca de Osma (2004)
  14. Arturo Pérez-Reverte: La Historia, la sangría y el jabugo. In: XLSemanal. 4. September 2005, abgerufen am 6. September 2014 (spanisch).
  15. José Antonio Vaca de Osma: La verdad del Imperio Español. In: Alfa y Omega. Abgerufen am 6. September 2014 (spanisch).
  16. Pérez, S.197-199; Agencia EFE: El hispanista Joseph Pérez da por superada la "leyenda negra" de España. In: Google News. 20. November 2009, archiviert vom Original am 29. Januar 2014, abgerufen am 1. Mai 2010 (spanisch).
  17. Nachruf
  18. Bernhard (2013), S. 117-149, 169-188