Liebfrauenkirche (Bremen)

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Haupteingang (Westseite)
Pfarrhaus, heute als Büroraum der Gemeinde und als Gaststätte genutzt

Die Kirche Unser Lieben Frauen steht nordwestlich des Marktplatzes in Bremen am Platz Unser Lieben Frauen Kirchhof. Sie ist nach dem Dom die älteste Kirche der Stadt und war die erste Pfarrkirche außerhalb des Dombezirks, damit dann auch Ratskirchde. Seit 1973 steht sie unter Denkmalschutz[1].

Geschichte[Bearbeiten]

Liebfrauenkirche und Rathaus

Name[Bearbeiten]

Der Name der Kirche seit etwa 1220: Unsere Liebe Frau – kurz Liebfrauenkirche – verweist auf das Patrozinium Mariens, der Mutter Jesu.
Der Platz Unser-Lieben-Frauen-Kirchhof wird auch kurz Liebfrauenkirchhof genannt.

Erste Kirchen in Bremen[Bearbeiten]

Willerich, der zweite Bischof von Bremen, ließ ab 805 nicht nur die in den Sachsenkriegen zerstörte Bremer Bischofskirche neu errichten, sondern – in Holz – noch zwei weitere Kirchen. Eine war St. Wilhadi, die Grabkapelle für seinen Vorgänger. Die andere wird nicht näher beschrieben, wir aber zumeist mit der späteren Sankt-Veits-Kirche gleichgesetzt.[2][3]

Saalkirche und Basilika[Bearbeiten]

Chor und Kanzel, gesehen aus dem linken Seitenschiff

Ein neuer hölzerner Bau dieser ältesten Pfarrkirche Bremens entstand 1020 durch Erzbischof Unwan.

Um 1100 wurde dem Kirchenschiff ein Turm vorgebaut, der heutige Südturm. Er ist der älteste erhaltene Teil der Kirche. Von dem damals möglicherweise schon steinernen Kirchenschiff selber sind anscheinend keine Funde dokumentiert.

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde an die Nordseite der Kirche wohl eine Karnerkapelle mit Beinkeller gebaut. Der Keller mit seinen Kreuzgratgewölben kann allerdings auch ursprünglich zu einem Privathaus gehört haben und erst im Nachhinein sakralen Zwecken zugeführt worden sein.

Um 1160 wurde die Kirche zu einer dreischiffigen Basilika mit drei Apsiden erweitert. Reste der Sandsteinbögen, an die die Neben-Apsiden anschlossen sind in den östlichen Stirnseiten der Seitenschiffe erhalten. Und die heutige Nordwand enthält Sandsteinmauerwerk derjenigen der Basilika.

Die Umwidmung des Patroziniums an die Gottesmutter Maria (Unser Lieben Frauen) ist erst 1220 nachweisbar, soll aber schon vorher vollzogen worden sein.

Aufteilung des Kirchspiels[Bearbeiten]

Auf Ermahnung durch Papst Gregor IX. wurde die inzwischen stark angewachsene Liebfrauenpfarrei aufgeteilt, zwischen Sögestraße und Brill entstand das Kirchspiel Sankt Ansgarii, flussaufwärts an der Weser das Martinikirchspiel.[4] Da die 1050 gegründete Stephaniprobstei spätestens seit dem 12. Jahrhundert ebenfalls Pfarrrechte hatte[5], gab es in der Bremer Altstadt seither vier Pfarrkirchen. Zusätzlich wurde später zeitweise die Wilhadikapelle als Pfarrkirche für die Laienbewohner des Dombezirks genutzt.

Hallenkirche[Bearbeiten]

Inneres rechtes Seitenschiff, neugotische Maßwerkfenster zum äußerem Seitenschiff

Bald nach 1230 wurde die Liebfrauenkirche dann im frühgotischen Stil zur heutigen Hallenkirche umgebaut. Es entstand ein Westbau mit Doppelturmfassade, die wegen des vorbestehenden Südturms asymmetrisch vor dem Kirchenschiff steht.
Im Nordturm befand sich seit spätestens dem 14. Jahrhundert (vermutlich aber bereits früher) das Urkundenarchiv des Bremer Rates, die Tresekammer. Die Trese war nur vom Kirchinneren aus zu betreten.

Erweiterungen[Bearbeiten]

Um 1300 wurde an der Südseite ein viertes Schiff angebaut, was die Stellung der Türme noch asymmetrischer machte. Im 14. Jahrhundert wurde der Chor von einem auf drei Joche verlängert.

Seit der Reformation[Bearbeiten]

1582 ließ der Pfarrer der Liebfrauengemeinde im Einvernehmen mit Bürgermeister Daniel von Büren d. J. und Ratsherren die Altäre, Kruzifixe, Skulpturen und andere bildliche Darstellungen aus dem Kirchenschiff entfernen und vernichten.

1625 wurde das bisherige Beinhaus des Liebfrauenkirchhofs abgebrochen. Die dort aufbewahrten Gebeine wurden in den Beinkeller unter dem Nordschiff gebracht.

1857 bis 1860 wurde das südliche Schiff abgeteilt. Der untere Bereich wird nun zu Gemeinderäumen genutzt, während darüber das Tageslicht durch unverglaste Maßwerkfenster weiterhin in die Gottesdiensthalle dringt.

Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts wurden erst beiderseits des Südpotrals angebaute Häuser entfernt, dann die vor den Nordturm gebaute und bis vor den Mittelteil der Westfassade reichende Gemeindeschule. Von 1893 bis 1896 gestaltete der Dombaumeister Ernst Ehrhardt den eher schlichten Mittelteil zu einer prächtigen Fassade im romanisch-gotischen Übergangsstil um.

1944 brannte der Nordturm infolge eines Luftangriffs aus. Im Kirchenschiff entstanden dabei Verwüstungen aber keine wesentlichen Zerstörungen.

Ehemalige Nebengebäude[Bearbeiten]

1876, zwischen den Türmen noch kein Giebel, keine Rosette, kein Portal

Der Liebfrauenkeller befand sich an der Nordwestecke der Kirche und wurde von 1948 bis 2002 gastronomisch genutzt (Eisdiele, Konditorei Schnuchel, Restaurant Liebfrauenkeller, Disco New Yorker).

DieLiebfrauenschule im Kirchspiel der Liebfrauenkirche, die sich im zweiten Seitenschiff und in Anbauten vor der Westseite befand, übernahm 1901 die Stadt, gab sie auf und riss die Schulgebäude ab.

Die Liebfrauen-Gaststätte bzw. das Liebfrauen-Restaurant befand sich von 1871 bis 1891 an der Nordwestecke des Liebfrauenkirchhofs. Als das Bickhaus aus dem 18. Jahrhundert abgerissen wurde, zog die Gaststätte in die Sögestraße/Ecke Queerenstraße um, bevor sie 1944 zerbombt wurde.

Heutiger Zustand[Bearbeiten]

Eckdaten[Bearbeiten]

Die Liebfrauenkirche besitzt zwei Türme.
Der Nordturm ist mit der rund 6 Meter hohen Wetterfahne 84,2 Meter hoch und damit nach den zwei Türmen des Domes der drittgrößte Kirchturm der Stadt. Seine Breite beträgt 9,4 m. Die Turmuhr befindet sich in einer Höhe von 37,4 Meter.
Der kleinere Südturm hat eine Höhe von rund 30,5 Meter und eine Breite von 8,3 Meter.

Die Dachhöhe des Kirchenschiffs beträgt 22,9 Meter.[Anmerkung 1]

Die gesamte Länge des Kirchenbaus beträgt etwa 59 m und die gesamte Breite etwa 34 Meter.[Anmerkung 2]

Innenraum[Bearbeiten]

Gewölbe von Mittelschiff und Chor
Gemäuer

Im Inneren hat die Hallenkirche im westfälischen Typ drei mal drei Joche und bildet damit ein Westfälisches Quadrat. Vier der neun Gewölbe sind achtteilig mit einer Ringrippe und dem zapfenförmigen Schlussstein konstruiert, gestaltet wie eine Hängekuppel. Die anderen fünf Joche haben Kreuzgewölbe mit Rundstabrippen, die getragen werden auf kreuzförmigen Pfeilern mit Eckdiensten für die Rippen und wulstigen Halbsäulenvorlagen. Gewölbt wurde die Kirche durch dieselben Bauhandwerker, welche die Gewölbe beim Bremer Dom schufen zur Zeit von Erzbischof Gerhard II. Die Kelchblockkapitelle mit stilisiertem Blattwerk haben u.a. ihren Ursprung von einer westfälischen Steinmetzhütte und verbreiteten sich nach Norden.

Wandgestaltung

Von 1958 bis 1965 wurde das Innere nach Plänen des Architekten Dieter Oesterlen neu gestaltet. Hierbei war die wichtigste Veränderung für den Raumeindruck das Abschlagen des Putzes, so dass der Kirchenraum heute steinsichtig ist. Unter dem zu der Zeit weißen Anstrich lagen noch Reste mittelalterlicher Wandmalereien, die mit dem Putz entfernt wurden. Wenige Reste von Fresken in den Gewölben des Nordschiffes zeugen noch von der ursprünglichen farbigen Gestaltung.

Ausstattung
Chor, Altar und Kanzel, gesehen aus dem inneren rechten Seitenschiff
Westliche Jochreihe, Nordfenster gerade wegen Fassadenarbeiten verdunkelt

Das Kreuz auf dem Altar, zart und bei manchen Lichtverhältnissen kaum erkennbar, soll zunächst nur ein Provisorium gewesen sein. Es kommt aber den Prinzipien Kirchengestaltung nahe, die statt eines Altars nur einen schlichten Tisch vorsehen, da im Zentrum des Gottesdienstes kein materieller Gegenstand stehen soll, sondern Gottes Wort.

Die Kanzel von 1709 wurde von Gerd Rode geschaffen und soll eine Stiftung des Kaufmanns Siemon Post sein (Vater des Staatsarchivars Hermann Post), der Bauherr der Liebfrauenkirche war. Am Kanzelkorb sind die vier Evangelisten dargestellt.

An der Westwand des Nordschiffes hängt ein Epitaph für Dietrich von Büren († 1686) aus der Hand des Kopenhagener Bildhauers David Etener. In den Fußboden sind mehrere alte Grabplatten eingelassen.

Licht

Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fenster wurden 1966 bis 1973 durch farbkräftige Glasfenster des französischen Künstlers Alfred Manessier ersetzt.[6][7][8] Die östlichen Fenster und das westliche Rundfenster verschiedene Aspekte der Verkündigung des Wortes Gottes zum Thema. Die anderen Fenster ordnen sich als farbige Lichtvorhänge diesen vier Hauptfenstern unter.

Die flämischen Leuchter stammen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Stärker geprägt ist der Innenraum heute allerdings durch eine große Zahl moderner Leuchten mit kugeligem schwarzen Gehäuse, die den unteren drei bis vier Metern des durch das freiliegende Mauerwerk ansonsten dunklen Raumes die für einen Gottesdienst erforderliche Helligkeit geben.

Beinkeller

Der Beinkeller unter dem Nordschiff diente seit 1890 als Kohlen- und Heizungskeller. Seit 1992 ist er als Andachtsraum St.-Veits-Kapelle hergerichtet und hat einen direkten Zugang aus dem Kirchenraum.

Orgel[Bearbeiten]

Inneres südliches Seitenschiff mit Orgel

Die Orgel wurde 1953 von Paul Ott (Göttingen) erbaut. Das Instrument stand bis zur Wiederherstellung des Turmjochs an der Westwand des (zugemauerten) Turmjochs, und wurde 1964 an der Westwand des südlichen Seitenschiffs in einem neuen Gehäuse aufgestellt. Das Instrument wurde zuletzt im Jahr 1984 durch die Orgelbaufirma Karl Schuke (Berlin) überholt, wobei auch die Disposition geringfügig verändert wurde.[9]

I Rückpositiv C–f3

1. Holzpfeife 8'
2. Quintadena 8'
3. Principal 4'
4. Rohrflöte 4'
5. Sesquialtera II 22/3'
6. Waldflöte 2'
7. Octave 1'
8. Scharff IV-V
9. Dulcian 8'
Tremulant
Cymbelstern
II Hauptwerk C–f3
10. Quintadena 16'
11. Principal 8'
12. Hohlflöte 8'
13. Octave 4'
14. Spitzflöte 4'
15. Nasat 22/3'
16. Octave 2'
17. Mixtur VI-VIII
18. Trompete 16'
19. Span. Trompete 8'
20. Trompete 4'
III Brustwerk C–f3
21. Gedackt 8'
22. Principal 4'
23. Blockflöte 4'
24. Gemshorn 2'
25. Terz 13/5'
26. Quinte 11/3'
27. Cymbel III-IV
28. Vox humana 8'
Tremulant
Pedal C–f1
29. Principal 16'
30. Subbaß 16'
31. Octave 8'
32. Gedacktpommer 8'
33. Octave 4'
34. Holzflöte 4'
35. Nachthorn 2'
36. Rauschpfeife II
37. Mixtur X
38. Posaune 16'
39. Trompete 8'
40. Schallmey 4'

Geläut[Bearbeiten]

Das Geläut besteht aus einer Glocke. Daneben gib es nur noch die Uhrglocke. Die Läuteglocke hat den Schlagton cis' + 3 (sie hängt im rechten Turm), die Uhrglocke hat den Ton gis' (sie hängt im linken Turm). Die Glocke wurde 1727 gegossen, nachdem die alte im selben Jahr geborsten war.

Denkmäler[Bearbeiten]

Gedächtnis- und Gebetsraum für die Getöteten aller Kriege

Zwei Denkmäler verweisen darauf, dass die Liebfrauenkirche von 1867 bis 1919 auch die Kirche für die Bremer Garnison war.

  • An der Westlichen Wand des Nordturms befindet sich seit 1909 ein Reiterstandbild des preußischen Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke.
  • Die Tresekammer im Erdgeschoss des Turms wurde nach dem Ersten Weltkrieg zur Gedächtniskapelle für die der Bremer Garnison angehörenden Gefallenen jenes Krieges gestaltet, mit einem von dem Münchener Bildhauer Friedrich Lommel geschaffenen Denkmal in Form eines Sarkophags mit der Liegefigur eines sterbenden Soldaten. 2011 wurde aus dem Ort nationaler Heldenverehrung ein Gedächtnis- und Gebetsraum für die Getöteten aller Kriege. Milchglasplatten an den Wänden zeigen entsprechende Bibelverse, und Milchglasplatten mit den Namen der Gefallenen umstehen die Skulptur. So beherrscht diese den Raum nicht mehr, ohne dass man sie dafür hätte entfernen müssen.

Die Kirchgemeinde[Bearbeiten]

Die Gemeinde von Unser Lieben Frauen hat ihr Gemeindehaus am Schwachhauser Ring 61.
Es werden Gottesdienste an sonn- und feiertags um 10:30 Uhr gehalten. Die Gemeinde unterhält den regional bedeutenden Bremer Knabenchor, der 1945 von Kantor Harald Wolff gegründet wurde.

Persönlichkeiten der Kirche[Bearbeiten]

Fresco aus dem 15. Jh. in der als Beinkeller wohl im 12. Jh. errichteten St.-Veits-Kapelle

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Unser Lieben Frauen Kirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Alle Höhen der Liebfrauenkirche durch indirekte Höhenmessungen am 13. Juli 2009 durch J. Möhring bestimmt. Ältere Höhenangabe des Nordturmes: 86 m (keine Information, ob mit oder ohne Wetterfahne).
  2. Bestimmung der Gesamtlänge und -breite über Satellitenbild (Juli 2009).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Denkmaldatenbank des LfD
  2. Wilhelm von Bippen (u.a.): Geschichte der Stadt Bremen (Müller, 1892 - 1904) › Bd. 1 › Erstes Buch. Bremen im Mittelalter› Erstes Kapitel. Bremen unter den Bischöfen, Seite 13
  3. Manfred Rech (Hg.), Gefundene Vergangenheit – Archäologie des Mittelalters in Bremen, Bremer Archäologische Blätter, Beiheft 3/2004, ISBN 3-7749-3233-6
  4. Bremisches Urkundenbuch, 1. Band [1863, Lieferung 2-3, Urkunden bis 1300, S. 171ff., Urkunde Nr. 150 von 1229]
  5. Rudolf Stein, Rudolf Stein: Romanische, gotische und Renaissancebaukunst in Bremen. Bremen 1962, Kapitel zur Stephanikirche
  6. Othmar Hinz (Hrsg.): Licht, das singt. Das Bremer Fensterwerk von Alfred Manessier. Bremen 2012.
  7. Fotografien der Fenster auf der Seite der Gemeinde
  8. Dr. Gottfried Sprondel (ehem. Pfarrer von ULF), Das Kirchenfensterwerk Alfred Manessiers in Liebfrauen (PDF)
  9. Nähere Informationen zur Geschichte der Orgeln der Liebfrauenkirche

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bremen Niedersachsen, München 1992. S. 18 – 21

53.0763888888898.8075Koordinaten: 53° 4′ 35″ N, 8° 48′ 27″ O