Liste kognitiver Verzerrungen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Diese Liste enthält kognitive Verzerrungen (englisch cognitive biases oder cognitive illusions).

Eine kognitive Verzerrung ist ein kognitionspsychologischer Sammelbegriff für systematische fehlerhafte Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen. Sie bleiben meist unbewusst und basieren auf kognitiven Heuristiken.

Liste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersicht kognitiver Verzerrungen

Diese Liste ist eine Auswahl bekannter kognitiver Verzerrungen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Da in vielen Beiträgen und auch in der Fachliteratur oft nur der englische Begriff verwendet wird, ist er ebenfalls aufgeführt.

Name der kognitiven Verzerrung Beschreibung
Deutsch Englisch
Ankereffekt Anchoring Systematisch Verzerrung bei der Urteils- und Entscheidungsfindung. Bewusst getroffene Wahlen werden von vorhandenen, auch irrelevanten Umgebungsinformationen bzw. Reizen (dem Anker) beeinflusst, ohne dass dieser Einfluss bewusst wahrgenommen wird. Die Entscheidung bzw. das Urteil werden systematisch in die Richtung der mit dem Anker verbundenen Assoziation verzerrt.[1]
Attributionsfehler Correspondence bias Die Neigung, die Ursache für ein beobachtetes Verhalten zu oft in (feststehenden) „Charaktereigenschaften“ der handelnden Person und zu selten in den (variablen) Merkmalen der jeweiligen Situation zu suchen.
Auswirkungsverzerrung Impact bias Verzerrung bei der Gefühlsvorhersage (Affective Forecasting). Intensität und Dauer einer zukünftigen emotionalen Reaktion (z. B. Glücksgefühl oder Trennungsschmerz) werden überschätzt[2]
Backfire-Effekt Backfire effect Die Neigung, Fakten, die der eigenen Überzeugung widersprechen, als Bestätigung der eigenen Überzeugung zu betrachten.
Barnum-Effekt Barnum effect Bezeichnet die Neigung, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person so zu interpretieren, dass sie als zutreffende Beschreibung empfunden werden.
Beharren auf Überzeugungen Das Beharren auf einer hartnäckigen ersten Hypothese, obwohl neue Informationen dieser Überzeugung widersprechen.
Überzeugungsbias Belief bias Die Tendenz, glaubwürdige Schlussfolgerungen zu akzeptieren, unabhängig davon, ob sie logisch korrekt aus den Prämissen hergeleitet werden können.[3]
Besitztumseffekt Endowment effect Die Tendenz, ein Gut wertvoller einzuschätzen, wenn man es besitzt.
Bestätigungsfehler Confirmation bias Die Neigung, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen bestätigen.[4]
Verzerrungsblindheit Bias blind spot Die Tendenz, sich für unbeeinflusst oder verhältnismäßig wenig beeinflusst zu halten (ein Spezialfall der Selbstüberschätzung (Vermessenheitsverzerrung) und der selbstwertdienlichen Verzerrung resp. des Lake-Wobegon-Effekts).
Clustering-Illusion, siehe auch Apophänie und Pareidolie Clustering illusion Die Neigung, in Datenströmen Muster zu sehen, selbst wenn gar keine da sind.
Cross-Race-Effect Cross-race effect Das schlechtere Wiedererkennen von Gesichtern, die nicht der eigenen Ethnie entstammen, im Vergleich zu Gesichtern der eigenen ethnischen Gruppe.
Decoy-Effekt Decoy effect Die Bevorzugung einer von zwei Optionen, wenn eine dritte Option (Köder) hinzugefügt wird, die einer der beiden Optionen in allen Belangen unterlegen ist.
Default-Effekt Default effect Die Bevorzugung derjenigen Option, die in Kraft tritt, wenn ein Akteur keine aktive Entscheidung trifft.
Déformation professionnelle Die Neigung, eine berufs- oder fachbedingte Methode oder Perspektive unbewusst über ihren Geltungsbereich hinaus auf andere Themen und Situationen anzuwenden.
Dichotomie Dichotomy Ein absolutes Denkmuster und eine kognitive Verzerrung, bei dem eine Person Dinge nur in zwei extreme Stufen bzw. Kategorien unterteilt und ignoriert, dass sich dazwischen noch eine Skala von Graustufen befindet. Daher wird auch vom „Alles-Oder-Nichts-Denken“ gesprochen.
Dunning-Kruger-Effekt Dunning-Kruger effect Die Tendenz von wenig kompetenten Menschen, das eigene Können zu überschätzen und die Kompetenz anderer zu unterschätzen.[5]
Emotionale Beweisführung Die Neigung, eine empfundene Emotion als Beweis für eine Annahme zu betrachten.
Eskalierendes Commitment Escalation of commitment Ein Verhalten, das durch die Tendenz gekennzeichnet ist, sich gegenüber einer früher getroffenen Entscheidung verpflichtet zu fühlen und weiter Ressourcen in sie zu investieren, obwohl sich diese Entscheidung bisher als ineffektiv oder falsch erwiesen hat.
Gender Bias Gender bias
Halo-Effekt Halo effect Die Tendenz, von bekannten Eigenschaften einer Person auf unbekannte Eigenschaften zu schließen.[6]
Healthy-Worker-Effekt Healthy worker bias Die Tendenz, bei epidemiologischen Kohortenstudien einen besseren Gesundheitsstatus der Beschäftigten zu finden, weil Berufstätige einen gewissen Gesundheitszustand aufweisen müssen, um ihre Arbeit ausführen zu können, während in der Gesamtbevölkerung auch krankheitsbedingt Arbeitsunfähige zu finden sind.
Hot-Hand-Phänomen Eine zufällige Häufung von Erfolgen im Sport und Glücksspiel wird als „einen Lauf haben“ oder als „Glückssträhne“ angesehen.
IKEA-Effekt Die Neigung, selbst entworfenen oder zumindest selbst zusammengebauten Gegenständen im Vergleich zu fertig gekauften Massenprodukten mehr Wertschätzung entgegenzubringen.
Illusorische Korrelation Die fälschliche Wahrnehmung einer Korrelation zweier Ereignisse.
Katastrophisieren Magnifying = „Vergrößern“ Die falsche Annahme, dass das Schlimmste, weil es vorstellbar ist, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich eintreten wird.[7]
Kontrasteffekt Die intensivere Wahrnehmung einer Information, die zusammen mit einer in Kontrast stehenden Information präsentiert wird.
Kontrollillusion Illusion of control Die falsche Annahme, zufällige Ereignisse durch eigenes Verhalten kontrollieren zu können.
Labeling Labeling Sich selbst oder andere mit einer abwertenden, pauschalen und fixen Bezeichnung versehen[8], z. B. die Bezeichnung „Verlierer“[9], wodurch selbsterfüllende Prophezeiungen entstehen können.[10] (vgl. Etikettierungsansatz)
Law of the Instrument  Law of the instrument Wenn Menschen, die mit einem Werkzeug (oder einer Vorgehensweise) gut vertraut sind, dazu neigen, dieses Werkzeug auch dann zu benutzen, wenn ein anderes besser geeignet wäre (auch: „Maslows Hammer“).
Missachtung des Maßstabs Das Nichtbeachten des Maßstabs eines Problems. Zum Beispiel erklären sich Menschen in einer Studie bereit, im Durchschnitt 78 US-Dollar für die Rettung von 20.000 Vögeln zu bezahlen. Werden sie hingegen zur Zahlungsbereitschaft zur Rettung von 2.000 Vögeln gefragt, kommt im Durchschnitt beinahe der gleiche Wert heraus.[11]
Mitläufereffekt Bandwagon effect Wahrgenommener Erfolg von anderen erhöht die Bereitschaft, sich voraussichtlich erfolgreichen Handlungsweisen von ihnen anzuschließen.
Moralische Lizenzierung Wenn Menschen ohne Schuldgefühle eine schlechte Tat vollbringen können, wenn sie zuvor eine gute Tat vollbracht haben.
Nachträgliche Begründungstendenz   Die Tendenz zur nachträglichen Rechtfertigung eines Kaufes einer wenig sinnvollen Sache.
Projektionsfehler Projection bias Verzerrung bei der Gefühlsvorhersage (Affective Forecasting). Tendenz die eigenen Gefühle, Einstellungen und Glauben auf andere Personen oder sich selber in der Zukunft zu projizieren.
Erinnerungsverzerrung Recall bias Fehlerquelle vor allem in retrospektiven Studien.
Rhyme-as-reason-Effekt Rhyme-as-reason effect Wenn Aussagen als eher zutreffend und wahr betrachtet werden, wenn diese gereimt sind.
Rückschaufehler Hindsight bias Die verfälschte Erinnerung an eigene Vorhersagen, die bezüglich eines Ereignisses getroffen wurden, nach dem Eintreten des Ereignisses.
Selbstüberschätzung, auch Vermessenheitsverzerrung Die Überschätzung des eigenen Könnens und eigener Kompetenzen.
Selbstwertdienliche Verzerrung und Lake-Wobegon-Effekt Lake Wobegon effect Die Verzerrungen, die der Aufrechterhaltung eines positiven konsistenten Selbstbildes dienen.
Self-Reference-Effekt Self reference effect Schematisierender Effekt des Selbstkonzepts.
Status-quo-Verzerrung Status quo bias Die Bevorzugung des Status quo gegenüber Veränderungen.
Truthahn-Illusion Die Neigung, einen Trend zu extrapolieren, ohne ihn zu hinterfragen. Die Sicherheit wächst permanent mit dem Trend. Daher ist zum Zeitpunkt des Trendbruchs die Sicherheit am größten, ebenso wie der Schock über den Trendbruch.
Überlebenden-Verzerrung Survivorship bias Verzerrung zugunsten der „Überlebenden“/„Erfolgreichen“, Erfahrungen „erfolgloser“ Individuen werden nicht gleichermaßen berücksichtigt.
Unterlassungseffekt Die Überschätzung der Risiken bei Handlungen im Vergleich zu Nicht-Handlungen.
Verfügbarkeitsheuristik, auch Verfügbarkeitsverzerrung Availability bias Ein systematischer Urteilsfehler, der entsteht, wenn die Bewertung der Wahrscheinlichkeit (bzw. Häufigkeit) eines Ereignisses von den leicht verfügbaren Beispielen in unserem Gedächtnis oder von der Anzahl der verfügbaren Beispiele in unserem Gedächtnis geprägt ist. Beispiele, an die wir uns leicht erinnern, erscheinen wahrscheinlicher. Ein Ereignis erscheint wahrscheinlicher, wenn uns dazu viele Beispiele einfallen. Die Einschätzung der Wahrscheinlichkeiten ist verzerrt.
Verlustaversion Die Tendenz, Verluste höher zu gewichten als Gewinne.
Vermenschlichung (Anthropomorphisierung) oder Personifikation Die Tendenz Tiere, Objekte und abstrakte Konzepte so zu beschreiben als ob sie menschliche Züge, Gefühle und Absichten hätten.
Wahrheitseffekt Die Tendenz, Aussagen, die zuvor bereits gehört oder gelesen wurden, einen größeren Wahrheitsgehalt zuzusprechen als solchen, die erstmals gehört werden.
Wahrscheinlichkeitsvernachlässigung Wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit kleiner Risiken falsch eingeschätzt wird. Kleine Risiken werden entweder komplett ignoriert oder aber stark überschätzt.
Zwei-Faktoren-Theorie der Emotion Die Neigung, situative Hinweisreize zur Kausalattribution von Emotionen heranzuziehen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ankereffekt – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Abgerufen am 28. November 2021 (deutsch).
  2. D. T. Gilbert, E. C. Pinel, T. D. Wilson, S. J. Blumberg, T. P. Wheatley: Immune neglect: A source of durability bias in affective forecasting. In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 75, 1998, S. 617–638, Online-Text (PDF; 2,5 MB).
  3. Jacqueline P. Leighton, Robert J. Sternberg (Hrsg.): The Nature of Reasoning. Seite 300, Cambridge University Press, ISBN 978-0-521-00928-7.
  4. Peter Wason: Reasoning about a rule. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology. Band 20, 1968, ISSN 0033-555X, S. 273–281.
  5. Justin Kruger, David Dunning: Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments. In: Journal of Personality and Social Psychology. Herausgeber: American Psychological Association, Volume 77, Issue 6, Seiten 1121–1134.
  6. Sheldon Lachman, Alan R. Bass: A Direct Study of Halo Effect. In: The Journal of Psychology. Volume 119, Ausgabe 6, Seite 535–540.
  7. 15 Common Cognitive Distortions. Abgerufen am 17. Juni 2020.
  8. Shari Jager-Hyman, Amy Cunningham, Amy Wenzel, Stephanie Mattei, Gregory K. Brown: Cognitive Distortions and Suicide Attempts. In: Cognitive Therapy and Research. Band 38, Nr. 4, August 2014, ISSN 0147-5916, S. 369–374, doi:10.1007/s10608-014-9613-0, PMID 25294949, PMC 4185206 (freier Volltext).
  9. Carrie L. Yurica, Robert A. DiTomasso: Cognitive Distortions. In: Stephanie Felgois, Arthur M. Nezu, Christine M. Nezu, Mark A. Reinecke (Hrsg.): Encyclopedia of Cognitive Behavior Therapy. Springer US, Boston, MA 2005, ISBN 978-0-306-48580-0, S. 117–122, doi:10.1007/b99240.
  10. Martin Seager, John A. Barry: Cognitive Distortion in Thinking About Gender Issues: Gamma Bias and the Gender Distortion Matrix. In: John A. Barry, Roger Kingerlee, Martin Seager, Luke Sullivan (Hrsg.): The Palgrave Handbook of Male Psychology and Mental Health. Springer International Publishing, Cham 2019, ISBN 978-3-03004384-1, S. 87–104, hier: S. 101, doi:10.1007/978-3-030-04384-1_5.
  11. W. Michael Hanemann: Valuing the environment through contingent valuation. In: The Journal of Economic Perspectives. 1994, 8. Jg., Nr. 4, S. 19–43.