Markus Wilhelm

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Markus Wilhelm (* 30. April 1956 in Sölden im Ötztal) ist ein Tiroler Publizist, Umweltaktivist und Bergbauer. Österreichweite Bekanntheit erlangte Wilhelm durch seine Auseinandersetzungen mit dem Tiroler Stromkonzern TIWAG, die seit 1988 in einer Reihe von Prozessen mündeten.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Markus Wilhelm maturierte am Bischöflichen Gymnasium Paulinum in Schwaz, und studierte nach einem Abstecher am Mozarteum in Salzburg (Schauspiel und Regie) einige Semester (Germanistik und Philosophie) an der Universität Innsbruck.

Er gründete in Innsbruck mit Felix Mitterer, Hans Haid und Bert Breit die kulturpolitische Zeitschrift Föhn (1978–1982), deren Herausgeber er bis 1980 war.

Von 1984 bis 1998 belebte Wilhelm den Föhn im Alleingang wieder, diesmal jedoch mit einer politischen Ausrichtung als „Aufklärungsmedium über Vorgänge in der Tiroler Politik und Wirtschaft“ mit einer Kombination aus penibel recherchierten Fakten neben harter Polemik.[1]

Seit 2004 publiziert Wilhelm auf der Homepage dietiwag.at, welche wegen eines Namensstreites mit der TIWAG nun auch mit dietiwag.org benannt ist.

Laut der Zeitung Der Standard ist Markus Wilhelm „seit Jahren ein gewichtiger Mitspieler am Tiroler Politikparkett. Auf seiner Seite [...] prangert er die Politik der Tiroler Volkspartei und die Verknüpfungen mit der landeseigenen Tiwag an, enthüllt Korruption und Vetternwirtschaft.“ Seine „Geschichten mit Sprengkraft“ erzähle er „detail- und aktenreich“.[2] Seinen Erfolg erklärt sich der minutiöse „Rechercheur und polemisch-deftige Formulierer“ damit, dass er sich über Jahrzehnte ein hohes Vertrauen erarbeitet habe. Dieses Vertrauen wirke, um bei der Übergabe von heißen Informationen und weiterführenden Recherchen mit Anderen nicht einem Fake aufzusitzen.[3] Wilhelm führe dann die Informationen und die betroffenen Politiker in einer künstlerischen Form einer Schauspiel- und Regiearbeit in eine neue Sichtbarkeit oder Zuspitzung. Er arrangiere die Sätze von Figuren auf einer Bühne in neuen Anordnungen. Auch wenn er damit viel Zeit und Risiko eingehe, suche er die Auseinandersetzung mit den Betroffenen, im Sinne einer prozessorientierten Aufdeckung von Zusammenhängen; notfalls auch bei Gericht. Im Falle einer Verweigerung des Dialoges habe Wilhelm zumeist weitere Sätze des Angegriffenen im Talon.[4]

Markus Wilhelm lebt und arbeitet in Sölden im Ötztal.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auseinandersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

TIWAG

Wilhelms Auseinandersetzungen mit der TIWAG führten seit 1988 zu einer Reihe von Prozessen. Für den „Versuch, einen Kritiker mundtot zu machen“ wurde der TIWAG-Vorstandsvorsitzende mit dem Big Brother Award 2008 in der Kategorie Business und Finanzen ausgezeichnet.[5]

Wilhelm kritisierte erstmals in der Zeitschrift Föhn den Einfluss deutscher Stromkonzerne auf den Vorarlberger und Tiroler Energiemarkt und wurde daraufhin von der TIWAG wegen Kreditschädigung verklagt, die allerdings in zwei Instanzen verlor.[6][7]

Wichtiges Instrument in der Auseinandersetzung mit dem Landesenergieversorger wurde in der Folge auch seine eigene Website dietiwag.at, später dietiwag.org, die es ihm ermöglicht, mit wenig Ressourceneinsatz eine breitere interessierte Öffentlichkeit direkt zu erreichen. Auf dieser veröffentlichte er vertrauliche Geschäftsverträge zwischen amerikanischen Firmenkonsortien und der TIWAG, die mittels Cross-Border-Leasing, einem umstrittenen und riskanten „Steuersparmodell“, zwischen 2001 und 2003 14 ihrer 15 größten Kraftwerke an erstere verkauften und wieder zurückleasten. Wilhelm bewarb die neue Homepage mit einem Inserat in der Größe einer Streichholzschachtel in der Tiroler Tageszeitung; die öffentliche Kritik von Landeshauptmann van Staa an der Vorgangsweise multiplizierte die Werbewirksamkeit.[8]

Die TIWAG klagte mit einem Streitwert von 510.000 Euro auf Unterlassung von Veröffentlichung von Geschäftsgeheimnissen,[9] verlor aber auch hier im September 2008 erstinstanzlich.[10] Schon zuvor wurde der Streit um die Domain dietiwag.at (laut Wilhelm ein Akronym für „Die Tiroler Initiative Wir Alle Gemeinsam“) geklärt. Zwar konnte der Stromkonzern eine zwischenzeitliche Sperre der Domain erwirken und die Homepage musste auf die Domain dietiwag.org umziehen. Durch eine gerichtliche Klärung befindet sich aber mittlerweile auch die Domain dietiwag.at wieder in Besitz von Wilhelm und ist nun eine Weiterleitung auf dietiwag.org.[11]

Mit den Jahren gewann der Kleinkrieg immer weitere Facetten: Wilhelm beschuldigte einen führenden TIWAG-Mitarbeiter der Verbindungen ins Rotlichtmilieu; die TIWAG heuerte daraufhin Detektive an, um undichte Stellen in der Firma auszuforschen.[12] In Zusammenhang mit Kraftwerksbauten kam auch der Alpenverein in Wilhelms Schussfeld, dem er vorwirft, Umweltproteste nur zu kanalisieren, um sie schlussendlich abwürgen zu können. Im Zug dieser Auseinandersetzung deckte er 2008 auf, dass der Leiter der Fachabteilung Raumordnung und Naturschutz des OeAV seinen akademischen Titel zu Unrecht trägt.[13]

Industriellenvereinigung

1991 deckte Wilhelm in einer Ausgabe des Föhn Geldflüsse der Industriellenvereinigung in Richtung ÖVP und FPÖ auf.[8]

Herwig van Staa

Für Wirbel sorgte seine Veröffentlichung eines Tonbandmitschnitts einer Rede des damaligen Tiroler Landeshauptmanns Herwig van Staa im September 2007, die belegen soll, dass van Staa den ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer als „Schwein“ bezeichnete. In dieser Causa verlor Wilhelm anfangs und wurde zu einer Strafe von 980 Euro verurteilt.[14][15] Der Schuldspruch wurde in weiterer Folge vom Oberlandesgericht Innsbruck aufgehoben und an die erste Instanz zurückgeschickt.[16] Im Jänner 2010 wurde Wilhelm dann vom Landesgericht Innsbruck und im Oktober 2010 auch vom Berufungssenat des Oberlandesgerichtes Innsbruck endgültig vom Verdacht der üblen Nachrede freigesprochen. [17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ingrid Brodnig: Portrait. Ausmisten im Stall und in der Politik. Der Bergbauer und Aufdecker Markus Wilhelm zeigt im konservativen Tirol Missstände auf. Sommerserie HEIMWÄRTS 3. Station Tirol, Neun Persönlichkeiten aus den Bundesländern, Falter 30/2011.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Plaikner: Der Bauer als Rechercheur (PDF; 238 kB) Der österreichische Journalist, 2007
  2. Sebastian Pumberger: Dietiwag-Blogger: Ich bin von Beruf Zuspitzer Der Standard, 26. April 2013
  3. Katharina Lau: Der Bauer als Aufdecker internetszene.at, 25. April 2013
  4. Sebastian Pumberger: Dietiwag-Blogger: Ich bin von Beruf Zuspitzer Der Standard, 26. April 2013
  5. http://www.bigbrotherawards.at/2008/Preistraeger
  6. DATUM Florian Gasser: Der Bauer als Rebell, Datum 03/2008.
  7. ZEIT-ONLINE Edith Meinhart: Berge unter Strom, S. 510, 26/2006.
  8. a b Edith Meinhart: Der Zuspitzer (PDF; 339 kB) PROFIL, Ausgabe vom 1. September 2008, S. 28-29
  9. WIRTSCHAFTSBLATT Michael Riedler: Tiwag klagt Online-Aktivisten auf 500.000 Euro, Ausgabe 23. März 2005, Onlinequelle abgerufen am 20. Oktober 2008
  10. heise.de vom 7. Oktober 2008: Daniel AJ Sokolov: Tiroler Wasserkraft: Schweigeklage gegen Online-Kritiker abgewiesen, abgerufen am 23. Oktober 2008.
  11. heise.de vom 9. Juni 2005: Daniel AJ Sokolov: TIWAG-Kritiker bekommt Domain dietiwag.at zurück, abgerufen am 23. Oktober 2008
  12. tirol.orf.at vom 29. März 2008: Suche der Detektei blieb erfolglos, abgerufen am 20. Oktober 2008.
  13. Alpenverein: "Herr Magister" ist gar keiner. Abgerufen am 17. Mai 2015.
  14. KURIER vom 17. Oktober 2008: "Schwein-Sager: Triumph für Van Staa" (Memento vom 20. Oktober 2008 im Internet Archive).
  15. ORF2 Robert Gordon: Skurril oder Skandal?, REPORT 28. Oktober 2008.
  16. Der Standard vom 27. November 2009: "Schuldspruch im "Schwein-Sager"-Prozess aufgehoben", abgerufen am 27. November 2009.
  17. Der Standard Oberlandesgericht bestätigt Freispruch zu Markus Wilhelm, (APA) 14. Oktober 2010