Nagyágit

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Nagyágit
Nagyagite-163939.jpg
Nagyágit aus der Typlokalität Nagyág (Săcărâmb), Rumänien (Bildbreite 3 mm)
Allgemeines und Klassifikation
Andere Namen
  • Nagyagit (nach Haidinger)
  • Nagyagererz oder Nagiakererz (nach Werner)
  • Blättererz (nach Karsten)
  • Blättertellur (nach Hausmann)
Chemische Formel [Pb3(Pb,Sb)3S6](Au,Te)3[1]
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Sulfide und Sulfosalze
System-Nr. nach Strunz
und nach Dana
2.HB.20a[2] (8. Auflage: II/D.15)
02.11.10.01
Kristallographische Daten
Kristallsystem monoklin[3]
Kristallklasse; Symbol monoklin-prismatisch; 2/m[4]
Raumgruppe P21/m (Nr. 11)[5]
Gitterparameter a = 4,22 Å; b = 4,18 Å
α = 15,12°; β = 95,4°[5]
Formeleinheiten Z = 2[5]
Häufige Kristallflächen {010}
Zwillingsbildung multiple Zwillinge nach (001)
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte 1,5[3]
Dichte (g/cm3) gemessen: 7,35 bis 7,49; berechnet: 7,29[3]
Spaltbarkeit vollkommen nach {010}, sehr vollkommen nach {101}[3]
Bruch; Tenazität biegsam, geringfügig verformbar
Farbe grauweiß, bleigrau bis schwarz
Strichfarbe grau-schwarz
Transparenz undurchsichtig
Glanz Metallglanz
Weitere Eigenschaften
Chemisches Verhalten in Salpetersäure unter Abscheidung von Gold, in Königswasser unter Abscheidung von Silberchlorid und Schwefel löslich

Nagyágit, veraltet auch als Blättererz, Blättertellur, Nagyiakererz oder Nagyakker-Silber bekannt, ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfide und Sulfosalze“. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung [Pb3(Pb,Sb)3S6](Au,Te)3[1] und gehört strukturell zu den Sulfosalzen.

Nagyágit ist in jeder Form undurchsichtig (opak) und entwickelt meist grauweiße oder bleigraue bis schwarze Kristalle mit dünntafeligem bis blättrigem Habitus und metallischem Glanz, aber auch körnige bis massige Aggregate. Durch multiple Zwillingsbildung täuscht Nagyágit oft eine pseudoorthorhombische[6] bis -tetragonale[3] Symmetrie vor.

Besondere Eigenschaften[Bearbeiten]

Vor dem Lötrohr auf Kohle ist Nagyágit leicht schmelzbar, wobei sich gelbes Blei(II)-oxid und in einiger Entfernung weiße Tellurige Säure absetzt. Nach längerem Blasen wird schließlich ein Goldkorn ausgeschieden. Aufgelöst in Salpetersäure scheidet Nagyágit Gold ab, und in Königswasser Blei(II)-chlorid sowie Schwefel.[7]

Etymologie und Geschichte[Bearbeiten]

Bereits 1782 untersuchte der österreichische Chemiker und Mineraloge Franz Joseph Müller von Reichenstein die damals noch unbekannten Minerale Nagyágit und Sylvanit in den Golderzen aus der Grube Mariahilf bei Zlatna (dt. Klein Schlatten, ung. Zalatna) nahe Sibiu (dt. Hermannstadt, Siebenbürgen, Rumänien), die weniger Gold als erwartet enthielten. Er führte dies auf das Vorkommen eines neuen, bislang unbekannten Elementes zurück, und verlieh der metallischen Phase den Namen metallum problematicum (auch aurum problematicum beziehungsweise aurum paradoxum).

1797 untersuchte Martin Heinrich Klaproth in Berlin die Proben von Reichenstein erneut, bestätigte im Jahr darauf dessen Vermutung und verlieh dem neuen Element den Namen Tellur.

Abraham Gottlob Werner führte 1789 die Bezeichnung Nagiakererz[8] bzw. Nagyakker-Silber in seiner Mineralsystematik ein und ergänzte diesen mit der Bemerkung: „Von dem Nagyakker-Silber ist mir zur Zeit noch nichts weiter bekannt, als dass es mit dem Nagyakker-Golderz den Geburtsort, wie schon der Nahme zeigt, gemein hat, auch demselben überhaupt ziemlich ähnlich, jedoch heller von Farbe ist.“[9] Dietrich Ludwig Gustav Karsten übernahm diese Bezeichnung zunächst, änderte diesen aber 1800 mit der Begründung „Der in Wien übliche Gattungs-Name Blättererz ist in mancher Hinsicht vorzüglicher als das geographische Wort Nagyakkererz.“[8]

Haidinger bezeichnete das Mineral 1845 in seinem „Handbuch der bestimmenden Mineralogie“ schließlich als Nagyagit, in Anlehnung an dessen bereits von Werner genannten Typlokalität Nagyág (heute Săcărâmb) in Rumänien.[10]

Zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde Nagyágit als potentieller Hochtemperatursupraleiter erneut untersucht. Erst im Zuge dieser Forschungen wurde 1999 die Kristallstruktur von Nagyágit von Mineralogen in Wien und Salzburg endgültig geklärt.

In älteren Publikationen ist der Mineralname meist in der Schreibweise Nagyagit (ohne Akut) zu finden, was allerdings nicht den Vorgaben zur Mineralbenennung der IMA entspricht[11], nach der beispielsweise Minerale, die nach einem geographischen Fundort benannt wurden, darauf geachtet werden muss, dass die Schreibweise des Namens derjenigen an der Typlokalität entspricht. Die bei vielen Mineralen uneinheitliche Schreibweise ihrer Namen wurde mit der 2008 erfolgten Publikation „Tidying up Mineral Names: an IMA-CNMNC Scheme for Suffixes, Hyphens and Diacritical marks“[12] bereinigt und der Nagyágit wird seitdem international in der Schreibweise mit dem zugehörigen Akut geführt.[2]

Klassifikation[Bearbeiten]

In der mittlerweile veralteten 8. Auflage der Strunz'schen Mineralsystematik gehört der Nagyágit zur Abteilung der „Sulfide und Sulfosalze mit dem Stoffmengenverhältnis Metall : Schwefel, Selen, Tellur < 1 : 1“, wo er zusammen mit Buckhornit, Jonassonit und Montbrayit eine eigene Gruppe bildet.

Seit der 2001 überarbeiteten 9. Auflage der Strunz'schen Systematik der Minerale ist die Klasse der Sulfide und Sulfosalze zum einen erweitert auf die Selenide, Telluride, Arsenide, Antimonide, Bismutide, Sulfarsenite, Sulfantimonite und Sulfbismuthite und zum anderen teilweise präziser unterteilt nach der Art der an der Verbindung beteiligten Kationen. Der Nagyágit ist somit jetzt in der Abteilung der „Sulfosalze mit SnS als Vorbild“ zu finden, wobei das Mineral zusammen mit Buckhornit, Museumit und Watkinsonit in der Unterabteilung „Mit Cu, Ag, Fe, Sn und Pb“ steht.

Die im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Nagyágit ebenfalls in die Klasse der Sulfide, dort allerdings in die Abteilung der „Sulfide - einschließlich Seleniden und Telluriden - mit der (allgemeinen) Zusammensetzung AmBnXp, mit (m+n):p=2:3“. Hier bildet er als einziges Mitglied die unbenannte Unterabteilung „02.11.10“.

Kristallstruktur[Bearbeiten]

Nagyágit kristallisiert monoklin in der Raumgruppe P21/m mit den Gitterparametern a = 4,22 Å; b = 4,18 Å; c = 15,12 Å und β = 95,4° sowie zwei Formeleinheiten pro Elementarzelle.[5]

Bildung und Fundorte[Bearbeiten]

Nagyágit findet sich in gold- und tellurhaltigen hydrothermalen Gängen. In der Typlokalität bei Sǎcǎrîmbu tritt es zusammen auf mit Altait, Petzit, Stützit, Sylvanit, Tellurantimon, Coloradoit, Krennerit, gediegen Arsen und Gold, Proustit, Rhodochrosit, Arsenopyrit, Sphalerit und Tetraedrit. Eine andere Paragenese mit Calaverit, Gold, Tellurobismuthit, Altait, Galenit, Pyrit findet sich z.B. in der Bohuliby–Mine in Tschechien.

Als seltene Mineralbildung konnte Nagyágit nur an wenigen Fundorten nachgewiesen, wobei bisher (Stand 2015) rund 70 Fundorte[13] als bekannt gelten. Neben seiner Typlokalität Nagyág (Săcărâmb) trat das Mineral in Rumänien noch bei Baia de Arieș im Kreis Alba und in der Kupfer-Gold-Lagerstätte „Musariu“ bei Brad im Kreis Hunedoara auf.

Der bisher einzige bekannte Fundort in Österreich ist die Grube Stüblbau bei Schellgaden in der Salzburger Gemeinde Muhr und der ebenfalls bisher einzige bekannte Fundort in der Schweiz ist Gondo im Kanton Wallis.

Weitere Fundorte sind unter anderem die „El Sid Mine“ bei Koptos in Ägypten; die Farallón Negro Mine im argentinischen Departamento Belén; die armenischen Provinz Kotajk; Western Australia (Australien); die „Chelopech Au-Cu Mine“ bei Panagjurischte in Bulgarien; die „El Hueso Mine“ bei Diego de Almagro in der chilenischen Región de Atacama; die „Emperor Mine“ bei Vatukoula auf den Fidschi-Inseln; die „Kawazu Mine“ bei Shimoda in Japan; der „Olive Mabel claim“ (British Columbia) und die „Huronian Mine“ (Ontario) in Kanada; die „Sahuayacan Mine“ im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua; die „Sylvia Mine“ bei Thames in Neuseeland; Böhmen in Tschechien; im ehemaligen Bergwerk Clogau bei Bontddu in Wales (UK) sowie in mehreren Regionen der Vereinigten Staaten (USA).[14]

Verwendung[Bearbeiten]

Aufgrund seiner Seltenheit besitzt Nagyágit nur eine geringe Bedeutung als Golderz.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Yves Moëlo, Emil Makovicky, Nadejda N. Mozgova, John L. Jambor, Nigel Cook, Allan Pring, Werner Paar, Ernest H. Nickel, Stephan Graeser, Sven Karup-Møller, Tonči Balic-Žunic, William G. Mumme, Filippo Vurro, Dan Topa, Luca Bindi, Klaus Bente, Masaaki Shimizu: Sufosalt systematics: a review. Report of the sulfosalt sub-committee of the IMA Commission on Ore Mineralogy. In: European Journal of Mineralogy. Band 20 (2008), S. 7–46 (PDF 1,56 MB; Nagyágit ab S. 18)
  • H. Effenberger et al. (1999): Toward the crystal structure of nagyagite, [Pb(Pb,Sb)S2][(Au,Te)], American Mineralogist 84, 669-676 (PDF; 134 kB)
  • Z. Johan, I. Dódony, P. Morávek, J. Pašava (1994): Buckhornite, Pb2AuBiTe2S3, from the Jilove gold deposit, Czech Republic., Abstract in: John L. Jambor, Andrew C. Roberts: New Mineral Names, American Mineralogist, Band 80, S. 184-188, 1995 (PDF 474,3 kB)
  •  Hans Jürgen Rösler: Lehrbuch der Mineralogie. 4. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1987, ISBN 3-342-00288-3, S. 303.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Nagyágite – Sammlung von Bildern, Videos und AudiodateienVorlage:Commonscat/Wartung/P 2 fehlt, P 1 ungleich Lemma

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b IMA/CNMNC List of Mineral Names; July 2015 (PDF 1,5 MB)
  2. a b IMA/CNMNC List of Mineral Names 2009 (PDF 1,8 MB); aktuelle Mineralliste siehe Homepage der IMA
  3. a b c d e John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols: Nagyágite, in: Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America, 2001 (64 PDF kB)
  4. Mindat - Nagyágite (englisch)
  5. a b c  Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. 9. Auflage. E. Schweizerbart'sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 124.
  6.  Paul Ramdohr, Hugo Strunz: Klockmanns Lehrbuch der Mineralogie. 16. Auflage. Ferdinand Enke Verlag, 1978, ISBN 3-432-82986-8, S. 454.
  7. von Kurr's Mineralreich in Bildern (3. Auflage; PDF; 3,7 MB); S. 45
  8. a b  Hans Lüschen: Die Namen der Steine. Das Mineralreich im Spiegel der Sprache. 2. Auflage. Ott Verlag, Thun 1979, S. 189-190.
  9. MVSEVM LESKEANVM REGNVM MINERALE von D.L. GVSTAVVS KARSTEN
  10. Wilhelm Ritter von Haidinger: Handbuch der bestimmenden Mineralogie, Verlag Braumüller & Seidel, Wien 1845, S. 566 (PDF 440 kB; S. 5)
  11. Ernest H. Nickel, Joel D. Grice: The IMA Commission on New Minerals and Minerala Names: Procedures and Guidelines on Mineral Nomenclature, In: The Canadian Mineralogist, Band 36 (1998); PDF 328 kB, ab S. 8
  12. Ernst A.J. Burke: Tidying up Mineral Names: an IMA-CNMNC Scheme for Suffixes, Hyphens and Diacritical marks, In: Mineralogical Record, Band 39, Nr. 2 (März–April 2008); PDF 2,7 MB
  13. Mindat - Anzahl der Fundorte für Nagyágit
  14. Fundortliste für Nagyágit beim Mineralienatlas und bei Mindat