Nico Hübner

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Nico Hübner (inzwischen: Naftali Hibner) (* 5. Februar 1955 in Berlin) ist ein DDR-Regimekritiker und Wehrdienstverweigerer. Weil er sich in der DDR auf den entmilitarisierten Status Berlins berief, erregte sein Fall Aufsehen. SED-Generalsekretär Erich Honecker zeichnete den Prozessvorschlag des Ministeriums für Staatssicherheit persönlich ab.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Familie und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sein Vater, Erwin Hübner, war Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) und wissenschaftlicher Mitarbeiter der SED-Parteihochschule „Karl Marx“. Seine Mutter, Lilo Hübner, geb. Erbstößer, war ebenfalls SED-Mitglied und Mitarbeiterin beim Staatlichen Rundfunkkomitee der DDR, als leitende Redakteurin beim Kinderfunk.

Auf der Oberschule geriet er in Konflikt mit dem Marxismus-Leninismus in Lesart der SED. 1971 trat er aus der Freien Deutschen Jugend (FDJ) aus, wurde danach von der Schule geworfen. Hübner fand Kontakt zu christlichen Kreisen, wurde in ein Erziehungsheim in Mecklenburg eingewiesen, aus dem er nach daheim flüchtete. Im Dezember 1972 wurde er in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingewiesen, um „sozialistisch erzogen“ zu werden. Aus dem Werkhof wurde er nach Erreichen der Volljährigkeit entlassen. Anschließend erhielt er weder Bildung noch Arbeit. Die Teilnahme an einem Hebräischkursus an der Berliner Humboldt-Universität, Sektion Theologie, wurde ihm verweigert.[1] 1974 verweigerte er erstmals den Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee der DDR. Dass er daraufhin nicht verhaftet wurde, schrieb er seiner Stiefmutter zu, die Staatsanwältin war. Den DDR-Behörden war er seitdem verdächtig. Als er Freunde zu einem Treffen einlud, um über die Unterstützung eines verhafteten Jugendlichen zu sprechen, wurde ein Verfahren wegen staatsfeindlicher Hetze gegen ihn eingeleitet. Auch dieses Verfahren wurde eingestellt.[2]

Wehrdienstverweigerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Später jobbte er als Komparse am Deutschen Theater Berlin und wurde Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde. Im Frühjahr 1977 stellte er einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik. Als das Wehrkreiskommando der Nationalen Volksarmee ihn im Februar 1978 zur Musterung für den Wehrdienst vorlud, verweigerte er. Er erklärte, der entmilitarisierte Status Berlins, der von den Alliierten 1945 beschlossen und im Viermächteabkommen über Berlin 1971 bestätigt worden sei, gelte auch für den Ostteil der Stadt.[3] Er bezog sich dabei auf das Verbot der Militarisierung nach dem Kontrollratsgesetz Nr. 43. Das Gesetz wurde jedoch nur in den Westsektoren der Stadt durchgesetzt, während die DDR ihr Wehrpflichtgesetz auch im Ostteil Berlins anwandte.[4] Zum 14. März 1978 erhielt Hübner eine Vorladung auf das Volkspolizeirevier 69 in Prenzlauer Berg. Als er die Frage, ob er sich weiterhin weigere, den Wehrdienst in der DDR-Armee abzuleisten, bejahte, wurde er verhaftet.[5]

Hübner stand in Kontakt mit der West-Berliner Arbeitsgruppe für Menschenrechte, einer Abspaltung der Gesellschaft für Menschenrechte, die ihn unterstützte und der er Material zur Veröffentlichung in westlichen Medien zusandte. Am 30. März 1978 veröffentlichte die Tageszeitung Berliner Morgenpost einen Aufsatz Hübners, in dem er sich gegen das politische System der DDR wandte: „Kommunistische Gesellschaftstheorien, wenn sie in der DDR durchgesetzt werden sollen, lassen immer mehr oder weniger diktatorische Regime entstehen. Regimegegner gehen also davon aus, daß die Regime kommunistischer Art nicht durch äußere Formen humanisiert werden können, wo die Freiheit eines jeden nur beschränkt wird durch die gleiche Freiheit aller.“ Zugleich kritisierte er, die Politik im Westen Deutschlands lehne es ab, "zur moralischen Stütze im anderen Teil Deutschlands zu werden".[6]

Öffentliche Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Solidaritätsplakat der Jungen Union

Der Fall fand in der Öffentlichkeit große Beachtung. Berlins Regierender Bürgermeister Dietrich Stobbe und das Abgeordnetenhaus von Berlin forderten am 6. April 1978 einhellig die Freilassung Hübners. Die Berufung des Wehrdienstverweigerers auf den entmilitarisierten Status Berlins, so die Vertreter aller Fraktionen, sei rechtens.[7] Der Verleger Axel Springer setzte sich in Briefen an Bundeskanzler Helmut Schmidt, den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl, US-Präsident Jimmy Carter und die Vereinten Nationen für ihn ein.[8] Rudi Dutschke, Marxist und Wortführer der Studentenbewegung der 1960er Jahre, drückte Hübner seine Solidarität aus und forderte ihn auf, sich geistig „nicht den Rücken brechen“ zu lassen.[9] Die Junge Union sammelte Unterschriften für seine Freilassung; 10.000 Unterschriften kamen allein in Niedersachsen zusammen.[10]

Prozess, Haft, Abschiebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Prozess gegen Hübner wurde vom Ministerium für Staatssicherheit gesteuert. SED-Generalsekretär Erich Honecker erhielt einen detaillierten Prozessvorschlag. Er zeichnete die Anklagepunkte gegen den Wehrdienstverweigerer persönlich ab. Zugleich bearbeitete er die dazugehörige Meldung der DDR-Nachrichtenagentur Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst (ADN). Der Prozess fand im Sommer 1978 unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; die Zeugen wurden zu Stillschweigen verpflichtet.[3] Zentrales Beweismittel war ein Gutachten des im Ostteil Berlins ansässigen Instituts für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW), das Hübner als „Verräter der sozialistischen Ideale“ brandmarkte und ihm „einen asozialen und kriminellen Lebenswandel“ unterstellte.[11] Am 7. Juli 1978 wurde Hübner vom 1. Strafsenat des Stadtgerichts Berlin zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Nach der Urteilsbegründung hatte er die Wehrpflicht verletzt, Nachrichten gesammelt (§ 98 StGB [DDR]) und staatsfeindliche Hetze (§ 106 StGB [DDR]) betrieben.[12][13] 13 Monate war Hübner Gefangener in der Justizvollzugsanstalt Bützow. Am 11. Oktober 1979 wurde er gleichzeitig mit Rudolf Bahro amnestiert[14] und am 18. Oktober 1979 von der DDR in den Westen abgeschoben.[3][15] Auch seine erste Frau und sein Sohn durften mit ihm ausreisen.

Leben im Westen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juni 1980 trat Hübner gemeinsam mit 30 ehemaligen DDR-Häftlingen, darunter der Ex-DDR-Schriftsteller Siegmar Faust, in die Freie Demokratische Partei (FDP) ein.[16][17] Dort unterstützte er die Gründung der Jungen Liberalen und sprach im Bundestagswahlkampf 1980 auf FDP-Veranstaltungen.[18][19] Hübner kritisierte die Forderung des Jungdemokraten-Vorsitzenden Christoph Strässer, die DDR-Staatsbürgerschaft anzuerkennen. „Stabilisierung eines diktatorischen Regimes auf deutschem Boden kann nicht Aufgabe liberaler Politik sein“, schrieb Hübner in der Berliner Morgenpost.[20]

1986 konvertierte er zum orthodoxen Judentum, emigrierte 1988 nach Israel und leistete den Grundwehrdienst in den Israelischen Streitkräften. Er nahm den Namen Naftali Hibner an,[21] besuchte eine Rabbinerschule und arbeitete als Bauhandwerker.[22] Sieben Jahre lebte er mit der Schriftstellerin Rachel Abraham [23] zusammen, später heiratete er in zweiter Ehe eine aus Sankt Petersburg stammende Germanistin.[24]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hübner wurde 1979 mit dem Konrad-Adenauer-Freiheitspreis der Deutschland-Stiftung ausgezeichnet. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß überreichte ihn in der Bayerischen Staatskanzlei.[25]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Axel Springer: Bis Niko Hübner endlich aus dem Zuchthaus kam. Appelle und Telegramme. In: Axel Springer: Aus Sorge um Deutschland. Zeugnisse eines engagierten Berliners, Seewald Verlag, Stuttgart 1984, ISBN 3-512-00572-1

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nico Hübner – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Offenburger Tageblatt: Jugend im geteilten Deutschland, 11. September 1980
  2. Die Zeit: "Dafür habe ich gesessen", 9. November 1979
  3. a b c Mitteldeutscher Rundfunk: Damals im Osten: Der Wehrdienstverweigerer Nico Hübner wird verurteilt mdr.de, abgerufen am 1. November 2018
  4. Rede des Regierenden Bürgermeisters Dietrich Stobbe, in: Protokolle des Abgeordnetenhauses von Berlin 1951-1990: Sitzung 80, Heft 7/80, Band IV/V, 6. April 1978
  5. Lothar Obst: Nico Hübner: Biografische Notizen, September 1979
  6. Berliner Morgenpost, 30. März 1978
  7. Protokolle des Abgeordnetenhauses von Berlin 1951-1990: Sitzung 80, Heft 7/80, Band IV/V, 6. April 1978
  8. Jochen Staadt, Tobias Voigt, Stefan Wolle: Feind-Bild Springer: ein Verlag und seine Gegner. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-36381-2
  9. Rudi Dutschke: "... und geistig Dir nicht den Rücken brechen läßt": An Nico Hübner, 1. Mai 1978
  10. Lothar Obst: Nico Hübner: Biografische Notizen, September 1979
  11. Institut für Internationale Politik und Wirtschaft: Gutachten in der Strafsache gegen Niko Hübner, 29. Mai 1978, in: Bespitzelt Springer! Ein Film von Tilman Jens, Phoenix, 17. April 2010
  12. RIAS Berlin: Bericht über die Verurteilung von Rudolf Bahro und Nico Hübner, 7. Juli 1978
  13. Neues Deutschland: Von staatsfeindlichen Agenturen zu Verbrechen angestiftet, 8. Juli 1978
  14. 1979 in der DDR auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.), gesichtet am 27. März 2017.
  15. Offenburger Tageblatt: Jugend im geteilten Deutschland, 11. September 1980
  16. Der Spiegel: Parteien: Nico Hübner, 21. April 1980
  17. Offenburger Tageblatt: Jugend im geteilten Deutschland, 11. September 1980
  18. Der Spiegel: FDP: Tamtam im Flohzirkus, 2. Juni 1980
  19. Offenburger Tageblatt: Jugend im geteilten Deutschland, 11. September 1980
  20. Berliner Morgenpost: Liberal sein heißt, die Freiheit auszubauen, 3. August 1980
  21. tilt. Magazin gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär: Keiner von uns!, 1/1996
  22. Horst Buder: Was macht eigentlich Niko Hübner, in: Monika Zimmermann (Hrsg.): Was macht eigentlich ...? 100 DDR-Prominente heute. Links Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-86153-064-3
  23. P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland: Rachel Abraham
  24. Horst Buder: Was macht eigentlich Niko Hübner, in: Monika Zimmermann (Hrsg.): Was macht eigentlich ...? 100 DDR-Prominente heute. Links Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-86153-064-3
  25. Stadtarchiv München: Oktober anno dazumal: Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches aus der Münchner Stadtchronik, 22. Oktober 1979