Operation Libelle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
CH-53 der Bundeswehr im SFOR-Einsatz, Aufnahme aus 2001

Die Operation Libelle war der Name einer Operation der Bundeswehr im März 1997 in Albanien, bei der deutsche und andere ausländische Bürger aus Tirana ausgeflogen wurden. In der gleichen Woche evakuierten auch US-amerikanische und italienische Einheiten ihre Bürger aus Albanien.

Der Schusswechsel während der Evakuation in Tirana wird als erstes Gefecht deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet.[1]

Lage in Albanien am 13. März 1997[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen der sich von Süden über das Land ausbreitenden Unruhen, dem sogenannten Lotterieaufstand, brach am 13. März 1997 die staatliche Ordnung in Albanien zusammen. In der Hauptstadt Tirana fanden Plünderungen statt und der Flughafen der Stadt konnte nicht mehr angeflogen werden. Die im Land verbliebenen ausländischen Staatsbürger waren dadurch akut gefährdet.

Das Auswärtige Amt hatte bereits am 11. März 1997 alle Deutschen in Albanien aufgefordert, das Land zu verlassen. Italien hatte begonnen, ausländische Bürger auszufliegen. Ein Transport deutscher Staatsbürger auf dem Landweg Richtung Adriaküste war am 14. März 1997 vormittags nicht mehr möglich. Für sie und Staatsangehörige anderer Nationen in Obhut der deutschen Botschaft blieb nur noch die Luftevakuierung. Weil alliierte Kräfte keine Unterstützung leisten konnten, beschloss die deutsche Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl nach Benachrichtigung der Fraktionsvorsitzenden der Parteien im Deutschen Bundestag und der Obleute des Verteidigungsausschusses, den Einsatz zur Evakuierung durchführen zu lassen.

Ablauf der „Operation Libelle“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karte der Operation
Fregatte Niedersachsen
  • 13. März 1997 – 20:45 Uhr Entscheid des Verteidigungsministers Volker Rühe zur Verbesserung der Reaktionsfähigkeit der Bundeswehr, die Fregatte Niedersachsen (F 208) (210 Besatzungsmitglieder) ins Seegebiet westlich der Stadt Durrës (Albanien) zu verlegen.
  • 14. März 1997
    • sechs Transporthubschrauber des Typs CH-53G des GECONSFOR(L), des deutschen Kontingentes der SFOR (Stabilization Force) in Bosnien-Herzegowina mit Führungsgruppe, Panzergrenadieren als Sicherungssoldaten und Sanitätssoldaten (insgesamt 89 Soldaten) werden nach Dubrovnik (Kroatien) verlegt.
    • drei Transportflugzeuge vom Typ C-160 Transall werden gegen 7:00 Uhr in Landsberg bereitgehalten (24 Soldaten einschließlich 6 Sanitätern).
    • Um 7:30 Uhr starten deutsche Hubschrauber aus dem SFOR-Feldlager Rajlovac nach Dubrovnik; die Niedersachsen liegt vor Durrës.
    • 11:35 Uhr Entscheidung der Bundesregierung zur Evakuierung.
    • 13:45 Uhr die deutschen SFOR-Hubschrauber werden von Dubrovnik nach Podgorica, der Hauptstadt Montenegros verlegt.
    • 14:00 Uhr Abflug der Transportflugzeuge vom Typ C-160 Transall nach Podgorica.
    • 15:02 Uhr Abflug der Hubschrauber mit Sicherungskräften (Panzergrenadiere SFOR) nach Tirana und Landung auf dem Flugplatz Lapraka um 15:40 Uhr. Rund um die Landezone kommt es zu einem heftigen Gefecht zwischen unbekannten Kräften und Bundeswehrsoldaten.
    • 16:09 Uhr Der letzte Hubschrauber des Evakuierungsverbandes verlässt die Hauptstadt Tirana.
      Die Operation Libelle ist abgeschlossen. Alle Bürger und deutschen Soldaten konnten nach Podgorica ausgeflogen werden. Im Laufe der Operation wurde ein Hubschrauber durch Beschuss leicht beschädigt.
    • 18:20 Uhr Abflug von zwei Transall-Flugzeugen von Podgorica mit den Evakuierten zum Flughafen Köln/Bonn. Ankunft um 22:30 Uhr.
    • 19:42 Uhr Ankunft des letzten Hubschraubers in Dubrovnik. Am Folgetag Rückflug nach Rajlovac.

Das Kommando über die Einsatztruppe hatte der spätere Brigadegeneral Henning Glawatz, seinerzeit noch im Dienstgrad Oberst, der Kommandeur der Luftlandebrigade 26 Saarland.

Am 18. März 1997 beschloss das Bundeskabinett, dem Deutschen Bundestag den Antrag zur Billigung des Einsatzes zuzuleiten. Am 19. März 1997 beschäftigten sich die zuständigen Ausschüsse mit dem Antrag und am 20. März 1997 stimmte der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit diesem Antrag zu.[2]

Ausgeflogene Personen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insgesamt wurden 98 Personen aus 22 Nationen von der Bundeswehr ausgeflogen:

Land Personen
Deutschland Deutschland 21
Ungarn Ungarn 14
Japan Japan 13
Osterreich Österreich 11
Tschechien Tschechien 5
Danemark Dänemark 3
Peru Peru 3
Schweiz Schweiz 3
Agypten Ägypten 2
Albanien Albanien 2
Bosnien und Herzegowina Bosnien und Herzegowina 2
Niederlande Niederlande 2
Polen Polen 2
Korea Sud Südkorea 2
Argentinien Argentinien 1
Belgien Belgien 1
Finnland Finnland 1
Italien Italien 1
Luxemburg Luxemburg 1
Philippinen Philippinen 1
Schweden Schweden 1
Spanien Spanien 1

Späte Anerkennung der beteiligten Bundeswehrangehörigen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einsatzkräfte wurden vor Beginn der Operation Libelle offiziell aus dem Einsatzverband GECONSFOR und damit aus der NATO Stabilisation Force (SFOR) herausgelöst und unter nationalen Befehl gestellt. Trotzdem verweigerte ihnen das Bundesverteidigungsministerium anfangs, ähnlich wie später, nach der 2011 erfolgten Operation Pegasus, eine Einsatz-Auszeichnung. Als Begründung wurde angeführt, die Operation sei selbstverständlicher Teil des Einsatzes der SFOR in Bosnien und Herzegowina gewesen.[3]

Eine Revision dieser Einschätzung erfolgte erst Jahre später. Im Juli 2022 veröffentlichte die Website der Bundeswehr eine Bekanntmachung, die die Operationen Libelle und Pegasus als auszeichnungswürdig deklarierte. Die geschätzten 1300 Teilnehmer beider Operationen erfüllten demnach die Voraussetzungen für eine Auszeichnung mit der im September 2021 gestifteten Einsatzmedaille Militärische Evakuierungsoperation (MilEvakOp). Abweichend von anderen Einsatzmedaillen, setzt die Verleihung der MilEvakOp keine Mindesteinsatzzeit voraus. Da „begründende Unterlagen“, speziell bei aus dem Dienst ausgeschiedenen Personen, im Fall der Operationen Libelle und Pegasus oft nicht mehr vorlagen, wurden die Betroffenen gebeten, selbst initiativ zu werden und die Bundeswehr zu kontaktieren.[4]

Ferner kommt für die Beteiligten eine Verleihung der Einsatzmedaille Gefecht in Betracht, seit im April 2022 die vorherige Stichtagsregel aufgehoben wurde.[5] Der letztgenannte Änderung vorausgegangen war eine kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion, datierend vom 26. April 2019. Darin war auf die fehlende Möglichkeit zur Auszeichnung von an Gefechten beteiligten Bundeswehrangehörigen hingewiesen worden, sofern diese Einsätze vor dem Stichtag 28. April 2009 stattgefunden hatten.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Krech (Hrsg.): Der Bürgerkrieg in Albanien 1997. Verlag Dr. Köster, 2. Auflage, Berlin 2000 ISBN 3-89574-280-5
  • Martin Rink: Operation Libelle – Die Evakuierung deutscher Staatsangehöriger aus Albanien am 14. März 1997, in: Militärgeschichte, Heft 1 (2007).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Operation „Libelle“. Tirana ’97: Das erste Gefecht der Bundeswehr. In: rp-­online. 14. März 2007, abgerufen am 27. Oktober 2013: „Erstmals befanden sich deutsche Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Gefecht – exakt 188 Schüsse feuerten sie ab, so ergab die spätere Buchführung.“
  2. Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 13/166 vom 20.03.1997 Seite: 14976 (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive), auf bundestag.de
  3. "Auslands-Dienstreise" nach Libyen, rp-online.de, 26. Juni 2011, (Website zuletzt abgerufen 20. August 2022)
  4. Evakuierungsmissionen Libelle und Pegasus: Nachträgliche Würdigung mit Medaille, www.bundeswehr.de, 26. Juli 2022 (Website abgerufen 20. August 2022)
  5. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2022 Teil I Nr. 14, ausgegeben zu Bonn am 29. April 2022 (aufgerufen 21. August 2022)
  6. Drucksache 19/9693, DIP, 26. April 20219 (aufgerufen 21. August 2022)