Paul Uhlenhuth

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Emil Stumpp: Paul Uhlenhuth (1931)

Paul Theodor Uhlenhuth (* 7. Januar 1870 in Hannover; † 13. Dezember 1957 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Bakteriologe und Hygieniker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul Uhlenhuths Eltern waren der geheime Baurat Carl Christoph Uhlenhuth (* 19. Dezember 1835 in Paderborn, † 2. April 1910 in Hannover) und dessen Ehefrau Elise Wasmus (* 8. September 1841 in Braunschweig, † 23. Februar 1925 in Hannover).

Paul Uhlenhuth besuchte das Gymnasium in Magdeburg und Hannover. Er absolvierte seine medizinische Ausbildung 1889–1894 an der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen und wurde 1889 Angehöriger des Pépinière-Corps Franconia.[1] 1893 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zum Dr. med. promoviert, kam er 1894/95 als Unterarzt an die Charité. 1897 wurde er militärärztlicher Assistent bei Robert Koch am Institut für Infektionskrankheiten. Im selben Jahr wurde er Oberarzt bei Friedrich Loeffler, mit dem er an das Hygiene-Institut der Königlichen Universität zu Greifswald kam. Dort wurde er 1903 zum Titularprofessor und 1905 zum Privatdozent für Hygiene ernannt. Von 1906 bis 1911 war Uhlenhuth Direktor der bakteriologischen Abteilung des Kaiserlichen Gesundheitsamtes. Die Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg berief ihn 1911 auf den Lehrstuhl für Hygiene und Bakteriologie. Nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1918) wurde er wie alle deutschen Professoren (und Studentenverbindungen) aus dem untergegangenen Reichsland Elsaß-Lothringen ausgewiesen. Er kam an der Philipps-Universität Marburg unter. Ab 1923 lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1939 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sein Plan zur Errichtung eines Kaiser-Wilhelm-Instituts für Seuchenforschung und experimentelle Therapie in Freiburg ließ sich 1928 nicht verwirklichen.[2] In der frühen Zeit des Nationalsozialismus gehörte er am 11. April 1933 zu den Unterzeichnern einer Verfügung, die die Entlassung der jüdischen Kollegen beinhaltete.[3] 1937 wurde er Mitglied der NSDAP.[3] Im Jahr 1938 reiste Uhlenhuth nach Japan, um die deutsch-japanischen Beziehungen in der Medizin zu intensivieren.[2] Während des Zweiten Weltkriegs wurde er am 18. August 1942 außerordentliches Mitglied des wissenschaftlichen Senats des Heeressanitätswesens. In dieser Funktion beantragte er 1944 beim Oberkommando der Wehrmacht Immunisierungsversuche an farbigen Kriegsgefangenen durchzuführen (gemäß Ernst Klee[3]) bzw. das Blut von farbigen französischen Soldaten zu untersuchen (gemäß Bernd Martin[4]).

Geheiratet hatte Paul Uhlenhuth am 8. Mai 1899 in Hannoversch Münden Martha von Klüfer (* 1. Februar 1873; † 10. Oktober 1961). Ihre erste Tochter Margarethe wurde am 4. Februar 1900, ihre zweite Tochter Irmgard am 26. Juli 1903 und ihre dritte Tochter Clara am 1. August 1905 geboren, alle drei in Greifswald.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Uhlenhuth entdeckte 1901 die für die Rechtsmedizin wichtige Methode (biologische Eiweißdifferenzierung) zur Unterscheidung von Menschen- und Tierblut (Uhlenhuth-Probe oder Uhlenhuth-Test, siehe Blutspur).[5] Große Aufmerksamkeit der Bevölkerung erfuhr der Uhlenhuth-Test im Zusammenhang mit dem Mordfall Lucie Berlin. Uhlenhuth entwickelte außerdem Schutz- und Heilseren gegen Schweinepest und Maul- und Klauenseuche. 1915 entdeckte er den Erreger der Weil-Krankheit (Vertreter der Bakteriengattung Leptospira) und ein Serum zu ihrer Bekämpfung. Durch die Entdeckung der chemotherapeutischen Bedeutung des Atoxyl begründete Uhlenhuth die Arsenbehandlung der Syphilis, die von Paul Ehrlich weitergeführt wurde,[2] sowie die Antimontherapie vieler Tropenkrankheiten; förderte die Krebsforschung und den Ausbau der Chemotherapie. Uhlenhuth wurde zwischen 1910 und 1952 mehrmals, unter anderem von Karl Landsteiner, für den Nobelpreis für Medizin vorgeschlagen.[6]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grab von Paul Uhlenhuth auf dem Hauptfriedhof Freiburg im Breisgau

Heutige Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende des 20. Jahrhunderts geriet er in Freiburg in die Kritik, weil er im April 1933 an der Entlassung von jüdischen und politisch anders denkenden Kollegen aktiv beteiligt war. Eine nach ihm benannte Straße in Freiburg wurde daher nach Siegfried Thannhauser umbenannt. Das Haus Uhlenhuth des Universitätsklinikums Freiburg wurde nach Friedrich Theodor von Frerichs umbenannt. Der Historiker Bernd Martin, Vorsitzender der Expertenkommission zur Freiburger Straßennamen, beurteilte die Umbenennung als „zu überhastet“.[4]

2014 berief die Stadt Hannover einen Beirat aus Fachleuten zur Überprüfung, ob es bei Personen als Namensgeber für Straßen „eine aktive Mitwirkung im Nazi-Regime oder schwerwiegende persönliche Handlungen gegen die Menschlichkeit gegeben hat“. Er regte die Umbenennung der nach Uhlenhuth benannten Straße an. Er habe 1933 dahin gewirkt, dass 39 Beschäftigte der Universität Freiburg „aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder ihrer politisch unzuverlässigen Haltung“ entlassen wurden. Verletzungen der „Würde und körperlichen Unversehrtheit“ von Menschen habe er bei seinen Forschungsarbeiten „billigend in Kauf genommen“.[8][9]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das biologische Verfahren zur Erkennung und Unterscheidung von Menschen- und Tierblut sowie anderer Eiweißsubstanzen und seine Anwendung in der forensischen Praxis. Ausgewählte Sammlung von Arbeiten und Gutachten. Fischer, Jena 1905.
  • mit H. Grossmann: Beobachtungen über schwere Allgemeinsyphilis bei Kaninchen nach testicularer, intravenöser und subcutaner Impfung. In: Arch. Dermatol. Syph. Band 152, 1926, S. 708–737.
  • Entwicklung und Ergebnisse der Chemotherapie (= Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse. Jg. 1948, Abh. 3, ISSN 0371-0165). Springer, Heidelberg 1948.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kösener Corpslisten 1960, 60/283
  2. a b c Wolfgang U. Eckart: Paul Uhlenhuth. In: Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, 1. Aufl. 1995 C. H. Beck München, S. 358–359, Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2. Aufl. 2001, S. 313, 3. Aufl. 2006 Springer Verlag, Heidelberg, Berlin, New York, S. 327.
  3. a b c d Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Aktualisierte Ausgabe. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-16048-0, S. 634.
  4. a b Frank Zimmermann: „Eine heikle und schwierige Sache“. BZ-Interview mit dem Historiker Bernd Martin über die Untersuchung und Bewertung Freiburger Straßennamen, Badische Zeitung, 8. Januar 2014, abgerufen am 1. August 2015.
  5. Paul Theodor Uhlenhuth: Eine Methode zur Unterscheidung der verschiedenen Blutarten, im besonderen zum differentialdiagnostischen Nachweise des Menschenblutes. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Bd. 27, 1901, Nr. 6, ISSN 0012-0472, S. 82 f.; und: Weitere Mittheilungen über meine Methode zum Nachweise von Menschenblut. Ebenda S. 260 f.
  6. Nomination Database: Paul Uhlenhuth, nobelprize.org
  7. Paul Uhlenhuth im Mitgliederverzeichnis der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
  8. Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2. Oktober 2015, S. 18.
  9. Diese zehn Straßen sollen umbenannt werden in: Onlineausgabe Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2. Oktober 2015, abgerufen am 3. Oktober 2015.