Perfektionismus (Psychologie)

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Perfektionismus ist ein psychologisches Konstrukt, das versucht, übertriebenes Streben nach möglicher Perfektion und Fehlervermeidung zu erklären. Eine einheitliche Definition existiert nicht; Forschergruppen haben zahlreiche Facetten des Konstruktes herausgearbeitet.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einigkeit besteht darin, dass man Perfektionsstreben im Wesentlichen als ein Konstrukt mit Ausprägungen in zwei Dimensionen auffassen kann:

  1. Streben nach Vollkommenheit (perfektionistisches Streben): fasst unter anderem die Eigenschaften hohe persönliche Standards und Organisiertheit zusammen.
  2. Übertriebene Fehlervermeidung (perfektionistische Besorgnis): umfasst u. a. die Eigenschaften Leistungszweifel und Fehlersensibilität, aber auch Angst vor Bewertung, besonders durch Eltern und Schule.

Dabei wird ein Perfektionsstreben mit einer hohen Ausprägung in der Dimension des perfektionistischen Strebens, aber einer niedrigen Ausprägung in der Dimension der perfektionistischen Besorgnis als gesundes oder funktionales Perfektionsstreben bezeichnet, wogegen eine hohe Ausprägung in beiden Dimensionen mit einem ungesunden oder dysfunktionalen Perfektionsstreben in Zusammenhang gebracht wird. Letzteres wird als Perfektionismus benannt.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Traditionell wurde der Perfektionismus mit pathologischen Eigenschaften in Zusammenhang gebracht. Diese Ansicht wird u. a. durch einige empirische Befunde belegt, die allerdings auf einem zweidimensionalen Perfektionismus-Modell basierten. In Patientenstudien wurden erhöhte Perfektionismuswerte in Zusammenhang mit Depressionen, Zwangsstörungen und Essstörungen gebracht, und Studien mit nichtklinischen Probanden zeigten einen Zusammenhang zwischen hohem Perfektionismus und Stress, depressiven Symptomen, Ängstlichkeit und gestörtem Essverhalten.[2]

Zwei-Facetten-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Don E. Hamachek (1978) schlug die Differenzierung des Perfektionismus in einen normalen (funktionalen) und einen neurotischen (dysfunktionalen) Typus vor.[3] Heute allerdings wird der funktionale Typ nach Hamachek "Gewissenhaftigkeit" genannt, sein neurotischer (oder dysfunktionaler) Typus wäre der eigentliche Perfektionismus.[4]

Sechs-Facetten-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Randy O. Frost und Kollegen haben 1990 ein Modell mit sechs Facetten des Perfektionismus herausgearbeitet:

  • hohe persönliche Standards,
  • Organisiertheit,
  • Fehlersensibilität,
  • leistungsbezogene Zweifel,
  • Erwartung der Eltern und
  • Kritik durch Eltern.[5]

Dieses Modell impliziert, dass Perfektionisten sich hohe Standards setzen, über eine ausgeprägte Werteordnung und Organisiertheit verfügen, Fehler zu vermeiden versuchen, Unentschlossenheit zeigen und großen Wert auf die vergangene bzw. aktuelle Bewertung durch die Eltern legen.

Drei-Facetten-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Psychologen Paul L. Hewitt und Gordon L. Flett stellten 1991 ein Drei-Facetten-Modell vor. Sie unterscheiden drei Arten des Perfektionismus in zwei Stufen: Die erste Stufe ist die Frage, von welcher Quelle die hohen Ansprüche ausgehen, und die zweite Stufe studiert, an welche Person sie sich richten. Daraus ergeben sich die drei Arten des Perfektionismus:

  • selbstorientierter Perfektionismus,
  • sozial vorgeschriebener Perfektionismus und
  • fremdorientierter Perfektionismus.

Perfektionismus und Persönlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stumpf und Parker stellen einen hohen Zusammenhang zwischen dem Perfektionismus und den Big Five heraus. So korrelieren funktionale Perfektionismus-Facetten wie hohe persönliche Standards und Organisiertheit mit Gewissenhaftigkeit. Dagegen korrelieren dysfunktionale Facetten wie leistungsbezogene Zweifel und Fehlersensibilität mit Neurotizismus.[6]

Perfektionismus und Gesundheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spezifische Diathese-Stressmodelle gehen davon aus, dass perfektionistisches Streben und perfektionistische Besorgnis als Stressoren wirken und unterschiedlich mit Stressreaktionen assoziiert sind.[7]

In klinischen Studien wird (dysfunktionaler) Perfektionismus mit Störungsbildern wie Alkoholismus, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Depression, Angst- und Zwangsstörungen, sexuelle Funktionsstörungen sowie Suizidgedanken in Verbindung gebracht.[2] Der Hintergrund des Zusammenhangs zwischen perfektionistischem Denken und Fühlen einerseits und psychischen Krankheiten andererseits ist nach Bonelli der erhöhte innere Disstress bei Perfektionisten.[8]

Personen mit hoher Ausprägung von Gewissenhaftigkeit hingegen begegnen Stress mit aktiven Copingstrategien, wodurch sie ihr Stresserleben reduzieren und positive Verstärkung erfahren, was ihre Befindlichkeit verbessert und ihre Anfälligkeit für psychische Störungen senkt. Therapeutisch sinnvoll ist also das psychotherapeutische Umwandeln von dysfunktionalen, neurotischen Perfektionsstreben (d. h. Perfektionismus) in funktionales, gesundes Perfektionsstreben (d. h. Gewissenhaftigkeit).[1]

Messmethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Funktionale und dysfunktionale Facetten des Perfektionismus können mit der mehrdimensionalen Perfektionismus-Skala von Frost u. a. (MPS-F) ermittelt werden. Dieser Fragebogen besteht aus 35 Fragen, mit denen die sechs von Frost postulierten Facetten erfasst werden,[5] dieser wurde von Altstötter-Gleich & Bergemann (2006) ins Deutsche übersetzt und validiert.

Der MPS-F basiert zum Teil auf früheren eindimensionalen Ansätzen.

  • Burns Perfectionism Scale von Burns, 1980.
  • Eating Disorder Inventory (EDI), Perfektionismus Subskala von Garner u. a., 1991.
  • Measure Obsession and Compulsions (MOCI) von Rachman und Hodgson, 1980.

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowohl der psychologische Faktor »Neurotizismus« als auch die »Gewissenhaftigkeit«, die beide mit dem Perfektionismus zusammenhängen, sind zu etwa 50 Prozent genetisch determiniert. So kann eine gewisse Neigung zum Perfektionismus angeboren sein.[9] Eine Zwillingsstudie von Tozzi stellte einen moderaten genetischen Effekt heraus.[10]

Zweitens ist Perfektionismus durch Umwelteinflüsse, also in erster Linie durch die Erziehung und die Peers (Gleichaltrigen), verstärkbar.[9] So kann er durch ein Verhalten der Eltern, das zum einen hohe Standards setzt und zum anderen zu wenig Wärme und Akzeptanz schenkt, verstärkt werden.[11]

Auf der dritten Ebene ist perfektionistisches Verhalten auch ein angstvolles Vermeiden, gegen oder für das man sich entscheiden kann. Hier ist auch der Ansatz der Psychotherapie.[9]

Populärwissenschaftliche Beschreibungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Beschreibung des Psychiaters und Neurowissenschaftlers Raphael M. Bonelli (2014) ist Perfektionismus ein angstvolles Vermeidungsverhalten[12] bei dem es zum Missverhältnis zwischen „Soll“, „Ist“ und „Muss“ kommt.[8] Das „Soll“ repräsentiert das Ideal, ähnlich dem Sollwert in der Technik. Das „Ist“ bezeichnet die persönliche Realität des Menschen, entsprechend dem Istwert. Eine natürliche Spannung zwischen „Soll“ und „Ist“ ist für den psychisch gesunden Menschen leicht zu ertragen und motiviert ihn dazu, sich weiterzuentwickeln. Ein Perfektionist hingegen erträgt diese Spannung nicht, weil für ihn das (nie vollständig realisierbare) „Soll“ ein permanenter Vorwurf ist, noch nicht perfekt zu sein. So mutiert das „Soll“ zum angstauslösenden „Muss“, das den Handlungsspielraum einschränkt. Hintergrund ist eine überzogene Angst vor Fehlern und der damit verbundenen Kritik, die er ängstlich-verkrampft zu vermeiden sucht. „Es geht dem Perfektionisten nicht um die Perfektion an sich, sondern um die damit verbundene bombensichere Unantastbarkeit“.[1]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C. Altstötter-Gleich, N. Bergemann: Testgüte einer deutschsprachigen Version der Mehrdimensionalen Perfektionismus Skala von Frost, Marten, Lahart und Rosenblate (MPS-F). In: Diagnostica. 52, (2006), S. 105–118.
  • J. Stoeber, K. Otto: Positive Conceptions of Perfectionism: Approaches, Evidence, Challenges. In: Personality and Social Psychology Review. 10, (2006), S. 295–319.
  • R. M. Bonelli: Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Pattloch-Verlag, München 2014, ISBN 978-3-629-13056-3.
  • N. Spitzer: Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen. Ein Leitfaden für Psychotherapie und Beratung. Springer Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3662474754.
  • N Spitzer: Perfektionismus überwinden. Müßiggang statt Selbstoptimierung. Springer Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3662531853.
  • C. Altstötter-Gleich, F. Geisler. Perfektionismus. Mit hohen Ansprüchen selbstbestimmt leben. Balance Buch + Medien 2017, Köln 2017, ISBN 978-3867391658.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c R. M. Bonelli: Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Pattloch-Verlag, München 2014, S. 332 ff.
  2. a b Andrea Wieser in Tiroler Tageszeitung vom 4. Dezember 2014 Wenn die Latte zu hoch liegt Gesichtet am 24. Dezember 2014.
  3. Don E. Hamachek: Psychodynamics of normal and neurotic perfectionism. In: Psychology: A Journal of Human Behavior. 1978 Feb Vol 15(1), S. 27–33.
  4. Hartmut Volk in Der Standard vom 4. Dezember 2014 Raus aus der Perfektionismusfalle Gesichtet am 24. Dezember 2014.
  5. a b R. O. Frost, P. Marten, C. Lahart, R. Rosenblate: The dimensions of perfectionism. In: Cognitive Therapy and Research. 14 (1990), S. 449–468.
  6. H. Stumpf, W. D. Parker: A hierarchical structural analysis of perfectionism and its relation to other personality characteristics. In: Personality and Individual Differences. 28 (2000), S. 837–852.
  7. Elisabeth Zurecka, Christine Altstötter-Gleich et al.: It depends: Perfectionism as a moderator of experimentally inducedstress Elsevier 2013
  8. a b R. M. Bonelli: Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Pattloch-Verlag, München 2014, S. 34 ff.
  9. a b c R. M. Bonelli: Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Pattloch-Verlag, München 2014, S. 167 ff.
  10. F. Tozzi, S. Aggen, B. Neale, C. Anderson, S. E. Mazzeo, M. C. Neale, C. M. Bulik. The structure of perfectionism: A twin study. In: Behavior Genetics. 34, (2004), S. 483–494.
  11. G. L. Flett, P. L. Hewitt, J. M. Oliver, S. MacDonald: Perfectionism in children and their parents: A developmental analysis. In: G. L. Flett, P. L. Hewitt (Hrsg.): Perfectionism: Theory, research, and treatment. APA, Washington 2002.
  12. R. M. Bonelli: Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Pattloch-Verlag, München 2014, S. 97 ff.