Reitervölker

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Reitervölker ist eine zusammenfassende Bezeichnung für Völker oder Stammesverbände der eurasischen Steppe, deren Angehörige sich des Pferdes als Fortbewegungsmittel bedienten. Der von so genannten Reitervölkern bewohnte Steppenraum reicht von der Mandschurei im Osten bis nach Ungarn bzw. in das Burgenland im Westen.

Viele Reitervölker waren halb- oder vollnomadische Hirtenvölker. Das Pferd war zunächst ihre Nahrung und seit etwa 4.000 Jahren auch ihr Fortbewegungsmittel, wobei relativ früh auch Kamele oder Trampeltiere als Transportmittel genutzt wurden. Der ältere Streitwagenkrieger wurde gegebenenfalls erst um 800 v. Chr. durch den Reiterkrieger abgelöst.

Überblick[Bearbeiten]

Kontakte mit Reitervölkern beeinflussten verschiedene Kulturen. Im europäischen Raum gilt dies von den Skythen über die Hunnen, Awaren, Magyaren bis zu den Mongolen im 13. Jahrhundert. Bedeutsam sind die Berichte der antiken und mittelalterlichen Geschichtsschreibern, die über diese Kontakte und Konflikte berichteten. Von den klassizistisch orientierten griechischen Geschichtsschreibern (von der Spätantike bis Byzanz) wurden etwa die auf die Hunnen nachfolgenden Reitervölker aus dem Steppenraum oft schlicht als „Hunnen“ bezeichnet. Dies sagt aber nichts über ihre Herkunft aus, da dieser Begriff, wie vorher „Skythe“, oft nur ein Stilmittel der griechischen Geschichtsschreiber war, um so Völker im pontischen Steppengebiet nördlich des Schwarzen Meeres zu bezeichnen.[1] So wurden etwa nach dem Ende des Hunnenreichs im Balkanraum (454/55) auch später noch die Kutriguren, Onoguren und Utiguren teils als Hunnen bezeichnet, wenngleich ihre genaue Zuordnung problematisch ist.

Historisch-soziologisch wurde von Alexander Rüstow[2] die Bedeutung expansiver reiternomadischer Kulturen hervorgehoben, deren existenzieller Gegensatz zu bäuerlichen und sesshaften Gesellschaften intensiven sozialen Wandel mit sich brachte. Zentral ist das Verhältnis zwischen Reiternomaden und den sesshaften Völkern, sei dies nun im europäischen Raum, in Mittelasien (so gegenüber Persien in der Antike) oder an der Grenze Chinas (dort beginnend vor allem mit den Xiongnu um 200 v. Chr.). Es bestand stets eine Wechselbeziehung zwischen Steppe und Agrarland, wobei es sich um einen dynamische Prozess handelte, die immer wieder auch zu militärischen Konflikten und politischer Herrschaftsbildung führte, einen „endemischen Konflikt“. Um einen effektiven Kontakt mit agrarischen Gesellschaften pflegen zu können, war es für die Stämme notwendig, sich strukturell zu organisieren.

Nomaden waren oft nicht autark, sondern auf den Austausch mit agrarischen Gesellschaften angewiesen. Dies betraf in erster Linie Nahrhungsmittel, aber auch Luxusgüter und teils Waffen. Die Produkte wurden per Tauschhandel mit Agrargesellschaften beschafft, denen dafür Tierprodukte (wie Pelze und Milch) und Tiere überlassen wurden. Ebenso waren die Reiterstämme hinsichtlich der Sicherung von Handelsrouten von Bedeutung. Dieses Arrangement hatte allerdings das Problem, dass die Agrarländer nicht in gleicher Weise auf die Viehprodukte der Nomaden angewiesen waren, so dass es etwa zu Preissteigerungen kam und den Nomaden der „Absatzmarkt“ wegbrach. Die Folge waren militärische Konflikte zur Sicherung der Lebensgrundlage von Reiterstämmen, die nun mit Gewalt versuchten zu erreichen, was ihnen der normale Handel nicht ermöglichte.[3]

Dies ist jedoch nur ein Teilaspekt der Beziehungen zwischen Steppe und Agrarland. Ebenso konnte es zu militärischen Unternehmungen von Reiterstämmen kommen, die ausschließlich auf Gewinn ausgerichtet waren und auch durch keine vorherige Handlung provoziert wurden. Dies gilt beispielsweise für die Hunneneinbrüche in Europa, die darauf abzielten, vor allem materielle Güter zu sichern und nicht von einer Nahrungsproblematik betroffen waren. Ähnliches gilt für die sogenannten iranischen Hunnen (siehe Kidariten, Alchon, Nezak und Hephthaliten), die auf Kosten des Sassanidenreichs expandierten, dessen Nordostgrenze bedrohten und teils Gelder erpressten, so die Kidariten und Hephthaliten. Auf diese Gewinne waren Reiterstämme oft angewiesen; hinzu kamen Angriffe von Reiterstämmen, die schlicht auf eine möglichst große Expansion angelegt waren (wie die Mongolen).

Eine erfolgreiche Unterwerfung des Agrarstaates war zur Sicherung eigener Interessen für Reiterstämme nicht zwingend notwendig; vielmehr ist oft zu beobachten, dass nomadische Gesellschaften sich mit der Existenz am Rand der agrarischen Gesellschaften begnügten, aber allein dadurch eine potentielle Bedrohung darstellen und so Forderungen Nachdruck verleihen konnten.[4] Dies geschah im Fall der Xiongnu gegenüber der chinesischen Han-Dynastie und im Fall der Hunnen gegenüber Rom; um einen Konflikt zu vermeiden, flossen Geld oder Luxusgüter an die jeweiligen Stämme. In China wurde das gezielte Vorgehen zur Besänftigung gegenüber den Xiongnu als heqin-Politik bezeichnet.[5] Dieses Vorgehen hatte große Auswirkungen auf die jeweiligen Stämme, wo die Anführer das erhaltene Geld und die Geschenke gezielt einsetzten, um Untergeben an sich zu binden. Allerdings führte das gleichzeitig zu einer gewissen Abhängigkeit der betroffenen Stämme, die auf derartige Mittel nun angewiesen waren (sogenannte Prestigeökonomie) und deshalb immer wieder als Bedrohungsfaktor auftraten.[6] Erst wenn die materiellen Leistungen ausblieben, kam es zum Konflikt.

Militärische Aktionen machten es wiederum erforderlich, ein stets zur Verfügung stehendes Aufgebot zu schaffen, was wiederum teilweise dazu führte, dass die Anführer einzelner Verbände andere Stämme oder Stammesverbände durch Kampf unter ihre Oberherrschaft zu zwingen sich veranlasst sahen. Dieses Gefüge bildete die Nomadenherrschaft. Ebenso war jedoch der militärische Druck der herrschenden Stämme ein wichtiger Faktor der Herrschaftsbildung bei Nomadenstämmen. Erfolgte der Versuch der Eroberung (wie etwa im Fall Chinas), musste die Agrarbevölkerung beherrscht werden, was allerdings wegen der zahlenmäßigen Unterlegenheit der Nomaden zu ihrer raschen Assimilierung führte. Der Versuch, die zivile Verwaltung des unterworfenen Agrarstaates zu übernehmen, führte auch zur sprachlichen Assimilation. Hinzu kamen Mischehen. Bei späteren Aufständen war die Beseitigung der ursprünglich nomadischen Oberschicht kein großes Problem mehr. Dieses Wechselspiel zwischen Nomaden und agrarischen Hochkulturen bestimmte jahrtausendelang den Rhythmus der Geschichte Asiens.[7]

Die Bewaffnung der zu Pferde kämpfenden Reiter war archaisch, Pfeil und Bogen gehören zu den ältesten Fernwaffen, ihre Taktik war jedoch innovativ; daneben kamen auch Streitäxte (später auch Streitkolben) und Lanzen zum Einsatz. Gemeinsam ist den Reitervölkern (auch Steppenreitern oder Reiternomaden genannt), dass sie durch ihre Schnelligkeit und flexible Kampftechnik den Gegnern auf geeignetem Gelände militärisch überlegen waren. Der Taktik der "Nadelstiche" mit Fernwaffen und sofortiger Flucht bei Gefahr hatten Fußtruppen oder schwer gepanzerte Reiterheere nichts entgegenzusetzen (siehe: Parthisches Manöver), letztlich z. B. bei der Eroberung Mesopotamiens durch die Mongolen. Außerhalb ihrer nur extensiv bewirtschafteten Herkunftsgebiete mit weiträumigen Weidegründen bekamen die Reitervölker häufig Nachschubprobleme und wurden langfristig entweder aufgerieben (Sieg Ottos des Großen in der Schlacht auf dem Lechfeld) oder in den eroberten Gebieten sesshaft. Dabei kam es oft zur sozialen Überschichtung der bodenständigen Bevölkerung.

In der materiellen Kultur des Westens hinterließen sie einige deutliche Spuren. Militärisch ging auf sie z. B. nicht nur die Lanze der Ulanen oder der Schellenbaum der ehemaligen osmanischen Militärmusik zurück, sondern vor allem Neuerungen der Befestigungstechnik der Städte. Andererseits verdanken Spanien und Portugal ihre Bewässerungskultur und einiges mehr ursprünglich berberischen Reitern.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bodo Anke: Studien zur reiternomadischen Kultur des 4. bis 5. Jahrhunderts. In: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. Band 8. Beier & Beran, Weißbach 1998.
  • Elcin Kürsat-Ahlers: Zur frühen Staatenbildung von Steppenvölkern - Über die Sozio- und Psychogenese der eurasischen Nomadenreiche am Beispiel der Xiongnu und Göktürken mit einem Exkurs über die Skythen (Sozialwissenschaftliche Schriften, Heft 28). Duncker & Humblot, Berlin 1994, ISBN 3-428-07761-X, ISSN 0935-4808.
  • Walter Pohl, Carola Metzner-Nebelsick, Falko Daim: Reiternomaden. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 24. de Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 395ff.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Walter Pohl: Die Awaren. München 2002, S. 21ff.
  2. Ortsbestimmung der Gegenwart, Bd. 1, 1950.
  3. Vgl. Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. Darmstadt 1992, S. 7.
  4. Vgl. Jürgen Paul: Zentralasien. Frankfurt am Main 2012, S. 62ff.
  5. Helwig Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. München 2008, S. 48.
  6. Vgl. einführend Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 10ff.
  7. Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. Darmstadt 1992, S. 7f.