Rennrodeln

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Rennrodeln, Doppel- und Einzelsitzer, auf einem Olympia-Briefmarkenblock der DDR zu den Olympischen Winterspielen 1988
Naturbahnrodeln

Rennrodeln ist eine Wintersportart. Sie ist aus dem Freizeitvergnügen Rodeln hervorgegangen. Man unterscheidet zwischen Kunstbahnrodeln (olympischer Status) und Naturbahnrodeln (Weltmeisterschaften).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 17. Jahrhundert entstanden in Russland vor allem in der Gegend um das heutige Sankt Petersburg und in Moskau später hierzulande so bezeichnete „Russische Berge“ oder auch „Rutschberge“. Bei Winter-Temperaturen wurden Rampen aus Holz mit Schnee und Eis bedeckt, sodass auf einer mehrere Zentimeter starken Eisschicht diese künstlichen „Berge“ heruntergerutscht werden konnte. Um die Vereisung zu halten, wurde sie täglich mit gefrierendem Wasser übergossen. Als „Schlitten“ wurden zunächst Eisblöcke benutzt, auf denen ein Sitz aus Holz und Wolle für die Fahrer befestigt wurde. Die Bahnen waren vor allem unter der reicheren Bevölkerung und Adelingen beliebt und wurden teilweise aufwendig gestaltet, dekoriert und mit Bäumen umpflanzt. Häufig ist zu lesen, Napoleons Soldaten hätten die unter dem französischen Namen Montagnes Russes bekanntgewordene Erfindung während des Russlandfeldzugs kennengelernt und sie mit nach Westeuropa, insbesondere nach Frankreich gebracht. Es gibt aber Berichte, nach denen schon 1804 im Quartier des Ternes in Paris ein Russischer Berg in Betrieb war. Wegen häufiger Unfälle wurde er stillgelegt.[1]

Russische Truppen brachten sie 1813 erneut nach Paris, von wo aus sie sich auch im deutschsprachigen Raum eine gewisse Zeit verbreiteten. Man fuhr nun auch ohne Eis auf Schlitten, die in Schienen glitten, „… welche am Ende des Wegs oft eine aufrechte Schlinge bildeten, die man, durch die Zentrifugalkraft gehalten, mit nach unten hängendem Kopf durchfuhr“.[2][3]

Der Schlittensport wurde Anfang des 19. Jahrhunderts populär. Anfänglich wurden Holzschlitten wie der Davoser Schlitten oder der Grindelwalder Schlitten verwendet. Daraus entwickelten sich die Wintersportarten Rennrodeln und Bob. Das erste Rodelrennen war 1883 in Davos. 1888 entwickelte ein Engländer den Bob, indem er zwei Schlitten hintereinander mit einem Brett verband. Damals wurden die Rennen ausschließlich auf natürlichen Rodelbahnen ausgetragen, also auf Waldwegen, die vorwiegend zum Holztransport angelegt waren.

1910 fand das erste Rodelrennen auf einer Kunstbahn statt. Die Trennung in zwei eigenständige Sportarten erfolgte 1964, als die Rennen auf der Kunstbahn in das olympische Programm aufgenommen wurden. Daraufhin wurden auch die Europa- und Weltmeisterschaften nur noch auf diesen Bahnen ausgetragen, bis 1970 die erste Naturbahn-EM stattfand.

Seit 1957 gibt es die Fédération Internationale de Luge de Course (FIL), die sich als eigenständige Rennrodel-Organisation von der FIBT abspaltete. In dieser sind neben den Bobfahrern auch weiterhin die Sportler des, dem Rennrodeln sehr ähnlichen, Skeleton-Sports organisiert. In Deutschland sind alle drei Sportarten im Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) zusammengefasst.

Kunstbahnrodeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rodel-Start der Olympia-Eisbahn in Calgary

Bei diesem Sport wird mittlerweile fast nur noch auf einer Kunsteisbahn gerodelt, wobei der Fahrer auf dem Rücken liegt. Gelenkt wird durch Beindruck und Verlagerung des Oberkörpers. Die ideale Fahrweise ist dabei, sich so flach wie möglich auf dem Rodel zu halten. Das Beschleunigen beim Start erfolgt über kurze Schläge mit den Händen auf das Eis, Paddelschläge.

Wettbewerbe finden traditionell in vier Disziplinen statt: Einzel (Frauen und Männer), Doppelsitzer und in der Teamstaffel. Im Doppelsitzer-Wettbewerb wird keine Geschlechtertrennung angewendet, es dürfen sowohl Männer als auch Frauen teilnehmen. Aufgrund der natürlichen körperlichen Überlegenheit bestehen Doppelsitzer-Teams im Leistungssport allerdings seit den 1960er Jahren fast ausschließlich aus Männern. Bei internationalen Meisterschaften wurde auch ein Mannschaftswettbewerb (beide Einzel und Doppelsitzer) ausgetragen. Dieser wurde durch die Teamstaffel abgelöst, in der seit der Saison 2010/11 Weltcuprennen stattfinden;[4] seit 2014 ist sie auch olympische Disziplin. Außerdem gibt es seit dem Winter 2014/2015 die Disziplin Sprint (Frauen, Männer, Doppelsitzer), bei der nur ein Lauf mit fliegendem Start ausgetragen wird. Sie war 2016 bei der Weltmeisterschaft in Königssee erstmals Weltmeisterschaftsdisziplin. Im Weltcup gibt es derzeit keine separate Sprint-Wertung.

Der Rodelsport ist seit 1964 Olympiadisziplin. Zudem finden Weltmeisterschaften seit 1955 statt. Artverwandt mit dem Rodeln ist Skeleton, welches, im Gegensatz zum Rodeln, auf dem Bauch liegend gefahren wird. Zudem hat der Skeleton-Schlitten wie der Bobschlitten bewegliche Kufen, was beide Sportarten letztlich doch stark vom Rennrodeln unterscheidet, wo fest montierte Kufen verwendet werden.

Statistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Internationale Wettkämpfe im Rodelsport werden traditionell von Athleten aus Deutschland, Italien (hier speziell aus der Region Südtirol) und Österreich dominiert, bei den Frauen sogar vorwiegend von den Deutschen allein. Bei den Weltmeisterschaften 2004 in Nagano und den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin gewannen die deutschen Frauen alle drei Medaillen, die deutschen Herren belegten in Nagano jeweils die beiden ersten Plätze im Einer und im Doppelsitzer. Zudem entschieden sie den Mannschaftswettbewerb für sich. Die beherrschende Stellung einer Nation ist in kaum einer anderen Sportart so ausgeprägt wie beim Rodeln. Sportler aus beiden deutschen Staaten und seit 1990 (Olympische Spiele 1964: gesamtdeutsche Mannschaft) aus dem wiedervereinigten Deutschland gewannen

  • von 1964 bis 2006 65 von 108 olympischen Medaillen (60 %),
    • darauf entfielen 24 von 36 Olympiasiegen (67 %),
  • von 1960 bis 2005 insgesamt 188 von 327 WM-Medaillen (57 %),
    • davon zwei Drittel (67 %) aller Weltmeistertitel, und
  • von 1978 bis 2005 33 von 86 Weltcupgesamtsiegen (38 %).
  • Bei den Frauen entfielen sogar 71 % aller WM-Medaillen und über 84 % der Weltmeistertitel auf deutsche Athletinnen. Des öfteren belegen sie bei großen internationalen Wettkämpfen die ersten drei Plätze.
  • Ab 1997 gewannen 13 Jahre lang ausschließlich Athletinnen aus Deutschland Weltcuprennen, am 5. Dezember 2010 den 100. Wettbewerb nacheinander. Diese Serie riss nach 105 Siegen in Folge am 12. Februar 2011 in Paramonowo.
  • Auch bei den Doppelsitzern der Herren und im Mannschaftswettbewerb gingen jeweils rund zwei Drittel aller Titel nach Deutschland.

Kunsteisbahnen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland ist derzeit das einzige Land, das vier Bahnen besitzt. Weltweit bestehen Bahnen an folgenden Orten:

Europa

Nordamerika

Asien

Kunsteisbahnen, die nicht mehr in Betrieb sind:

Weltcupbahnen: Altenberg, Calgary, Innsbruck, Königssee, Lake Placid, Lillehammer, Oberhof, Park City, Sigulda, Sotschi, Winterberg.

Als die weltweit schwersten Bahnen gelten Lake Placid, Sigulda und Lillehammer.

Natureisbahnen mit erhöhten Kurven für Kunstbahnrodler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weltweit gibt es nur noch sehr wenige künstlich angelegte Bahnen, die noch wie in der Frühzeit des Rodelsports ohne Vereisungsanlage betrieben werden. Sie sind daher nur bei entsprechenden Minusgraden benutzbar. Dazu gehören:

Naturbahnrodeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Naturbahnrodeln
Rollenrodeln

Bei diesem Sport wird auf einer vereisten Naturbahn gerodelt, also auf einer Forststraße oder einer straßenähnlichen Anlage. Die Kurven sind nicht überhöht; eine Eisanlage, die die Vereisung der Strecke unterstützt, ist nicht vorhanden. Die Bahn wird mit Schnee präpariert und dann komplett vereist. Kurven werden mit Banden (Holz, Plastik, Schaumstoff) abgegrenzt. Die Sportgeräte weisen wesentliche Unterschiede zu jenen beim Kunstbahnrodeln auf: Die Kanten sind messerscharf, die Kufen durch Gummilagerung beweglich und mit einem Stahl-Lenkriemen versehen. Zum Lenken verwenden Athleten neben den Beinen auch die Hände oder Arme. Das Naturbahnrodeln gilt als ursprünglichste Variante des Rodelns. Bis zur Aufnahme des Kunstbahnrodelns zu den Olympischen Spielen 1964 in Innsbruck wurden auf beiden Bahnen dieselben Sportgeräte verwendet. Alle Wettkämpfe, die vorher stattfanden, wurden nachträglich als Kunstbahn-Wettkämpfe gewertet. Der Naturbahnrodelsport hat sich als Sportart seit 1964 selbständig entwickelt. 1970 fanden die ersten Europameisterschaften in Kapfenberg (Österreich) statt, 1979 die ersten Weltmeisterschaften in Inzing (Österreich). Seit 1992 gibt es auch einen Weltcup, der sechs Veranstaltungen umfasst. Neu wurden auch Parallel-Rennen sowie Sprint-Rennen eingeführt.

Rennrodeln auf Naturbahn stellt eine Variante des Rennrodelns dar und gilt zugleich als ursprünglichste und traditionellste Form des Rodelsports. Aus dem Naturbahnrodeln entwickelte sich die olympische Disziplin Rennrodeln auf Kunsteisbahnen. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Schlittenrennen überwiegend auf verschneiten Waldwegen mit ein bis zwei Meter hohen Schneewänden in den Kurven gefahren. Ab 1910 begann man Rodelbahnen anzulegen und die überhöhten Kurven zu vereisen, wodurch die ersten Kunstbahnen entstanden. Nach der Olympiapremiere des Rennrodelns auf Kunsteisbahnen im Jahr 1964 trennte sich schließlich die Entwicklung von Kunst- und Naturbahnrodeln. 1966 gründete sich innerhalb des Internationalen Rennrodelverbandes (FIL) eine eigene Naturbahnkommission, die sich ausschließlich um diese Sportart kümmerte. Im Jahr 1970 fand im österreichischen Kapfenberg die erste Europameisterschaft und 1979 in Inzing (AUT) die erste Weltmeisterschaft im Naturbahnrodeln statt. Seit den 1970er Jahren versucht die FIL, Naturbahnrodeln als olympische Disziplin anerkennen zu lassen. Bisher wurden jedoch alle Anträge abgelehnt. Im Jahr 1992 fanden schließlich die ersten Weltcuprennen im finnischen Rautavaara (Nähe Kuopio) statt. Der Rennrodelsport auf Naturbahnen umfasst die Disziplinen Damen Einsitzer, Herren Einsitzer und Doppelsitzer. Zusätzlich wird ein Teamwettbewerb mit je einem Einsitzer der Frauen und Männer und einem Doppelsitzer durchgeführt. Zusätzlich gibt es auch Parallelwettbewerbe bei denen zwei Rodler auf nebeneinander liegenden Strecken gegeneinander fahren.

Der Sportler startet beim Naturbahnrodeln im Sitzen, zieht sich von einem Haltegriff auf einer vereisten Startrampe ab und beschleunigt durch kräftige Paddelschläge mit den Händen. Der Fahrer trägt dabei Handschuhe mit Spikes. Gesteuert wird durch Gewichtsverlagerung und Beindruck am Kufenaufbug sowie mit dem Lenkseil, das an den Kufenenden befestigt ist. Durch den Einsatz von Spikes an den Schuhen kann gebremst werden. Nach Stürzen dürfen die Athleten ihre Fahrt aus eigener Kraft fortsetzen. Ein Naturbahnschlitten besteht aus einer Sitzschale und einer Sitzmatte, zwei ungeteilten Sitzböcken, zwei Kufen und zwei Laufschienen. Die Laufschienen dürfen weder flexibel noch quergeteilt sein und sind sehr scharf geschliffen. Das Gewicht eines Naturbahnschlittens beträgt maximal 20 kg für die Doppelsitzer und 14 kg für die Einsitzer. Die Athleten rodeln auf Spezialschlitten nur wenige Zentimeter über dem Eis auf den präparierten Naturrodelbahnen hinunter und erreichen dabei Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 90 km/h.

Durch die messerscharfen Schienen hält der Athlet den Rodel in der Spur. Um die Fliehkräfte in den Kurven zu bewältigen, sind Bremsmanöver wichtig. Durch stetige technische Innovationen wurde der Rennrodel für Naturbahnen zu einem professionellen und dynamischen Sportgerät. Das Rennrodeln auf Naturbahnen stellt bis heute eine umweltfreundliche und nachhaltige Natursportart dar. Durch die fehlende künstliche Vereisung und der vielfältigen Nutzung der Rodelstrecken, die im Sommer als Forst- und Bergstraßen dienen, bleibt diese Disziplin eine der natürlichsten Formen des Rodelns.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Rennrodeln – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Rennrodeln – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robert Cartmell: The Incredible Scream Machine: A History of the Roller Coaster Bowling Green State University Popular Press, 1987, ISBN 0-87972-341-6.
  2. Meyers Konversations-Lexikon, 1888. http://www.eLexikon.ch/1888_bild/14_0105#Bild_1888.
  3. Belehrungs- und Unterhaltungsblatt für den Landmann und kleinen Gewerbsmann Böhmens, Band 3,Haase Söhne, 1840. https://books.google.de/books?id=zntfAAAAcAAJ&pg=PA85&lpg=PA85&dq=rutschberge&source=bl&ots=FNlTjWITl_&sig=AHZWQz6yRJPQrtqvIP9CVm-MvjI&hl=de&sa=X&ved=0CDkQ6AEwBWoVChMIo-yx9JraxwIVCroaCh3LiAYT#v=onepage&q=rutschberge&f=false.
  4. Rodeln: Team-Staffel mit Weltcup-Status Bob- und Schlittenverband für Deutschland, 12. August 2010, abgerufen am 21. Februar 2016.
  5. > Bayrischer Bob- und Schlittenverband