Savielly Tartakower

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ksawery Tartakower.jpg
Savielly Tartakower
Verband PolenPolen Polen (bis 1939)
FrankreichFrankreich Frankreich (nach 1939)
Geboren 21. Februar 1887
Rostow am Don
Gestorben 5. Februar 1956
Paris
Titel Großmeister (1950)
Beste Elo‑Zahl 2719 (Januar 1921) (Historische Elo-Zahl)

Savielly Grigoriewitsch Tartakower (auch Xavier Tartakower, Ksawery Tartakower; * 21. Februar 1887 in Rostow am Don, Kaiserreich Russland; † 5. Februar 1956 in Paris) war ein polnisch-französischer Schachmeister und Buchautor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Savielly Tartakower wurde in Rostow am Don als Sohn eines österreichischen Vaters und einer polnischen Mutter geboren. Die ursprünglich dem Judentum angehörende Familie konvertierte zum römisch-katholischen Glauben (Tartakower selbst kehrte in späteren Jahren zur jüdischen Religion zurück).[1] Die Eltern, die in Rostow zu Ansehen und Wohlstand gekommen waren, betrieben einen Kaufladen in der Innenstadt. Tartakower hatte einen Bruder (Arthur, * 1888, † 1914 im Ersten Weltkrieg auf Seiten Österreichs, er spielte ebenfalls Schach) und zwei Schwestern. Die Eltern schickten die beiden Söhne zur Ausbildung in die Schweiz und nach Österreich. Im Februar 1911 wurden die Eltern in ihrer eigenen Wohnung bei einem Raubüberfall ermordet.[2] Tartakower besuchte von 1899 bis 1904 in Genf und in seiner Heimatstadt das Gymnasium. Nach dem Abitur studierte er von 1904 bis 1909 Rechtswissenschaft an der Universität Wien, wo er auch zum Doktor der Rechte promoviert wurde. Bis zum Ausbruch des Weltkrieges war er Advokaturskandidat in Wien.[3] Am Ersten Weltkrieg nahm Tartakower als Offizier der österreichisch-ungarischen Armee teil.

Tartakower erlernte das Schachspiel 1897 von seinem Vater.[4] Nach Tartakowers Worten habe ihn der "Schachteufel" jedoch erst kurz nach dem Abitur gepackt. Er begann anschließend, sich dem Spiel mit großer Intensität zu widmen.[5] Nach seinem Studium betrieb er es als Berufsspieler. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des österreichischen Imperiums verlor er seine österreichische Staatsbürgerschaft und erhielt kurzfristig die ukrainische, die aber bald darauf durch die polnische ersetzt wurde, obwohl Tartakower, der fließend Deutsch, Russisch und Französisch beherrschte, kein Polnisch sprach.[6] Ab 1924 lebte er in Frankreich. Während des Zweiten Weltkrieges war er unter dem Pseudonym G. Cartier Angehöriger der Freien Französische Streitkräfte und hatte dort den Rang eines Leutnants inne. Nach dem Fall Frankreichs konnte er sich nach England retten.[7] Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt er die französische Staatsbürgerschaft.[8]

Schachkarriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tartakower gewann zahlreiche Turniere. 1906 erhielt er nach seinem Sieg beim Hauptturnier in Nürnberg den (informellen) Meistertitel verliehen. 1920 gewann er gemeinsam mit Ernst Grünfeld in Wien. 1926 in Bartfield (zusammen mit Hermanis Matisons) sowie 1927/28 das Neujahrsturnier von Hastings. 1927 siegte er in Kecskemét und gemeinsam mit Aaron Nimzowitsch in Bad Niendorf und London (ebenfalls geteilt mit Nimzowitsch). 1927/28 wiederholte er seinen Vorjahrstriumpph in Hastings. 1928 folgte ein Sieg in Scarborough, 1930 Siege in Nizza und Lüttich. Für 1933 ist sein zweiter Platz hinter Weltmeister Alexander Aljechin in Paris erwähnenswert. 1934 war er geteilter 1-3. in Barcelona. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang ihm sein dritter Erfolg in Hastings (1945/46), außerdem Siege in Baarn 1947, Venedig 1947, Beverwijk 1949 und Southsea 1950 (zusammen mit Arthur Bisguier).

Tartakower gewann zudem mehrere Wettkämpfe: 1906 schlug er Paul Johner in Nürnberg 5-2 (+5,-2), 1913 Rudolf Spielmann in Wien 6-3 (+5,=2,-2), 1914 Richard Réti in Wien 3,5-2,5 (+3,=1,-2), danach 1920 nochmals mit 4,5-1,5 (+3,=3, ebenfalls in Wien) und 1933 Andor Lilienthal mit 7,5-4,5 (+3,=9) in Paris.

Tartakower vertrat bei den Schacholympiaden 1930, 1931, 1933, 1935, 1937 und 1939 Polen, wobei er 1930 in Hamburg mit der polnischen Mannschaft Olympiasieger wurde. Er erreichte außerdem mit der Mannschaft 1931 und 1939 den zweiten, 1935 und 1937 den dritten Platz; in der Einzelwertung gelang ihm 1931 das beste Ergebnis am zweiten Brett, 1933 und 1935 jeweils das drittbeste Ergebnis am ersten Brett.[9] Zudem nahm er an den polnischen Landesmeisterschaften 1927, 1935 und 1937 teil. Er wurde bei seinen beiden letzten Teilnahmen polnischer Meister. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges spielte er für die französische Nationalmannschaft bei der Schacholympiade 1950.[9] Im gleichen Jahr verlieh ihm der Weltschachbund FIDE den neu geschaffenen Großmeistertitel in Würdigung seiner erfolgreichen Schachlaufbahn. 1953 gewann er in Paris die französische Landesmeisterschaft.

Seine beste historische Elo-Zahl betrug 2719 im Januar 1921. Wenig später, im März 1921, belegte er zeitweilig den dritten Platz auf der nachträglich berechneten Weltrangliste.

Schachjournalismus und Schriftstellerei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tartakower war ein erfolgreicher Schachschriftsteller. Sein Hauptwerk ist Die hypermoderne Schachpartie (1924 erschienen). Er war als Journalist für zahlreiche Zeitungen und Schachjournale weltweit tätig.

Seine auf das Schach bezogenen geistreichen Aphorismen wurden sehr bekannt und als Tartakowerismen bezeichnet, zum Beispiel:

  • „Die Drohung ist stets stärker als die Ausführung.“
  • „Es ist immer besser, die Steine seines Gegners zu opfern.“
  • „Die Fehler sind da, um gemacht zu werden.“
  • „Der vorletzte Fehler gewinnt.“

Charakteristik durch Zeitgenossen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schachgroßmeister und Psychologe Reuben Fine charakterisierte ihn als einen „Mann von breiter kultureller Bildung, meisterhaften Sprachkundler, Dichter, hellen Kopf, Philosophen und ergötzlichen Unterhalter“.[10] Der Schachmeister und Journalist Hans Kmoch schrieb in seinem Nekrolog über Tartakower: „Tartakower starb, doch sein Ruhm wird es niemals: seine Bücher werden ihn stets verkünden. Diese Bücher sind, neben ihrem schachspezifischen Wert, Dokumente eines wahrhaft warmherzigen Menschen; denn nichts außer Anerkennung und tiefe Sympathie wird den Spielern zuteil, Er war ein echter Liebhaber des Schachs und liebte es, all jene, die das Spiel betrieben, zu ermutigen."[11] In den 1920er Jahren zählte Tartakower gemeinsam mit Meistern wie Aaron Nimzowitsch und Richard Réti zur sogenannten hypermodernen Schule.

Beiträge zur Schachtheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Tartakower sind zahlreiche Varianten in verschiedenen Eröffnungen benannt:

  • Am bekanntesten ist die Tartakower-Variante im Abgelehnten Damengambit, die nach den Zügen 1.d2-d4 d7-d5 2.c2-c4 e7-e6 3.Sb1-c3 Sg8-f6 4.Lc1-g5 Lf8-e7 5.e2-e3 0-0 6.Sg1-f3 h7-h6 7.Lg5-h4 b7-b6 entsteht und von Tartakower in London 1922 gegen José Raúl Capablanca eingeführt wurde
  • In der Caro-Kann-Verteidigung die Zugfolge 1.e2-e4 c7-c6 2.d2-d4 d7-d5 3.Sb1-c3 d5xe4 4.Sc3xe4 Sg8-f6 5.Se4xf6+ e7xf6
  • In der Französischen Verteidigung die Variante 1.e2-e4 e7-e6 2.d2-d4 d7-d5 3.Sb1-c3 Sg8-f6 4.Lc1-g5 Lf8-e7 5.e4-e5 Sf6-e4 (von Tartakower erstmals 1907 in Wien gegen Rudolf Spielmann angewandt)
  • In der Aljechin-Verteidigung das Abspiel 1.e2-e4 Sg8-f6 2.e4-e5 Sf6-d5 3.d2-d4 d7-d6 4.c2-c4 Sd5-b6 5.f2-f4 d6xe5 6.f4xe5 Sb8-c6 7.Lc1-e3 Lc8-f5 8.Sb1-c3 e7-e6 9.Sg1-f3 Dd8-d7

Auch die Katalanische Eröffnung verdankt ihre Bezeichnung Savielly Tartakower. Denn bei dem Schachturnier von 1929 in Barcelona baten ihn die Organisatoren dieses Turniers, eine Eröffnung zu schaffen, die nach ihrer Region Katalonien benannt werden sollte. Tartakower selber wird nicht als tatsächlicher Urheber dieser Eröffnung beschrieben. Sein besonderes Verdienst war es aber, dass er diese Spielweise systematisch untersucht und salonfähig gemacht hat.

Partien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Савелий Дудаков: Игра и жизнь Савелия Тартаковера [Saweli Dudakow: Spiel und Leben von Savielly Tartakower] (aus dem Russischen)
  2. Сергей ВОРОНКОВ: Тайна смерти родителей Тартаковера [Sergei Woronkow: Das Geheimnis um den Tod der Eltern Tartakowers] (aus dem Russischen)
  3. Ebd.
  4. Savielly Tartakower: The Myth of the Brilliancy Price. In: Chess Review. März 1951, S. 73.
  5. Savielly Tartakower: From my Chess Memoirs. In: Chess Review. September 1951, S. 272.
  6. Hans Kmoch: Dr. S. G. Tartakower. In: Chess Review. April 1956, S. 123ff.
  7. Chesshistory.com: Tartakower/Cartier (C.N. 4331)
  8. Hans Kmoch: Dr. S. G. Tartakower. In: Chess Review. April 1956, S. 123ff.
  9. a b Xavier Tartakowers Ergebnisse bei Schacholympiaden auf olimpbase.org (englisch)
  10. „… Tartakower was a student of law and literature before the First World War. He was a man of broad cultural attainement, a master linguist, a poet, a wit, a philosopher, and a most delightful conversationalist.“ In: Reuben Fine: The World’s greatest chess games. Courier Cover, 1983, S. 141.
  11. Hans Kmoch: Dr. S. G. Tartakower. In: Chess Review. April 1956, S. 125. (aus dem Englischen)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Savielly Tartakower: Tartakowers Glanzpartien 1905–1930. De Gruyter, Berlin 1956. (französischer Originaltitel: Tartakover vous parle)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Savielly Tartakower – Sammlung von Bildern