Scheich Dscharrah

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Scheich Dscharrah

Scheich Dscharrah (hebräisch שייח' ג'ראח, arabisch الشيخ جراح, DMG aš-Šaiḫ Ǧarrāḥ, englisch Sheikh Jarrah) ist ein Stadtteil von Jerusalem bzw. Ostjerusalem, der überwiegend von Arabern bewohnt wird.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scheich Dscharrah wurde auf dem Hang des Berges Skopus errichtet und nach dem gleichnamigen Emir benannt, der 1201 in der Gegend beerdigt wurde.[1]

Am 13. April 1948, einen Monat vor der Gründung des Staats Israel, wurde ein Versorgungskonvoi auf dem Weg zum Hadassah-Krankenhaus angegriffen. Die britische Armee, obwohl nur wenige hundert Meter entfernt,[2] griff erst nach sechs Stunden ein. Bei dem Massaker wurden 77 jüdische Ärzte, Krankenschwestern und Patienten getötet.

Von 1948 bis 1967 lag das Viertel an der demilitarisierten Pufferzone an der Grenze Jordanien/Israel. Der einzige Übergang war das Mandelbaumtor, das bis 1952 auf der israelischen Seite, ab dann in der Pufferzone lag. Der Name stammt vom Besitzer des Hauses, neben dem der Übergang errichtet worden war. Der Übergang war nur für diplomatisches Personal möglich.

In den 1960er-Jahren wurde das Viertel ein beliebter Ort für Konsulate und internationale Organisationen, unter anderem dem britischen und türkischen Konsulat in der Nashashibi Street und den Konsulaten Belgiens, Schwedens und Spaniens, die, zusammen mit der UN-Mission, in der Saint George Street liegen. Auch die deutsche Friedrich-Naumann-Stiftung hat hier ihr Jerusalemer Büro. Ebenso wohnen hier noch relativ viele alteingesessene arabisch-palästinensische Familien, von denen nicht wenige sich im Zentrum aktueller israelisch-palästinensischer Eigentumsstreitigkeiten befinden.

Zu den Sehenswürdigkeiten zählen die Königsgräber und das Grab von Simon dem Gerechten (hebräisch קבר שמעון הצדיק).

Zu den wichtigen Gebäuden von Scheich Dscharrah gehören das St. John of Jerusalem Eye Hospital und das St. Joseph’s French Hospital, daneben aber auch die 1898 erbaute anglikanische St. George’s School und die Jerusalemer American Colony. Das Shepherd-Hotel, in den 1930er-Jahren für Mohammed Amin al-Husseini, den Großmufti von Jerusalem, errichtet, wurde am 10. Januar 2011 bis auf einen kleinen denkmalgeschützten Teil abgerissen. Das so freigewordene Gelände soll dem Wohnungsbau jüdischer Siedler dienen. Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton protestierten gegen diesen Schritt.[3]

Die Strecke der 2011 eröffneten ersten Linie der Stadtbahn Jerusalem führt mit den Haltestellen Damaskustor, Shivtei Israel, Shim'on Ha-Tsadik und Ammunition Hill entlang der westlichen Begrenzung des Stadtteils.

Zwischen 2011 und 2017 war eine deutliche Einschränkung der international verurteilten Bautätigkeit für jüdische Bewohner in Ostjerusalem zu verzeichnen, wofür diplomatischer Einfluss auf die israelische Regierung verantwortlich gemacht wurde. Dies änderte sich mit der Amtsübernahme von US-Präsident Donald Trump, dem Erklärungen rechtsgerichteter israelischer Politiker folgten, dass die Phase der eingefrorenen Bautätigkeit vorüber sei. Der besetzte Stadtteil Scheich Dscharrah stand mit mehreren Projekten, die den zwangsweisen Auszug der bisherigen palästinensischen Bewohner der betroffenen Gebäude vorsahen, im Zentrum der kontroversen Diskussion um jüdische Bauvorhaben.[4] Im September 2017 wurde in Scheich Dscharrah unter Polizeieinsatz erstmals seit 2009 wieder eine palästinensische Familie aus ihrem seit den 1960er Jahren bewohnten Haus vertrieben, nachdem das Oberste Gericht Israels die Besitzansprüche jüdischer Kläger für gültig befunden hatte.[5] Im Mai 2018 protestierte die israelische Friedensorganisation „Peace Now“ gegen drohende weitere Vertreibungen von Palästinensern zugunsten jüdischer Siedler in den Wohnvierteln Scheich Dscharrah und Silwan und beklagte die Unterstützung der israelischen Regierung für Siedlerorganisationen.[6]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. John M. Oesterreicher, Anne Sinai: Jerusalem. John Day, 1974, ISBN 0-381-98266-1, S. 22.
  2. Eine Universität für Israel In: Israelnetz.de, 26. August 2018, abgerufen am 7. September 2018.
  3. Jerusalem: Zwangsräumung in Scheich Scharra (Spiegel online, 13. August 2009)
  4. Nir Hasson: After Long Freeze, Israel Again Promoting East Jerusalem Construction for Jews. In: Haaretz.com vom 3. Juli 2017, abgerufen am 19. November 2018 (englisch)
  5. Palestinian family evicted from East Jerusalem home after decades. In: Times of Israel vom 5. September 2017, abgerufen am 19. November 2018 (englisch)
  6. Peace Now: Systematic dispossession of Palestinian communities in Sheikh Jarrah and Silwan. Meldung vom 27. Mai 2018, abgerufen am 19. November 2018 (englisch)