Schiffsunglück im Mittelmeer am 19. April 2015

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Koordinaten: 36° 11′ 0″ N, 12° 5′ 1″ O

Karte: Italien
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Unglücksstelle
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Italien

Beim Schiffsunglück im Mittelmeer am 19. April 2015 kenterte in der Nacht vom 18. auf den 19. April 2015 ein überladenes Flüchtlingsboot auf dem Weg von Libyen nach Italien. Ein Überlebender berichtete, es seien 950 Personen an Bord gewesen.[1] Zunächst war verbreitet worden, dass bis zu 800 Menschen ertrunken wären,[2] nur 28 Menschen konnten gerettet werden (darunter der Kapitän und der Steuermann),[3] womit dies die größte Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer wäre. Im Juni 2016 wurde das Wrack gehoben und die Zahl der Opfer von der italienischen Marine auf etwa 500 korrigiert.[4]

Laut UNHCR waren in der vorangehenden Woche mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer ertrunken.[5]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flüchtlinge bzw. potentielle Migranten haben meist keine Chance ein Visum zu erhalten und regulär in die EU einzureisen. Eine große Zahl nutzt stattdessen Angebote von Schleusern bzw. Menschenschmugglern. In den EU-Staaten stehen schutzberechtigte Flüchtlinge unter dem Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention (siehe: Asyl und subsidiärer Schutz), wobei ein Asylantrag an einen EU-Staat nur im jeweiligen Staat bzw. bei der Einreise gestellt werden kann.

Der Weg per Flüchtlingsboot über das Mittelmeer gilt dabei als „die tödlichste Route“ in die EU.[6]

Die allein von Italien getragene Seenotrettungs­operation Mare Nostrum war im Oktober 2014 ausgelaufen und wurde von der Operation Triton unter Führung der EU-Grenzagentur Frontex ersetzt.[7] Triton ist aber finanziell deutlich geringer ausgestattet, als Mare Nostrum es war, und ihre Schiffe sind nicht befugt, sich mehr als 30 Seemeilen von der italienischen Küste zu entfernen.[8] Angesichts der wiederkehrenden Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer wird der EU Untätigkeit in der Flüchtlings- und Asylpolitik vorgeworfen.

Unglück und Rettungsaktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das unbekannte Schiff, vermutlich ein Fischkutter, kenterte vor der libyschen Küste, rund 200 Kilometer entfernt von der italienischen Insel Lampedusa. Um etwa 23:30 Uhr ging ein Notruf bei der italienischen Küstenwache ein, die daraufhin den Frachter King Jacob der Reederei König & Cie. zu der Unglücksstelle dirigierte.[9] Die italienische Küstenwache teilte mit, auf dem Schiff hätten sich 500 bis 700 Migranten befunden.

Nach gegenwärtigen Rekonstruktionen des Hergangs durch die italienische Staatsanwaltschaft und das UN-Flüchtlingswerk hat das Flüchtlingsboot den Frachter gerammt. Es wird angenommen, dass der Kapitän sich verstecken wollte und unvorsichtig manövrierte. In der Panik nach dem Zusammenstoß neigte sich das überladene Schiff immer weiter zur Seite, bis es kenterte.[10]

Mehrere Schiffe waren an der Rettungsaktion beteiligt. Als Unglücksstelle wurde eine Position rund 130 km vor der libyschen Küste, südlich der Küste Lampedusas ausgemacht.[2] Italiens Küstenwache und Marine, die maltesische Marine und Handelsschiffe suchten mit Booten und drei Hubschraubern am Unglücksort nach Überlebenden. Unter den Ersthelfern befanden sich auch sieben italienische Fischerboote.[3] 28 Menschen konnten gerettet werden. Die Überlebenden stammen aus Mali, Gambia, Senegal, Somalia, Eritrea und Bangladesch.[11]

Bis zum 20. April 2015 konnten von den Rettungskräften 27 Tote geborgen werden.[3]

Bergung des Wracks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang Mai 2015 entdeckte die italienische Marine das wahrscheinliche Wrack des Flüchtlingsschiffs etwa 150 Kilometer nordöstlich der libyschen Küste in etwa 375 Metern Tiefe.[12] Matteo Renzi kündigte an, das Schiff heben lassen zu wollen.[13] Die Staatsanwaltschaft in Italien teilte hingegen mit, es sei nicht notwendig, dass die Leichen aus dem Wrack geborgen werden.[14]

Das Schiff wurde am 27. Juni 2016 aus 370 m Tiefe geborgen.[15] Das Wrack wird von der Marine nach Sizilien gebracht, die Überreste in einer etwa 30 Meter langen kühlbaren Transportvorrichtung aufbewahrt. Die Toten sollen identifiziert werden.[15]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sprecherin des UNHCR Südeuropa, Carlotta Sami, erklärte, sollten die Zahlen sich bestätigen, so wäre dies „das schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer beobachtet wurde.“[16] Sie verlangte nach der Katastrophe eine Wiederauflage des Seenotrettungsprogramms Mare Nostrum, aber nun in gesamteuropäischer Verantwortung.

Ärzte ohne Grenzen begann eine eigene Rettungsaktion im Mittelmeer.[17]

Die Beauftragte der deutschen Bundesregierung für Flüchtlinge, Staatsministerin Aydan Özoğuz (SPD), sagte: „Dass wieder so viele Menschen auf dem Weg nach Europa ihr Leben verloren haben, ist ein Armutszeugnis für uns alle.“ Es sei zu befürchten, dass noch mehr Schutzsuchende über das Meer kommen würden. „Deshalb müssen wir endlich die Seenotrettung wieder auflegen. Es war eine Illusion zu glauben, dass die Einstellung von Mare Nostrum Verzweifelte davon abhalten wird, die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer zu wagen.“[18]

Der italienische Regierungschef Matteo Renzi forderte hierzu einen EU-Sondergipfel.[19] Ein Gipfel zu den jüngsten Flüchtlingsdramen im Mittelmeer wurde für den 23. April 2015 anberaumt.[20]

Tony Abbott, der Regierungschef Australiens, empfahl Europa, den Grenzschutz zu verstärken.[21] Australien verfolgt seit dem Wahlsieg der Liberal Party of Australia einen harten Kurs gegen Bootsflüchtlinge. In den vorangegangenen Jahren erreichten immer wieder Flüchtlinge auf dem Seeweg Australien – oftmals jedoch kenterten die Flüchtlingsboote, hunderte Menschen ertranken. Die im September 2013 gewählte Regierung begann ihre Operation Sovereign Borders („stop the boats“) und konnte offiziellen Angaben zufolge die Zahl der Flüchtlinge auf Null senken. Flüchtlingsboote werden entweder zur Umkehr gezwungen oder aber die Flüchtlinge werden in Lagern außerhalb Australiens untergebracht.[22]

Auf einem Krisentreffen der Außen- und Innenminister wurde als direkte Reaktion auf das Schiffsunglück im Mittelmeer am 19. April 2015 von der Europäischen Union ein Zehn-Punkte-Aktionsplan zur Migration beschlossen. In der am 13. Mai verabschiedeten Europäischen Agenda für Migration wurden verschiedenen Maßnahmen zusammengestellt, und die Europäische Union kündigte hiernach an, die Seenothilfe massiv auszuweiten und die Mittel für die EU-Programme Triton und Poseidon verdreifachen zu wollen[23], welche den Einsatz von deutlich mehr Schiffen ermöglichen sollen.[12]

Gerichtsverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 20. April 2015 verhaftete die italienische Polizei den aus Tunesien stammenden Kapitän des Flüchtlingsschiffs, Mohammed Ali Malek, und den aus Syrien stammenden Steuermann Mahmud Bikhi.[24] Ihnen wird fahrlässige Tötung und die Begünstigung illegaler Einwanderung vorgeworfen.[2] Am 13. Dezember 2016 wurde der Kapitän von einem Gericht in Catania zu achtzehn, der Steuermann zu fünf Jahren Haft verurteilt. Außerdem müssen beide Schadensersatz in Höhe von insgesamt zehn Millionen Euro leisten.[25]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Überlebender: „Wir waren 950 Menschen an Bord“. In: Deutsche Welle. 19. April 2015, abgerufen am 20. April 2015.
  2. a b c Kapitän des Flüchtlingsschiffs festgenommen. In: Die Zeit, 21. April 2015.
  3. a b c Es hat uns Seemännern das Herz gebrochen. In: Bild, 20. April 2015.
  4. Nicole Winfield: Italy Lowers Toll From 2015 Migrant Wreck After Ship Raised. In: Associated Press, 30. Juni 2016 (englisch).
  5. Fabian Reinbold: Was kann Europa tun? In: Spiegel Online. 19. April 2015, abgerufen am 20. April 2015.
  6. Zahl der Bootsflüchtlinge höher als je zuvor. In: Die Zeit. 10. Dezember 2014, abgerufen am 23. April 2015.
  7. Mehr als 700 Menschen ertrinken im Mittelmeer. In: Die Zeit. 19. April 2015, abgerufen am 19. April 2015.
  8. Oliver Meiler: Die Hoffnung der Flüchtlinge hängt an Privaten oder NGOs. In: Basler Zeitung. 19. April 2015, abgerufen am 20. April 2015.
  9. Wolfhart Fabarius: „King Jacob“ nach zwei Jahren veräußert, In: Täglicher Hafenbericht, 24. April 2015
  10. Nach Flüchtlingsdrama: Schleuser müssen mit Härte rechnen. stern.de, 21. April 2015, archiviert vom Original am 22. April 2015, abgerufen am 22. April 2015.
  11. Polizei nimmt Kapitän und Steuermann fest. In: Handelsblatt, 21. April 2015.
  12. a b Marine entdeckt wohl Wrack der jüngsten Flüchtlingskatastrophe In: Süddeutsche Zeitung, 7. Mai 2015.
  13. http://www.n-tv.de/politik/Renzi-laesst-Wrack-vor-Libyen-bergen-article15131446.html
  14. Leichen von Flüchtlingen werden nicht geborgen, Tagesspiegel.de, 17. Mai 2015.
  15. a b Marine birgt Wrack von gesunkenem Flüchtlingsboot. In: Spiegel Online. Abgerufen am 30. Juni 2016.
  16. UN befürchten schlimmste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer. In: Süddeutsche Zeitung. 19. April 2015, abgerufen am 27. April 2015.
  17. Ashley Fantz, Josh Levs, Jethro Mullen: 'Genocide' charged as boat capsizes in Mediterranean. In: CNN. 19. April 2015, abgerufen am 19. April 2015 (englisch).
  18. Erneut Hunderte tote Flüchtlinge befürchtet. In: Spiegel Online. 19. April 2015, abgerufen am 19. April 2015.
  19. Italiens Premier Mario Renzi fordert Krisengipfel. In: Der Tagesspiegel. 19. April 2015, abgerufen am 27. April 2015.
  20. Flüchtlingstragödien im Mittelmeer: EU-Sondergipfel am Donnerstag. In: DiePresse.com. 20. April 2015, abgerufen am 20. April 2015.
  21. Australien bietet Europa Nachhilfe an. In: Spiegel Online. 21. April 2015, abgerufen am 22. April 2015.
  22. Harter Kurs in der Flüchtlingspolitik Wie Australien die Grenzen schloss. tagesschau.de, 22. April 2015, archiviert vom Original am 22. April 2015, abgerufen am 22. April 2015.
  23. Europäische Kommission: Bericht der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat. Siebter Halbjahresbericht zum Funktionieren des Schengen-Raums 1. November 2014 – 30. April 2015, 29. Mai 2015. (PDF; 131 KB)
  24. Sie steuerten 800 Flüchtlinge in den Tod. In: Hamburger Morgenpost, 21. April 2015.
  25. Hans-Jürgen Schlamp: Hartes Urteil, kaum Signalwirkung. In: Spiegel Online, 13. Dezember 2016.