Seenotrettung

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Seenotrettungskreuzer Hermann Marwede der DGzRS
Rettungsboot wird vor Cap Code zu Wasser gebracht, circa 1900

Seenotrettung ist die Hilfe für in Seenot geratene Menschen. Zu den Tätigkeiten gehören die Rettung von Schiffbrüchigen, die Brandbekämpfung auf See und die Suche nach Vermissten. Gemäß internationalem Seerecht, unter anderem festgehalten im Seerechtsübereinkommen[1], den SOLAS-Abkommen[2] und dem Internationalen Übereinkommen von 1979 zur Seenotrettung[3] sind alle Küstenstaaten verpflichtet, in ihrem Seegebiet die Rettung Schiffbrüchiger durch geeignete Mittel sicherzustellen[4], wobei die Rettung hilfsbedürftiger Menschen auf See eine Verpflichtung an alle Schiffe und Besatzungen darstellt.

Völkerrecht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das erste SOLAS-Übereinkommen entstand 1913 als Reaktion auf das Unglück der RMS Titanic, bei dem sich herausstellte, das eine einheitliche Alarmierung für sich in Not befindliche Schiffe und auch ein Mindeststandard bezüglich der Rettungsausrüstung nötig ist.[5]

Nach internationalem Seerecht (SOLAS von 1974 und Internationales Übereinkommen von 1979 zur Seenotrettung) und seemännischer Tradition ist jeder Schiffsführer auf hoher See innerhalb seiner Möglichkeiten verpflichtet, unabhängig von Nationalität, Status und Umständen, in welchen sich die Hilfesuchenden befinden, bei Seenot unverzüglich Hilfe zu leisten, wenn er über eine konkrete Notsituation informiert wird. Staaten haben nach SAR-Konvention von 1979 bei Seenot ebenfalls Hilfe zu leisten und die Hilfesuchenden medizinisch zu versorgen und schnell an einen sicheren Ort zu bringen. Dabei koordinieren die staatlichen Seenotleitstellen (Maritime Rescue Coordination Centers) die Rettungsmaßnahmen. Staaten sollen für Schutzsuchende zusätzlich das in diversen Konventionen enthaltene non-refoulement-Gebot beachten, nach dem nicht an einen unsicheren Ort zurückgeführt werden darf.[6][7][8]

Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) hat Handbücher und Prinzipien erarbeitet, die rechtlich nicht bindend sind, aber soweit praktisch anwendbar einen Mindeststandard für die Umsetzung der SAR-Konvention bilden. Die beiden wichtigsten Dokumente sind das International Aeronautical and Maritime Search and Rescue Manual (IAMSAR) und die 2004 veröffentlichten Richtlinien zum Umgang mit geretteten Personen auf See.[9]

Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (englisch „United Nations Convention on the Law of the Sea“, UNCLOS) definiert die sogenannte 200-Meilen-Zone als „exklusive Wirtschaftszone“ des jeweiligen Staates. Jeder Staat ist verantwortlich für die Infrastruktur zur Seenotrettung in diesem Gebiet, er kann dafür seine Streitkräfte ausrüsten oder eine zivile Organisation beauftragen. In vielen westeuropäischen Staaten sind die Wasserrettungsorganisationen spendenfinanzierte Freiwilligenorganisationen, so in Deutschland, Frankreich oder England.

Die Meere sind in Seenotrettungszonen (SAR Zone) unterteilt, für die eine jeweilige Seenotrettungsleitstelle (Maritime Rescue Coordination Center, kurz: MRCC) die Benachrichtigung und Koordination bei Seenotfällen übernimmt.[10] Zur Benachrichtigung und Kommunikation wurde das Global Maritime Distress and Safety System (GMDSS) aufgebaut.

Organisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Integrated Deepwater System Programm der United States Coast Guard.

International unterhalten die Küstenstaaten Leitstellen zur Koordination der Seenotrettung, so genannte Maritime Rescue Coordination Centres. Diese Stellen koordinieren im Seenotfall die zur Verfügung stehenden Kräfte. Weiterhin können eventuell erforderliche Einheiten ausländischer Seenotrettungsdienste alarmiert werden, sofern dies notwendig und möglich ist. Regelmäßig grenzüberschreitende Einsätze finden beispielsweise im Grenzgebiet von Deutschland und den Niederlanden statt.

  • Deutsche SAR-Region: Im Gegensatz zu anderen Staaten hat die Bundesrepublik Deutschland die in der SOLAS-Konvention und im Internationalen Übereinkommen über Seenotrettung von 1979 festgelegten Aufgaben über Suche und Rettung auf See an die privatrechtliche, spendenfinanzierte Vereinigung Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) übertragen. In § 1 Nr. 7 Seeaufgabengesetz (SeeAufgG) ist geregelt, dass dem Bund die Vorsorge für den in Seenotfällen erforderlichen Such- und Rettungsdienst als Staatsaufgabe obliegt. Trotz ihrer privaten Organisationsform ist die (DGzRS) in die deutsche Seesicherheitsarchitektur einbezogen, wobei bislang ungeklärt ist, ob sie als öffentlich-rechtlich Beliehene oder bloße Verwaltungshelferin der Bundesrepublik Deutschland handelt. Die Kooperation ist historisch gewachsen, da die DGzRS seit dem 29. Mai 1865, also lange vor Gründung der Bundesrepublik in der Seenotrettung tätig ist. Die DGzRS kooperiert mit der Wasserschutzpolizei, der Bundespolizei, dem Zoll, der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung und der Marine, die bei Seenotfällen die DGzRS unterstützen. Von besonderer Bedeutung für den Such- und Rettungsdienst ist die Kooperation mit den Marinefliegern.[11] Das Maritime Rescue Coordination Centre für die deutschen Seegebiete der Nord- und Ostsee ist die Seenotleitung Bremen.
  • Kanadische SAR-Regionen: In Kanada werden Suche und Rettung auf See durch die Kanadische Küstenwache durchgeführt.[12]
  • Britische SAR-Region: hier ist Her Majesty’s Coastguard als Teil der Maritime and Coastguard Agency zuständig.[13] Der Such- und Rettungsdienst hängt stark von Freiwilligen und der spendenfinanzierten Royal National Lifeboat Institution (RNLI) und weiteren lokalen Seenotrettungsinitiativen ab. Die RNLI hat sich das Recht vorbehalten ggf. ihre Boote bei koordinierten Einsätzen selbst anzuweisen.[14][15]
  • US SAR-Regionen: die Aufgabe wird von der United States Coast Guard durchgeführt.[16]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten. Eine Begründung steht auf der Diskussionsseite im Abschnitt „Wildes honeypot Brainstorming. Hier fehlt eine Aufarbeitung anhand seriöser wissenschaftlicher Übersichtsarbeiten.“. Weitere Informationen erhältst du hier.

Die erste Seenotrettungsstation wurde von William Hutchinson 1776 am Formby Point bei Liverpool eingerichtet.[17] 1786 entstand in Boston die Massachusetts Humane Society, die an der Küste erste Rettungshütten errichtete und Rettungsboote stationierte. Die Gesellschaft ging 1871 im United States Live-Saving Service auf, der 1915 mit dem Küstenzoll (United States Revenue Cutter Service) in der United States Coast Guard zusammengefasst wurde.[18] Als die britische Admiralität den Vorschlag des Quakers William Hillary zur Gründung einer Seenotrettungsorganisation ablehnte, gründete dieser 1824 die Royal National Institution for the Preservation of Life from Shipwreck, die 1854 den Namen Royal National Lifeboat Institution annahm.[19] Heute ist sie eine der größten und profiliertesten NGOs und mit über 200 Rettungsstationen in Großbritannien, Irland und auf den Kanalinseln vertreten.[20] Nach dem Untergang des Auswandererschiffes Johanne im Jahr 1854 vor Spiekeroog bei dem die Menschen in Sichtweite ertranken, ohne dass es Rettungsmöglichkeiten gab, bildeten sich verschiedene private Seenotrettungsvereine an der deutschen Küste, die sich 1865 noch vor der Reichsgründung zur Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger zusammenschlossen.[21]

1924 trafen sich Seenotretter aus Dänemark, Frankreich, Japan, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Schweden und den USA in London zur ersten International Lifeboat Conference und gründeten die International Lifeboat Federation (ILF) die 1985 bei der IMO den Status einer beratenden NGO erhielt. Die ILF wurde 2007 in International Maritime Rescue Federation (IMRF) umbenannt und hat nach eigenen Angaben über 100 Mitgliedsorganisationen.[22][23]

1979 gründeten europäische Intellektuelle um Bernard Kouchner, Heinrich Böll und Rupert Neudeck angesichts massenhaft ertrinkender vietnamesischer Bootsflüchtlinge und mangelhafter staatlicher Hilfe zur Rettung auf hoher See die Initiative Ein Schiff für Vietnam.[24][25] Als NGOs und die Vereinten Nationen durch das UNHCR und die IOM kritisierten, dass der Frontex-Grenzschutz sich nur unzureichend um Menschen in Seenot kümmere, entstanden ab 2014 neu gegründete private Seenotrettungsorganisationen wie MOAS und Sea Watch, die Rettungsschiffe ins Mittelmeer sandten.[26][27]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Beispiel für eine Auszeichnung für Lebensretter ist die Italienische Rettungsmedaille zur See.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Evans Clayton: Rescue at Sea: An International History of Lifesaving, Coastal Rescue Craft and Organisations. Conway Maritime Press 2003, ISBN 978-0-85-177934-8.
  • Kristof Gombeer, Melanie Fink: Non-Governmental Organisations and Search and Rescue at Sea. Maritime Safety and Security Law Journal, 2018 Nr. 4.
  • Irini Papanicolopulu: The duty to rescue at sea, in peacetime and at war: A general overview. International Review of the Red Cross 2016, 98 (2), S. 491 ff.
  • Irini Papanicolopulu: International Law and the Protection of People at Sea. Oxford University Press 2018, ISBN 978-0-19-878939-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Seenotrettung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. 28. März 2018. Abgerufen am 13. Januar 2019. – deutsche Übersetzung in der Systematischen Sammlung des Bundesrechts der Schweiz
  2. Internationales Übereinkommen von 1974 zum Schutz des menschlichen Lebens auf See vom 1. November 1974 (BGBl. 1979 II S. 141, 142, dreisprachig)
  3. International Convention on Maritime Search and Rescue (SAR). 22. Juli 1985. Abgerufen am 13. Januar 2019.
  4. Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, Artikel 98. 28. März 2018. Abgerufen am 13. Januar 2019. – deutsche Übersetzung in der Systematischen Sammlung des Bundesrechts der Schweiz
  5. Text of the Convention for the Safety of Life at Sea, Signed at London, January 20, 1914 [with Translation.]. His Majesty's Stationery Office by Harrison and Sons. 1914.
  6. IMO und UNHCR: Rescue at Sea
  7. UNHCR: Background Note on the Protection of Asylum-Seekers and Refugees rescued at Sea
  8. Seenotrettung im Mittelmeer. Bundestag.de. 13. Februar 2018. Abgerufen am 13. Januar 2019.
  9. Kristof Gombeer, Melanie Fink: Non-Governmental Organisations and Search and Rescue at Sea. Maritime Safety and Security Law Journal, 2018 Nr. 4, S. 3.
  10. Search and Rescue Contacts. JRCC Halifax, abgerufen 14. Januar 2019.
  11. Bundestag.de, Wissenschaftlicher Dienst, Registrierung von Schiffen der Seenotrettung, 2018, AZ WD 5 - 3000 - 124/18
  12. Canadiancoastguard, Canadian Coast Guard
  13. gov.uk, About us
  14. Strategic Overview of Search and Rescue in the United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland. UK Government, January 2017, S. 10 f.
  15. Lee Williams: The lifeboat rescue teams hanging by a thread. Guardian, 19. Juni 2016, abgerufen 24. Januar 2019.
  16. dco.uscg.mil, U. S. Coast Guard Office of Search and Rescue (CG-SAR)
  17. Formby Point
  18. History. The Humane Society of Massachusetts, abgerufen 23. Januar 2019.
  19. 1824: Our foundation. Royal National Lifeboat Institution, abgerufen 17. Januar 2019.
  20. Hilton, Crowson u. a.: A Historical Guide to NGOs in Britain: Charities, Civil Society and the Voluntary Sector since 1945. Palgrave 2012, ISBN 978-0-230-30444-4, S. 399.
  21. Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, abgerufen 18. Januar 2019.
  22. About IMRF. IMRF UK, abgerufen 28. Januar 2019.
  23. History of the International Maritime Rescue Federation. Sutori, abgerufen 28. Januar 2019.
  24. Lora Wildenthal: Humanitarianism in Postcolonial Contexts. In: Colonialism and Beyond: Race and Migration from a Postcolonial Perspective. Hrsg.: Bischoff und Engel, Lit-Verlag, 2013, ISBN 978-3-643-90261-0, S. 104 f.
  25. Julia Kleinschmidt: Die Aufnahme der ersten "boat people" in die Bundesrepublik. Bundeszentrale für politische Bildung, 2013.
  26. Paolo Cuttitta: Repoliticization Through Search and Rescue? Humanitarian NGOs and Migration Management in the Central Mediterranean. Geopolitics, Vol. 23, 2018
  27. Daniela Irrera: Migrants, the EU and NGOs: The ‘Practice’ of Non-Governmental SAR Operations. Romanian Journal of European Affairs, Vol. 16, No. 3, 2016, S. 27 ff.