Sommerfrische

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Der Hamburger Unternehmer Henry B. Simms 1910 in der Klobensteiner Sommerfrische. Gemälde von Lovis Corinth
Gruß aus der Sommerfrische Trebishain
Poststempel vom 30. August 1909
Sommerfrische Bremsdorfer Mühle, Lausitz um 1918, nach F. A. Glienke

Das Wort Sommerfrische bezeichnet sowohl die jahreszeitliche Übersiedlung aus der Stadt auf das Land als auch den Zielort.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der vor allem im 19. Jahrhundert verbreitete Begriff „Sommerfrische“ wird im Wörterbuch der Brüder Grimm definiert als „Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit“ oder „Landlust der Städter im Sommer“.[1]

Das Übersiedeln vom Quartier in der Stadt auf den Landsitz ist schon beim Adel in der Antike üblich gewesen. Die Gründe sind anfangs primär wirtschaftlich, der Adel hatte im Sommer den landwirtschaftlichen Betrieb zu betreuen, der die wirtschaftliche Basis seiner Herrschaft bildete. „Urlaubs“-Zeit war dann im Winter, wo die Landwirtschaft ruht. Man konnte in die Stadt übersiedeln und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Daneben schätzte man aber auch, den im Sommer bedenklichen hygienischen Bedingungen der Stadt entkommen zu können.

Während der mittelalterliche Adel Europas eher aus politischer Notwendigkeit heraus zwischen verschiedenen befestigten Ansitzen wechselte, wurde in Kreisen der Aristokratie mit dem Aufblühen der Städte seit der beginnenden Neuzeit (Renaissance) der saisonelle Wechsel von Stadtpalais (Winterschloss) in die Sommerresidenz wieder üblich. Ab der Industrialisierung ging der Brauch auf das gehobene Bürgertum über, das sich Landhäuser errichten ließ.

Das Wort selbst soll dem Italienischen entstammen, venetianisch spricht man davon, dass „der einzige zweck des spaziergangs zu sein scheint, frische und kühlung zu suchen. sie sagen nicht ‚spazieren gehen‘, sondern ‚prendere il fresco‘ (kühlung nehmen)“.[1] Für das Deutsche ist frühe Verwendung aus dem Bozener Raum überliefert, wo die Bürger aus dem heißen Talkessel in die kühlen Sommerwohnungen des Mittelgebirges auf dem Ritten und nach St. Konstantin bei Völs am Schlern zogen:[2]

„frisch(e), f. ebenda, das in diesem sinne schon aus dem 17.
jahrh. bezeugt ist: wo die statt Bozen ire refrigeria oder frischen halten.“[1]

Ab dem 19. Jahrhundert wurde Europa durch die Eisenbahn erschlossen, und das früher aufwändige, unbequeme und auch gefährliche Übersiedeln des gesamten Hausstandes zur Erholungsreise entfiel damit teilweise. Damit war ab Mitte des 19. Jh. die Sommerfrische fester Bestandteil des Sommerlebens der Aristokratie und des wohlhabenden Bürgertums, welches meist in dafür errichteten Saisonvillen verbracht wurde. Diese häufig unbeheizbaren Sommervillen waren oft von namhaften Architekten im sog. Heimatstil entworfen worden.

Wer sich keinen eigenen Sommersitz leisten konnte, quartierte sich in Gasthäusern und dann zunehmend Privatquartieren ein. So sind Sommerfrische und der beginnende Tourismus eng miteinander verbunden, zur Unterkunft kommen dann auch die örtlichen Unterhaltungsangebote für die Sommerfrischler (Sommergäste), wie das vorher unbekannte Freibaden an Seen, Wandern oder Bergsteigen.

Ludwig Steub, der „Entdecker“ Tirols für den deutschen Norden, verwendete den Ausdruck in seinen Büchern und förderte so seine Popularisierung.

In der jüngeren Literatur wird Sommerfrische nicht im Sinne von "Urlaub auf dem Lande", sondern als vorübergehende Verlegung des Wohn- und Arbeitsortes auf das Land verstanden.[3]

Sommerfrischen in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sommerfrische-Villen in Rosenburg am Kamp, Niederösterreich, um 1910

In Österreich hatte die Sommerfrische lange Tradition und war vor allem in gehobenen Gesellschaftsschichten ein Statussymbol.

Bekannte österreichische Sommerfrischen im Fin de Siècle waren das Salzkammergut, die Regionen um Semmering und Rax, Baden bei Wien und Bad Vöslau, sowie das oststeirische Joglland. Der Wienerwald und das Kamptal galten und gelten als traditionelle Wiener Naherholungsräume. Diese Regionen sind zum Teil Zentren des Sommertourismus geblieben. Sie waren z. B. durch die Südbahn (ab 1838), die Semmeringbahn (1854), die Westbahn (1858), die Kamptalbahn, die Salzkammergutbahn (1869), die Salzkammergut-Lokalbahn (1893) und die Wiener Stadtbahn (1898) gut erschlossen worden. In der Gründerzeit kamen Badeorte wie Bad Gastein, Bad Fusch oder das sogenannte Steirische Thermenland hinzu (mit u. a. Bad Gleichenberg, Bad Radkersburg und Bad Waltersdorf), wohingegen der österreichische Alpenraum erst relativ spät durch die Automobilisierung und den Ausbau von Gebirgsstraßen erschlossen wurde. Sogar der Kaiser ging seinerzeit auf Sommerfrische – nach Bad Ischl ins Salzkammergut, Hofstaat, Würdenträger, Künstler, Industrielle und der Adel folgte ihm. Diejenigen Wiener Gesellschaftsschichten, welche sich keinen Aufenthalt in einem der noblen Badeorte leisten konnten oder wollten, bevorzugten einfachere Sommerfrischen im Wienerwald, Weinviertel und Waldviertel. Orte wie Mönichkirchen, Bad Fischau, Gutenstein, St. Andrä-Wördern, Gars am Kamp, Wolkersdorf im Weinviertel, oder Drosendorf an der Thaya erlangten so überregionale Bekanntheit. Zahlreiche Ansichtkeiten zeigten damals durch das einem Prädikat gleichkommenden Wort "Sommerfrische" vor dem Ortsnamen deren Beliebtheit bei den Städtern an. Viele kleinere Orte gaben eigene Prospekte heraus. Ein eigener "Illustrierter Wegweiser durch die österreichischen Kurorte, Sommerfrischen und Winterstationen" erschien von 1908 bis 1914 jährlich in verschiedenen, nach den Kronländern geordneten Ausgaben. Hier war jeder Sommerfrische-Ort mit Kurzdarstellung, Anzahl der Unterkünfte und Versorgung etc. vertreten. Manche Orte hatten auch mehrseitige Inserate geschalten.

Sommerfrische Rosenburg am Kamp um 1910, typische Postkarte einer österreichischen Sommerfrische mit Ansicht des Ortes und Erwähnung wichtiger Bauten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Sommerfrische – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Sommerfrische. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Band 16: Seeleben–Sprechen – (X, 1. Abteilung). S. Hirzel, Leipzig 1905 (woerterbuchnetz.de).
  2. Otto Stolz: Das Wort „Sommerfrische“. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen, 159, 1931, S. 176–179.
  3. Lisa Fischer, Liebe im Grünen. Kreative Sommerfrischen im Schwarzatal und am Semmering, Edition Mokka, 2017, Wien.