Ukrainische Literatur

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Die ukrainische Literatur umfasst diejenigen literarischen Werke, die in ukrainischer Sprache geschrieben sind. Sie entwickelte sich seit Ende des 18. Jahrhunderts überwiegend unter fremder Herrschaft in Polen-Litauen, im Russischen Zarenreich, in Österreich-Ungarn sowie in der Sowjetunion.

Vorgeschichte: Altostslawische Literatur bis 18. Jahrhundert auf dem Boden der heutigen Ukraine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits seit dem 11. Jahrhundert entstanden auf dem Gebiet der Kiewer Rus Chroniken und Heldenepen wie das Igorlied, das mit dem Nibelungenlied verglichen werden kann. Im Wesentlichen bildeten sich jedoch erst nach dem Niedergang des Kiewer Reiches im 13. Jahrhundert getrennte Literaturen in russischer, belarussischer und ukrainischer Sprache heraus. Mit dem „Evangelium von Peresopnycja“ (1556–1561) entstand eine volkstümliche Bibelübersetzung in ukrainisch-belarussischem Dialekt.

Im Großfürstentum Litauen wurde im 17. Jahrhundert neben dem Polnischen und Litauischen im Süden das Belarussisch-Ukrainische als Verkehrssprache verwendet, doch die kulturelle und politische Elite polonisierte sich rasch und betrachtete die Volkssprache als Bauernsprache.[1] Die Schulen wurden von katholischen Laienbruderschaften geleitet, die die Volksbildung stärker förderten als dies die orthodoxen Priester getan hatten. Mit dem kulturellen (Wieder-)Aufstieg Kiews bildete sich eine ukrainische Barockliteratur heraus, die an den Hof in Vilnius und an die katholische Kirche, namentlich an die jesuitische Scholastik gebunden war. Wichtigster Vertreter war der Philosoph und Dichter Grigorij Skoworoda. Ende des 17. Jahrhunderts wurde dieser Einfluss durch das Kirchenslawische wieder zurückgedrängt. Das Schrifttum jener Zeit umfasste vor allem theologisch-propagandistische Traktate. Eine feste Sprachnorm gab es nicht.[2]

Zar Peter der Große und seine Nachfolger banden die zum großen Teil neu besiedelte östliche Ukraine und ihre Adelselite eng an Russland und unterdrückten die Verwendung der ukrainischen Sprache. 1775 wurde die Autonomie der Saporoger Kosaken gewaltsam beendet, während die Westukraine 1793 von Österreich annektiert wurde. Damit endete auch der ukrainische Barock.

19. Jahrhundert – Ukrainische Romantik und Realismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Entwicklung einer rein ukrainischen Schriftsprache (im Gegensatz zum bis dahin geschriebenen Kirchenslawischen und zum pränationalen Ruthenischen) entstand eine eigenständige ukrainische Literatur vergleichsweise spät. Wegbereiter der ukrainischen Dichtung war der Leiter des Theaters in Poltawa, humanistische Mystiker und Freimaurer, Spieler und Trinker Iwan Kotljarewskyj mit seiner Fassung der Aeneis (Enejida) 1798, einer in volkstümlicher Sprache gehaltenen, im Kosakenmilieu angesiedelten Travestie auf das klassische Werk von Vergil, das allerdings erst 1842 vollständig gedruckt wurde. Aeneas wird am Ende des Epos Kosakenhauptmann. Hryhorij Kwitka-Osnowjanenko (1778–1843) beschrieb das Landleben in idyllisierenden Erzählungen.[3] Auch die deutsche Romantik begann sich für die ukrainische Sprache und die Geschichte der Kosaken zu interessieren: 1845 wurde ein Band ukrainischer Volkslieder von Friedrich Bodenstedt ins Deutsche übersetzt.[4]

Taras Schewtschenko (Selbstporträt 1843)

Der als Fronbauer geborene Dichter Taras Schewtschenko,[5] der in der Ukraine mehrheitlich als bedeutendste historische und literarische Gestalt verehrt wird, trug maßgeblich zur weiteren Ausbildung der Schriftsprache bei. Gedichte wie „Vermächtnis“ (Sapowit) aus seiner 1840 erschienenen Gedichtsammlung Kobsar, sind bis heute im Bewusstsein aller Generationen und Gesellschaftsschichten tief verankert. 1847 bis 1857 war er in Haft bzw. lebte er in der Verbannung. Neben Schewtschenko, dem „Kristallisationspunkt“ (Literatur-Brockhaus) der ukrainischen Nationalromantik, die sich sowohl gegen den Zarismus als auch gegen den polnischen Adel richtete, stehen im 19. Jahrhundert Dichter wie Amwrossij Metlynskyj, Nikolai Kostomarow, Markijan Schaschkewytsch sowie der auch in deutscher Sprache schreibende Lyriker Jurij Fedkowytsch.

Iwan Franko (1886)
Iwan Karpenko-Karyj (etwa 1882)

Themen der seit Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden realistischen Strömung in der Literatur wurden Leibeigenschaft, Knechtschaft und Unterdrückung der Kleinbauern. 1863 wurde die Zirkulation ukrainischer Druckschriften im russischen Zarenreich teilweise verboten. Nach einer weiteren Verschärfung des Verbots ukrainischer (nunmehr nur noch als „kleinrussisch“ bezeichneter) Literatur auf dem Boden des gesamten Zarenreichs im Jahre 1876, unter dem auch Schewtschenko als früheres Mitglied der verfolgten Bruderschaft der Heiligen Kyrill und Method zu leiden hatte, und wegen der dort herrschenden strengen Zensur konzentrierte sich das kulturelle Leben in der Folgezeit auf das Staatsgebiet Österreich-Ungarns, zu dem damals die westliche Ukraine mit Lemberg, Galizien und Teilen der Karpaten gehörte. Die österreichische Verwaltung förderte das ruthenische Bildungswesen, und auch Autoren aus Kiew wie der Dramatiker Mychajlo Staryzkyj (1840–1904) veröffentlichten in Lemberg. Nach seiner Rückkehr in die Ukraine gründete Staryzkyj zusammen mit Marko Kropywnyzkyj das erste professionelle ukrainische Theater in Jelisawetgrad, einer Stadt, die heute nach ihm benannt ist (die Theater in Kiew und Odessa waren russischsprachig).

Zu den bedeutendsten Dichtern und Schriftstellern dieser Periode in der österreich-ungarischen Westukraine gehören die neuromantisch-impressionistische Dichterin und Dramatikerin Lessja Ukrajinka und der Dichter und Dramatiker Iwan Franko. Zu nennen sind ferner der Dichter, Prosaist und Übersetzer Ossyp Makowej, der das Leben der galizischen Bauern schilderte, sowie die Frau Iwan Frankos, Olha Kobyljanska aus der Bukowina, die zunächst in deutscher, später ukrainischer Sprache schrieb und das dörfliche Leben sowie die Emanzipationsbestrebungen der Frauen schilderte.

Da es aber auch in der Westukraine zu Konflikten der Intellektuellen mit dem dort dominanten polnischen Landadel kam, wurde das kosakophile Wandertheater mit realistischen und satirischen Stücken zu einer Pflegestätte der ukrainischen Sprache in Russland. Autoren waren u. a. Iwan Karpenko-Karyj (eigentlich Iwan Karpowytsch Tobilewytsch), der in seinen 18 Komödien den russischen Kolonialismus, die Ignoranz der Großgrundbesitzer und die Verarmung der Bauern kritisierte und dafür zeitweise verbannt wurde,[6] Marko Kropywnyzkyj, der 1882 das erste ukrainische Tourneetheater gegründet hatte, und Mykola Sadowskyj, der 1898 das erste feste Theater mit ständigem Ensemble in Kiew organisierte.[7][8] Andere Schriftsteller wanderten nach St. Petersburg und Moskau ab. Mychajlo Kozjubynskyj begann seine schriftstellerische Tätigkeit mit realistischen Erzählungen, die unter dem Einfluss Tschechows eine psychologische Vertiefung erhielten und sich immer kritischer mit den sozialen Konflikten auf dem Lande auseinandersetzten (Fata Morgana, 1904/1910; dt. 1962).

Kozjubynsky-Denkmal in Charkiw

In der zum Zarenreich gehörenden, national bis 1917 eher indifferenten Südukraine verfasste Wolodymyr Wynnytschenko naturalistische Erzählungen aus dem Leben des Landproletariats, schilderte die Hinwendung der jungen Generation zur sozialistischen Bewegung und schrieb mehrere Dramen. Unter dem Zarismus mehrfach in Haft, versuchte er als überzeugter Sozialist am Aufbau der neuen ukrainische Republik mitzuwirken, ging aber schon 1920 ins Pariser Exil. Die in Tschernigow geborene, mit der russischen Sprache aufgewachsene Ljubow Janowska begann 1897 Geschichten über das Landleben in ukrainischer Sprache zu schreiben, später schrieb sie auch über das Leben der Städter (Городянка, „Stadt“, 1901).

Um die Jahrhundertwende begann der Orientalist Ahatanhel Krymskyj eine rege Veröffentlichungstätigkeit, die neben Gedichten und Erzählungen vor allem wissenschaftliche und ethnographische Werke zur arabischen, persischen und türkischen Literatur Kultur und zur Kultur der Krimtataren umfasste. Er trug aktiv zur Standardisierung der ukrainischen Sprache bei und lehnte die in Österreichisch-Galizien verbreitete Schreibweise vehement ab. Mit dem Moskauer Linguisten und Dialektforscher Alexei Iwanowitsch Sobolewski führte er eine Auseinandersetzung über die ursprüngliche Sprache der Kiewer Rus, die er als ukrainisch ansah,[9] während sie heute meist neutral als Altostslawische Sprache bezeichnet wird.

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach 1918[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem im Zentrum der Ukraine 1917 die Ukrainische Volksrepublik ausgerufen wurden, annektierte Polen nach dem Ersten Weltkrieg deren westlichen Teil, der rasch polonisiert wurde. Die ukrainische Literatur konnte sich hier nur kurzfristig entfalten. Ein reges literarisches Leben organisierte sich in sozialistischen Dichtergruppen um die dem Symbolismus nahestehende, aber kurzlebige Zeitschrift Mytusa der Herausgeber Wassyl Bobynskyj und Roman Kuptschynskyj (Роман Григорович Купчинський; 1894–1976) und die ebenfalls von Bobynskyj 1927 gegründete Zeitschrift Wikna sowie in katholischen ukrainischen Dichtergruppen um die Zeitschrift Nowi Schlachy. Bobynskyj emigrierte 1930 in die Sowjetunion und wurde dort liquidiert. Die religiös-philosophische Lyrik des in Lwiw lebenden, früh verstorbenen Bohdan-Ihor Antonytsch (1909–1937) ist von Walt Whitman und Gabriele D’Annunzio beeinflusst; populär wurde sie in der Sowjetukraine trotz eines Verbots in den 1960er Jahren. Auch das seit 1793 zum Zarenreich gehörende Berdytschiw hatte sich im 19. Jahrhundert zu einem kulturelles Zentrum der chassidischen Juden, Polen und Ukrainer entwickelt, das sich der Russifizierung widersetzte. Hier wurde Pinchas Kahanowitsch (Pseudonym: Der Nister) geboren, der nach langen Wanderjahren in den späten 1920ern in die Ukraine zurückkehrte und als der bedeutendste jiddische Schriftsteller der Sowjetunion in der Tradition der chassidischen Mystik gilt. Das Jiddische Sprache war in Berdytschiw noch bis in die 1930er Jahre als Amtssprache zugelassen.

Maksym Rylskyj

Die Literatur in der Zentral- und Ostukraine wurde nach Gründung der Ukrainischen Sowjetrepublik 1919 geprägt von der Sowjetzeit, ihren Chancen und Einschränkungen. Hier wurde seit 1923 die ukrainische Sprache im Rahmen der Korenisazija-Politik gefördert (Ukrainisierung). Es entstand eine literarische Öffentlichkeit; viele Autoren orientierten sich an westeuropäischen Vorbildern, so etwa Dmytro Sahul am Symbolismus. Neben futuristischen (Mychajlo Semenko) und avantgardistischen Strömungen entwickelte sich eine starke neoklassische Schule, vertreten u. a. durch die Lyriker Mykola Serow und Maksym Rylskyj. Als Lyriker der 1920er und 30er Jahre sind weiterhin Wolodymyr Swidsinskyj, Pawlo Tytschyna und Jewhen Pluschnyk zu erwähnen. Der Dramatiker, Lyriker und Übersetzer Dantes und Homers, Wolodymyr Samijlenko, der nach dem Ende der kurzlebigen Ukrainischen Volksrepunblik 1920 nach Polen emigriert war, kehrte 1924 in die Ukraine zurück. Mykola Kulisch trat als Vertreter eines proletarischen Theaters hervor, das sich vor allem den Nöten der Landbevölkerung widmete. In Charkow wurde 1922 das expressionistische Theater Berezil gegründet, das auch Kulischs Stücke aufführte, die von Anfang an mit der Zensur zu kämpfen hatten.

In den frühen 1930er Jahren – der Zeit der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Hungersnot – gerieten insbesondere Mitglieder der Gruppe der Neoklassiker wie Serow unter Kritik. Auch die Ukrainisierung kam zum Erliegen. Die Werke Mykola Kulischs und anderer Autoren wurden als nationalistisch kritisiert und sind nur unvollständig erhalten; er wurde 1937 ebenso wie der Regisseur Les Kurbas, der seine Stücke in Charkow bis 1933 auf die Bühne bringen konnte, erschossen. Der ukrainische Schriftstellerverband wurde zugunsten des gesamtsowjetischen liquidiert. Bis etwa 1937 fielen zahlreiche ukrainische Intellektuelle, darunter etwa 300 Schriftsteller, Stalins Verfolgungen zum Opfer. Diese Epoche wurde Rosstriljane widrodschennja, die Hinrichtung der Wiedergeburt genannt.

Ein loyaler Vertreter der ukrainisch-sowjetischen Literatur der 1930er Jahre war Petro Pantsch; seine Themen waren die Revolution und die Kollektivierung der Landwirtschaft (Zyklus Mukha Makar. 1930–1934).

Der Dramatiker und Erzähler Mosche Altman wurde zwar in der Westukraine geboren, lebte zeitweise in Rumänien und ging 1941 in die Sowjetunion. Er schrieb in jiddischer, später in russischer Sprache.

Eine Reihe von Autoren aus der Ostukraine gingen ins Exil in die USA, wo 1948 in New York das Ukrainian Institute of America als kulturelles Zentrum des Diaspora gegründet wurde, oder emigrierten nach Nachkriegsdeutschland wie Iwan Bahrjanyj oder die Surrealistin Emma Andijewska, die später nach New York auswanderte.

Nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nächste Generation ukrainischer Autoren, die schon unter Stalin aufgewachsen war, beschäftigte sich mit dem Kriegsthema. Dazu gehörte der zweifache Stalinpreisträger Oles Hontschar, dessen Texte weit verbreitet und oft übersetzt wurden. Er galt auch als literarischer Verfechter dörflicher Lebensformen. Darstellungen der sozialen Gegenwart hatten hingegen mit der Zensur zu kämpfen, so etwa der Filmregisseur Oleksandr Dowschenko bei der Schilderung des Verfalls des ukrainischen Dorfes.

In der Tauwetterperiode unter Chruschtschow der späten 1950er Jahre lebte die ukrainische Literatur wieder auf und beschäftigte sich verstärkt mit der historischen und mythischen Vergangenheit der Ukraine. Wichtige Autoren dieser Phase waren Iwan Switlytschnyj und Iwan Dsjuba; als Lyriker traten Lina Kostenko, Mykola Winhranowskyj, Wasyl Stus und Iwan Dratsch hervor.

Seit den mittleren 1960er Jahren stagnierte die literarische Produktion in der Ära Breschnew. Als „chancenlos“ galt die Dichtergeneration der stagnierenden 70er, darunter die so genannte Kiewer Schule sowie Ihor Kalynez und Hryhorij Tschubaj aus Lwiw.

Nach 1980[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ukrainische Literatur konnte seit etwa 1980 wieder an die 1920er und 1930er Jahre anknüpfen.[10] Vor allem in Galizien, das wenig russifiziert war, entstanden neue literarische Gruppen. Als Lyriker wurden in den 1980er Jahren Dichter wie Wassyl Herassymjuk, Ihor Rymaruk, Oksana Sabuschko und Iwan Malkowytsch (* 1965) (Der weiße Stein 1984) bekannt.

Eine besondere Rolle spielte weiterhin die Lyrik ausgewanderter Dichter. Mykhajlo Orest und Ihor Kaczurowskyj vertraten den Neoklassizismus, eine Richtung, die auch als der „ukrainische Parnass“ bekannt ist und sich durch das Festhalten an althergebrachten, klassischen Normen der Dichtkunst auszeichnet. Sie haben jedoch moderne europäische Strömungen in ihren Werken rezipiert, was sich auch im Werk der Surrealistin Emma Andijewska zeigt.

Seit 1989 wurden zahlreiche Autoren, die wegen des Gebrauchs der ukrainischen Sprache diskriminiert oder aus politischen Gründen verfolgt worden waren, rehabilitiert, darunter auch Wolodymyr Wynnytschenko.[11] In der Folge zeigte sich jedoch, dass die ukrainische Erinnerungskultur extrem fragmentiert war. Die Vielzahl regionaler, teils auch nur lokaler Erinnerungskulturen, die aus der Jahrhunderte dauernden Einbindung der Ukraine in Vielvölkerstaaten resultierten,[12] fand ihren Niederschlag auch in der Literatur, der ein gemeinsamer Kanon als Referenzrahmen fehlte.

In der postsowjetischen Phase erlebte die ukrainische Literatur eine neue Blüte. Der 1934 gegründete Sowjetische Schriftstellerverband der Ukraine gründete sich 1991 als Union der Schriftsteller der Ukraine neu und bezeichnet sich seit 1997 programmatisch als Nationaler Schriftstellerverband der Ukraine.

Seit Mitte der 1990er Jahre wurde der Gebrauch der russischen Sprache im Bildungswesen und in den Medien im Zuge der Ukrainisierungspolitik zurückgedrängt,[13] was allerdings negative Konsequenzen für die mediale Präsenz russischsprachiger Autoren hatte. Faktisch wurden 2019 (mit Wirkung zum Januar 2022) russischsprachige Pressepublikationen verboten. während Sprachen „angestammter Minderheiten“ (z. B: Krimtatarisch) wie auch Publikationen in allen EU-Sprachen weiterhin zugelassen sind.[14]

Jurij Andruchowytsch (2015)
Oksana Sabuschko (2015)

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den wichtigen gegenwärtigen Autoren der Ukraine gehören die Romanautorin Maria Matios (* 1959) und Jurij Andruchowytsch (* 1960), einer der intellektuellen Wortführer der Orange Revolution, ferner die feministische Lyrikerin, Romanautorin und Essayistin Oksana Sabuschko (* 1960), der Romanautor, Essayist und Lyriker Serhij Schadan (* 1974), dessen Themen unter anderem die Entwurzelung und die Völkerwanderung nach dem Westen sind, die Romanautorin Natalka Sniadanko (* 1973), die Klischees nicht vermeidet, aber spielerisch damit umgeht, Andrij Ljubka (* 1987), der sich besonders der Karpatenukraine verbunden fühlt, Sofija Andruchowytsch (* 1987), die über das Leben im alten österreich-ungarischen Ostgalizien schreibt, und Tanja Maljartschuk (* 1983), die heute in Wien lebt und sich mit der Exilsituation auseinandersetzt.

In russischer Sprache verfasste Andrej Kurkow (* 1983) etwa 20 Romane.

Ukrainische Gegenwartsdramen spielen auf den meisten Spielplänen eine vergleichsweise geringe Rolle. Zu nennen wären hier die ukrainischsprachigen Farcen von Oleksandr Bejderman, der aber vor allem durch seine Gedichte in jiddischer Sprache bekannt wurde.

Der wichtigste Kulturpreis der Ukraine ist der seit 1962 verliehene Taras-Schewtschenko-Preis.

Buchmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lemberger Buchforum ist die größte Buchmesse in der Ukraine, sie findet seit 1994 jeweils im September statt. Deutsche Bücher sind für die meisten Besucher der Buchmesse in Lwiw oft noch zu teuer, neuerdings jedoch häufiger zu finden. Der Buchvertrieb funktioniert insgesamt noch schlecht. Lange war die Konkurrenz des starken russischen Marktes im eigenen Land spürbar. Noch immer erscheinen viele Bücher in ukrainischer Sprache nur mit staatlicher Förderung. Der Verlegerverband zählte 2004 rund 350 Verlage, die regelmäßig Bücher veröffentlichen. 2004 wurden 14.970 Neuerscheinungen registriert, die Gesamtauflage betrug dabei 52,8 Millionen Exemplare. Außerhalb des recht lukrativen Schulbuchgeschäfts beträgt allerdings die Durchschnittsauflage eines Titels 300 Exemplare. 2005 zählte die Messe 60.000 Besucher.

Trotz aller Schwierigkeiten wächst der ukrainische Gemeinschaftsstand auf der Frankfurter Buchmesse. Im Forum Dialog dieser Messe kommen ukrainische Autoren zu Wort. 2012 stand die Ukraine im Fokus der Leipziger Buchmesse.

Ukrainische Gegenwartsliteratur in deutschsprachiger Übersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Roman Zwölf Ringe verläuft auf der ersten Ebene alles recht logisch und melancholisch, ein einsamer Held geht seinen Sehnsüchten nach und stirbt wie eine Figur von Joseph Roth. Gleichzeitig verkörpert dieser Held einen ganzen Kulturkreis, der zu den Ukrainern der Gegenwart spricht, ihre Identität zu fördern sucht und sie von Moskau-Phobien und westlichem Kultur-Kitsch gleichermaßen abhalten will. In der entlegenen Karpatenkultur werden seltsame Mythen aufgewärmt, die Eisenbahn fährt wie in einem Märchen einmal am Tag ans Ende der Welt, ein Fisch aus der Donau wird den Bach hinauf schwimmen und das Land verändern, die zwölf Ringe der Liebe werden zu einem heftigen und anstrengenden Glück führen.

Der Underground-Künstler Stanislaw Perfecki ist unterwegs zu einem internationalen Symposion über „postkarnevalistischen Irrsinn der Welt“ in Venedig, bleibt zwischenzeitlich in der Münchner Bohème hängen, verliebt sich in eine Frau, die ihn bespitzelt, und hat sich möglicherweise aus dem Fenster seines Hotels am Canal Grande gestürzt. Ein postmodernes Spiel mit Zitaten von Rabelais bis Michail Bulgakow.

Der Papierjunge zeigt hinter dem Ambiente einer entlegenen galizischen Habsburgerstadt um 1900 eine Menge politischer Facetten. Die akute Herrschaft beschränkt sich offiziell auf Manöver und Ansprachen, die Religionen scheinen allgegenwärtig zu sein und haben in jeder Seitengasse ihre Dependancen, für Frauen bleibt nur gut zu heiraten oder gut „Dienst zu boteln“. Der Roman erweist sich unter der magischen Hülle als brodelnder Kessel für Illusionen jeglicher Art.

  • Ljubko Deresch: Die Anbetung der Eidechse Oder Wie man Engel vernichtet. Roman. A. d. Ukrain. von Maria Weissenböck. [Orig.: Pokloninnja jaščirci. Jak nyščyty anheliv, Lwiw 2004]. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2006. ( = es 2480). ISBN 978-3-518-12480-2.

Ein paar Jugendliche verlaufen sich in der Weite der Karpaten und landen in dem kleinen Ort Midni Buky. Die Hitze wird unerträglich, sie wird noch verstärkt durch Pop-Musik, die aus allen Poren und Kassetten-Recordern dringt. Ein Feindbild stellen die Moskau-Menschen dar, sie haben nicht nur das Land mit ihrem Kommunismus ruiniert, sondern ruinieren es jetzt abermals mit dem neo-kapitalistischen Hammer.

Die Notaufnahme ist einerseits jene Stelle, wo Menschen im Koma abgeliefert werden, andererseits ist es ein besonderer Zustand der Wahrnehmung. Filmrisse, Figuren aus Hollywoodstreifen, Liebeserklärungen am Abstreifer einer verkommenen Bar, Partikel eines versickerten Prüfungsstoffes an der Uni, Prüfungsangst und Kater sind Themen der Gedichte, ihre Semantik ist seltsam eingekringelt, der sogenannte Sinn lässt sich nur über Umwege dechiffrieren.

Der Roman von der „süßen Darina“ spielt in der entlegenen Bukowina, die einst in der Habsburgermonarchie noch vergeblich auf Anweisungen aus Wien wartete, als die Monarchie schon längst zerfallen war. Diese Gegend wird oft als sanft und süß bezeichnet, ist aber auch eigenwillig. So wird auch Darina wegen ihrer Eigentümlichkeit und ihrem abgeschotteten Wesen als die „Süße“ bezeichnet.

  • Maria Matios: Mitternachtsblüte. Roman. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck. Haymon, Innsbruck 2015. ISBN 978-3-7099-7163-5. Zuerst ukrainisch 2013.

Mitternachtsblüte erzählt vielleicht das Wesen der Ukraine in magisch-brutaler Form. Selbst in der größten Tiefe des Waldes gibt es kein Versteck, denn ständig marschiert jemand durch das Land, das alt-slawisch „Land an der Grenze“ heißt.

  • Taras Prochasko: Daraus lassen sich ein paar Erzählungen machen. A. d. Ukrain. von Maria Weissenböck. [Orig.: Z c’oho možna zrobyty kil'ka opovidan‘, Lwiw 2005]. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2009. ( = es 2578). ISBN 978-3-518-12578-6.

Verwandte tauchen in der Erzählung auf, kommen in den Schredder der Zeitgeschichte und sterben. Bekannte machen Kunst, werden verraten und verschwinden. In der Zeitung steht etwas von einem Unruheherd irgendwo auf der Welt, schon gibt es eine Verbindung zur Ukraine, und ein paar Menschen segnen das Zeitliche.

  • Oksana Sabuschko: Museum der vergessenen Geheimnisse. Roman. A. d. Ukrain. von Alexander Kratochvil. [Orig.: Muzej Pokunutych Sekretiv, Kiew 2009]. Graz: Droschl 2010. ISBN 978-3-85420-772-6.

Auf drei Schauplätzen der Geschichtsschreibung wird das Land aufgerollt. Die TV-Journalistin Daryna berichtet von offiziösen Ereignissen im Land. Ihr Zugang zu den Themen ist ein durchaus erotischer, wenn sie das Bild der ehemaligen Partisanin Helzja vertieft, worüber sie eine Dokumentation drehen wird. Schließlich kommt die Künstlerin Wlada ins Spiel, die einen tödlichen Verkehrsunfall erleidet, worauf hin ihr Geheimnis-Zyklus verschwindet. Journalismus, Widerstandskampf und Kunst sind drei Facetten, wie man die Gesellschaft umgestalten könnte.

  • Serhij Schadan (Žadan): Depeche Mode. Roman. A. d. Ukrain. von Juri Durkot und Sabine Stöhr. [Orig.: Depeš Mod, Charkiw 2004]. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2007. ( = es 2494). ISBN 978-3-518-12494-9.

Die Handlung beginnt damit, dass sich der Stiefvater von einem der Helden erschossen hat. Da der Stiefsohn aber verschwunden ist, sucht die Truppe ihren Kommilitonen für das Begräbnis und landet in einer stillgelegten Fabrik, wo sie die Büste von Molotow klaut. Schließlich steigen die Protagonisten völlig zugekifft in die Live-Diskussion bei einem Musiksender ein, wo es gerade um die Band Depeche Mode geht.

  • Serhij Schadan (Žadan): Die Erfindung des Jazz im Donbass. Roman. A. d. Ukrain. von Juri Durkot und Sabine Stöhr. [Orig.: Vorošylovhrad, Charkiw 2010]. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2012. ISBN 978-3-518-42335-6.

Der Ich-Erzähler Hermann versucht über ein Werbeunternehmen den Anschluss an die Gegenwart, wenn nicht gar an die Zukunft zu gewinnen. Was er an Bewerbungszonen, Produkten, Märkten und vor allem Käufern vorfindet, ist allerdings deprimierend. So scheint sich seine Werbetätigkeit auf einen Brückenschlag zwischen trostloser Vergangenheit und reduzierter Gegenwart zu beschränken.

  • Serhij Schadan (Žadan): Mesopotamien. (Roman). A. d. Ukrain. von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr. [Orig.: Mesopotamija, Charkiw 2014]. Berlin: Suhrkamp 2015. ISBN 978-3-518-42504-6.

In teils lyrischen Sequenzen werden ukrainische „Heldentaten“ von Friseurinnen, Krankenschwestern, Prostituierten und Fußballern erzählt, elliptisch verkürzt und mit Traumfäden umsponnen. So entsteht ein Bild der an zwei Flüssen liegenden Stadt Charkiw: „Viel zu hoch / greifen deine Finger, / um die Leere einzufangen.“ Hinter den Kostümresten der Poesie möchte man das tägliche das Chaos in einem angedeuteten Mesopotamien vergessen.

  • Serhij Schadan (Žadan): Internat. A. d. Ukr. von Juri Durkot und Sabine Stöhr. [Orig.: Internat, Czernowitz 2017]. Frankfurt: Suhrkamp 2018.

Ein Buch über den Krieg im Donbas, die Angst und wie sie die Menschen verändert: Ein kurzsichtiger, nicht gerade zum Helden geborener Lehrer will seinen kranken Neffen aus einem Internat in der Kriegszone abholen.

  • Natalka Sniadanko: Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen. Roman. A. d. Ukrain. von Lydia Nagel. [Orig.: Frau Mjuller ne nalaštovana platyty bil'še, Charkiv 2013]. Innsbruck-Wien: Haymon 2016. ISBN 978-3-7099-7229-8.

Chrystyna und Solomija sind Musiklehrerinnen in Lemberg. Sie haben alles versucht, um sich durchs Leben zu schlagen, zwischendurch sind sie sogar ein Liebespaar geworden. Im ersten Anlauf gelingt es nur Chrystyna, ein Visum nach Berlin zu ergattern, ihre Freundin muss warten. Das Reisen in peripheren Landstrichen ist ein bürokratisches Abenteuer, dagegen wirkt der Westen beinahe logisch, wenn auch nicht golden.

Eine Geschichte über Freundschaft, Ideale und Rückgrat im Angesicht größter Grausamkeit, die zeigt, dass Schatten stets auch Licht bedingt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elisabeth Kottmeier (Hrsg.): Weinstock der Wiedergeburt. Moderne ukrainische Lyrik. Kessler, Mannheim 1957.
  • Dimitrij Tschižewskij, Anna-Halja Horbatsch: Die ukrainische Literatur. In: Kindlers neues Literatur-Lexikon. Bd. 20. München 1996, S. 393–399.
  • Ein Brunnen für Durstige und andere ukrainische Erzählungen. Hrsg. von Anna-Halja Horbatsch. Erdmann Verlag. Tübingen 1970.
  • Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Brodina Verlag, 1996. ISBN 3-931180-05-0
  • Zweiter Anlauf. Ukrainische Literatur heute. Hrsg. von Karin Warter und Alois Woldan. Verlag Karl Stutz, Passau 2004. ISBN 3-88849-094-4
  • Ukraine-Lesebuch: Literarische Streifzüge durch die Ukraine. Hrsg. von Evelyn Scheer. Trescher Verlag, 2006. ISBN 978-3-89794-097-0
  • Wodka für den Torwart. 11 Fußball-Geschichten aus der Ukraine. edition.fotoTAPETA, 2012. ISBN 978-3-940524-16-4
  • Juri Andruchowytsch: Engel und Dämonen, Edition Suhrkamp 2513, Frankfurt 2007 (mit Essays u. a. zur ukrainischen Literatur)
  • Sprache und Literatur der Ukraine zwischen Ost und West. Hrsg. von J. Besters-Dilger u. a. Lang, Bern 2000. ISBN 3-906758-31-1

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kerstin S. Jobst: Geschichte der Ukraine. Stuttgart 2015, S. 45.
  2. Tschižewskij, Horbatsch 1996, S. 394.
  3. Tschižewskij, Horbatsch 1996, S. 394.
  4. A.-H. Horbatsch: Vorwort zu Ein Brunnen für Durstige, 1970, S. 7.
  5. Kurzbiographie auf encyclopediaofukraine.com (englisch)
  6. Kurzbiographie auf encyclopediaofukraine.com (englisch)
  7. Horbatsch, S. 15.
  8. Iwan-Franko-Theater Kiew auf www.goethe.de
  9. Krymsky, Ahatanhel auf encyclopediaofukraine.com
  10. Lara Kobilke: Ukrainische Literatur (Memento vom 14. Juli 2014 im Internet Archive).
  11. Tschižewskij, Horbatsch 1996, S. 397.
  12. Kerstin S. Jobst: Geschichte der Ukraine. Stuttgart 2015, S. 44 ff.
  13. 'Ukrainisierung' des ukrainischen Rundfunks, Neue Zürcher Zeitung, 23. April 2004, online: [1]
  14. Kerstin Holm: Das Russische abwürgen in faz.net, 18. Januar 2022.