Serhij Schadan

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Serhij Schadan (2019)

Serhij Wiktorowytsch Schadan (ukrainisch Сергій Вікторович Жадан, englisch Serhiy Zhadan, wissenschaftl. Transliteration Serhij Viktorovyč Žadan, * 23. August 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk) ist ein ukrainischer Schriftsteller, Dichter und Übersetzer. Schadan lebt in Charkiw.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Serhij Schadan wurde im Industriegebiet Luhansk im Osten der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik geboren. Später zog er mit seinen Eltern nach Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Dort studierte Schadan Literaturwissenschaft, Ukrainistik und Germanistik und promovierte über den ukrainischen Futurismus.

Schadan bei einem Auftritt mit der Band Band Sobaky w kosmossi (2013)

Seit 1991 gehört der Autor zahlreicher Lyrikbände zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw, wo er auch heute lebt. Schadan tritt außerdem als Organisator von Literatur- und Musik-Festivals in Erscheinung und verfasst Rocksong-Texte, die er selbst zur Musik der Band Sobaky w kosmossi (deutsch: Hunde im Kosmos) spricht.[1]

In seinem ersten, 2007 auch auf deutsch erschienenen Roman Depeche Mode schildert Schadan die Odyssee seiner drei Protagonisten durch die postsozialistische Ukraine in der Umbruchszeit der frühen 1990er Jahre. Die anarchischen Studenten jener Zeit sehen in der britischen Elektropop-Band Depeche Mode einen Fluchtpunkt ihrer Träume vom Herauskommen aus dem Schlamassel.[2] Die 2008 veröffentlichte Hörbuchfassung von Depeche Mode wurde von Harry Rowohlt gelesen. Big Mäc. Geschichten sind impressionistische Momentaufnahmen von Orten der Emigranten-Subkultur Mitteleuropas und persönliche Erinnerungen an den chaotische Wandel der postsowjetischen Ukraine mit eingestreuten Reflexionen. Verarbeitet werden Erfahrungen mit der europäischen kulturellen Bohème, die sich auf Festivals, Lesungen und Konzerten trifft, unter anderem in Berlin und Wien.[3]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Serhij Schadan wurde 2006 mit dem Hubert Burda Preis für junge Lyrik ausgezeichnet.[4] Schadan war Aktivist der Orangen Revolution.[2]

Im Jahr 2014 wurde Schadan für seinen Roman Die Erfindung des Jazz im Donbass (Originaltitel Woroschilowgrad, das ist der ehemalige Name von Luhansk), zusammen mit seinen deutschen Übersetzern, mit dem Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis ausgezeichnet.[5] Ebenfalls 2014 wurde der Roman vom ukrainischen Dienst der BBC zum besten ukrainischen Buch des Jahrzehnts gewählt (von den 10 „besten Büchern des Jahres“ 2005–2014).[6]

Am 17. Oktober 2015 wurde Schadan mit dem Mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus für Mesopotamien geehrt. Michał Petryk und Adam Pomorski hatten Mesopotamia zeitgleich mit der Drucklegung übersetzt, so dass er bereits Ende 2014 in Wołowiec erscheinen konnte.

2022 wurde Schadan, zusammen mit den Übersetzern Reilly Costigan-Humes und Isaac Stackhouse Wheeler, für The Orphanage mit dem EBRD Literature Prize ausgezeichnet.[7]

Im Juni 2022 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt. „Wir ehren den ukrainischen Schriftsteller und Musiker für sein herausragendes künstlerisches Werk sowie für seine humanitäre Haltung, mit der er sich den Menschen im Krieg zuwendet und ihnen unter Einsatz seines Lebens hilft“, so die Preisbegründung. Schadan soll die Auszeichnung am 23. Oktober 2022 in der Frankfurter Paulskirche feierlich überreicht werden.[8]

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schadan bei einer Lesung (2015)

Im Rahmen des Fortbildungsprogramms „Buch- und Medienpraxis“ an der Goethe-Universität war Serhij Schadan zusammen mit den ukrainischen Autoren Jurij Andruchowytsch und Jurko Prochasko und der ukrainischen Autorin Tanja Maljartschuk Anfang Februar 2014 in Frankfurt am Main. Am 5. Februar las er einen Auszug aus Die Erfindung des Jazz im Donbass während eines Leseabends im Literaturhaus Frankfurt vor und nahm am 6. Februar an einer Diskussion über die politische Lage in der Ukraine teil.[9] Auf der Leipziger Buchmesse wehrte sich Schadan gegen Vorwürfe deutscher Linker, dass die ukrainische Demokratiebewegung massiv unterwandert sei, und sagte: „Faschisten sind diejenigen, die die aggressive und chauvinistische Politik Putins unterstützen“.[10]

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 20. April 2014 schilderte Schadan in einem ganzseitigen Artikel auf Seite 35 seine eigenen Erfahrungen bei der Erstürmung der Gebietsverwaltung von Charkiw am 1. März 2014. Bei dieser Gelegenheit wurde er von prorussischen Kräften, den Besetzern, krankenhausreif geschlagen.[11] Die Neue Zürcher Zeitung veröffentlichte im August 2014 einen ausführlichen Bericht von Schadan über Die Angst der Menschen in der Ukraine.[12]

Zwischen April 2014 und August 2015 reiste Schadan mit seiner Band mehrfach in den Donbass und gab dort Konzerte und lieferte Hilfsgüter. Seine Tagebuchaufzeichnungen erzählen von „Paradoxa und zerfallenden Schablonen“, von Niedertracht, verkehrter Logik und täglichem Wahnsinn[13].

Vom 1. bis 3. Dezember 2015 war Schadan für Workshop, Lesung, Vernissage Ukraine special ... Freischreiben im Kulturzentrum bei den Minoriten und der FH Joanneum in Graz.[14]

Im Dezember 2016 gehörte er zu den Unterzeichnern des Aufrufs des Internationalen Literaturfestivals Berlin Schluss mit dem Massenmord in Aleppo!, der sich gegen den „Bombenkrieg des russischen Präsidenten Putin in der syrischen Stadt Aleppo“ wendet.[15]

Schadan auf der Leipziger Buchmesse 2018

Die Übersetzung von Schadans Roman Internat vom Ukrainischen ins Deutsche durch Sabine Stöhr und Juri Durkot wurde im März 2018 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Übersetzungen“ ausgezeichnet. Dirk Kurbjuweit nannte den Roman „ein kleines Meisterwerk“.[16] 2021 wurde die Übersetzerin Claudia Dathe u. a. für die Übersetzung von Schadans Gedichtband Antenne mit dem erstmals vergebenen ukrainischen Drahomán-Preis ausgezeichnet.

Im Mai 2018 gehörte Schadan zu den Erstunterzeichnern eines offenen Briefs an die deutsche Bundeskanzlerin und den Bundesaußenminister, in dem diese darum gebeten wurden, sich für die Freilassung des in Russland inhaftierten ukrainischen Filmemachers Oleh Senzow einzusetzen.[17]

In einem Spiegel-Gastbeitrag im März 2022 während des Überfalls Russlands auf die Ukraine spricht er davon, dass seit der Annexion der Krim Bürger Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz nach immer neuen Möglichkeiten gesucht hätten, die Dinge nicht beim Namen zu nennen, etwa Russland nicht als „Aggressor“, Wladimir Putin nicht als „Schurken“ und den Krieg im Donbass nicht als „russisch-ukrainischen Krieg“ zu bezeichnen. Er betonte, dass davon die Rede sei, die Nato werde sich nicht in den „Ukrainekonflikt“ einmischen, man benutze also das Wort „Konflikt“ statt „Krieg“. Er hob weiter hervor, dass es ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung sei.[18]

Werke (in deutscher Übersetzung)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-518-12455-0.
  • Depeche Mode. Roman. von Serhij Zhadan, Übers. Juri Durkot, Suhrkamp, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-518-12494-9 (auch als Hörbuch ISBN 978-3-86604-945-1).
  • Anarchy in the UKR. Suhrkamp, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-518-12522-9.
  • mit Christoph Lingg, Susanne Schaber, Richard Swartz: STILLGELEGT: Industrieruinen im Osten. Edition Aufbruch, 2007.
  • Die Selbstmordrate bei Clowns. Fotos Jacek Dziaczkowski. Edition FotoTapeta, Berlin 2009 ISBN 978-3-940524-04-1.
  • Hymne der demokratischen Jugend. Suhrkamp, Frankfurt 2009 ISBN 978-3-518-42118-5.
  • Big Mäc. Geschichten. Suhrkamp, Berlin 2011 ISBN 978-3-518-12630-1.
  • Die Erfindung des Jazz im Donbass. Roman. Übersetzung von Juri Durkot, Sabine Stöhr. Suhrkamp, Berlin 2012 ISBN 978-3-518-42335-6.
  • Mesopotamien. Roman. (Mesopotamija) von Serhij Zhadan, Übers. Claudia Dathe, Juri Durkot, Sabine Stöhr. Suhrkamp, Berlin 2015 ISBN 978-3-518-42504-6.
  • Laufen ohne anzuhalten. Erzählung. Übers. Sabine Stöhr. Haymon, Innsbruck 2016 ISBN 978-3-7099-7263-2.
  • Warum ich nicht im Netz bin. Gedichte aus dem Krieg. von Serhij Zhadan, Übers. Claudia Dathe, Suhrkamp, Berlin 2015 ISBN 978-3-518-07287-5.
  • Internat. Roman. von Serhij Zhadan, Übers. Juri Durkot, Sabine Stöhr. Suhrkamp, Frankfurt 2018.
  • „Die Nadel“ aus “Warum ich nicht im Netz bin.”, Berlin 2016.
  • Antenne. Gedichtband. von Serhij Zhadan, Übers. Claudia Dathe, Suhrkamp, Frankfurt 2020, ISBN 978-3-518-12752-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Zusammenarbeit begann 2007, inzwischen nennt sich die Ska-Rockband „Schadan und die Hunde“.
  2. a b Anarchie unterm Lenindenkmal - Der ukrainische Autor Serhij Zhadan, Porträt (PDF; 178 kB) von Gisela Erbslöh im SWR2, 16. September 2010, abgerufen 20. Juli 2012
  3. Pit Thommes im Luxemburger Wort
  4. Preisträger des Hubert Burda Preises 2006
  5. Dankesrede des Autors online, Zs. Übersetzen, Organ des VdÜ, 1, 2015, S. 2f., anschl. Dankesrede der Übersetzer
  6. BBC Ukrainian Book Of The Year 2014 and Book Of The Decade winners are named BBC Media Centre, 12. Dezember 2014.
  7. Porter Anderson: Ukraine’s ‘The Orphanage’ Wins the 2022 European Bank Prize, publishingperspectives.com, 14. Juni 2022, abgerufen am 15. Juni 2022.
  8. Friedenspreis 2022: Serhij Zhadan. In: friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de. Abgerufen am 27. Juni
  9. http://ukraine.buchundmedienpraxis.de/
  10. Tagesschau 20:00. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Tagesschau. 16. März 2014, archiviert vom Original am 17. März 2014; abgerufen am 16. März 2014.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ardmediathek.de
  11. Der unsichtbare Krieg, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20. April 2014, S. 35
  12. Serhij Schadan: Die Angst der Menschen in der Ukraine. Später wird es einmal Krieg heissen. NZZ, 29. August 2014, abgerufen am 18. September 2014.
  13. Jedem Menschen seine Geschichte, NZZ, 15. November 2016
  14. http://www.kultum.at/?d=freischreiben-ukraine-special#.Vl_moEueRcw LECTURE_WORKSHOP_GESPRÄCH_LESUNG_VERNISSAGE Grafprom & Serhij Zhadan, Freischreiben, Kulturzentrum bei den Minoriten, 1. Dezember 2015, abgerufen 3. Dezember 2015
  15. Schluss mit dem Massenmord in Aleppo – Große Resonanz auf den Aufruf. Wortlaut des Aufrufs in vier Sprachen vom 8. Dezember 2016 auf AVIVA-Berlin.de, abgerufen am 1. Mai 2020.
  16. Literatur Spiegel Mai 2018, S. 13.
  17. Den Tod von Oleg Sentsov verhindern! Heinrich-Böll-Stiftung, 29. Mai 2018, abgerufen am 18. Februar 2019.
  18. Liebe Europäer, machen Sie sich keine Illusionen, www.spiegel.de abgerufen am 18. März 2022