Serhij Schadan

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Serhij Zhadan auf der Leipziger Buchmesse 2018

Serhij Wiktorowytsch Schadan (ukrainisch Сергій Вікторович Жадан, wissenschaftl. Transliteration Serhij Viktorovyč Žadan, alternative Transkription Serhij Zhadan; * 23. August 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk) ist ein ukrainischer Schriftsteller, Dichter und Übersetzer.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Serhij Schadan wurde im Industriegebiet Luhansk im Osten der damaligen Sowjetrepublik Ukraine geboren. Später zog er mit seinen Eltern nach Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Dort studierte Schadan Literaturwissenschaft, Ukrainistik und Germanistik und promovierte über den ukrainischen Futurismus.

Seit 1991 gehört der Autor zahlreicher Lyrikbände zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw, wo er auch heute lebt. Schadan tritt außerdem als Organisator von Literatur- und Musik-Festivals in Erscheinung und verfasst Rocksong-Texte, die er selbst zur Musik der Band Sobaky w kosmossi (deutsch: Hunde im Kosmos) spricht.[1]

In seinem ersten, 2007 auch auf deutsch erschienenen Roman Depeche Mode schildert Schadan die Odyssee seiner drei Protagonisten durch die postsozialistische Ukraine in der Umbruchszeit der frühen 1990er Jahre. Die anarchischen Studenten jener Zeit sehen in der britischen Elektropop-Band Depeche Mode einen Fluchtpunkt ihrer Träume vom Herauskommen aus dem Schlamassel.[2] Die 2008 veröffentlichte Hörbuchfassung von Depeche Mode wurde von Harry Rowohlt gelesen.

In dem sechsteiligen Essayband Big Mäc. Geschichten ging Schadan von der Aufarbeitung der Zeitgeschichte seines Landes über zu Momentaufnahmen von Orten der Emigranten-Subkultur Mitteleuropas. Verarbeitet werden Erfahrungen mit der europäischen kulturellen Bohème, die sich auf Festivals, Lesungen und Konzerten trifft, unter anderem in Berlin und Wien.[3]

Serhij Schadan wurde 2006 mit dem Hubert Burda Preis für junge Lyrik ausgezeichnet.[4] Schadan war Aktivist der Orangen Revolution.[2]

Im Rahmen des Fortbildungsprogramms "Buch- und Medienpraxis" an der Goethe-Universität war Serhij Schadan zusammen mit den ukrainischen Autoren Jurij Andruchowytsch und Jurko Prochasko und der ukrainischen Autorin Tanja Maljartschuk Anfang Februar 2014 in Frankfurt am Main. Am 5. Februar las er einen Auszug aus „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ während eines Leseabends im Literaturhaus Frankfurt vor und nahm am 6. Februar an einer Diskussion über die politische Lage in der Ukraine teil.[5] Auf der Leipziger Buchmesse wehrte sich Serhij gegen Vorwürfe deutscher Linker, dass die ukrainische Demokratiebewegung massiv unterwandert sei, und sagte: "Faschisten sind diejenigen, die die aggressive und chauvinistische Politik Putins unterstützen".[6]

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 20. April 2014 schilderte Schadan in einem ganzseitigen Artikel auf Seite 35 seine eigenen Erfahrungen bei der Erstürmung der Gebietsverwaltung von Charkiw am 1. März 2014. Bei dieser Gelegenheit wurde er von prorussischen Kräften, den Besetzern, krankenhausreif geschlagen.[7] Die Neue Zürcher Zeitung veröffentlichte im August 2014 einen ausführlichen Bericht von Schadan über Die Angst der Menschen in der Ukraine.[8]

Im Jahr 2014 wurde Schadan für seinen Roman Die Erfindung des Jazz im Donbass (Originaltitel Woroschilowgrad, das ist der ehemalige Name von Luhansk), zusammen mit seinen deutschen Übersetzern mit dem Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis ausgezeichnet.[9] Ebenfalls 2014 wurde der Roman vom ukrainischen Dienst der BBC zum besten ukrainischen Buch des Jahrzehnts gewählt (von den 10 "besten Büchern des Jahres" 2005–2014).[10]

Am 17. Oktober 2015 wurde Schadan mit dem Mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus für Mesopotamien geehrt. Michał Petryk und Adam Pomorski hatten Mesopotamia zeitgleich mit der Drucklegung übersetzt, so dass er bereits Ende 2014 in Wołowiec erscheinen konnte.[11]

Vom 1. bis 3. Dezember 2015 war Schadan für Workshop, Lesung, Vernissage Ukraine special ... Freischreiben im Kulturzentrum bei den Minoriten und der FH Joanneum in Graz.[12]

Zwischen April 2014 und August 2015 war Schadan mit seiner Band mehrfach in den Donbass gereist und hatte Konzerte gegeben und Hilfsgüter geliefert. Seine Tagebuchaufzeichnungen erzählen von "Paradoxa und zerfallenden Schablonen", von Niedertracht, verkehrter Logik und täglichem Wahnsinn[13].

Im Dezember 2016 gehörte er zu den Unterzeichnern des Aufrufs des Internationalen Literaturfestivals Berlin Schluss mit dem Massenmord in Aleppo!, der sich gegen den „Bombenkrieg des russischen Präsidenten Putin in der syrischen Stadt Aleppo“ wendet.[14]

Die Übersetzung von Schadans Roman Internat vom Ukrainischen ins Deutsche durch Sabine Stöhr und Juri Durkot wurde im März 2018 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Übersetzungen" ausgezeichnet. Dirk Kurbjuweit nannte den Roman "ein kleines Meisterwerk".[15]

Werke (in deutscher Übersetzung)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Zusammenarbeit begann 2007, inzwischen nennt sich die Ska-Rockband "Schadan und die Hunde".
  2. a b Anarchie unterm Lenindenkmal - Der ukrainische Autor Serhij Zhadan, Porträt (PDF; 178 kB) von Gisela Erbslöh im SWR2, 16. September 2010, abgerufen 20. Juli 2012
  3. Pit Thommes im Luxemburger Wort
  4. Preisträger des Hubert Burda Preises 2006
  5. http://ukraine.buchundmedienpraxis.de/
  6. Tagesschau 20:00. In: Tagesschau. 16. März 2014, abgerufen im 16. März 2014.
  7. Der unsichtbare Krieg, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20. April 2014, S. 35
  8. Serhij Schadan: Die Angst der Menschen in der Ukraine. Später wird es einmal Krieg heissen. NZZ, 29. August 2014, abgerufen am 18. September 2014.
  9. Dankesrede des Autors online, Zs. Übersetzen, Organ des VdÜ, 1, 2015, S. 2f., anschl. Dankesrede der Übersetzer
  10. Ukrainischer Dienst der BBC (auf ukr.)
  11. Vgl. Website
  12. http://www.kultum.at/?d=freischreiben-ukraine-special#.Vl_moEueRcw LECTURE_WORKSHOP_GESPRÄCH_LESUNG_VERNISSAGE Grafprom & Serhij Zhadan, Freischreiben, Kulturzentrum bei den Minoriten, 1. Dezember 2015, abgerufen 3. Dezember 2015
  13. Jedem Menschen seine Geschichte, NZZ, 15. November 2016
  14. Schluss mit dem Massenmord in Aleppo - Große Resonanz auf den Aufruf, Aviva Berlin, abgerufen am 20. April 2017
  15. Literatur Spiegel Mai 2018, S. 13.