Ulli Lust

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ulli Lust in Stockholm, 2010.

Ulli Lust[1] (* 1967 in Wien) ist eine österreichische Comiczeichnerin, Illustratorin und Online-Verlegerin (electrocomics). Sie zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Comiczeichnern und gilt als eine Vertreterin des „dokumentarischen Comics“.[2]

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulli Lust begann in Wien eine Lehre als Design- und Modezeichnerin an der HTBLVA für Textilindustrie, Spengergasse, ohne die Ausbildung zu beenden und illustrierte anschließend einige Kinderbücher. Seit 1998 publiziert sie unter dem Namen Lust, dem Geburtsnamen ihrer Mutter. An der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studierte sie mit Ende 20 Graphikdesign und absolvierte dieses Studium erfolgreich.

Lust zeichnet Comicreportagen, die auf einer genauen journalistischen Recherche gründen, wie zum Beispiel einen Bericht über die aussterbende DDR-Plattenbausiedlung Halle-Neustadt oder auch die monatliche Bildkolumne in der Berliner Stadtzeitung Scheinschlag. Sie gibt Beobachtungen „aus der Gesellschaft“ wieder. Ein anderes Gebiet sind die erotisch-mythologischen Erzählungen der Reihe springpoems, die als Fruchtbarkeitsritual in Comicform zu verstehen sind und einer prähistorischen Mythologie nachempfunden sind.

Gemeinsam mit Kai Pfeiffer hat sie die Comicreportagenprojekte der Zeichnergruppe Monogatari – deren Gründungsmitglied sie auch ist – initiiert und war mit Zeichnungen zum Buch Berlin-Helmholtzplatz 1998 + 2004 an der Ausstellung Tauchfahrten – Zeichnung als Reportage beteiligt (Kunstverein Hannover 2004, Kunsthalle Düsseldorf 2005). Die Gruppe Monogatari wurde 2005 aufgelöst.

Ihre Comicreportage über die Luzerner Totenbrücke wurde im Juni 2005 von Le Monde diplomatique veröffentlicht. Im Juni 2005 startete sie ihren Online-Verlag electrocomics, der E-Books und Comic-Strips von immer mehr internationalen Comiczeichnern und Bilderzählern publiziert. 2006 erhielt sie für dieses Projekt den ICOM-Sonderpreis der Jury.

2008 veröffentlichte sie Fashionvictims, Trendverächter, Minireportagen & Bildkolumnen aus Berlin beim Berliner avant-Verlag sowie Kurzgeschichten in den Anthologien Pomme d’Amour. 7 Geschichten von der Liebe, Strapazin Nr. 91 und Spring Nr. 5. Die Bildergeschichte Airpussy (a hairraising ritual for spring to come) folgte 2009 beim belgischen Comicbuch-Verlag l’employé du Moi.

Im Herbst 2009 erschien Ulli Lusts autobiographischer Comic-Roman Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens beim deutschen avant-Verlag. Das Buch umfasst über 450 Seiten, die Autorin hatte über vier Jahre lang daran gearbeitet. Sie zeichnete jeweils eine Seite in drei Tagen.[2] Der Comic-Spezialist der FAZ-Redaktion, Andreas Platthaus, empfand es als eine „Sensation“ [1] und in 3sat Kulturzeit wurde es als ein „feministisches Statement“ bezeichnet.[3] Für den Band erhielt sie den ICOM-Preis 2010[4] für die beste deutsche Comicpublikation, sowie den Max & Moritz-Publikumspreis des Erlanger Comicsalons 2010,[5] den Artémisia-Preis 2011[6] und den Prix révélation des Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême 2011.[7] Die amerikanische Ausgabe des Buches Today is the last day of the rest of your life (Übersetzung: Kim Thompson, Fantagraphics 2013) wurde für alle wichtigen amerikanischen Preise nominiert und gewann zwei davon, den Ignatz Award 2013 und den Los Angeles Times Book Award 2014.

2013 erscheint die Graphic Novel Flughunde, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Marcel Beyer im Suhrkamp Verlag. Ulli Lust lebt und arbeitet seit 1995 in Berlin, Prenzlauer Berg, und hat einen erwachsenen Sohn.[2] Sie ist Professorin an der Hochschule Hannover. Dort lehrt sie Zeichnung und Comic im Studiengang Visuelle Kommunikation.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Flughunde. Graphic Novel nach Marcel Beyer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-46426-7.
  • Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens. avant-verlag, Berlin 2009, 463 S., ISBN 978-3-939080-36-7.
  • Airpussy. l’employé du Moi, Brüssel 2009, ISBN 978-2-930360-26-3.
  • Fashionvictims, Trendverächter, Minireportagen & Bildkolumnen aus Berlin. avant-verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-939080-32-9.
  • Pomme d'Amour. 7 Geschichten über die Liebe. Delcourt, Paris 2008; Die Biblyothek, Leipzig 2008, ISBN 978-3-9810480-7-0, mit Beiträgen von Paz Boïra, Verena Braun, Élodie Durand, Claire Lenkova, Ulli Lust, Laureline Michon, Barbara Yelin; Besprechung: [8]
  • Spring Poems 01 bis 05. (1998–2004), monogatari, Berlin.
  • Berlin-Helmholtzplatz 1998 + 2004. Alltagsbeobachtungen. popular books, Berlin.
  • Operation Läckerli – Comicreportagen aus Basel. monogatari, Berlin 2004, Edition Moderne (Schweiz)
  • Alltagsspionage -Comicreportagen aus Berlin. monogatari, Berlin 2001.
  • 6 × 6 Pinups. Siebdruck-Ringbuch, monogatari, Berlin 2001.
  • Ein Stück Himmelblau. Kinderbuch, Textbearbeitung: Thomas Declaude. Tyrolia, Innsbruck 1995.
  • Fee Fledermaus. Kinderbuch. Text: Käthe Recheis, Friedl Hofbauer. Tyrolia, Innsbruck 1994.
  • Marco und der Drache. Kinderbuch. Text: Käthe Recheis, Friedl Hofbauer. Der KinderBuchVerlag, Berlin 1993.

Auszeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2006: ICOM-Sonderpreis der Jury für ihren online-Verlag electrocomics
  • 2009: Freistil online: Bester deutscher Comic 2009, für Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens [9]
  • 2010: Max-Moritz-Publikumspreis, für Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
  • 2010: ICOM-Preis „Bester deutscher Comic“, für Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
  • 2011: Artémisia-Preis 2011, für Trop n’est pas assez =Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
  • 2011: Prix révélation des Festivals International de la Bande Dessinée d’Angoulême
  • 2013: Ignaz Award, for Today is the last day of the rest of your life, Fantagraphics, USA [10]
  • 2013: Urhunden Award, for Idag är sista dagen på resten av ditt liv, Kolig Förlag, Schweden [11]
  • 2014: LA Times Book Award 2013, Graphic Novels, for Today is the last day of the rest of your life[12]
  • 2014: Max & Moritz Preis, Kategorie „Beste deutschsprachige Comic-Künstlerin“[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Intensive Grenzerfahrung. Ulli Lusts feministischer Punk-Comic. Fernseh-Porträt, Deutschland, 2009, 5:24 Min., Regie: Lotar Schüler, Produktion: 3sat Kulturzeit, Filmtext in 3sat
  • Der dokumentarische Comic. Zwei Film-Reportagen, Deutschland, 2009, Regie: Andreas Platthaus, Andreas Brand, Produktion: FAZ, Online-Videos
  • "Angoulême: Ulli Lust, die Entdeckung" Fernseh-Portrait, ARTE, 2011, 3:53 min, von Sven Waskönig, Online-Video

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Andreas Platthaus: „Meine italienische Geisterfahrt“, FAZ, 12. September 2009.
  2. a b c Andreas Platthaus, Andreas Brand: „Der dokumentarische Comic. Die Comiczeicherin Ulli Lust.“ FAZ.net-Video, September 2009
  3. Lotar Schüler: Intensive Grenzerfahrung. Ulli Lusts feministischer Punk-Comic. 3sat, 5. Januar 2010
  4. ICOM-Preis 2010
  5. APA: Comic-Salon Erlangen. Österreichische Zeichner räumen Preise ab. In: Der Standard, 6. Juni 2010
  6. Ulli Lust reçoit le 4e prix Artémisia de la bande dessinée féminine.
  7. Palmarès officiel du Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême.
  8. Rose-Marie Gropp: Jeder Apfel ist anders. Der Frauen-Comic „Pomme d'amour“. FAZ-Buchmessezeitung, 15. Oktober 2008; (PDF-Datei, 177,4 kB)
  9. Bester deutscher Comic 2009, freistil-online.de
  10. The Ignatz Awards 2013
  11. 2013 års Urhundenpris för 2012 års bästa till svenska översatta seriebok går till »Idag är sista dagen på resten av ditt liv« av österrikiska Ulli Lust (Kolik).
  12. Liste der Preisträger
  13. Internationaler Comic Salon Erlangen 2014, Laudatio Ulli Lust, abgerufen am 27. Juni 2014.