Unica Zürn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Unica Zürn (* 6. Juli 1916 in Berlin-Grunewald als Nora Berta Ruth Zürn; † 19. Oktober 1970 in Paris) war eine deutsche Schriftstellerin und Zeichnerin.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nora Zürn besuchte in Berlin das Gymnasium, das sie jedoch vor der Reifeprüfung verließ. Von 1934 bis 1942 war sie bei der Ufa angestellt, anfangs als Sekretärin und Archivarin, später als Dramaturgin für Werbefilme. 1942 heiratete sie Erich Laupenmühlen, mit dem sie zwei Kinder hatte. 1949 wurde diese Ehe geschieden, der Vater bekam das Sorgerecht zugesprochen. Von 1949 bis 1955 verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Geschichten für Berliner Zeitungen.

1953 lernte Zürn den Künstler Hans Bellmer kennen, mit dem sie in der Folge eine enge Beziehung verband. Zürn folgte ihm nach Paris, wo sie anfing zu zeichnen und Anagramme zu verfassen. 1953 und 1957 wurden ihre Zeichnungen in Paris ausgestellt. Ab 1957 unterhielt sie Kontakte zu den Pariser Surrealisten Hans Arp, André Breton, Marcel Duchamp, Max Ernst und Henri Michaux und begann mit der Arbeit an surrealistischen Prosastücken.

Grabstein von Unica Zürn und Hans Bellmer auf dem Cimetière du Père-Lachaise

Im Jahr 1959 war Unica Zürn Teilnehmerin der documenta II in Kassel in der Abteilung Graphik. Anfang der Sechzigerjahre kam bei ihr eine paranoide Schizophrenie zum Ausbruch. Von 1961 bis 1963 hielt sie sich daher in einer psychiatrischen Klinik in Paris auf, und auch in den folgenden Jahren kam es noch mehrfach zu Krankenhausaufenthalten. Als 1967 die Kestnergesellschaft in Hannover eine Bellmer-Ausstellung zeigte, waren parallel in der dortigen Galerie Brusberg Arbeiten von Unica Zürn zu sehen. Den Sommer 1970 verbrachte sie in der offenen psychiatrischen Klinik Château de la Chesnaie de Chailles. Hier besserte sich ihr Zustand zum ersten Mal seit Ausbruch der Krankheit merklich. Am 18. Oktober wurde sie für ein paar Tage vom Klinikaufenthalt beurlaubt. Am 19. Oktober 1970 beging sie Suizid, durch einen Sprung aus einem Fenster der Wohnung Hans Bellmers. Bellmer starb 1975 vereinsamt in Paris. Unica Zürns und Hans Bellmers Grabstelle liegt auf dem Cimetière du Père-Lachaise.

Unica Zürns literarisches Werk, das zu Lebzeiten wenig beachtet wurde, besteht zum einen aus autobiografisch geprägter und häufig fragmentarischer Prosa, die vor allem ihre Liebesbeziehungen, ihre Krankheit und deren Behandlung zum Thema hat, zum anderen aus poetischen Texten, von denen ihre 123 Anagramm-Gedichte am bedeutendsten sind.

Literarische Arbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bekanntesten Schriften und Kunstwerke von Zürn entstanden zwischen 1950 und 1970. Zürns Umzug nach Paris ermöglichte es ihr, offen über Themenkomplexe wie häusliche Gewalt, Abtreibung und sexuellen Missbrauch zu schreiben.[1][2] In Deutschland herrschte in dieser Hinsicht ein konservative Haltung vor und Zürn wurde die Publikation ihres Romans verweigert.[1][2] Zu den von ihr publizierten Texten gehören Hexentexte (1954), ein Buch bestehend aus Anagrammgedichten und Zeichnungen, sowie Dunkler Frühling (1967) und Der Mann im Jasmin (1971), die sich beide in Paris einer großer Beliebtheit erfreuten.[3][4] Eine Aggression dem weiblichen Körper gegenüber zeigt sich in Zürns Erzählungen,[5] welche häufig aus inneren Dialogen bestehen.

Der Großteil ihrer späteren Texte folgen Zürns eigenen Lebenserfahrungen. Dunkler Frühling ist eine Art Entwicklungsroman, welcher von den ersten sexuellen Begegnungen einer jungen Frau sowie deren ersten Anzeichen psychischer Erkrankung erzählt. Zahlreiche archetypische Figuren prägen den Roman: der idealisierte Vater, die geächtete Mutter und das problembeladene Mädchen mit masochistischen Tendenzen.[6] Ebenso scheint Zürns Tod im Text vorausblickend angedeutet zu werden, zumal sich schließlich die Protagonistin von Dunkler Frühling durch einen Sprung aus ihrem Schlafzimmerfenster das Leben nimmt.

Visuelle Arbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Zürns visuellen Arbeiten zählen Ölmalerei, Aquarelle, Skizzen, Tintenzeichnungen und Postkarten.[2] Zwar produzierte Zürn einige Malereien in den frühen 1950er Jahren, doch arbeitete sie vor allem mit Tinte, Bleistift und Gouache.[7] Ihre fantastischen, präzise umgesetzten Arbeiten werden bevölkert von imaginären Pflanzen, Chimären und amorphen humanoiden Formen, welche manchmal mehrere Gesichter, die aus ihren verzerrten Körpern hervorgehen, aufweisen. Augen sind dabei allgegenwärtig[8] und die Zeichnungen sind geprägt von komplizierten und sich wiederholenden Markierungen. Gewalt und Verformung sind zwei charakteristische Eigenschaften, die sowohl im Herstellungsprozess als auch im Endprodukt von Zürns visueller Arbeit vorhanden sind.[2] Sie behandelte das Zeichnen als einen Schöpfungsprozess, der von einer Zerstörung oder Dekonstruktion der Form abhängt und das Bild transformiert.[2] Dieses Abhängen von Dekonstruktion zeigt sich auch in Zürns Rekreation von Bedeutung und Wörtern in ihren Anagramm-Schriften.[2] Im Gegensatz zu ihren Schriften zirkulierten ihre grafische Arbeit nicht weit außerhalb von Privatsammlungen, Auktionen, Galerielagern und nationalen Archiven.[2] Während ihrer Karriere setzte sich Zürn nicht beständig für ihre visuellen Arbeiten ein.[2]

Im Jahgr 1953 stellte Zürn erstmals ihre automatischen Zeichnungen in der Galerie „Le Soleil dans la Tête“ in Paris aus.[9] Brenton, Man Ray, Hans Arp, Joyce Mansour, Victor Brauner und Gaston Bachelard gehörten zu den Künstlern, welche die Ausstellung besuchten. Zürns Arbeiten wurden gut aufgenommen. Doch trotz dieses Erfolgs bewarb Zürn ihre visuellen Arbeiten weiterhin nicht aktiv.[9]

Ihre großformatige Arbeit Untitled (1965),[10] zeigt sich wiederholende und überlappende menschliche Köpfe im Mittelpunkt.[1][2] Die 65 × 50 cm große Zeichenfläche[10] ist gefüllt mit sich überlappenden, runden Linien, welche eine Mehrzahl an veränderbarer Portraits erzeugen. Zürn nutzte hierbei primär Tinte und Gouache.[10] Jedes Gesicht verändert und verschmilzt dabei mit einem der anderen Portraits mit diversen Größen und Expressionen.[1][2] Das Übereinander-Schichten all dieser Zeichnungen generiert eine monströse Entität, wobei die Repetition das Gesicht manipuliert und entstellt.[1][2] Zürns Schichten von Gesichtern macht es für den Betrachter unmöglich, die Anzahl der abgebildeten Personen im Portrait zu bestimmen, ohne nicht zunehmend weitere Kombinationen von Augen, Nasen, Lippen und Augenbrauen zu finden und damit neue Portraits zu erschließen.[1][2]

Zürns Zeichenmethode, das manuelle, repetitive Schichten von Linien ähnelt Zürns Prozess des Anagramm-Schreibens.[1][2] Wörter und Buchstaben werden entfernt, um neue Wörter und Bedeutungen zu kreieren.[1][2] Viele von Zürns Bild-Kompositionen teilen diese facettenreiche Qualität und entwickeln eine visuelle Sprache von Rekonstruktion und Transformation.[1][2]

Zürn ist laut Suleiman eine der wenigen Frauen, die mit der surrealistischen Bewegung assoziiert werden; andere sind beispielsweise Leonora Carrington, Dorothea Tanning, Kay Sage, Eileen Agar, Ithell Colquhoun, Toyen, Leonor Fini und Valentine Hugo.[4]

Ehrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Abspann des Filmdramas Despair – Eine Reise ins Licht von Rainer Werner Fassbinder (1978) steht geschrieben, dass der Film Antonin Artaud, Vincent van Gogh und Unica Zürn gewidmet ist.

Oskar Pastior fand für Unica Zürns Namen das Anagramm: „Unica Zuern – Azur in nuce“ (‚Himmelsblau in einer Nußschale‘).[11]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausstellungskataloge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Unica Zürn: Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen. Galerie Brusberg Hannover 1967.
  • Unica Zürn: Bilder 1953–1970. Verlag Brinkmann & Bose, Berlin 1998, ISBN 3-922660-71-1.
  • Unica Zürn: Alben. Verlag Brinkmann & Bose, Berlin 2009, ISBN 978-3-940048-06-6.

Vertonungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

3. Der Tod ist die Sehnsucht meines Lebens (Zürn) – 5. Die Zeit ist das Brot von dem wir uns nähren (Zürn)
  • Uwe Strübing: Sechs Unicate für V. D. (op. 37; 1998). Liedzyklus für Sopran und Klavier. Texte: Anagramme von Unica Zürn. UA 5. Oktober 2000 Schwandorf (Oberpfälzer Künstlerhaus); Valentine Deschenaux (Sopran), Rume Urano (Klavier)
1. Ich weiss nicht, wie man die Liebe macht – 2. Werde ich dir einmal begegnen? – 3. Stille Wasser sind tief – 4. Dans ta lumière, dans ton ampleur, dans ton horreur – 5. Und scheert ihr Rosenbaertlein ab – 6. Ich weiss, wie man die Wollust macht
1. Das Leben ist schoen – 2. Ich weiss nicht, wie man die Liebe macht – 3. Niemand hoert auf zu leben

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frauke Hartmann: Die Anagramme Unica Zürns. Hamburg 1988.
  • Sabine Scholl: Fehler, Fallen, Kunst. Frankfurt am Main 1990.
  • Gunn-Irén Glosvik: Im Labyrinth der Ariadne. Bergen 1995.
  • Cornelia Saxe: Unica Zürn. In: Oh grosse Ränder an meiner Zukunft Hut! - Portraits surrealistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. Berlin 1997.
  • Ute Baumgärtel: … dein Ich ist ein Gramm Dichtang … Die Anagramme Unica Zürns. Hamburg 2000, S. 23–42.
  • Gisela von Wysockil: Weiblichkeit als Anagramm. In: Die Fröste der Freiheit. Wien 2000.
  • Erna R. Fanger: Wie ein Weib, ganz hin sich opfernd… Unica Zürn – María Luisa Bombal. Hamburg 2001.
  • Helga Lutz: Schriftbilder und Bilderschriften. Stuttgart u. a. 2003.
  • Malcolm Green: Einführung. In: The Man of Jasmine. London, ISBN 0-947757-80-5.
  • Ruth Henry: Die Einzige - Begegnung mit Unica Zürn. Hamburg 2007.
  • Sarah Palermo: Unica Zürn. I doni della follia. Italien 2014.
  • Elke Schmitter: In den Eingeweiden der Sprache. In: Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur. München 2009.
  • Rita Bischof: So ist alles: des Eises Purpur – Euer Traum. Zum Werk von Unica Zürn. In: Unica Zürn – Camaro – Hans Bellmer. Berlin 2016.
  • Rike Felka: Desublimation. In: Unica Zürn, Bilder 1953–1970. Berlin 1998.
  • Rike Felka: Repères biographiques. In: Unica Zürn. Paris 2006.
  • Rike Felka: Die träumende Hand. In: Unica Zürn, Alben. Berlin 2009.
  • Rike Felka: Unica Zürn. In: Kindlers Literaturlexikon. Stuttgart/ Weimar 2009.
  • Thüne, Eva-Maria (2016): “Wirst du dein Geheimnis sagen? Intertextuelle und semiotische Bezüge in Anagrammen von Unica Zürn”, in Uta Degner & Martina Wörgötter, Hgg., Literarische Geheim- und Privatsprachen. Formen und Funktionen. Würzburg (Königshausen & Neumann), 103–124.
  • Thüne, Eva-Maria (2012a): “Das Kabinett der Sonnengeflechte. Ein Beispiel von Text- und Bildbeziehung in Unica Zürns Das Haus der Krankheiten”, in Franciszek Grucza; Anne Betten; Alexander Schwarz & Stanislaw Predota, Hgg., Akten des XII. IVG-Kongresses „Vielheit und Einheit der Germanistik weltweit“. Bd. 4. Sprache in der Literatur / Kontakt und Transfer in der Sprach- und Literaturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit / Die niederländische Sprachwissenschaft – diachronisch und synchronisch, Frankfurt/M. et al. (Peter Lang), 133–138 [Publikationen der IVG; 4];
  • Thüne, Eva-Maria (2008): Unica Zürn, Due diari. Introduzione e traduzione. Brescia (Edizioni l’Obliquo).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i Plumer Esra: Unica Zürn : art, writing and postwar surrealism. I.B. Tauris & Co. Ltd, London 2016, ISBN 9781784530365, S. 13, 15, 16, 17, 23, 80, 119, OCLC 945032086.
  2. a b c d e f g h i j k l m n o Caroline Rupprecht: Subject to delusions : narcissism, modernism, gender. Northwestern University Press, Evanston, Ill. 2006, ISBN 0810122340, S. 136, 137, 138, OCLC 62857805.
  3. Jennifer Cizik Marshall: The Semiotics of Schizophrenia: Unica Zürn's Artistry and Illness. In: Modern Language Studies. 30, Nr. 2, 2000, ISSN 0047-7729, S. 21, 22–29. doi:10.2307/3195377.
  4. a b Susan Suleiman: A Double Margin: Reflections on Women Writers and the Avant Garde in France. In: Yale University Press. Yale French Studies, No. 75, The Politics of Tradition: Placing Women in French Literature (1988), 1988, S. 148–172.
  5. Valie Export, Margret Eifler, Kurt Sager: The Real and Its Double: The Body. In: Wayne State University Press. 11, Nr. 1 BODY // MASQUERADE, 1988, S. 3–7.
  6. Valery Oisteanu: The Chimeras of Unica Zürn. In: artnet. 15. März 2005.
  7. Gary Indiana: A Stone for Unica Zürn. In: Art in America. 16. Juli 2009.
  8. Mary Ann Caws: Unica Zürn: Beyond Bizarre. In: Unica Zürn: Dark Spring (=  Drawing Papers 86). The Drawing Center, 2009, S. 41–42, 44, 58.
  9. a b Unica Zürn, Malcolm Green: The man of jasmine. Atlas, London 1994, ISBN 0947757805, S. 10, OCLC 30836753.
  10. a b c Unica Zürn (en-US)
  11. deutschlandfunk.de: „Satt irrt der Spassgeist“. (abgerufen am 20. Mai 2015)