Volksmedizin

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Der nicht exakt definierbare Begriff Volksmedizin (auch Volksheilkunde) umfasst das in der nichtärztlichen Bevölkerung überlieferte Wissen über Krankheiten, Heilmethoden und Heilmittel. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet die in ethnischen Kulturen überlieferte und gepflegte Volksmedizin als traditionelle Medizin. Die Ethnomedizin untersucht weltweit unter anderem die Ethnobotanik und Ethnopharmazie der einzelnen Völker.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Entstehung der Volksmedizin reicht zurück bis in die Urgeschichte der Menschheit. Zum frühen Sammeln von Erfahrungen durch reines Ausprobieren – beispielsweise von Heilpflanzen oder von Heilmitteln tierischen[1][2] oder mineralischen Ursprungs – kamen auch Beobachtungen von Tieren hinzu, die bei Krankheit instinktiv bestimmte Pflanzen fressen.

Schon früh dürften Schlussfolgerungen und theoretische Erwägungen entstanden sein, etwa die bevorzugte Anwendung von Pflanzen mit leberförmigen Blättern bei Leberleiden oder von gelbblühenden Pflanzen bei Gelbsucht gemäß der Signaturenlehre. Solche Überlegungen werden von ihren Kritikern als Aberglaube eingeordnet. Leitend ist dabei die Vermutung, dass ähnliche Stoffwechselfunktionen bei Mensch und Pflanze zu Gestaltähnlichkeiten führen; die Gabe einer solchen Pflanze könne beim kranken Menschen zu einer Harmonisierung eben jener Stoffwechselfunktionen führen. Solche Überlegungen führen zur Gewinnung von Hypothesen, die durch die heilkundliche Praxis bestätigt oder widerlegt werden müssen (siehe auch Pflanzenheilkunde). In der Medizin des Altertums finden sich erste schriftliche Quellen auch zur früheren Volksmedizin.

Methoden und Mittel der Volksmedizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Heilmethoden gehören seit der Steinzeit auch chirurgische Eingriffe („Volkschirurgie“[3]), wie archäologische Funden belegen. Beispielsweise finden sich Zeugnisse von Trepanationen und anderen chirurgischen Eingriffen auch im altägyptischen medizinischen Wundenbuch (das Papyrus Edwin Smith, siehe auch Medizin im Alten Ägypten).[4] Weiterhin gehören hierzu Schwitzkuren, verschiedene Arten des Heilfastens oder die Schienung von Knochenbrüchen. Die Volksmedizin hat auch philosophische und religiöse Komponenten, die vielfach bis heute die Fastenzeit prägen.

Europäischer Kulturraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das medizinische Volkswissen im europäischen Kulturraum wurde über Generationen hinweg weiterentwickelt und ist heute eng mit der Naturheilkunde verwandt. Die Trennung von der Schulmedizin begann spätestens ab dem 19. Jahrhundert mit der zunehmenden medizinischen Forschung an Hochschulen und der Entwicklung chemischer Arzneimittel. Moderne Präparate basieren sehr oft auf Wirkstoffen, die auch in der Volksmedizin verwendet wurden. Nur sind dabei die jeweiligen Wirkstoffe isoliert, chemisch analysiert und werden teils synthetisch hergestellt.

Volksmedizin und Schulmedizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mittelalter hatten Kräutersammler (Wurzler) und der Bader eine wichtige medizinische Funktion, besonders wenn die Inanspruchnahme eines Arztes zu teuer war. Die Berufsgruppe der Bader galt bis etwa 1400 als unehrenhaft und erhielt erst 1548 Zunftrechte. Gemeinsam mit den Barbieren waren sie so genannte Handwerksärzte – im Gegensatz zu Ärzten mit akademischen Ausbildung – und ihre Ausbildung genau geregelt. Mit dem Aufkommen des Medizinstudiums gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen Medizinern „alter und neuer Schule“, die bis heute nachwirken. In Deutschland[5][6][7] und teilweise auch in Österreich und der Schweiz hatten Laienärzte oder Bauerndoktoren noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Stellung bei der medizinischen Betreuung von Mensch und Vieh in ländlichen Gebieten, so beispielsweise der weit über die Steiermark hinaus berühmte Höllerhansl.

Weltweit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Chinas Bevölkerung nimmt die Volksmedizin heute einen fast gleichwertigen Rang neben der Schulmedizin ein und die traditionelle chinesische Medizin (TCM) wird an Hochschulen gelehrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren dort in ländlichen Gegenden viele sogenannte Barfußärzte tätig, da es noch nicht genügend studierte TCM-Ärzte gab. Ähnliches gilt auch für viele andere Regionen weltweit.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eberhard Wolff: „Volksmedizin“ - Abschied auf Raten: Vom definitorischen zum heuristischen Begriffsverständnis. In: Zeitschrift für Volkskunde. Band 94, 1998, S. 233–257.
  • Eberhard Wolff: Volksmedizin, Volksarzneibücher. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1454–1458.
  • Michael Simon: „Volksmedizin“ im frühen 20. Jahrhundert. Zum Quellenwert des Atlas der deutschen Volkskunde (= Studien zur Volkskultur, Band 28). Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Mainz 2003, ISBN 3-926052-27-9 (Habilitationsschrift Universität Münster 1996, 286 Seiten).
  • Carly Seifarth: Aberglaube und Zauberei in der Volksmedizin. Bohmeier, Leipzig 2005, ISBN 3-89094-436-1 (Dissertation Universität Leipzig 1913, 134 Seiten).
  • Françoise Loux: Das Kind und sein Körper in der Volksmedizin. Herausgegeben von Kurt Lüscher. Nachwort von Kurt Lüscher. Klett-Cotta, Stuttgart 1991 (Originaltitel: Le jeune enfant et son corps dans la médecine traditionelle), übersetzt von Hainer Kober, ISBN 3-12-935020-9.
  • Enrique Blanco Cruz: Von der Volkskrankheit zur Krankheit des Teufels. Volksmedizin in Peru. Vervuert, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-921600-36-7.
  • Carlos Watzka: Stellenwert und Gestaltung der Therapie psychischer Erkrankungen in der frühneuzeitlichen Volksmedizin am Beispiel des Herzogtums Steiermark. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen Nr. 24, 2005, S. 144–161. ISSN 0177-5227
  • Paul Diepgen: Deutsche Volksmedizin, wissenschaftliche Heilkunde und Kultur. Enke, Stuttgart 1935, DNB 572859309.
  • Paul Diepgen: Volksmedizin und wissenschaftliche Heilkunde: Ihre geschichtlichen Beziehungen. In: Volk und Volkstum (Jahrbuch für Volkskunde) 2, 1937, S: 37–53; auch in: Volksmedizin: Probleme und Forschungsgeschichte. Hrsg. von Elfriede Grabner, Darmstadt 1967, S. 200–222.
  • Elfriede Grabner (Hrsg.): Volksmedizin: Probleme und Forschungsgeschichte (= Wege der Forschung, Band 63), Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, Darmstadt 1967 DNB 458546542.
  • Paul van Dijk: Volksgeneeskunst in Nederland en Vlaanderen (De volksgeneeskundige recepten zijn mede bewerkt door Hanneke Winterwerp). Deventer 1981.
  • Max Höfler: Volksmedizinische Botanik der Germanen. Wien 1908 (= Quellen und Forschungen zur deutschen Volkskunde, 5); Neudruck: VWB - Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1990 (= Ethnomedizin und Bewußtseinsforschung: Historische Materialien, Band 11), ISBN 3-927408-41-7.
  • Heinrich Marzell: Die Volksmedizin. In: Adolf Spamer (Hrsg.): Die deutsche Volkskunde, Band I. Berlin und Leipzig 1934/35, S. 168–182, DNB 368585891.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Adolf F. Dörler: Die Tierwelt in der sympathetischen Tiroler Volksmedizin. In: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 8, 1898, S. 38–48 und 168–180.
  2. Johannes Jühling: Die Tiere in der deutschen Volksmedizin alter und neuer Zeit nach den in der kgl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden vorhandenen gedruckten und ungedruckten Quellen. Polytechnische Buchhandlung R. Schulze, Mittweida 1900, OCLC 6663973.
  3. Ernst Julius Gurlt: Geschichte der Chirurgie und ihrer Ausübung. Volkschirurgie - Altertum - Mittelalter - Renaissance. 3 Bände, Berlin 1898; Neudruck Hildesheim 1964; Digitalisat: Band 1; Band 2; Band 3
  4. Anton Curic: Gesundheitslexikon A-Z. Eco, Eltville 1999, ISBN 3-933468-52-3, S. 70.
  5. Max Höfler: Volksmedizin und Aberglaube in Oberbayerns Gegenwart und Vergangenheit. München 1893.
  6. Gottfried Lammert: Volksmedizin und medizinischer Aberglaube in Bayern und den angrenzenden Bezirken, begründet auf die Geschichte der Medizin und Cultur. Julien, Würzburg 1869, OCLC 937180830.
  7. Heinrich Vorwahl: Deutsche Volksmedizin in Vergangenheit und Gegenwart. In: Studien zur religiösen Volkskunde, Abteilung B, Heft 9, Dresden und Leipzig 1939, S. 3–48; auch in: Volksmedizin: Probleme und Forschungsgeschichte. Hrsg. von Elfriede Grabner, Darmstadt 1967, S. 223–277.
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