Whataboutism

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Whataboutism (aus dem englischen What about? = „Was ist mit?“ und dem Suffix -ism = „ismus“ zusammengesetzt) ist eine oft als unsachlich kritisierte Gesprächstechnik, die unter diesem Namen ursprünglich der Sowjetunion bei ihrem Umgang mit Kritik aus der westlichen Welt als Propagandatechnik vorgehalten wurde. Es bezeichnet heute allgemein die Ablenkung von unliebsamer Kritik durch Hinweise auf andere wirkliche oder vermeintliche Missstände.

Wortbedeutung und Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Whataboutism ist nach der Definition des Oxford Living Dictionary „die Technik oder Praxis, auf eine Anschuldigung oder eine schwierige Frage mit einer Gegenfrage zu antworten oder ein anderes Thema aufzugreifen“. Der Begriff stammt nach Angaben des Wörterbuchs aus den 90er Jahren und ist synonym zu dem Begriff „whataboutery“, der in den 1970er Jahren aufkam.[1] Er wird auch in deutschsprachigen Artikeln verwendet.[2][3]

Logischer Fehlschluss und rhetorisches Mittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Whataboutism kann als Spezialfall des tu quoque aufgefasst werden. Das Ziel dieses als rhetorisches Mittel eingesetzten Verfahrens ist oft, die Position des Gegners zu diskreditieren, ohne seine Argumente zu widerlegen. Als klassisches und zum Sprichwort gewordenes Beispiel des Whataboutism gilt der in der Sowjetunion als Erwiderung auf Kritik am Kommunismus häufig geäußerte Satz „Und in Amerika lynchen sie Schwarze“.[4]

Dieses Verhalten bleibt dem Gesprächspartner die sachliche Antwort auf seine Kritik schuldig, kann aber auch die Korrektheit der Vorwürfe direkt oder indirekt eingestehen. Die oft vorwurfsvoll geäußerte Frage spricht dem Kritiker in der Regel die Berechtigung zu seiner Kritik ab.[3][5][6]

Verwendung zur Kennzeichnung einer sowjetischen Propagandataktik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausdruck wurde 2008 von dem Journalisten Edward Lucas in einem Artikel des The Economist populär gemacht.[7] Lucas schrieb whataboutism als Propaganda-Taktik Russland zu und hielt den neuerlichen Gebrauch des Ausdrucks für ein Zeichen der Wiederkehr des Kalten Krieges und der Mentalität der Sowjetzeit bei Russlands derzeitiger Regierung. Dieses taktische Verfahren wurde seinerzeit der Sowjetunion für ihren Umgang mit Kritik aus der westlichen Welt vorgehalten. Diese Verwendung des Begriffs seit dem Kalten Krieg wurde mehrfach dargestellt[8] und auch systematisch analysiert.[9]

Whataboutism wurde und wird in vielen Bereichen angewendet, im politischen Bereich meist, um Kritik an der Politik des eigenen Land abzuwiegeln und sie mit Verweis auf „Was ist mit…?“ auf Begebenheiten in anderen Ländern zu lenken, die Ähnlichkeiten mit dem ursprünglichen Gegenstand der Kritik aufweisen.[10][11][12] So wurden Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen in Russland mit Hinweisen auf Verbrechen im Gefangenenlager Guantanamo durch die USA gekontert, die Krim-Annexion wurde mit den politischen Konfliktlösungen im Kosovo gleichgesetzt.[13][14]

Im modernen Russland, speziell im Zusammenhang mit dem Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen und anderer Kritik an der russischen Regierung, lebte die Praxis des Whataboutism wieder auf.[10][15] Whataboutism wird auch mit sogenannten „aktiven Maßnahmen“ kombiniert.[16] Miriam Elder von The Guardian erörterte, wie diese Taktik insbesondere von der Regierung Wladimir Putins und seinen Sprechern angewendet wurde, womit die meiste Kritik an Menschenrechtsverletzungen in der Regel unbeantwortet blieb.[17] Im Juli 2012 schrieb Konstantin von Eggert, ein Kolumnist bei RIA Novosti, einen Artikel über die Verwendung von Whataboutism in Bezug auf die russische und amerikanische Unterstützung für verschiedene Regierungen im Nahen Osten.[18][19]

In Euromaidanpress veröffentlichte Alex Leonor eine ausführliche Analyse der russischen Propaganda mit einer Vielzahl von Beispielen: A guide to Russian propaganda. Part 2: Whataboutism.[20]

Im Rückblick

Josua Keating stellte 2014 anhand der Buches über den Krimkrieg von Orlando Figes’ das Phänomen des whataboutism in den größeren Kontext der russischen Geschichte seit jener Zeit und fand Übereinstimmungen zeitgenössischer Äußerungen mit denen Wladimir Putins während der Krimkrise. Schon im Vorfeld des Krimkriegs wollte Zar Nikolaus I. aus religiösen und geopolitischen Erwägungen Krieg gegen das Osmanische Reich führen, die europäischen Mächte Frankreich und Großbritannien verfolgten indes ihre eigenen, durchaus eigennützigen Partikularinteressen, was schließlich in einem kriegerischen Konflikt mündete, der einen Vorgeschmack auf die folgenden, industriell geprägten Abnutzungskriege des 20. Jahrhunderts liefern sollte.

Der Ärger des Zaren über die nicht vorhergesehene Konfrontation mit den Westmächten wurde vom Panslawisten Michail Pogodin bestärkt, indem er die vermeintliche Doppelmoral der europäischen Kolonialmächte kritisierte, die ihnen erlaube, Kriege zu führen und Länder zu besetzen, während dies Russland wiederum untersagt sei (wobei anzumerken ist, dass Russland währenddessen in Mittel- und Ostasien weiter kräftig expandierte).[21]

Allgemeine Verwendung als Propagandamethode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff ist jedoch nicht auf die politische oder speziell russlandkritische Verwendung eingeschränkt.

„Wenn der Papst den Syrer Assad kritisiert, könnte Assad einfach sagen: ‚Und was ist mit den pädophilen Priestern?‘ Als Oskar Lafontaine auf die Mauertoten angesprochen wurde, stellte er die Gegenfrage: ‚Was ist mit den Toten im Mittelmeer‘?“[22][2] Auch im US-amerikanischen Wahlkampf von 2016 fanden sich viele Beispiele.[6][23] besonders Donald Trump wurde von seinen Kritikern vorgehalten, whataboutism zu betreiben.[24]

Einschränkungen der Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon Edward Lucas wies darauf hin, dass whataboutism „keine schlechte Taktik“ sei, wenn sie nicht wie im Falle Russlands übertrieben werde. „Jede Kritik muss in einen geschichtlichen und geografischen Kontext gesetzt werden. Ein Land, das die meisten seiner furchtbaren Probleme gelöst hat, verdient Lob und sollte nicht für die übrig gebliebenen Probleme verbal fertig gemacht werden. Auf ähnliche Weise kann ein Verhalten, das an internationalen Standards unvollkommen sein mag, in einer bestimmten Umgebung ziemlich gut sein.“[25]

Christian Christensen, Professor für Journalismus in Stockholm, macht deutlich, dass die Zurückweisung von Gegenvorwürfen auch ein Ausdruck davon sein kann, dass man die eigenen Fehler in verzerrter Selbstwahrnehmung als geringerwertig empfindet, dass man also doppelte Standards zugrunde legt. So erscheint die Handlung des Gegners etwa als verbotene Folter, die eigenen Maßnahmen als „erweiterte Verhörmethoden“, die Gewalt des anderen als Aggression, die eigene lediglich als Reaktion. Christensen sieht sogar einen Nutzen im Gebrauch des Arguments: „Die sogenannten ‘whataboutists’ stellen das bisher nicht in Frage Gestellte infrage und bringen Widersprüche, Doppelstandards und Heuchelei ans Tageslicht. Das ist keine naive Rechtfertigung oder Rationalisierung […], es ist die Herausforderung, kritisch über die (manchmal schmerzhafte) Wahrheit unserer Stellung in der Welt kritisch nachzudenken.“[26]

Die Kritik des „whataboutism“ kann auch einen Selbstwiderspruch enthalten, weil schon der erste Schritt des Gesprächs eine Form des „whataboutism“ sein kann. Vorwurf und Gegenvorwurf können beide Ausdruck einer selektiven und verzerrten Wahrnehmung des anderen und der eigenen Position sein. Daher schreibt Glenn Greenwald: „Der Heuchler ist als derjenige zu definieren, der einzelne schreckliche Handlungen verurteilt, aber nicht alle.“[27]

In seiner Analyse von „whataboutism“ kommt Logik-Professor Axel Barceló von der UNAM zu dem Schluss, dass der Gegenvorwurf oft den gerechtfertigten Verdacht ausdrückt, dass die Kritik nicht der wirklichen Position und den wahren Gründen des Kritikers entsprechen.[28]

In ihrer Analyse des whataboutism im US-Präsidentschaftswahlkampf stellt Catherine Putz in The Diplomat Magazine fest, das Kernproblem sei, dass dieses rhetorische Mittel die Diskussion von Streitfragen eines Landes ausschließe (z. B. Bürgerrechte vonseiten der USA), wenn dieses Land in diesem Bereich nicht perfekt sei. Es erfordere standardmäßig, dass ein Land gegenüber anderen Ländern nur für diejenigen Ideale plädieren dürfe, bei denen es die höchste Perfektion erreicht habe. Das Problem mit Idealen sei, dass wir sie als menschliche Wesen selten erreichten. Die Ideale seien aber weiterhin wichtig, und die USA sollten weiterhin dafür eintreten: „Die Botschaft ist wichtig, nicht der Botschafter.“[29]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. whataboutery – definition of whataboutery. In: Oxford Dictionaries. Abgerufen am 26. Dezember 2016 (englisch).
  2. a b Heinrich Schmitz: Wie mit Gegenfragen Diskussionen vermieden werden. In: The European. 8. November 2014 (theeuropean.de [abgerufen am 26. Dezember 2016]).
  3. a b Harald Martenstein: Harald Martenstein über rhetorische Ausweichmanöver. In: Die Zeit. 21. Juni 2016 (zeit.de [abgerufen am 26. Dezember 2016]).
  4. Edward Lucas: The New Cold War: How the Kremlin Menaces Both Russia and the West. Bloomsbury Publishing, 2009, ISBN 978-0-7475-9578-6, S. 307. “Castigated for the plight of Soviet Jews, they would complain with treacly sincerity about discrimination against American Blacks. (footnote: the accusation ‘and you are lynching negroes’ became a catchphrase epitomizing Soviet propaganda based on this principle.”)
  5. Christian Christensen: OPINION: We need ‘whataboutism’ now more than ever. 26. Januar 2015 (aljazeera.com [abgerufen am 26. Dezember 2016]).
  6. a b Never Trump Nevermore. In: National Review. (nationalreview.com [abgerufen am 26. Dezember 2016]).
  7. Whataboutism. In: The Economist. 31. Januar 2008 (economist.com [abgerufen am 26. Dezember 2016]).
  8. Olga Khazan: The Soviet-Era Strategy That Explains What Russia Is Doing With Snowden. In: The Atlantic. (theatlantic.com [abgerufen am 26. Dezember 2016]).
  9. Thomas Ambrosio: Tu Qouque: How The Kremlin Redirects External Criticism Through Rhetorical Attacks. North Dakota State University, 2008 (PDF).
  10. a b Whataboutism: Come again, Comrade? In: The Economist. 31. Januar 2008, abgerufen am 18. April 2014 (englisch).
  11. The West is in danger of losing its moral authority. In: European Voice. 11. Dezember 2008, abgerufen am 18. April 2014 (englisch).
  12. Adam Soboczynski: Bitte nicht stören. In: Die Zeit. 4. Februar 2016, abgerufen am 14. März 2016.
  13. Christian Weisflog: Warum die Krim nicht Kosovo ist. In: Neue Zürcher Zeitung. 18. November 2014 (nzz.ch).
  14. Serghei Golunov: The Kremlin’s Compulsion for Whataboutisms: Western Experience in the Putin Regime’s Political Rhetoric. In: PonarsEuarasia – Policy Memos. 14. Juni 2013 (ponarseurasia.org [abgerufen am 26. Dezember 2016]).
  15. Olga Khazan: The Soviet-Era Strategy That Explains What Russia Is Doing With Snowden. In: The Atlantic. (theatlantic.com [abgerufen am 30. Dezember 2016]).
  16. Peter Pomerantsev, Michael Weiss: The Menace of Unreality: How the Kremlin Weaponizes Information, Culture and Money. In: Institute of Modern Russia. 2014 (ceas-serbia.org PDF, englisch).
  17. Miriam Elder: Want a response from Putin's office? Russia's dry-cleaning is just the ticket. In: The Guardian, 26. April 2012 ( theguardian.com englisch).
  18. Konstantin von Eggert: Due West: ‘Whataboutism’ Is Back – and Thriving. In: Sputnik. 25. Juli 2012, abgerufen am 18. April 2014 (englisch).
  19. The Economist schlägt angesichts der geschilderten Fälle zwei rhetorische Gegenmethoden vor: zum einen „Argumente anzuführen, die die russische Führung selbst gebraucht“, so dass sie nicht auf eine westliche Nation angewendet werden können, zum anderen die Empfehlung, dass westliche Nationen verstärkt Selbstkritik in ihren Medien und an Regierungsaussagen ausüben.
  20. About the Source Alex Leonor Alex is a contributor to Euromaidan Press He is a graduate student studying political, military history He is an avid consumer of Russian propag, a.: A guide to Russian propaganda. Part 2: Whataboutism. In: Euromaidan Press. Abgerufen am 30. Dezember 2016.
  21. Joshua Keating: The Long History of Russian Whataboutism. In: Slate, 21. März 2014 (slate.com). Vgl. für Details und Zitate Orlando Figes: Krimkrieg: Der letzter Kreuzzug. Berlin Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-8270-1028-5, S. 152 f. (Google Books).
  22. Harald Martenstein über rhetorische Ausweichmanöver. In: Die Zeit. 21. Juni 2016 (zeit.de [abgerufen am 26. Dezember 2016]).
  23. The Backwards Logic of This Election Year. In: The Federalist. 16. Juni 2016, abgerufen am 30. Dezember 2016.
  24. Catherine Putz, The Diplomat: Donald Trump’s Whataboutism. In: The Diplomat. (thediplomat.com [abgerufen am 30. Dezember 2016]).
  25. “It is not a bad tactic. Every criticism needs to be put in a historical and geographical context. A country that has solved most of its horrible problems deserves praise, not to be lambasted for those that remain. Similarly, behaviour that may be imperfect by international standards can be quite good for a particular neighbourhood.”
  26. OPINION: We need ‘whataboutism’ now more than ever. (aljazeera.com [abgerufen am 26. Dezember 2016]).
  27. Glenn Greenwald 2015
  28. Axel Barceló: Whataboutism Defended: Yes, the Paris Attacks were horrible, …but what about Beirut, Ankara, etc.? (PDF).
  29. Catherine Putz, The Diplomat: Donald Trump’s Whataboutism. In: The Diplomat. (thediplomat.com [abgerufen am 30. Dezember 2016]): „The core problem is that this rhetorical device precludes discussion of issues (ex: civil rights) by one country (ex: the United States) if that state lacks a perfect record. It demands, by default, for a state to argue abroad only in favor of ideals it has achieved the highest perfection in. The problem with ideals is that we, as human beings, hardly ever live up to them. "If the United States waited to become a utopia before arguing in favor of liberty abroad, it would never happen. What matters is the set of ideals–that all are created equal with rights to “Life, Liberty and the pursuit of Happiness”–not that we have managed to perfectly live up to them. This is a struggle the United States shares with the world: to try and fail and try again. The United States may not be a “very good” messenger, but there may never be a better messenger. It’s the message that truly matters."“