Wiktor Pintschuk

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Wiktor Pintschuk in 2010 bei der Time 100 Gala
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Wiktor Mychajlowytsch Pintschuk (ukrainisch Віктор Миха́йлович Пінчук; russisch Виктор Михайлович Пинчук; * 14. Dezember 1960 in Dnipropetrowsk) ist ein ukrainischer Multimilliardär und Oligarch, er gilt als zweitreichste Mann der Ukraine (hinter Rinat Achmetow).

Biografie[Bearbeiten]

Pintschuk wurde in Dnipropetrowsk geboren, da seine Eltern, nachdem sie als Juden nicht in Kiew studieren durften, dorthin gezogen sind. Pintschuk absolvierte am metallurgischen Institut in Dnipropetrowsk ein Ingenieursstudium, das er 1983 beendete. In den 1990er Jahren gehörte Pintschuk zur postsowjetischen Nomenklatura. Anfangs war Pintschuk in der Metallindustrie engagiert, als Ingenieur hatte er seit den 1980er Jahren Techniken entwickelt, mit denen sich Rohre billiger herstellen ließen. 1990 gründete er das Unternehmen Interpipe und verdiente an den Patenten. Zu Reichtum kam er ab 2002, als er in zweiter Ehe Olena, die Tochter des zweiten Präsidenten der Ukraine Leonid Kutschma, heiratete. 2004 privatisierte sein Schwiegervater für nur 800 Millionen Dollar, einem Sechstel des tatsächlichen Wertes, den größten ukrainischen Stahlkomplex, den Kryworischstal, und verkaufte ihn an Interpipe. Damit erhielt Interpipe das Monopol der Herstellung von Pipelines und Stahlrohrleitungen und lieferte an große Energieunternehmen wie Gazprom und Rosneft. Pintschuk erschien ab 2004 in den Listen der reichsten Menschen der Ukraine.[1]. Er stimmte seine Interessen mit der Finanzgruppe Privat des Oligarchen Ihor Kolomojskyj ab. Julia Timoschenko und Serhij Tihipko (2002 - 2004 Präsident der Nationalbank der Ukraine) schlossen sich zeitweilig dieser Gruppe an.

Von 1998 bis 2006 gehörte Pintschuk dem ukrainischen Parlament an. Im Januar 2005, am Ende von Kutschmas Amtszeit, hatten sich die oligarchischen Gruppen mittels Übernahmen und Zusammenschlüssen von ihren jeweiligen Regionen emanzipiert und politische Schlüsselämter in Kiew erobert: die Leitung des Außenministeriums, des Energieministeriums, der Zentralbank, des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats sowie der Zollbehörde, aber auch den Vorsitz in wichtigen parlamentarischen Ausschüssen. Seit dem Jahr 2006 hat Pintschuk sich weitgehend aus der Politik zurückgezogen und hat starke Netzwerke im Westen, in den USA und in Frankreich aufgebaut. Er setzte sich für einen raschen EU-Beitritt ein und sponsert den „Ukrainischen Lunch“ beim Davoser Weltwirtschaftsforum.[2]

Im Jahr 2006 bündelte Pintschuk rund 20 von ihm kontrollierte Unternehmen zum Firmenverbund Eastone Group zusammen. Außer auf die Röhren- und Metallindustrie konzentriert sich die in London ansässige Gruppe auf den Investment- und Immobilienbereich. Zudem gehören ihr eine Reihe ukrainischer Fernsehsender und Verlagshäuser. Die Eastone Gruppe ist eine Beratungsfirma für internationales Investment, das multinationalen Unternehmen alle Werkzeuge bietet, um in die Wirtschaft des Ostens einzudringen. Zur gleichen Zeit wurde er Besitzer von vier Fernsehsender und einer beliebten Boulevardzeitung (Fakten und Kommentare) mit einer Auflage von über 1 Million. Auch seine karitativen Aktivitäten bündelte Pintschuk 2006 und gründete seine Stiftung "Viktor Pintschuk Foundation" (Pinchukfund). Die Stiftung gibt jährlich rund 10 Millionen Dollar für Projekte aus[3] und arbeitete mit der Konrad-Adenauer-Stiftung zusammen.[4] Seine Frau gründete die Elena Frantschuk Stiftung,[5] die einzigen mit privaten Mitteln finanzierten Anti-Aids-Stiftung der Ukraine.[6] Im Juni 2006 gab der britische Sänger Elton John ein Anti-Aids-Konzert auf dem Majdan, zu dem fast genauso viele Menschen kamen wie zu den Aufläufen während der Orangen Revolution. Pintschuk finanzierte auch die Open Society Stiftung von George Soros, die den Bürgerprotest von 2004 unterstützte. Pintschuk gründete die private Wirtschaftsuniversität Kyiv School of Economics.

Ab 2004 entwickelte sich Pintschuk zum Aushängeschild einer westlich gewendeten ukrainischen Elite. Hatte er noch während der Orangene Revolution, wie sein Gegenpart Rinat Achmetow, lange die Partei der Regionen und deren Spitzenkandidaten Wiktor Janukowytsch gestützt, begann er danach eine eigene Außenpolitik für seine nach Westen ausgedehnten Geschäftsinteressen zu betreiben. Zur Annäherung an die EU rief er 2004 die Yalta European Strategy (YES) ins Leben. Jedes Jahr lud er wirtschaftliche und politische Eliten im Sommerpalast des letzten Zaren auf der Krim in Jalta zu einer Konferenz ein, um die Annäherung der Ukraine an die EU voranzubringen. Zu den Gästen gehörten unter anderem Bill und Hillary Clinton, Tony Blair, Larry Summers, Bill Gates und Richard Branson. Zum weiteren Freundeskreis zählten Henry Kissinger, Steven Spielberg und die Obamas.

Im Jahr 2006 eröffnete er in Kiew das private Museum Pinchuk Art Centre, das als das bedeutendste Museum für moderne Kunst der Ukraine gilt.[7] Direktor dieses Museums ist seit 2008 Eckhard Schneider,[8] der ehemalige Direktor des Kunsthauses Bregenz. Pintschuk, der jüdischer Herkunft ist, produzierte im Jahr 2006 gemeinsam mit Steven Spielberg[9] den Dokumentarfilm Spell your Name (ukrainisch Назви своє ім'я)[10] in dem ukrainische Überlebende des Holocaust und andere Zeitzeugen über ihre Erlebnisse berichten.[11]

Einfluss auf die internationale Politik sicherte sich Pintschuk über Einzahlungen in das globale Stiftungswesen. Als Verbindung zur europäischen politischen Klasse erschien die Tony Blair Stiftung als geeignete Wahl. Zugang zur stark umworbenen Washingtoner Szene, aber auch zum hart umkämpften Stahlmarkt der USA, verschaffte sich Pintschuk ab 2006 durch Millionenspenden an die Clinton Stiftung.[12] Zwischen 2009 und 2013, auch in Hillary Clintons Amtszeit als Außenministerin der Vereinigten Staaten, erhielt die Clinton-Stiftung mindestens 8,6 Millionen Dollar von seiner Stiftung. Ein besonderer Coup gelang ihm durch Zuwendungen an die Brookings Institution und das Peterson Institute for International Economics, in dessen Vorstand er zugleich sitzt.

Im November 2009 hat sich Pintschuk zum ersten Mal öffentlich als Eigentümer von sechs Fernsehsendern – ICTV, STB, Nowyj Kanal, M1, M2 und QTV – bezeichnet, und seine Ehefrau kündigte die Gründung der Medienholding „Star Light Media“ an.[13]

Pintschuk finanzierte mehrere Politikprojekte. Die Proteste auf dem Maidan im Winter 2013/2014 unterstützte er mit großen Summen, wandte sich in einem öffentlichen Brief gegen die damalige Regierung und sprach sich für einen proeuropäischen Kurs aus.[14] 2014 war es Petro Poroschenko, der Kandidat des Pintschuk-Clans, der für die Aufnahme der Ukraine in die EU und die NATO plädierte. Mit dessen Sieg war der rivalisierende Achmetow-Clan aus Donezk, der hinter der Partei der Regionen, also hinter Janukowytsch, stand, in die Defensive gedrängt.[15]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Viktor Pinchuk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nina Jeglinski: Der Oligarch als Philanthrop, Jüdische Allgemeine vom 12. März 2015
  2. Klaus Müller: Die Clans der Ukraine. Machtverhältnisse in einer Demokratie, die nie existiert hat, Le Monde diplomatique Nr. 10534 vom 10.10.2014
  3. Viktor Pintschuk - Saulus a. D. (Memento vom 6. September 2012 im Webarchiv Archive.today) 23.08.2007
  4. Politik im Spiegel, Zugriff 29. März 2014
  5. http://antiaids.org/en
  6. Dank Elton John ein kleiner Sieg, F.A.Z. vom 19. Juni 2007
  7. http://www.welt.de/print/wams/kultur/article13569718/Im-Garten-des-Oligarchen.html
  8. http://www.art-magazin.de/div/heftarchiv/2011/2/EGOWTEGWPOOPWPOGRHCTAACO/Die-Welt-zu-Gast-bei-Victor
  9. Steven Spielbergs Rückkehr in ein gottloses Land
  10. http://spellyourname.org/eng/main.php
  11. http://www.economist.com/node/8086872
  12. Amy Chozick: Trade Dispute Centers on Ukrainian Executive With Ties to Clintons, New York Times, 12. Februar 2014
  13. http://ukraine-nachrichten.de/ukraine-bekommt-neue-medienholding_1962_wirtschaft
  14. Nina Jeglinski: Der Oligarch als Philanthrop, Jüdische Allgemeine vom 12. März 2015
  15. Der Oligarch als Philanthrop- Viktor Pintschuk unterstützt Reformen, Jüdische Allgemeine vom 12. März 2015, abgerufen am 29. März 2015