Wilhelmine von Grävenitz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Angebliche Portraitminiatur der Wilhelmine von Grävenitz, 1721

Christine Wilhelmine Friederike von Grävenitz (* 4. Februar 1685 in Schilde (Weisen)[1]; † 21. Oktober 1744 in Berlin) war die Mätresse des Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg (1676–1733). Sie entstammte dem altmärkischen Uradel von Graevenitz. Seit 1727 war ihre Titulatur Christina Wilhelmina, Reichsgräfin von Würben und Freudental, regierende Gräfin zu Welzheim und Gochsheim, Frau auf Freudental und Neckar-Boyhingen, geb. Gräfin von Graevenitz,[2] bzw. Landhofmeisterin Christina Wilhelmine Reichsgräfin von Würben und Freudental, Welzheim und Gochsheim, Frau zu Freudental, Stetten und Brenz, geborene Gräfin von Grävenitz, kurz genannt die Grävenitz.[3]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelmine von Grävenitz wuchs in Güstrow in Mecklenburg auf. Erst 1706, mit 20 Jahren, kam sie auf Initiative des Stuttgarter Hofmarschalls Johann Friedrich von Staffhorst und ihres Bruders Friedrich Wilhelm von Grävenitz an den württembergischen Hof nach Stuttgart. Mit Hilfe der jungen Frau wollte der Hofmarschall Einfluss auf den Herzog gewinnen. Sie sollte Herzog Eberhard Ludwig als neue Gespielin von seinen Regierungspflichten ablenken. Der intrigante Plan ging zunächst auf, doch an Stelle einer galanten Liebeständelei von begrenzter Dauer, entwickelte sich zwischen Eberhard Ludwig und Wilhelmine von Grävenitz eine Liebesbeziehung, die über zwanzig Jahre andauerte, lange Zeit auch gegen äußere Widerstände.

Ende Juli 1707 heiratete Eberhard Ludwig Wilhelmine auf Hofgut Neuhaus bei Bierlingen (Gemeinde Starzach)[4] in morganatischer Ehe und machte sie zur Gräfin von Urach. Der Reichsgrafenstand von Graevenitz für ihren Bruder und sie passierte Wien am 1. September 1707, so dass im November offiziell bekanntgegeben werden konnte, dass der Herzog sich mit der Gräfin von Grävenitz vermählt habe, die künftig Gräfin von Urach heiße. Seine Gemahlin Herzogin Johanna Elisabeth hatte jedoch nicht in eine Scheidung eingewilligt und wandte sich wegen dieser Bigamie an den Kaiser. Auf dessen Druck wurde die Vermählung wieder gelöst und Wilhelmine von Grävenitz aus Württemberg verbannt. Eberhard Ludwig folgte ihr zunächst in die Schweiz. 1710 holte er sie wieder an seinen Hof, indem er sie zum Schein mit dem schon siebzigjährigen böhmischen Grafen Johann Franz Ferdinand von Würben und Freudental († 1729) verheiratete. Die Trauung fand in einer abgelegenen Kapelle Oberhausen bei Meßstetten statt. Die ausgestellten Urkunden des Tieringer Pfarrers wurden vernichtet.[5] Der Ehemann musste sich im Ausland aufhalten und durfte die Ehe nie vollziehen. Dafür erhielt er neben einer bedeutenden Geldentschädigung den Titel eines württembergischen Landhofmeisters, Geheimen Rats und Kriegsratspräsidenten. Den finanziellen Zufluss aus Württemberg verwandte er vor allem für seine Wiener Spielschulden. Als nunmehrige „Landhofmeisterin“ kehrte Grävenitz unangefochten nach Stuttgart zurück und nahm die erste Stelle bei Hof ein. Selbst ohne leibliche Kinder, adoptierte sie ihre Nichte Wilhelmine Charlotte (1720–1771), die Tochter ihres Bruders Karl Ludwig und der Maria Anna Claudine geborene Schaffalitzky von Muckadell.[6]

Sie bewegte den Herzog, das Jagd- und Lustschloss Ludwigsburg erheblich zu vergrößern und schließlich die Residenz mitsamt dem Hofstaat dorthin zu verlegen. In Ludwigsburg lebte und repräsentierte sie an der Seite des Herzogs, während die Herzogin weiterhin im Stuttgarter Alten Schloss wohnte.

Sie beteiligte sich aktiv an der Regierung. 1717 wurde sie als ordentliches Mitglied in das Geheime Cabinett aufgenommen und hatte damit Einfluss auf Justiz-, Finanz- und Gnadensachen. 1727 erwarb sie den Ort Freudental, wo ab dem Folgejahr das Grävenitzsche Schloss für sie errichtet wurde.

1731 starb Erbprinz Friedrich Ludwig, Eberhard Ludwigs einziger Sohn. Falls der Herzog keinen weiteren ehelichen Sohn zeugte, sollte ihm sein katholischer Cousin Karl Alexander auf dem Thron folgen und das protestantische Württemberg regieren. Viele Kräfte wollten dies verhindern. Eberhard Ludwig wurde wieder von außen gedrängt, die Verbindung zu Wilhelmine aufzugeben und sich mit der Herzogin zu versöhnen. Dieses Mal gab der Herzog dem Druck nach und wandte sich von ihr ab. Er entzog ihr alle Ämter und ließ sie inhaftieren. 1732 wurde sie frei gelassen und endgültig verbannt. Nach ihrem Sturz entlud sich der Unmut über ihren großen Einfluss. Auf ihre Unbeliebtheit spielt eine Anekdote an, deren Ursprung und Wahrheitsgehalt nicht belegt sind. Auf ihre Bitte, man möge sie namentlich ins Gebet aufnehmen, antwortete der Tübinger Prälat Johannes Osiander, das geschehe bereits bei jedem Gottesdienst in der siebten Bitte des Vaterunsers (mit den Worten: „Erlöse uns von dem Übel“).

Ihre württembergischen Besitztümer wurden ihr entzogen. Als Entschädigung erhielt sie die beachtliche Summe von 150.000 Gulden. Sie zog nach Berlin, wo sie bis zu ihrem Tod 1744 als hoch vermögende Frau lebte. Ihre Adoptivtochter und Nichte Charlotte Wilhelmine Baronesse von Grävenitz war mit nach Berlin gekommen und hatte am 4. Februar 1735 den preußischen Generalmajor der Kavallerie, Georg Konrad von der Goltz, geheiratet.[7] Um das Vermögen der Gräfin von Würben entbrannte ein entwürdigender Machtkampf, in den Goltz, der königliche Minister Johann Moritz von Viebahn und König Friedrich Wilhelm I. höchstpersönlich verstrickt waren. Die Gräfin durfte Preußen nicht verlassen, weil die Beteiligten Angst hatten, sie könnte ihr Vermögen außer Landes schaffen. Sie wurde gezwungen ihr Kapital in Berlin zu binden, indem sie ein Haus in der Berliner Burgstrasse erwerben musste. Erst dann erlangte die Gräfin von Würben ihre Bewegungsfreiheit zurück und schloss einen Vergleich mit dem Ehepaar Goltz. Das Verhältnis zu ihrer Adoptivtochter war daraufhin zerrüttet.[8]

Christina Wilhelmina von Würben starb am 21. Oktober 1744 und wurde im Gewölbe Nikolaikirche (Berlin) bestattet. Bei Grabungsarbeiten anlässlich der Restaurierung der Kirche 1879 wurde aus dem Schutt ihre vergoldete Sargtafel geborgen. Die Inschrift lautet: „Christina / Wilhelmina Gräffin / von Wirben gebohrne / Gräffin von Gräveniz / ist geboh:[ren] den 4. Februarii 1685 / selig gestorb:[en] 21 Octob: / 1744 / Hier liegt ein Gott versöhntes Kind / in Christi Blut gebunden / Dem Gott geschenckt all seine Sünd / Durch Christi Todt und Wunden / Die Seele ist im Himmel rein / Ihr Gott bewahret ihr Gebein / Läst sie mit Freuden / auferstehn.“[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wilhelmine von Grävenitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Wilhelmine von Grävenitz – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. auch Friedrich Wigger: Aus dem Leben der Königin Sophie Louise von Preußen (der „Princesse von Grabow“). In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 41 (1876), S. 3–97, 158 (Volltext und Digitalisat), Anmerkung auf S. 28: nach ihm getauft 1684 am 4. Februar in Weisen – der korrekte Taufeintrag findet sich im Kirchenbuch von Schilde (Gemeinde Weisen, Landkreis Prignitz) sowie auf der Sargtafel. Vgl. Daniel Schulz: Die steinreiche Erbtante. Die Gräfin Christina Wilhelmina von Würben in Berlin. In: Ludwigsburger Geschichtsblätter 68/2014, S. 69.
  2. Schloss Freudental
  3. Zur Geschichte Freudentals
  4. Gerhard Raff bei einem öffentlichen Vortrag am 16. Februar 2016 in Ludwigsburg.
  5. Ernst Wintergerst: Scheinehe 1711.
  6. Sybille Oßwald-Bargende: Die Mätresse, der Fürst und die Macht. Christina Wilhelmina von Grävenitz und die höfische Gesellschaft (= Geschichte und Geschlechter. Band 32). Campus, Frankfurt am Main/New York 2000, ISBN 3-593-36637-1 (Digitalisat).
  7. Johann Samuel Heinsius, Genealogisch-historische Nachrichten von den Allerneuesten Begebenheiten, welche sich an Europäischen Höfen zugetragen. Band 33, Leipzig 1748, S. 741 (Digitalisat).
  8. Daniel Schulz: Die steinreiche Erbtante, S. 75f.
  9. Daniel Schulz: Die steinreiche Erbtante, S. 77ff. Die Tafel befindet sich im Berliner Stadtmuseum: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Inventar-Nr. VI 6358, Kupfer vergoldet, 50 × 32 cm. Abbildung bei Daniel Schulz: Die steinreiche Erbtante S. 79. Der Eintrag ihres Todes findet sich im Totenbuch von St. Nikolai.