Wladimir Juljewitsch Wiese

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Der junge Wladimir Wiese (1904)

Wladimir Juljewitsch Wiese (russisch Владимир Юльевич Визе, wiss. Transliteration Vladimir Jul'evič Vize; * 21. Februarjul./ 5. März 1886greg. in Zarskoje Selo; † 19. Februar 1954 in Leningrad) war ein russischer bzw. sowjetischer Ozeanograph, Geograph, Meteorologe und Polarforscher deutscher Abstammung. Er gilt darüber hinaus als Begründer der wissenschaftlichen Eisprognose für die arktische Schifffahrt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wladimir Wiese war der Sohn eines kleinen Beamten. Nach dem Besuch des Gymnasiums ging er zum Studium der Chemie an die Universität Göttingen. Er merkte bald, dass das Studienfach schlecht gewählt war und er sich stattdessen für Naturgeschichte und geographische Entdeckungen interessierte. Ausschlaggebend für seinen weiteren Lebensweg war Fridtjof Nansens Nordpolexpedition mit der Fram. 1910 kehrte er nach Russland mit dem festen Vorsatz zurück, Polarforscher zu werden.

In den folgenden Jahren schloss er sich zwei Expeditionen auf die Halbinsel Kola an, die dort geologischen und ethnographischen Fragen nachgingen. Im Anschluss erschien seine erste wissenschaftliche Arbeit über die Musik der Samen.[1] Von 1912 bis 1914 nahm er an der Arktis-Expedition von Georgi Sedow auf dem Schiff St. Foka teil. Während einer ungeplanten Überwinterung in der Fokabucht überquerte er die Nordinsel Nowaja Semljas auf 76° nördlicher Breite, so weit nördlich wie keiner vor ihm. Er stellte fest, dass das Innere der Insel von einer Eiskappe bedeckt ist.[2] Die schlecht ausgerüstete und mangelhaft vorbereitete Expedition konnte ihr Ziel, mit Hundeschlitten von Franz-Josef-Land zum Nordpol vorzudringen, nicht erreichen. Sedow starb in der Nähe der Rudolf-Insel. Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Expedition waren aber bemerkenswert. Zum ersten Mal wurden Gletscherbewegungen in Franz-Josef-Land systematisch untersucht. Wiese schuf ein enges Raster meteorologischer, erdmagnetischer und ozeanographischer Beobachtungen, die er alle zwei Stunden aufzeichnete. Nach Sedows Tod übernahm Wiese faktisch die Leitung, intensivierte die wissenschaftlichen Arbeit und führte die Expedition in die Heimat zurück, obwohl der Schiffsarzt Kuschakow von Sedow zum Nachfolger bestimmt worden war.[3]

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution arbeitete Wiese als Meteorologe und Ozeanograph am Physikalischen Zentralobservatorium in Petrograd. 1921 nahm er als leitender Ozeanograph an einer Expedition mit dem Eisbrecher Taimyr in die südwestliche Karasee teil. 1928 leitete Wiese die sowjetische Suchexpedition nach dem auf dem Flug zum Nordpol abgestürzten italienischen Luftschiff Italia. 1929 war er Stellvertreter Otto Juljewitsch Schmidts auf einer Expedition mit dem Eisbrecher Georgi Sedow nach Franz-Josef-Land. Das wichtigste Ergebnis war die Einrichtung einer Polarstation in der Stillen Bucht der Hooker-Insel. 1930 war er erneut an Bord des Eisbrechers, als die Überwinterungsmannschaft in der Stillen Bucht ausgetauscht wurde. Anschließend versucht Schmidt von Franz-Josef-Land direkt nach Sewernaja Semlja zu fahren. Auf dem Weg durch die nördliche Karasee entdeckte die Expedition eine noch unbekannte Insel. Sie erhielt den Namen Wiese-Insel, da Wladimir Wiese bereits 1924 aus beobachteten Meeresströmungen die Existenz weiterer Insel in diesem Gebiet postuliert hatte.[4] In den Jahren 1932 und 1934 war Wiese wissenschaftlicher Leiter der Expeditionen zur Erforschung des Nördlichen Seewegs. 1932 nahm er an der Expedition teil, die mit dem Eisbrecher Sibiriakow als Erste die Nordostpassage in einer einzigen Navigationsperiode durchfuhr und dabei als erstes Schiff die Inselgruppe Sewernaja Semlja nördlich passierte.[5]

Wladimir Wiese wurde nun Stellvertretender Direktor des von Rudolf Lasarewitsch Samoilowitsch geleiteten Arktischen Forschungsinstituts und 1933 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Im selben Jahr entdeckte er mit der Sibirjakow die Inseln in der östlichen Karasee.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiese wurde für seine wissenschaftliche Arbeit mit hohen staatlichen Auszeichnungen dekoriert wie dem Leninorden und dem Orden des Roten Banners der Arbeit. Neben der arktischen Wiese-Insel ist auch die Gruppe der Wiese-Inseln in der Antarktis nach ihm benannt. Bereits Sedow gab 1913 einem Kap und einem Gletscher an der Westküste von Nowaja Semljas Nordinsel Wieses Namen. In den 1020er Jahren wurden auch zwei Buchten dieser Insel nach ihm benannt. Er ist auch Namensgeber eines Kaps auf der Insel Bolschewik im Archipel Sewernaja Semlja und eines Kaps auf der Brady-Insel sowie eines Gletschers auf der Greeley-Insel Franz-Josef-Lands.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wladimir Dmitrijew u. a.: Morskoi enziklopeditscheski slowar: Tom 1. Sudostrojenije, Leningrad 1991, ISBN 5-7355-0280-8, S. 223. (russisch)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wladimir Juljewitsch Wiese – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. В. Ю. Визе: Лопарская музыка. In: Изв. Архангельского общества изучения Русского севера. Band 6, 1911, S. 481–486.
  2. William James Mills: Exploring Polar Frontiers – A Historical Encyclopedia. Band 2. ABC-CLIO, 2003, ISBN 1-57607-422-6, S. 592 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Kurt Lütgen: Hoch im Norden neues Land …. Loewe, Bayreuth 1977. ISBN 3-7855-1745-9. S. 220 f.
  4. William James Mills: Exploring Polar Frontiers – A Historical Encyclopedia. Band 1. ABC-CLIO, 2003, ISBN 1-57607-422-6, S. 339 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. William James Mills: Exploring Polar Frontiers – A Historical Encyclopedia. Band 2. ABC-CLIO, 2003, ISBN 1-57607-422-6, S. 602 f. (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).