Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg

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Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg
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Rechtsform Stiftung des bürgerlichen Rechts
Gründung 1817
Sitz Stuttgart, Deutschland
Leitung Ingrid Hastedt, Vorsitzende des Vorstands
Mitarbeiter ca. 1.400
Branche Altenhilfe, Sozialarbeit Altenpflege, Wohlfahrtspflege
Website www.wohlfahrtswerk.de

Das Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg ist aus einer Initiative von Königin Katharina von Württemberg (1788–1819) hervorgegangen, die im Jahre 1817 eine koordinierende „Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins“ gründete. Heute ist das Wohlfahrtswerk mit Sitz in Stuttgart als Stiftung des bürgerlichen Rechts fünftgrößter Träger der Altenhilfe in Baden-Württemberg und betreut mit 1.400 Mitarbeitern rund 2.000 ältere und pflegebedürftige Menschen. Das Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg ist Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband und im Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge.

Aufgaben und Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg verfolgt seit seiner Gründung zwei wesentliche Aufgaben: Soziale Dienstleistungen zu unterhalten und Innovationen auf sozialem Gebiet anzuregen und durchzusetzen. In der Stiftungssatzung wurde ein weiter Rahmen für die Tätigkeit der Stiftung festgeschrieben. Dazu gehört neben dem Betrieb von Einrichtungen und Diensten auch die Aus- und Weiterbildung im Sozialbereich, die Herausgabe von Publikationen sowie die Verwaltung anderer Stiftungen wie z. B. die von Rudolf Knosp und seiner Ehefrau Sophie.

An 20 Standorten in Baden-Württemberg betreibt die nicht-konfessionelle Stiftung heute Pflegeheime, Senioren-Wohngemeinschaften, Betreutes Wohnen und ein Generationenhaus. Für Senioren, die zu Hause leben, werden ambulante Dienste, Kurzzeitpflege, Tages- und Nachtpflege, eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung sowie mobile Essensdienste angeboten. Das Bildungszentrum des Wohlfahrtswerks führt Weiterbildungen für interne und externe Fachkräfte durch und bildet als „Private Berufsfachschule für Sozialpflege mit Schwerpunkt Alltagsbetreuung“ Servicehelfer im Sozial- und Gesundheitswesen sowie als „Berufsfachschule für Altenpflege und Altenpflegehilfe“ seit 2013 Altenpfleger und Altenpflegehelfer aus.

Mit über 1.100 Teilnehmern pro Jahrgang ist das Wohlfahrtswerk nach der Diakonie, dem IB und dem Deutschen Roten Kreuz viertgrößter Träger des Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ) in Baden-Württemberg und seit 2011 Träger des Bundesfreiwilligendienstes (BFD).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1817 gründete Königin Katharina von Württemberg Wohltätigkeitsvereine und setzte zu ihrer Koordinierung eine „Zentralleitung“ ein. Die Enkelin Katharina der Großen, Tochter des russischen Zaren Paul und Gemahlin König Wilhelms I., wollte die Armut im Lande bekämpfen und legte damit den Grundstein für die Sozialpolitik in Württemberg. Ihr Ziel war es, mit dieser Institution Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten sowie Prävention und Volkserziehung zu betreiben. Die Zeitschrift Blätter der Wohlfahrtspflege wurde 1848 ins Leben gerufen, damals mit dem Namen „Blätter für das Armenwesen“. Diese Zeitschrift für die Soziale Arbeit wird heute noch vom Wohlfahrtswerk herausgegeben und erscheint im Nomos Verlag.

1902 folgte die Anerkennung der „Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins“ als öffentlich-rechtliche Körperschaft. 1921 folgte dann die Umbenennung in „Zentralleitung für Wohltätigkeit in Württemberg“.

Nach 1918 erfüllte die „Zentralleitung für Wohltätigkeit“ viele wichtige Koordinationsfunktionen für die Wohlfahrtspflege. Allerdings wurde das ursprüngliche Wirken durch den Ausbau der staatlichen Sozialpolitik, den Vermögensschwund durch die Inflation sowie die Abgabe von Arbeitsgebieten an die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt erheblich eingeschränkt.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenige Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs traten 1937 neue „Grundbestimmungen“ in Kraft. Infolgedessen wurde die „Zentralleitung für Wohltätigkeit in Württemberg“ eine Anstalt des öffentlichen Rechts und in „Zentralleitung für das Stiftungs- und Anstaltswesen in Württemberg“ umbenannt. Zuständig war diese „Zentralleitung“ für die konfessionellen Heil- und Pflegeanstalten in Württemberg – und damit auch für das später zur Tötungsanstalt umfunktionierte „Krüppelheim“ Grafeneck.

Von den Krankenmorden wusste die „Zentralleitung“ unter Karl Mailänder nicht nur, sie war auch vielfach an der Erfassung der Kranken für die „Aktion T4“ beteiligt.[1]

Karl Mailänder und die „Zentralleitung“ waren auch für die bürokratische Abwicklung der Deportation und Ermordung der Sinti-Kinder von Mulfingen verantwortlich. Deren mit dem zynischen Vermerk „Fürsorgeerziehung endet wegen Tod“ versehene Akten unterschrieb Mailänder laut Aussage einer Sekretärin persönlich.[2]

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach 1945 herrschte vor allem bei der Wohnungsversorgung große Not. Besonders alleinstehende Ältere waren benachteiligt. Mit der Zeit entwickelte sich in diesem Bereich ein neuer Aufgabenschwerpunkt: das Angebot von Wohnraum und Hilfsangeboten für ältere Menschen.

Als der Paritätische Wohlfahrtsverband in Baden-Württemberg 1947 wieder gegründet wurde, zählte die Zentralleitung – wie bereits 1925 bei der Gründung des „Fünften Wohlfahrtsverbands“ – zu den Gründungsmitgliedern. Die dritte Umbenennung folgte 1956 in „Landeswohlfahrtswerk für Baden-Württemberg“ mit neuer Rechtsform: Anstalt des öffentlichen Rechts mit eigener Rechtspersönlichkeit. Zu den damaligen Aufgaben gehörten neben dem Bau und Betrieb von Altenhilfeeinrichtungen zunehmend auch Planungsfragen zur Infrastruktur und die Theoriebildung in der Altenhilfe.

Im Jahre 1972 wurde die privatrechtlichen Stiftung mit dem heutigen Namen „Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg“ (neue Rechtsform) durch das Land Baden-Württemberg gegründet. Damit sollte die Institution gefestigt und ihre Unabhängigkeit von öffentlichen Rahmenbedingungen gesichert werden. Gemäß dem Stiftungsauftrag Innovationen zu fördern, wurden in den folgenden Jahrzehnten vom Wohlfahrtswerk neue Wohnformen für Senioren eingeführt: 1981 die erste Tagespflege für Ältere in Süddeutschland, 1987 das erste Betreute Wohnen in Deutschland und 2000 eine der ersten Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige in Baden-Württemberg.

2013 und 2016 erhielt das Wohlfahrtswerk das Innovationssiegel TOP 100, das die 100 innovativsten mittelständischen Unternehmen Deutschlands auszeichnet.[3]

Chronik der Vorsitzenden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitraum Vorsitzende Lebensdaten
1819–1848 Johann Georg August von Hartmann *1764 †1849
1848–1852 Karl Scheuerlen *1798 †1850
1852–1870 Ludwig August von Gärttner *1790 †1870
1870–1872 Graf Hugo von Leutrum *1814 † 1884
1872–1876 Ludwig von Golther *1823 †1876
1876–1897 Theodor Köstlin *1823 †1900
1897–1908 Rudolf Moser von Filseck *1840 †1909
1908 Rudolf Christian Scharpff *1862 †1914
1908–1911 Karl von Geßler *1853 †1911
1912–1914 Heinrich von Mosthaf *1854 †1933
1914–1924 Hermann von Kern *1854 †1932
1924–1934 Edmund Rau *1868 †1953
1934–1938 Karl Waldmann *1889 †1969
1938–1946 Karl Mailänder *1883 †1960
1946–1950 Friedrich Haussmann (komm. Vorstand) *1873 †1951
1950–1959 Karl Mailänder wieder Vorstand
1959–1972 Albert Scholl(Direktor des Landeswohlfahrtswerks)
1972–1984 Hans Hummel *1917 †1994
1984–1996 Paul Samuel Held *1932
1996 Mit einer Satzungsänderung wird Dietmar Nittel weiteres Mitglied des Vorstands, Paul Samuel Held wird Vorstandsvorsitzender
seit 1997 Ingrid Hastedt *1963
seit 2004 Thomas Göbel (stellvertretender Vorstandsvorsitzender/ Nachfolger von Dietmar Nittel) *1965

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg hat seit 1995 vier Tochtergesellschaften gegründet. Sie decken die zentralen Aufgabenbereiche der Stiftung ab und bieten Dienstleistungen auch für externe Institutionen an:

  • Wohlfahrtswerk Altenhilfe gGmbH: Dienstleistungen in der Altenpflege
  • Silberburg Hausdienste GmbH: Reinigung und Haustechnik
  • Wohlfahrtswerk Management und Service GmbH: Verwaltung
  • Wohlfahrtswerk Bau- und Immobilienmanagement GmbH: Dienstleistungen rund um den Bau

Standorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen und Nachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V (Hrsg.):Stifterland Baden-Württemberg. Ausführliches Begleitbuch zur gleichnamigen Wanderausstellung. Bundesverband Deutscher Stiftungen, Berlin 2005, S. 294f.
  • Landesarchivdirektion Baden-Württemberg (Hrsg.): Akten zur Wohltätigkeits- und Sozialpolitik Württembergs im 19. und 20. Jahrhundert. Inventar der Bestände der Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins und verbundener Wohlfahrtseinrichtungen im Staatsarchiv Ludwigsburg, bearbeitet von Wolfgang Schmierer, Karl Hofer und Regina Schneider, nach Titelaufnahmen von Hans-Ewald Kessler. Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg. Band 42, Stuttgart 1983.
  • Landeshauptstadt Stuttgart, Stabsstelle „Förderung bürgerschaftliches Engagement“/Initiativkreis Stuttgarter Stiftungen/Bürgerstiftung Stuttgart (Hrsg.): Den Stein ins Rollen bringen. Stiften und Stiftungen in Stuttgart 4. Auflage. Stuttgart 2005, S. 173.
  • Landeswohlfahrtswerk für Baden-Württemberg (Hrsg.): 150 Jahre Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg. Festschrift zum 150jährigen Jubiläum des Landeswohlfahrtswerks für Baden-Württemberg, anfangs Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins in Württemberg. Landeswohlfahrtswerk, Stuttgart 1967.
  • Ingrid Hastedt: Die Stiftung als Dienstleister – Das Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg versteht sich als Unternehmer und Innovator. In: Blätter der Wohlfahrtspflege. Jg. 2007, Nr. 2., S.53-57.
  • Willi A. Boelcke: Sozialgeschichte Baden-Württemberg 1800-1989. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1989, S. 159 ff.
  • Bekanntmachung des Innenministers über die Grundbestimmungen der Zentralleitung für Wohltätigkeit in Württemberg vom 9. Juni 1937. In: Blätter der Zentralleitung für Wohltätigkeit in Württemberg. Band 99, Jg. 1937, Nr. 6., S. 98f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Stöckle: Grafeneck 1940. Die Eutnanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland. Silberburg-Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-87407-507-9, S. 85.
  2. Harald Stingele: Karl Mailänder. Fürsorgebeamter, Schreibtischtäter und Bundesverdienstkreuzträger. In: Hermann Abmayr (Hrsg.): Stuttgarter NS-Täter. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-89657-136-6, S. 92.
  3. Top 100 von 2016