Wohlstandsevangelium

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Wohlstandsevangelium (nach englisch prosperity gospel, in anderen Sprachen auch Erfolgstheologie) ist die theologische Auffassung, Wohlstand, vor allem Geldvermögen und geschäftlicher wie persönlicher Erfolg und Gesundheit, seien der sichtbare Beweis für Gottes Gunst. Wohlstand sei vorherbestimmt oder gewährt im Gegenzug für das wirksame Gebet oder religiöse Verdienste. Der Begriff „Wohlstandsevangelium“ wird auch benutzt, um Prediger oder Kirchen zu kritisieren, deren Standpunkte in der angesprochenen Frage extrem oder fundamentalistisch erscheinen, und ist in religiöser Literatur weithin gebräuchlich.

Lehre, Kennzeichen und Vertreter im Christentum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freikirchliche Fernsehevangelisten aus charismatischen Kirchen oder aus Pfingstkirchen vertreten oft ein Wohlstandsevangelium. Von Pfingstlern und Evangelikalen wird es mit unterschiedlicher Intensität vertreten.[1] Allerdings gibt es auch Pfingstler und Evangelikale, die es ablehnen.[2] Es bezieht sich eher oberflächlich auf die Bibel und selektiv auf das Evangelium, ohne deren tieferen Gehalt, Sinn und schweren Seiten zu verstehen. Eigene Segnungen zu erleben und Geschenke zu empfangen sind fast wichtiger als Gott, den Schöpfer und Erlöser, zu ehren. Kirchen, die das Wohlstandsevangelium vertreten, sind meistens auf einen charismatischen und autoritären Hauptpastor ausgerichtet. Seine Gottesdienste sind häufig wie ein professionelles Unterhaltungsprogramm gestaltet. Das fördert ein unselbständiges, konsumorientiertes und egozentrisches Verhalten der Gottesdienstbesucher und Kirchenmitglieder. Etwa ein Viertel der heutigen Megachurches vertreten solche Ansätze in unterschiedlichen Ausprägungen.[3][4][5] Grundlage hierfür ist eine diesseitig materielle Deutung biblischer Inhalte, wie dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten[1] oder 2. Korinther 8,9, aus denen geschlussfolgert wird, dass Christentum und Kapitalismus quasi identisch seien.[6] Ähnliche Ansichten sind auch innerhalb des Opus Dei verbreitet, wo sie allerdings im Widerspruch zur katholischen Soziallehre stehen.

Die Ursprünge liegen in den USA. Es bestehen Annahmen, denen zufolge die geistigen Grundlagen des Wohlstandsevangeliums bereits im Puritanismus verortet werden können[7] (vgl. Max Weber). So sei der Glaube, dass wirtschaftlicher Erfolg ein Zeichen der Erwähltheit durch Gott sei, laut Hans-Dieter Gelfert, aus der calvinistischen Prädestinationslehre hervorgegangen, wodurch „der Puritanismus zum Motor der kapitalistischen Marktwirtschaft“ geworden sei, „deren Wettbewerbscharakter nirgendwo so extrem ausgeprägt ist wie in den USA.“[8] Dem Anglistik-Professor Leland Ryken zufolge hätten die Puritaner jedoch nicht erfolgreiche Arbeit, sondern gute Taten gepredigt, weshalb das Wohlstandsevagelium tatsächlich eine Umhüllung weltlicher Ansichten in einem religiösen Gewand darstelle.[9] Einer der ersten Vertreter war der Heilungsevangelist Oral Roberts (1918–2009). Weitere Exponenten sind Reinhard Bonnke (Wunder als immaterieller Wohlstand[10]), Benny Hinn, Wolfhard Margies, Volkhard Spitzer sowie die im deutschsprachigen Raum weniger bekannten Prediger Kenneth E. Hagin, Kenneth Copeland, Robert Tilton, Creflo Dollar usw.[11] Die von ihnen propagierte „Wohlstandstheologie“ erschließe dem Menschen anhand des „Empowerment-Konzepts“ ein Leben in Gesundheit, geordneten Verhältnissen und teilweise auch in Luxus. Dies sei der Lohn für die Förderung des Evangeliums und der christlichen Arbeit in der ganzen Welt und demnach gottgewollt. Vertreter des Wohlstandsevangeliums gehen zudem davon aus, dass dem freien Markt ein natürliches moralisches Gleichgewicht innewohne, welches die Tugendhaften belohne und die Bösen bestrafe.[12] Die Verantwortung dafür, dem eigenen Leid ein Ende zu bereiten, liege demzufolge beim Einzelnen selbst.[13] Dieses Konzept entspricht dem „American Dream“, bei dem Fortschritt, Erfolg und Reichtum für jeden erreichbar seien.[14][15] Das Wohlstandsevangelium bedient auch weitere amerikanische Narrative, wie den American Way of Life, die Redewendung „Vom Tellerwäscher zum Millionär“,[12] den amerikanischen Exzeptionalismus[16] und die Doktrin des Manifest Destiny.[1] Die Politologen David S. Gutterman und Andrew R. Murphy beschreiben das Wohlstandsevangelium als eine Mischung aus Gedanken der Neugeist-Bewegung des 19. Jahrhunderts, Pfingstler-Themen, positivem Denken des 20. Jahrhunderts und Selbsthilfeliteratur.[17]

Wolfhard Margies schrieb 1990, die verfolgten Christen in Russland seien Opfer ihrer eigenen, nicht ausgelebten Glaubensüberzeugung, weil sie diese Gesetze des Glaubens, die Gesundheit und Erfolg garantierten, nicht angewendet hätten. Sie „… haben durch ihre unbiblischen, dem Willen Jesu zuwiderlaufenden Leidensprioritäten die Obrigkeit indirekt in die jahrhundertelangen antigöttlichen Herrschaftsformen getrieben. Mit ihrem verkehrten Verständnis haben sie dann schließlich das geerntet, was sie gesät haben.“[18] Der südkoreanische Pastor Yonggi Cho spricht von der „Befreiung vom Fluch der Armut“. Wohlstand und Erfolg seien der sichtbare Beweis für Gottes Wohlgefallen.[19] Von ihm beeinflusst ist Siegfried Müller vom Missionswerk Karlsruhe, der am 19. Oktober 1986 in einer Predigt erklärte, dass man Gott verunehre, wenn man ein rostiges Auto fahre. In derselben Botschaft bezeichnete er sich als „König von Karlsruhe“.[20]

Eine überkonfessionelle Strömung in Deutschland, deren Lehre sich auch im materiellen Wohlstand begründet, ist die Wort-des-Glaubens-Bewegung. Unterstützung für diese Interpretation des Evangeliums sehen die Befürworter in einem Vers des Alten Testaments der Bibel (5. Mose 8,18 EU): Sondern du sollst des HERRN, deines Gottes, gedenken; denn er ist es, der dir Kraft gibt, solchen Reichtum zu erwerben; auf dass er seinen Bund aufrechterhalte, den er deinen Vätern geschworen hat, wie es heute geschieht. (Schlachter-Übersetzung)

Ein weiterer bekannter Anhänger des Prosperity Gospel ist der amerikanische Vizepräsident Mike Pence.[21] Paula White gilt als spirituelle Beraterin und Vertraute des US-Präsidenten Donald Trump. Anhänger des Wohlstandsevangeliums sind in Amerika häufiger Anhänger der Republikaner als der Demokraten.[22]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritiker dieser Prediger verweisen im Hinblick auf Lukas 9,58 EU darauf, dass Jesus bewusst nicht nach Besitz oder Reichtum strebte. Er suchte sogar die Gemeinschaft mit Armen, Ausgestoßenen und Randgruppen der Gesellschaft (Mk 2,17 EU). Für Leid und Krankheit sei aber kein Platz im Wohlstandsevangelium.[23] Sie sehen in der Bibel keine Legitimation dafür, dass Christen Reichtum und materielle Güter anhäufen. Für Arme und Kranke sei weder von der Kirche noch von Mitmenschen Hilfe zu erwarten, da die Lehre vom Wohlstandsevangelium die Vorstellungs- und Willenskraft über alle Maßen beanspruche. Die Lehre, man müsse selber die Verheißungen in Anspruch nehmen, berge die Gefahr des persönlichen Scheiterns, wenn sich der Erfolg nicht einstelle.

Der Schwerpunkt auf materiellem Reichtum sei schon deshalb falsch, weil Gott sowohl Gerechten (im Sinne von Gläubigen) als auch Gottlosen Reichtum zuteilwerden lasse (vgl. Psalm 37 EU).[24] Reichtum vergehe, der Glaube bleibe bestehen.

In der Bibel sind vor allem die Freunde Hiobs Vertreter einer Wohlstandsideologie und erörtern mit Hiob deren Argumente und Gegenargumente ausführlich. Hiob kann seine prekäre Situation gegen die Auffassung seiner Freunde erst dann zum Segen wenden, als er sich selbst ganz Gottes Willen hingibt. Paulus wäre demnach weniger als Apostel denn als Versager ein Beispiel.[25] Asher Intrater schreibt, man müsse die Menschen auch vor der Gefahr der Gier warnen. Sie sieht das Problem der „Wohlstandsprediger … in dem, was sie nicht predigen. Wenn du nur die Hälfte der Wahrheit predigst, dann führt dies (auch wenn es wahr ist) in die Irre.“[26]

Der amerikanische Eschatologe David Wilkerson sah den sich ausbreitenden Wohlstandsglauben unter Christen als Zeichen der „Endzeit“ dieser Welt.[27]

Die afroamerikanische Religionsgemeinschaft National Baptist Convention prangerte das Wohlstandsevangelium an, weil viele schwarze Gemeinden unverschuldet in Armut leben. Buchautor Robert M. Franklin bezeichnete das Wohlstandevangelium als größte Bedrohung des geschichtlichen Erbes und der Kernwerte der zeitgenössischen schwarzen Kirchentradition und sagte: „Außerdem fehlt in dem Wohlstandevangelium oftmals der Aspekt der Gerechtigkeit“.[28]

Die römisch-katholische Kirche warnt, es werde suggeriert, dass derjenige, der nur „richtig“ glaube und nach den moralischen Grundsätzen lebe, auch zwangsläufig Erfolg haben werde und glücklich durch das Leben komme. Durch den Erfolgszwang im Wirtschaftsleben und im familiären Alltag wachse die Suche nach einfachen Lösungen. Umkehrschluss dieser „Positiv-Denker“: Wem die praktische Umsetzung der Empfehlungen nicht gelänge, der habe „ganz einfach noch nicht richtig geglaubt“.[29]

Verwandtes Gedankengut und weiterführende Theorien des Wohlstandsevangeliums[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Berührungspunkte hat diese religiöse Lehre mit dem positiven Denken von Norman Vincent Peale. Psychologen und Psychiater warnen ausdrücklich davor, dass die Methoden labile und depressive Patienten weiter schädigen oder zum Realitätsverlust beitragen können. Zudem wird teilweise die Lehre von der Prädestination vertreten, um zu erklären, warum auch Christen, die augenscheinlich ihr Leben richtig führen, den materiellen Segen nicht erlangen. Weiterhin wird Askese gelehrt und in diesem Sinne unternehmerischer Erfolg im reformiert-puritanischen Kapitalismus als Belohnung für Verzicht und Entsagung aufgefasst. Diese These hat insbesondere der deutsche Soziologe Max Weber 1904 in seinem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus aufgestellt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Wohlstandsevangelium – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Hanna Rosin: Did Christianity Cause the Crash?, TheAtlantic.com, Dezember 2009.
  2. Thomas S. Kidd: Who Is an Evangelical? The History of a Movement in Crisis, New Haven 2019, S. 7.
  3. David Schrock: Wohlstandsevangelium light: Verbreiteter als du denkst, Evangelium 21. 21. August 2017
  4. David Platt: Keine Kompromisse. Jesus nachfolgen - um jeden Preis, Frontiers, Meinersen 2017, S. 50
  5. Marie-Astrid Langer: Jesus Christus, Amerikas Superstar. Mit Pop-Musik und Videoinstallationen ziehen "Megachurches" Zehntausende von Gläubigen an. NZZ, Zürich 27. Juli 2019, S. 5
  6. Edith L. Blumhofer: The Perils of Prosperity: Some Historical Reflections on Christianity, Capitalism, and Consumerism in America, in: Catherine A. Brekus (Hg.), W. Clark Gilpin (Hg.): American Christianites. A History of Dominance & Diversities, Chapel Hill, S. 295.
  7. Luke Winslow: Economic Injustice and the Rhetoric of the American Dream, London 2017, S. 41.
  8. Hans-Dieter Gelfert: Ein doppeltes Erbe hat Amerika gross gemacht. Nun verliert es sich, NZZ.ch, 7. August 2020.
  9. Leland Ryken: Redeeming the Time. A Christian Approach to Work and Leisure, Grand Rapids 1995, S. 156.
  10. Alexander Seibel rezensiert die „Feldzüge“ Bonnkes in Nigeria, die sog. „Feuer-Konferenzen“ mit inszenierten Wundern und möglicherweise Suggestivheilungen
  11. Kritik an Praktiken und Lehren innerhalb der pfingstlich-charismatischen Bewegungen, zusammengestellt auf: www.vigi-sectes.org (Memento vom 6. März 2014 im Internet Archive)
  12. a b Kate Bowler: Blessed. A History of the American Prosperity Gospel, New York 2013, S. 226–227.
  13. Tamelyn Tucker-Worgs: Black Megachurches and the Paradox of Black Progress, in: Anton B. Pollard III. (Hg.), Carol B. Duncan (Hg.): The Black Church Studies Reader, New York 2016, S. 194.
  14. Artikel im christlichen Medienmagazin Pro (Memento vom 27. November 2010 im Internet Archive) (PDF; 186 kB) vom 19. Mai 2006: Über Wohlstandsevangelisten: „Das Evangelium nach Dollar“
  15. Konrad Eye: Wohlstandsevangelium: Jesus käme heute im Rolls Royce, Website evangelisch.de, 29. November 2011
  16. Stephen Brooks: American Exceptionalism in the Age of Obama, New York 2013, S. 51.
  17. David S. Gutterman, Andrew R. Murphy: Political Religion and Religious Politics. Navigating Identities in the United States, New York 2016, S. 85.
  18. Wolfhard Margies, Pastor der Gemeinde auf dem Weg Evangelische Freikirche e. V., Berlin, in seinem Buch Das Kreuz der Gesegneten, Aufbruch-Verlag, Berlin 1990
  19. Paul Yonggi Cho, Nicht nur Zahlen, Verlag Information und Kommunikation, Bad Homburg 1986, S. 35.
  20. Wolfgang Bühne, Spiel mit dem Feuer (PDF-Datei; 8,6 MB), CLV, Bielefeld 1991, S. 158.
  21. Andreas Robertz: Das Evangelium nach Michael. Deutschlandfunk, 19. Januar 2017.
  22. Timothy Buzzell, Betty A. Dobratz, Lisa K. Waldner: Power, Politics, and Society. An Introduction to Political Sociology, 2. Aufl., London 2019, S. 102.
  23. Mark Noll in einem Vortrag am Wheaton College (Wheaton, Illinois, USA)
  24. Predigt auf www.auftanken.de (Memento vom 19. Juni 2009 im Internet Archive)
  25. Vergleich: 1. Korinther 4,8-10 EU; 2. Korinther 6,9-10 EU
  26. Asher Intrater in einem Aufsatz (Memento vom 4. Dezember 2008 im Internet Archive) vom Juli 2007
  27. David Wilkerson: Gottes Vision für die Gemeinde der Endzeit! am 23. Mai 1994
  28. Onlinedienst Christen heute in einem Artikel (Memento vom 17. September 2007 im Internet Archive) von Audrey Barrick, 30. August 2007
  29. Kritik der Erzdiözese München und Freising am Buch Kraft zum Leben der Arthur S. DeMoss-Stiftung