Wulfila

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Bischof Wulfila erklärt den Goten das Evangelium.

Wulfila [ˈvʊlfila] (got.: „kleiner Wolf“, ursprünglich wohl „zu Wolf gehörig“, lat.: Ulfilas; * um 311; † 383) war einer der ersten, möglicherweise auch der erste Bischof der Terwingen.

Name[Bearbeiten]

Der Name Wulfilas ist Diminutiv zu gotisch wulfs ,Wolf`. Daher wird in der Namenforschung in der Regel *Wulfila als zugrundeliegende gotische Form angenommen.[1] Die Wulfila am nächsten stehende Quelle aber, sein persönliches Bekenntnis, weist die Form Ulfila auf. Dieser letzteren Form liegt laut Knut Schäferdiek am ehesten gotisch *Ulfila zugrunde, eine Kurzform eines zweigliedrigen, mit wulfs als Zweitglied unter Schwund des anlautenden w gebildeten Namens.[2]

Als eine sekundäre Bildung der griechischen Überlieferung wird Οὐρφίλας angesehen.[3] Das angebliche Wulfilasiegel – ein 1875 in Korfu entdecktes Petschaft mit der Umschrift ΟƳΡΜΙΛΑ[4] – müsse damit, so Schäferdiek, als Fälschung aufgefasst werden. Zudem wäre für ein Originalsiegel Wulfilas eher eine lateinische Inschrift zu erwarten.[5]

Antike Quellen[Bearbeiten]

Als wichtigste Quelle zur Lebensgeschichte Wulfilas gilt eine bald nach seinem Tod von seinem Schüler Auxentius von Dorostorum (heute Silistra in Bulgarien) verfasste Vita Wulfilas Epistola de fide, vita et obitu Wulfilae, eine im Jahr 383 geschriebene polemisch-apologetische Abhandlung über Wulfilas Leben und Lehre,[6] die auch Wulfilas persönliches Bekenntnis enthält.

Diese Abhandlung des Auxentius porträtiert Wulfila als einen der ersten Streiter kirchlicher Rechtgläubigkeit. Der Beglaubigung Wulfilas dient dabei eine relative Chronologie, die durchgängige Übereinstimmungen der Lebensdaten Wulfila mit denen biblischer Personen aufzuzeigen sucht. In der modernen Darstellungstradition wird häufig auf sie zurückgegriffen. Jedoch ist die frühe Geschichtsschreibung nicht mit der neuzeitlichen chronologischen Darstellung vergleichbar. Die chronologischen Daten der Abhandlung sind stark politisierend und zum anderen stimmen sie mit den objektiv überlieferten oder zu erschließenden festen Daten für Bischof Wulfilas Amtszeit nicht überein. Die Nutzung der chronologischen Daten aus dieser Abhandlung ist daher mit Schwierigkeiten behaftet. Diese Abhandlung des Auxentius, die im Jahr 1840 in einem Pariser Codex entdeckt wurde, ist zudem auch nur in einer handschriftlichen Quelle in schlechtem Zustand überliefert.[5]

Verwendbare Materialien zur Lebensgeschichte Wulfilas aus einer griechischen arianischen Quelle – möglicherweise auch einer Vita Wulfilas – überliefert die in den Jahren 425 bis 433 entstandene, nur in späteren Auszügen erhaltene Kirchengeschichte des Eunomianers Philostorgios.[7]

Die spätantiken Kirchengeschichten von Sokrates Scholastikus,[8] Sozomenos, [9] und Theodoret[10] aus dem 5. Jahrhundert und die Getica des Jordanes[11] aus dem 6. Jahrhundert überliefern wenige Nachrichten zu Wulfila, die von den Autoren – teils einander widersprechend – historiographisch eingeordnet waren.[5]

Leben[Bearbeiten]

Wulfilas christliche kappadokischen Vorfahren waren von Goten im 3. Jahrhundert verschleppt worden, er selbst war entweder Gote oder Halbgote.

Der Reichsbischof von Konstantinopel, Eusebios von Nikomedia, weihte Wulfila spätestens 341 in Antiochia zum „Bischof der Christen im gotischen Land“. Bis 348 war Wulfila missionierend im damaligen Herrschaftsbereich der Terwingen an der unteren Donau tätig. Der einsetzende Widerstand in den Völkern gegen die christlichen Missionierungsversuche vertrieb Wulfila und andere Heidenchristen zu den Römern, die diese in der Provinz Moesia secunda bei Nikopolis im heutigen Nordbulgarien ansiedelten.

Im Exil entwickelte Wulfila eine Schrift für das Gotische, das zuvor eine weitgehend schriftlose Sprache war. Lediglich vereinzelte Inschriften und magische Texte wurden bis dahin in Runen festgehalten.

Wulfila starb im Jahr 383 direkt nach seiner Ankunft in Konstantinopel, wo Kaiser Theodosius I. eine Versammlung verschiedener Kirchenparteien einberufen hatte. Er liegt auch dort begraben.

Lehre[Bearbeiten]

Szene: Erstes Konzil von Konstantinopel, Buchmalerei, Homilien des Gregor von Nazianz (879-882), BnF MS grec 510, folio 355; Teilnehmer am Konzil waren u. a. Acacius von Beröa, Gregor von Nazianz, Maruthas von Sophene und Tagrith, Meletius von Antiochien (Vorsitz), Peter von Sebaste, Wulfila (stirbt direkt nach seiner Ankunft)

Er verglich Jesus Christus mit dem germanischen Sohn-Vater-Verhältnis, das auf Gehorsam, Unterordnung und Treue aufgebaut war. Wulfila stimmte in seiner Christologie mit den Arianern nicht überein, für ihn war Christus der anbetungswürdige „Gott und Herr“. Die Entscheidung für den Arianismus war nicht nur theologisch, sondern auch kirchenpolitisch bedingt.

Er wird im Rahmen der Synodalgeschichte auch als Vertreter der homöischen Kirchenparteien bezeichnet.

Rezeption[Bearbeiten]

Mission[Bearbeiten]

Neben den Westgoten, die geschlossen zum Christentum übertraten, wurden auch die Ostgoten, Vandalen, Langobarden und Burgunden als Folge seiner Tätigkeit christlich. Da Wulfila aus dem arianischen Umfeld wirkte, standen die gotischen Christen nicht unter der Autorität Roms, sondern Konstantinopels. Daraus entstanden heftige und langwierige Konflikte zwischen der neuen germanischen Oberschicht und der ansässigen Bevölkerung in den auf römischem Boden neu entstehenden Reichen der Germanen.

Bibelübersetzung[Bearbeiten]

Seite aus der Wulfila-Bibel.

Die herausragende Leistung Wulfilas ist die Übersetzung der Bibel oder großer Teile davon ins Gotische[12] und die Entwicklung einer gotischen Schrift.[13] Bei Philostorgios und Sokrates wird unabhängig voneinander Wulfilas Bibelübersetzung angegeben. Die Entstehung einer gotischen Schrift erwähnt auch Jordanes. Wulfilas Schüler Auxentius hingegen berichtet nichts von einer gotischen Schrift oder Übersetzung der Bibel. Ihm ging es wohl vor allem darum, Wulfila den lateinischen Geistlichen als Wahrheitszeugen für das homöische Bekenntnis vorzustellen.[5]

Die Bibel wurde als Buch zur Liturgie ins Gotische übertragen, ihre Übersetzung steht damit in einem umfassenderen Zusammenhang. Die antiken Quellen formulieren es zwar nicht direkt, dennoch ist von diesem Zusammenhang auszugehen: Dieser Bibelübersetzung muss die Ausbildung einer gotischen Liturgie vorangegangen sein. Von dieser Liturgie zeugt die in einer antiarianischen Abhandlung aus dem Wandalenreich des 5. Jahrhunderts überlieferte[14] Gebetsformel froja arme (bibelgotisch frauja armai, "Herr erbarme dich").[5]

Dazu gehörte zudem die Einrichtung eines Schulbetriebs, um Geistliche für den Einsatz in der gotischen Kirche aufzubauen. Mit der Entwicklung einer gotischen Kirchensprache und der theologischen Festlegung auf das homöische Bekenntnis begründete Wulfila den gotischen Arianismus.[15] Seine auf (ost-)römischem Boden angesiedelte Gotengemeinschaft war die Keimzelle dieser Ausformung spätantiken Kirchentums. Die Ausbreitung des arianischen Kirchentums der Goten begann, als nach 369 Fritigern, ein Herrscher eines Teils der Terwingen mit seiner Gruppe sich dem Christentum zuwandte und Kaiser Valens daraufhin eine Mission ins Leben rief, in der sehr wahrscheinlich auch Christen aus der wulfilanischen Gemeinschaft wirkten.[5]

Alphabet[Bearbeiten]

Die von Wulfila entwickelte gotische Schrift war eine Abwandlung der griechischen Schrift mit einigen lateinischen Buchstaben sowie Runen. Wulfila gab den Goten nicht nur eine neue Schrift, sondern auch neue Wörter (Neologismen, Lehnbildungen), da viele Begriffe der griechischen Sprache im Gotischen nicht existierten. Solche Wortschöpfungen waren mit die früheste Form von kontextualisierter Mission, also der Versuch, christliche Konzepte, wie sie insbesondere durch die biblischen Schriften vorgegeben waren, in Kulturen zu übertragen, denen Derartiges fremd sein musste.

Wulfilas sprachliche Leistungen sind im Zusammenhang mit seinem bedeutendsten Werk zu sehen: Die so genannte Wulfilabibel ist die früheste Bibelübersetzung in eine germanische Sprache. Sie ist als Abschrift im so genannten Codex Argenteus erhalten, einer norditalienischen Handschrift aus dem 6. Jahrhundert, die teils mit silbernen, teils mit goldenen Lettern auf Pergament geschrieben ist, das mit der kaiserlichen Purpurfarbe getränkt worden war. Seit 1648 wird der unschätzbar kostbare Kodex in Uppsala aufbewahrt.

Hier das atta unsar („Vater unser“), um einen Begriff von der Sprache Wulfilas zu bekommen. Wulfilas Übersetzungen christlicher Literatur sollte für nachfolgende Texte in germanische Sprachen stilbildend werden:

atta unsar þu ïn himinam
weihnai namo þein
qimai þiudinassus þeins
wairþai wilja þeins
swe ïn himina jah ana airþai
hlaif unsarana þana sinteinan gif uns himma daga
jah aflet uns þatei skulans sijaima
swaswe jah weis afletam þaim skulam unsaraim
jah ni briggais uns ïn fraistubnjai
ak lausei uns af þamma ubilin
unte þeina ïst þiudangardi
jah mahts jah wulþus ïn aiwins
amen

Das „Vater unser“ (Mt 6,9–13 EU) ist im Codex Argenteus auf den Seiten Ms4verso (erste Zeile) und Ms5recto (Rest) zu finden. Die Abbildung oben gibt eine Stelle aus (Mk 3,26–32 EU) wieder, Seite Ms16verso.

Gedenktag[Bearbeiten]

Die evangelische Kirche feiert seinen Gedenktag am 26. August.

Eine Gedenktafel für ihn befindet sich in der Walhalla in Donaustauf.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. Ernst Albrecht Ebbinghaus: Ulfila(s) oder Wulfila. In: Historische Sprachforschung 104. 1991, S. 236–238.
  2. Vgl. Knut Schäferdiek: Die Überlieferung des Namens Ulfila. In: Knut Schäferdiek: Schwellenzeit. Beiträge zur Geschichte des Christentums in Spätantike und Frühmittelalter. 1996, S. 41–50.
  3. Vgl. Ernst Albrecht Ebbinghaus: Gotica [I], In: General Linguistics 11. 1971, S. 13–16 (= In: Ernst Albrecht Ebbinghaus: Gotica. Kleine Schriften zur gotischen Philologie. 2003, S. 1-4.).
  4. Vgl. Otto Fiebiger, Ludwig Schmidt (Hrsg.): Inschriftensammlung zur Geschichte der Ostgermanen. Nr. 169. 1917.
  5. a b c d e f Vgl. Knut SchäferdiekWulfila. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 34, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-018389-4, S. 318–321. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online)
  6. Vgl. Auxentius von Dorostorum: Brief über Lehre und Leben Ulfilas (= Dissertatio Maximini 23–41). In: Roger Gryson (Hrsg.): Scripta Arriana Latina. Pars 1: Collectio Veronensis. Scholia in concilium Aquileiense. Fragmenta in Lucam rescripta. Fragmenta theologica rescripta. Turnhout 1982 (= Corpus Christianorum, Series Latina 87), S. 160-166; vgl. Roger Gryson (Hrsg.): Scolies ariennes sur le concile d'Aquilée (= Dissertatio Maximini 42–63). 1980, S. 236–251.
  7. Vgl. Philostorgius. In: Joseph Bidez, Friedhelm Winkelmann (Hrsg): Philostorgius. Kirchengeschichte. Mit dem Leben des Lucian von Antiochien und den Fragmenten eines arianischen Historiographen. 3. Auflage, Berlin 1981 (grundlegende Textausgabe mit ausführlicher Einleitung).
  8. Vgl. Günther Christian Hansen (Hrsg.): Sokrates. Kirchengeschichte. Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-002546-8 (kritische Edition ohne Übersetzung).
  9. Vgl. Günther Christian Hansen (Hrsg.): Sozomenos. Historia Ecclesiastica – Kirchengeschichte (=Fontes Christiani 73.), Band 1-4. Turnhout 2004; vgl. Stefan RebenichSozomenus (mit Sokrates und Theodoret). In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 29, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-018360-9, S. 272–277. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online)
  10. Vgl. Léon Parmentier, Felix Scheidweiler (Hrsg.): Theodoret. Kirchengeschichte. 2. Auflage, Berlin 1954.
  11. Vgl. Jordanes, Getica In: Theodor Mommsen (Hrsg.): Auctores antiquissimi 5,1: Iordanis Romana et Getica. Berlin 1882 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat); vgl. Mathias Lawo, Johann Weißensteiner: Jordanes. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 16, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2000, ISBN 3-11-016782-4, S. 76–80. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online)
  12. Vgl. Heinrich Beck (Philologe)Bibel. §2 Gotisch. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 2, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1976, ISBN 3-11-006740-4, S. 488–489. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online); vgl. Piergiuseppe Scardigli, Knut SchäferdiekGotische Literatur. §1 Gotische Bibel. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 12, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-016227-X, S. 445–449. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online)
  13. Vgl. Piergiuseppe ScardigliGotische Schrift. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 12, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-016227-X, S. 455–458. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online)
  14. Vgl. Heinrich Tiefenbach: Das wandalische Domine miserere. In: Historische Sprachforschung 104. 1991, S. 251–268.
  15. Vgl. Knut Schäferdiek: Wulfila. Vom Bischof von Gotien zum Gotenbischof. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 90. 1979, S. 253–292 (= Knut Schäferdiek: Schwellenzeit. Beiträge zur Geschichte des Christentums in Spätantike und Frühmittelalter. 1996, S. 1-40.).

Quellen[Bearbeiten]

  • Auxentius von Dorostorum: Brief über Lehre und Leben Ulfilas (= Dissertatio Maximini 23–41). In: Roger Gryson (Hrsg.): Scripta Arriana Latina. Pars 1: Collectio Veronensis. Scholia in concilium Aquileiense. Fragmenta in Lucam rescripta. Fragmenta theologica rescripta. Turnhout 1982 (= Corpus Christianorum, Series Latina 87), S. 160-166.
  • Roger Gryson (Hrsg.): Scolies ariennes sur le concile d'Aquilée (= Dissertatio Maximini 42–63). 1980, S. 236–251.
  • Joseph Bidez, Friedhelm Winkelmann (Hrsg): Philostorgius. Kirchengeschichte. Mit dem Leben des Lucian von Antiochien und den Fragmenten eines arianischen Historiographen. 3. Auflage, Berlin 1981 (grundlegende Textausgabe mit ausführlicher Einleitung).

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Wulfila – Quellen und Volltexte
 Commons: Wulfila – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien