Anaerobe Schwelle

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Die anaerobe Schwelle (ANS), auch als aerob-anaerobe Schwelle oder Laktatschwelle bezeichnet, ist ein Begriff aus der Sportphysiologie und bezeichnet die höchstmögliche Belastungsintensität, welche von einem Sportler gerade noch unter Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes zwischen Bildung und Abbau von Laktat erbracht werden kann, wenn also der maximale Laktat-Steady-State erreicht wird.[1][2] Die anaerobe Schwelle wird vor allem leistungsdiagnostisch bestimmt und in der Trainingssteuerung eingesetzt, wenn es um die Ableitung der Trainingsbereiche und andere Aspekte der Trainingssteuerung geht. Außerdem wird dem Training mit einer Intensität knapp unterhalb dieses Grenzwertes ein hoher Effekt bei der Entwicklung der Ausdauerleistungsfähigkeit nachgesagt.[3]

Laktatleistungskurve eines Laufband-Ergometertests mit individueller anaerober Schwelle

Geschichte[Bearbeiten]

Fahrradergometrie zur Untersuchung des Gasstoffwechsels um 1900 in den USA
Sportmedizinische Untersuchung am Institut für Leistungsmedizin in Berlin im Jahr 1950

Bereits 1808 wurde von Jöns Jakob Berzelius die Produktion von Laktat im Muskel festgestellt. Rund ein Jahrhundert später wurde von einer Vielzahl von Wissenschaftlern die Biochemie des Energiestoffwechsels und der Muskelkontraktion im Detail untersucht, was zu einem tieferen Verständnis der Milchsäure (die unter physiologischen Bedingungen dissoziiert als Laktat und Hydroniumion vorliegt) während sportlicher Belastung führte. Zu dieser Zeit entstand die mittlerweile widerlegte Annahme, dass Laktat ein Stoffwechselendprodukt der Glykolyse sei und mit einer zu geringen Sauerstoffversorgung im Muskel zusammenhängt (Anaerobie). Heute wird jedoch davon ausgegangen, dass die Milchsäuregärung und somit die Laktatproduktion ein Prozess ist, der vom Energieumsatz und nicht von der Verfügbarkeit des Sauerstoffs abhängt. So findet selbst in Ruhe in gewissem Maß eine anaerobe Energiebereitstellung statt.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde von der Arbeitsgruppe rund um Archibald Vivian Hill das Konzept der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) entwickelt und zur Bestimmung der anaeroben Ausdauerleistungsfähigkeit eingesetzt. Somit konnte zum ersten Mal der Leistungszustand von Sportlern auf physiologischer Basis und weitestgehend sportartunabhängig überprüft und verglichen werden. Mit der Zeit kam Kritik an dem Konzept der VO2max auf, da hierfür eine vollständige Ausbelastung notwendig ist, die stark von der individuellen Motivation des Sportlers abhängt. Zum Beispiel ist es schwierig, die Leistungsunterschiede von Probanden eines gleichen Leistungslevels nur anhand der VO2max zu ermitteln. Ein weiteres Problem stellt die hohe körperliche Beanspruchung z. B. bei kranken Patienten dar.

Um ohne maximale Ausbelastung die Ausdauerfähigkeit testen zu können, wurden ab den 1960er Jahren weitere Verfahren entwickelt. Die Arbeitsgruppe von Hollmann legte einen Punkt optimaler ventilatorischer Effizienz fest, der dem ersten Anstieg des ventilatorischen Sauerstoffäquivalents sowie der arteriellen Blutlaktatkonzentration in einem Stufentest entspricht. Einige Jahre später wurde dieser Punkt von Wasserman und McIllroy in einem Plot von Ventilation und Sauerstoffaufnahme als anaerobic threshold (LTAn) (im Deutschen aerobe Schwelle) bezeichnet. Zu dieser Zeit war die Bestimmung des Blutlaktats noch mit einigen Schwierigkeiten behaftet, so dass die Spirometrie häufig zur Bestimmung von LTAn eingesetzt wurde.

In den 1960ern konnte die Laktatkonzentration von Kapillarblut erstmals mit Hilfe der Enzymmethode gemessen werden. Dies führte zu einer zunehmenden Verwendung von Blutlaktat (bLa) als Parameter der Ausdauerleistungsfähigkeit sowie der Arbeitsbelastung. In den folgenden Jahren wurden zahlreiche Laktatschwellenkonzepte entwickelt und eine große Anzahl von Studien zu diesen Schwellen veröffentlicht. Die Vielzahl unterschiedlicher Schwellenkonzepte, die oftmals nur in einem bestimmten Einsatzgebiet verlässliche Werte lieferten, führte zu einigen Fehlinterpretationen und Verwirrungen.[2]

Definition[Bearbeiten]

Stoffwechselvorgänge und Laktatkonzentration[Bearbeiten]

Kennzeichnend für das Erreichen der anaeroben Schwelle ist die Tatsache, dass der Steady State, also das Fließgleichgewicht zwischen Laktatbildung und -abbau nicht mehr aufrechterhalten werden kann und geringe nachfolgende Leistungssteigerungen zu einem starken Anstieg der Laktatkonzentration in der arbeitenden Zelle, im Blut, in den umgebenden Muskelzellen und im Interstitium führen. Gemessen wird bei Leistungstests die Konzentration im peripheren Blut. Die anaerobe Schwelle hat eine enge Beziehung zum respiratorischen Kompensationspunkt (RCP) und zum pH-Wert-Verlauf.[4]

Hierbei ist zu beachten, dass schon weit vor Erreichen der Schwelle große Mengen von Laktat gebildet werden. Ein Verständnis, wonach an einem bestimmten Punkt die Laktatbildung überhaupt erst in relevanten Mengen einsetzt, war in den 1960er und 1970er Jahren unter Sportmedizinern noch weit verbreitet und gilt heute als vollständig widerlegt (siehe Laktat-Shuttle-Theorie). Des Weiteren wird Laktat heutzutage nicht mehr als leistungsbegrenzender Faktor angesehen, sondern vielmehr andere Prozesse wie z. B. eine Azidose (Übersäuerung) im Muskel durch einen Überschuss von Protonen. Daher ist zumindest aus physiologischen Gesichtspunkten eine reine Beschränkung auf Laktatwerte und Schwellen in der Leistungsdiagnostik fragwürdig.

Die anaerobe Schwelle liegt bei den meisten Menschen in der Nähe einer Laktatkonzentration des peripheren Kapillarblutes (Ohrläppchen oder Fingerbeere) von 4 mmol/l. Dieser Laktatwert wurde daher früher häufig zur Definition der anaeroben Schwelle verwendet. Der Wert von 4 mmol/l kann als Durchschnitt angesehen werden und wurde empirisch aus Atem- und Stoffwechselverhältnissen gefundenen Größen bestimmt.[1] Der Laktatwert an der anaeroben Schwelle kann jedoch individuell sehr stark abweichen, gemessen wurden 2,3–6,8 mmol/l. Deshalb gilt die grundsätzliche Schwellen-Bestimmung nach der „4 mmol/l-Methode“ heutzutage als ungeeignet.

Die Laktatkonzentration in Ruhe liegt bei 1–2 mmol/l, häufig wird ein initialer Abfall der Laktatkonzentration nach Belastungsbeginn beobachtet.

Nicht zu verwechseln mit der anaeroben Schwelle ist die aerobe Schwelle bei einer Laktatkonzentration von etwa 2 mmol/l. Bei der aeroben Schwelle handelt es sich um die geringste Belastungsintensität, bei der erstmals ein Anstieg des Laktatwerts gegenüber dem Ruhewert zu messen ist. Diese individuelle aerobe Schwelle wird in der Sportwissenschaft als minimales Laktatäquivalent oder Basislaktat bezeichnet. Bis zu diesem Wert werden vorwiegend Fettsäuren verstoffwechselt. Bei darübergehender Belastung arbeiten die betreffenden Muskelgruppen im aeroben-anaeroben Übergang. Das dabei entstehende Laktat kann relativ schnell und problemlos vom Organismus abtransportiert und abgebaut werden („steady state“). Der Begriff der aeroben Schwelle ist inzwischen umstritten.[5]

Energiebereitstellung[Bearbeiten]

Je nach Belastungshöhe gewinnt der Körper die umzusetzende Energie aus verschiedenen Quellen. Es werden vier Arten der Energiebereitstellung unterschieden. In Bezug auf die anaerobe Schwelle müssen verschiedene Situationen unterschieden werden:

  • Bei einer Belastung unterhalb der anaeroben Schwelle läuft die Energiebereitstellung zwar nicht ausschließlich unter Verstoffwechselung von Sauerstoff, also aerob ab, doch erreicht die anaerobe Verstoffwechselung dabei nie ein Maß, das die vorhandene, beim trainierten Sportler besser ausgeprägte, Fähigkeit zum schnellen Laktatabbau übersteigt (vgl. oben). Eine Ausdauerleistung kann hier sehr lange aufrechterhalten werden, z. B. bei einem Marathonlauf.
  • Eine Belastung an der anaeroben Schwelle, das heißt in geringem Maße unter oder oberhalb der Schwelle, ist die höchste Belastung, die langfristig durchgehalten werden kann. Zu beachten ist, dass unter dem Gesichtspunkt der Energiebereitstellung einer solchen Dauerbelastung Grenzen gesetzt sind, die nicht auf eine Überschreitung der anaeroben Schwelle zurückzuführen sind, da die Glykogen-Reserven bei intensiver Dauerbelastung je nach Trainingszustand nach 60 bis 90 Minuten weitgehend erschöpft sind. In Grenzen kann dieser Leistungsabfall durch Nahrungszufuhr während des Wettkampfes kompensiert werden (s. auch Verpflegungskontrolle).
  • Bei einer Belastung oberhalb der anaeroben Schwelle erfolgt die Energiebereitstellung zunehmend anaerob. Die Leistung ist daher nur kurzfristig (wenige Minuten) durchzuhalten. Dennoch spielt auch bei längeren Wettkämpfen die Fähigkeit, kurzfristig und vorübergehend auf dem Wege der anaeroben Verstoffwechselung zusätzlich deutlich mehr Energie bereitzustellen, in bestimmten Wettkampfsituationen eine wichtige Rolle: Beispielsweise die sogenannten Attacken im Radsport oder beim 5.000- und 10.000-Meter-Lauf erfordern dies, ebenso die kurzzeitigen, schnellen Laufpassagen in allen Ballsportarten. Neben der Nutzung der Kreatinphosphatreserven ist die anaerob-laktazide Verstoffwechselung die einzige Möglichkeit, Leistungen zu erbringen, die höher liegen, als die, die der Sportler an der anaeroben Schwelle erbringt.
  • Wird – am Ende eines Wettkampfes (Endspurt) oder zu einem beliebigen Zeitpunkt während des Wettkampfes – der vorwiegend aerobe Intensitätsbereich verlassen, wird das angesammelte Laktat anschließend durch die Verstoffwechselung unter Sauerstoffzufuhr genutzt und damit abgebaut. Dabei wird auch die Kreatinphosphatreserve wieder aufgebaut. Aus diesem Grunde ist in einer an die erhöhte Leistungserbringung anschließenden Regenerationsphase beziehungsweise nach Wettkampfende noch eine erhöhte Atmung feststellbar (siehe Sauerstoffmehraufnahme nach Arbeitsende). Die Fähigkeit der Regeneration während des Wettkampfes ist unterschiedlich ausgeprägt und bestimmt sehr wesentlich den Sportlertyp (z.B. im Radsport Kriteriumsspezialisten vs. Zeitfahrer), ist aber auch in Grenzen trainierbar. Neben der schnellen Regeneration ist die Fähigkeit, über einen begrenzten Zeitraum erhöhte Blutlaktatwerte zu tolerieren, von großer Bedeutung. Die Trainingslehre spricht hier von "Laktattoleranz", in Bezug auf die Verstoffwechselung des Laktats in der Regenerationsphase von der "Fähigkeit der schnellen Laktatverwertung".

Begriffsbezeichnungen[Bearbeiten]

Der Begriff anaerobe Schwelle wird sowohl in der Spiroergometrie als auch in der Laktatleistungsdiagnostik verwendet. Dabei gibt es unterschiedliche Bezeichnungen und Abkürzungen, die im englischen und deutschen teils widersprüchlich sind. So entspricht zum Beispiel der von Wassermann geprägte englische Begriff anaerobic threshold (LTAn) der deutschen aeroben Schwelle und nicht der anaeroben Schwelle. In der folgenden Tabelle werden die verschiedenen Bezeichnungen dargestellt:

Spiroergometrie Laktatleistungsdiagnostik
Deutsch Englisch
RCP: Respiratorischer Kompensationspunkt[4]
VT2: 2. Ventilatorische Schwelle
iANS, IAS: Individuelle anaerobe Schwelle[4]
Laktatumschlagpunkt
MaxLaSS, MLSS: Maximales Laktat-Steady-State[6]
ANS (fixe 4 mmol/l) anaerobe Schwelle[1]
IAT: Individual anaerobic threshold[2]
AT: Anaerobic threshold
LT: Lactate turn point, lactate break point, lactate threshold[2]
MLSS: Maximal lactate steady state[2]
OBLA: onset of blood lactate[7]

Bedeutung in der Leistungsdiagnostik[Bearbeiten]

Die anaerobe Schwelle hat in der Laktatleistungsdiagnostik eine große Bedeutung. Die ANS kann zu verschiedenen anderen Leistungsparametern in Beziehung gesetzt werden. In der Trainingspraxis sind dies die Geschwindigkeit (in km/h), die Herzfrequenz oder die Leistung (Watt). Bei sportmedizinischen Untersuchungen kann auch der in Anspruch genommene Prozentsatz der VO2max angegeben werden.[1]

Heute ist es üblich – ausgehend von den im Stufentest ermittelten leistungsdiagnostischen Ergebnissen – die Einteilung der Trainingsbereiche in Prozentsätzen mit Bezug auf die individuelle anaerobe Schwelle (iANS) vorzunehmen. Dabei wird die Belastungsintensität in Intensitätsbereiche gegliedert, die in % der Leistung an der iANS in Watt oder in % der Herzfrequenz an der iANS angegeben werden, beispielsweise „Grundlagenausdauer – 65 bis 75% iANS“ (gemeint ist 65 bis 75 % der Leistung an der iANS).

Bestimmung[Bearbeiten]

Festgestellt wird die Leistung an der (individuellen) anaeroben Schwelle durch einen stufenweisen Belastungstest verbunden mit mehreren Blutproben (Ohr). Durch Aufzeichnung der Kurve ist eine Bestimmung der iANS hier noch exakter möglich. Der starke Anstieg der Laktatleistungskurve signalisiert hier, dass der Organismus den Steady State nicht aufrechterhalten konnte. Eine näherungsweise Bestimmung ist auch unblutig über ein Herzfrequenz/Leistungs-Diagramm möglich: Ab der individuellen anaeroben Schwelle sinkt die Steigung der Herzfrequenz bei zusätzlicher Belastung (Knick in der Kurve). Bekannt ist in diesem Zusammenhang der Conconi-Test.

Zur Feststellung der Laktatschwelle wird die Blutlaktatkonzentration im arteriellen Kapillarblut des Ohrläppchens (ungefähr 20 µl[8]) zum Beispiel mit Hilfe von enzymatischen Verfahren bestimmt. Bei der Durchführung der Tests ist es wichtig, dass nach den entsprechenden Richtlinien vorgegangen wird. Dazu gehört die Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren auf die Konzentration der Stoffwechselgröße Laktat. Dabei ist es vor allem wichtig, dass die intrazellulären Glykogenspeicher gefüllt sind, da sie die Höhe der Laktatkonzentration und die Form der Laktatleistungskurve wesentlich beeinflussen. Bei niedrigen Glykogenvorräten kann zum Beispiel nur wenig Laktat gebildet werden. Damit täuscht die Glykogenarmut im Muskel einen guten Ausdauertrainingseffekt vor. Um also Messergebnisse vergleichbar zu machen und Fehlinterpretationen zu vermeiden, muss vor dem Test auf eine möglichst optimale Glykogenspeicherauffüllung geachtet werden. Auch das Trainingsprogramm vor dem Test sollte bei verschiedenen Durchläufen vergleichbar sein. Des Weiteren sind Faktoren wie Tageszeit, Durchblutung, Schweiß-Laktat oder Urin-Laktat von Bedeutung.[1]

Individuelle anaerobe Schwelle[Bearbeiten]

Vergleich verschiedener Schwellenwertmodelle: Die Werte für die IAS weisen je nach verwendeter Methode große Unterschiede auf und reichen von ca. 2,9 mmol/l bis ca. 4,8 mmol/l.

Die individuelle anaerobe Schwelle (iANS oder IAS[4]) wurde eingeführt, da es je nach Leistungsstand große Unterschiede zu dem festen Schwellenwert von 4 mmol/l geben kann. Die iANS ist als der Punkt der Laktatleistungskurve definiert, an dem die kritische Steigung beginnt.[1]

Ab welcher Leistungsstufe der Organismus die anaerobe Schwelle erreicht beziehungsweise überschreitet, hängt von verschiedenen – trainierbaren – Faktoren ab. Diese sind unter anderem die Dichte und Lage der Mitochondrien in der Zelle, der Kapillarisierungsgrad des Muskels, der Füllungszustand der Glykogenspeicher, die Diffusionskapazität für Sauerstoff durch die Zellmembranen, die Aktivität der Enzyme der Atmungskette und die Sauerstoffbindungs- und Sauerstofftransportkapazität. Längere Ausdauerbelastungen (i.d.R. über 5 min) dürfen nicht zu einer Überschreitung der iANS führen, wenn eine optimale Leistung erreicht werden soll, weil nach Überschreitung der iANS nach kurzer Zeit eine erhebliche Leistungseinbuße zu erwarten ist. Somit haben Menschen, die ihre individuelle anaerobe Schwelle bei einer höheren Leistung erreichen, eine günstigere Ausgangsposition für Ausdauerbelastungen.

Schwellenwertmodelle[Bearbeiten]

Der Begriff Schwellenwertmodelle bezeichnet in der Sportmedizin mathematische Algorithmen, die zur Bestimmung der Langzeitausdauerschwelle (individuelle anaerobe Schwelle, kurz: iANS oder IAS) dienen. Seit den frühen 1970er Jahren werden verschiedene Schwellenwertmodelle diskutiert und erprobt. Allen individuellen Modellen lagen verschiedene Belastungsprotokolle und Probandenmaterial zu Grunde, so dass die Voraussetzungen zur Nutzung der Modelle verschieden sind. Die wichtigsten Modelle sind:[2]

Modell Beschreibung
Winkelmodell (Keul)[9] 51° Tangente zur Laktatkurve
Freiburger Modell (Simon)[10] 45° Tangente zur Laktatkurve
1,5 mmol/l Methode / Netto-Laktatanstieg (Dickhuth)[11][12] 1,5 mmol/l über dem minimalen Laktatäquivalent
Modell nach Stegmann[13] Tangente zur Laktatkurve von dem Punkt, an dem die Erholungskurve den gleichen Laktatwert wie zum Ende des Stufentests aufweist.
Modell nach Geiger-Hille Punkt der maximalen Kurvenkrümmung der Laktatkurve (35° Tangente bei der Leistungseinheit km/h)
Dmax (Cheng)[14] Maximaler Abstand zwischen der Laktatkurve und der Verbindungslinie zwischen den Endpunkten
Dmod (Bishop)[15] Maximaler Abstand zwischen der Laktatkurve und der Linie zwischen dem Punkt des ersten Anstiegs des Laktats und dem Endwert bei Abbruch des Stufentests.
Senkentest (Tegtbur/Griess)[16] Leistung bei minimaler Laktatkonzentration nach hochintensiver Vorbelastung und 8 min Pause gefolgt von einem normalen Stufentest.
Modell nach Berg[17] Berührungspunkt zwischen der Tangente des minimalen Laktatäquivalents und der linearen Funktion der letzten 90 Sekunden des Stufentests.
Modell nach Bunc[18] Berührungspunkt zwischen der exponentiellen Regression der Laktatkurve und dem Sektor der Tangenten von den oberen und unteren Teilen der Laktatkurven.
Modell nach Baldari und Guidetti[19] Der zweite Anstieg des Laktats um mindestens 0,5 mmol/l von dem vorherigen Wert
Lactate turnpoint[20] Die letzte Laufgeschwindigkeit vor einem plötzlichen und dauerhaften Anstieg des Laktats zwischen dem minimalen Laktatäquivalent und dem VO2max
Lactate minimum speed (Senkentest)[21] Minimum des Laktats in einem Stufentest nach einer Belastung mit hoher Intensität.

Kritik an der physiologischen Begründung[Bearbeiten]

Seit Mitte der 1980er Jahre gibt es eine Debatte um die Terminologie und den physiologischen Hintergrund der Laktatschwellenkonzepte.[22] Frühe Annahmen zur Laktatproduktion und -verteilung im Organismus werden hinterfragt (Laktat-Shuttle-Theorie).[2][23] Laktat wird inzwischen als Pseudo-Hormon (Lactormon) gesehen, das steuernde und regulierende Funktion hat. Sein Beitrag zur muskulären Ermüdung wird angezweifelt.[5]

Die Einteilung der Belastungsbereiche in aerob, aerob-anaerob und anaerob ist aus trainingsmethodischer Sicht zwar sinnvoll, entspricht aber nicht den physiologischen Begebenheiten. So erfolgt die Energiebereitstellung selbst in Ruhe teilweise anaerob und auch bei hohen Belastungen sind weiterhin aerobe Stoffwechselvorgänge aktiv.[24] Es wird ebenfalls kritisiert, dass das Laktat ohne klar sichtbare Schwelle ansteigt und die aerobe beziehungsweise anaerobe Energiebereitstellungen parallel ablaufen und nicht plötzlich umschalten. Der Begriff Schwelle sei daher irreführend.[25][2] Des Weiteren hat die Art des Testprotokolls (Stufendauer und Länge) einen erheblichen Einfluss auf den Kurvenverlauf und muss somit zum Vergleich verschiedener Probanden identisch sein.

Siehe auch[Bearbeiten]

 Portal: Sportwissenschaften – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Sportwissenschaften

Literatur[Bearbeiten]

  •  Fritz Zintl: Ausdauertraining. blv, München 2009, ISBN 978-3-8354-0555-4.
  •  Hans-Hermann Dickhuth, Kai Röcker, Albert Gollhofer, Daniel König, Frank Mayer, Ommo Grupe, Michael Krüger: Einführung in die Sport- und Leistungsmedizin. Hofmann, Schorndorf 2011, ISBN 978-3-7780-8462-5.
  •  Hans-Hermann Dickhuth, Frank Mayer, Kai Röcker, Aloys Berg: Sportmedizin für Ärzte. Dt. Ärzte-Verl., Köln 2010, ISBN 978-3-7691-0611-4.
  •  Horst der Marées: Sportphysiologie. Sportverl. Strauß, Köln 2006, ISBN 978-3-939390-00-8.
  •  Wildor Hollmann, Heiko K. Strüder: Sportmedizin. Schattauer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-7945-2546-1.
  •  Jürgen Weineck: Optimales Training. Spitta, Balingen 2010, ISBN 978-3-938509-96-8.
  •  Gernot Badtke, Frank Bittmann, Dieter Böhmer: Lehrbuch der Sportmedizin. Barth, Heidelberg 1999, ISBN 3-8252-8098-5.
  •  Georg Neumann, Kuno Hottenrott: Das große Buch vom Laufen. Meyer und Meyer, Aachen 2005, ISBN 3-89899-121-0.
  •  Rolf F. Kroidl, Stefan Schwarz, Burghart Lehnigk: Kursbuch Spiroergometrie. Thieme, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-13-143442-5.
  •  Karl-Heinz Rühle, Frank Feldmeyer: Praxisleitfaden der Spiroergometrie. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-018053-6.
  •  Günter Schnabel, Hans-Dietrich Harre, Jürgen Krug: Trainingslehre - Trainingswissenschaft. Meyer & Meyer, Aachen 2011, ISBN 978-3-89899-631-0.
  •  Josef Tomasits: Leistungsphysiologie. Springer, Wien 2011, ISBN 978-3-7091-0436-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f  Fritz Zintl: Ausdauertraining. BLV, München 1990, ISBN 3-405-14155-9, S. 64.
  2. a b c d e f g h  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  3.  Jürgen Weineck: Optimales Training. Spitta, Balingen 2010, ISBN 978-3-938509-96-8, S. 321.
  4. a b c d  Hans-Hermann Dickhuth: Einführung in die Sport- und Leistungsmedizin. Hofmann, Schorndorf 2000, ISBN 3-7780-8461-5, S. 204.
  5. a b P. Wahl, W. Bloch, J. Mester: Moderne Betrachtungsweisen des Laktats: Laktat ein überschätztes und zugleich unterschätztes Molekül. In: Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie 57 (3)/2009, S. 104–105, Online-Volltextzugriff (abgerufen 13. November 2010; PDF; 206 kB)
  6.  Kursbuch Spiroergometrie. Thieme, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-13-143442-5, S. 209.
  7. Sjodin B, Jacobs I. Onset of blood lactate accumulation and marathon running performance. Int J Sports Med 1981; 2 (1): 23-6. Zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  8.  Horst de Marées: Sportphysiologie. Sportverl. Strauß, Köln 2006, ISBN 978-3-939390-00-8.
  9. Keul J, Simon G, Berg A, et al. Bestimmung der individuellen anaeroben Schwelle zur Leistungsbewertung und Trainingsgestaltung. Dtsch Z Sportmed 1979; 30: 212-8, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  10. Simon G, Berg A, Dickhuth H-H, et al. Bestimmung der anaeroben Schwelle in Abhängigkeit von Alter und von der Leistungsfähigkeit. Dtsch Z Sportmed 1981; 32: 7-14, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  11.  H.-H. Dickhuth, L. .. Yin, A. .. Niess, K. .. Roecker, F. .. Mayer, H.-C. Heitkamp, T. .. Horstmann: Ventilatory, Lactate-Derived and Catecholamine Thresholds During Incremental Treadmill Running: Relationship and Reproducibility. In: International Journal of Sports Medicine. 20, Nr. 02, Februar 1999, ISSN 0172-4622, S. 122–127, doi:10.1055/s-2007-971105, PMID 10190774.
  12. Dickhuth HH, Huonker M, Münzel T, et al. Individual anaerobic threshold for evaluation of competitive athletes and patients with left ventricular dysfunctions. In: Bachl N, Graham TE, Löllgen H, editors. Advances in ergometry. Berlin: Springer, 1991: 173-9, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  13. Stegmann H, Kindermann W, Schnabel A.: Lactate kinetics and individual anaerobic threshold. Int J Sports Med 1981; 2: 160-5, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  14. Cheng B, Kuipers H, Snyder AC, et al. A new approach for the determination of ventilatory and lactate thresholds. Int J Sports Med 1992; 13 (7): 518-22, PMID 1459746 zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  15. Bishop D, Jenkins DG, Mackinnon LT. The relationship between plasma lactate parameters, Wpeak 1-h cycling performance in women. Med Sci Sports Exerc 1998 Aug; 30 (8): 1270-5, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  16. Tegtbur U, Griess M, Braumann KM, Busse MW, Maassen N (1989): Eine neue Methode zur Ermittlung der Dauerleistungsgrenze bei Mittel- und Langstrecklern. In: Böning D, Braumann KM, Busse MW, Maassen N,Schmidt W (Hrsg): Sport – Rettung oder Risiko für die Gesundheit? Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, S. 463–466
  17. Berg A, Stippig J, Keul J, et al. Zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit von Patienten mit coronarer Herzkrankheit. Dtsch Z Sportmed 1980; 31: 199-205, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  18. Bunc V, Heller J, Novack J, et al. Determination of the individual anaerobic threshold. Acta Univ Carol, Gymnica 1985; 27: 73-81, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  19. Baldari C, Guidetti L. A simple method for individual anaerobic threshold as predictor of max lactate steady state. Med Sci Sports Exerc 2000 Oct; 32 (10): 1798-802, PMID 11039656, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  20. Smith CG, Jones AM. The relationship between critical velocity, maximal lactate steady-state velocity and lactate turnpoint velocity in runners. Eur J Appl Physiol 2001 Jul; 85 (1-2): 19-26, PMID 11513315, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  21. Tegtbur U, Busse MW, Braumann KM. Estimation of an individual equilibrium between lactate production and catabolism during exercise. Med Sci Sports Exerc 1993 May; 25 (5): 620-7, PMID 8492691, zitiert nach:  Oliver Faude, Wilfried Kindermann, Tim Meyer: Lactate Threshold Concepts. In: Sports Medicine. 39, Nr. 6, 2009, ISSN 0112-1642, S. 469–490, doi:10.2165/00007256-200939060-00003, PMID 19453206.
  22. K. Svedahl, B. R. MacIntosh: Anaerobic threshold: the concept and methods of measurement. In: Canadian journal of applied physiology = Revue canadienne de physiologie appliquée. Band 28, Nummer 2, April 2003, S. 299–323, ISSN 1066-7814. PMID 12825337. (Review).
  23. G. A. Brooks: Anaerobic threshold: review of the concept and directions for future research. In: Medicine and science in sports and exercise. Band 17, Nummer 1, Februar 1985, S. 22–34, ISSN 0195-9131. PMID 3884959. (Review).
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  25. J. Myers, E. Ashley: Dangerous curves. A perspective on exercise, lactate, and the anaerobic threshold. In: Chest. Band 111, Nummer 3, März 1997, S. 787–795, ISSN 0012-3692. PMID 9118720. (Review).
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Dieser Artikel wurde am 24. Oktober 2012 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.