Anita Rée

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Selbstbildnis, um 1929, Hamburger Kunsthalle

Anita Clara Rée (geboren am 9. Februar 1885 in Hamburg; gestorben am 12. Dezember 1933 in Kampen auf Sylt) war eine deutsche Malerin der Avantgarde, die in der Zeit der Weimarer Republik wirkte.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Anita Rée war die zweite Tochter des Kaufmanns Israel Rée und seiner Frau Clara, geb. Hahn. Die Hamburger Linie der alteingesessenen jüdischen Kaufmannsfamilie handelte seit Generationen vor allem mit Getreide und ostindischen Waren. Anita und ihre Schwester Emilie wurden evangelisch-lutherisch getauft und konfirmiert. Der protestantisch geprägten Erziehung im assimilierten Elternhaus gemäß, folgte die der Zeit nach angemessene Bildung als „höhere Tochter“.[1][2]

Künstlerische Ausbildung[Bearbeiten]

Ab 1905 nahm Anita Rée Malunterricht beim Hamburger Künstler Arthur Siebelist. Da sie von Selbstzweifeln hinsichtlich ihres Berufswunsches geplagt war, suchte sie 1906 Rat bei Max Liebermann in Berlin. Dieser erkannte Rées Talent und riet ihr zu Fortsetzung ihrer Ausbildung als Malerin. Da es eine reguläre Akademieausbildung für Frauen in der Hansestadt noch nicht gab, ließ sich Rée bis 1910 bei Siebelist ausbilden und schloss sich dann mit Franz Nölken und Friedrich Ahlers-Hestermann zu einer Ateliergemeinschaft zusammen. Die Freundschaft zerbrach aufgrund Rées unerwiderter Liebe zu Nölken.

Im Winter 1912/1913 war Rée Schülerin bei Fernand Léger in Paris und lernte dort Aktzeichnen, was in Deutschland für Frauen einen Skandal bedeutet hätte. Es lassen sich ebenfalls Einflüsse von Picasso, Matisse und Cézanne in ihrem Werk erkennen.[3]

Künstlerischer Durchbruch[Bearbeiten]

Schlucht bei Pians, 1921, Hamburger Kunsthalle
Weiße Bäume, 1922, Privatbesitz
Teresina, 1925, Hamburger Kunsthalle

1913 nahm Rée an einer Ausstellung in der Galerie Commeter in Hamburg teil. 1914 machte sie die Bekanntschaft des Dichters Richard Dehmel. In den folgenden Jahren erlangte sie durch ihre Porträts Anerkennung.

1919 war Rée Gründungsmitglied der Künstlervereinigung Hamburgische Sezession und gewann in den folgenden Ausstellungen große Beachtung. Sie traf sich mit Künstlern wie Gretchen Wohlwill, Alma del Banco und Franz Radziwill. 1921 unternahm sie eine Reise nach Pians in Tirol.

Von 1922 bis 1925 lebte Rée hauptsächlich in Positano an der italienischen Amalfiküste und wandte sich dort der Neuen Sachlichkeit zu. In dieser Zeit war sie mit dem Buchhändler und Maler Christian Selle befreundet.[3] Sie kehrte nur für Ausstellungen nach Hamburg zurück.

Ab 1926 lebte Rée wieder in Hamburg und war im selben Jahr Mitbegründerin der heute noch existierenden GEDOK (Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen).

Orpheus mit den Tieren, Wandbild, um 1930. Fotografie aus dem Jahr 2011

In den Jahren 1929 und 1931 führte sie größere Wandbilder in zwei vom Hamburger Architekten und Stadtplaner Fritz Schumacher neu erbauten Schulen aus, für die Rée großes Lob erntete. Das Wandbild in der Berufsschule Uferstraße Die klugen und die törichten Jungfrauen wurde von den Nationalsozialisten zerstört.

Nur das Wandbild Orpheus mit den Tieren im Gymnastiksaal der früheren Oberschule für Mädchen an der Caspar-Voght-Straße (OCV) – ab 1982 bis Sommer 1986 fusioniert mit dem Kirchenpauer-Gymnasium – in Hamm blieb erhalten, wurde aber übermalt. 1954 wurde es grob restauriert und verschwand um 1969 hinter einer Holzverschalung, um es vor Ballwürfen zu schützen.[4] Gegenwärtig ist es im Fokine-Studio der Ballettschule des Hamburg Balletts zu sehen, nachdem es während der Umbaumaßnahmen vom Gymnasium zur Ballettschule Ende der 1980er Jahre restauriert worden war. Das Wandgemälde steht – wie auch das Gebäude an der Caspar-Voght-Straße 54 – unter Denkmalschutz.[5]

Verfemung und Tod[Bearbeiten]

Im Jahr 1930 bekam Rée einen Auftrag zur Erstellung eines Triptychons für den Altar der neuen Ansgarkirche in Hamburg-Langenhorn. Die Passionsthemen bestanden aus dem Einzug in Jerusalem, Abendmahl, der Verhaftung in Gethsemane sowie dem Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen. Die Gemeinde war mit Rées Entwürfen nicht zufrieden, 1932 wurde der Auftrag aus „kultischen Bedenken“ zurückgezogen. 1930 war Rée in diesem Zusammenhang von der NSDAP als Jüdin denunziert worden. Die Bilder standen nie auf dem Altar der Kirche, wurden vermutlich in der Hauptkirche St. Nikolai eingelagert und verbrannten bei der Zerstörung der Kirche in den Bombennächten 1943. Schwarz-Weiß-Fotografien des Entwurfs sind seit vielen Jahren an der Orgelempore der Ansgarkirche zu sehen.[2]

Dünenlandschaft, 1932/1933

1932 verließ sie Hamburg und zog nach Sylt. Am 25. April 1933 wurde sie von der Hamburgischen Künstlerschaft als „artfremdes Mitglied“ diffamiert und ausgeschlossen. Schon seit längerer Zeit war Rée durch die Anfeindungen und persönlichen Enttäuschungen vereinsamt; all dies trieb sie am 12. Dezember 1933 in den Suizid. Kurz bevor sie sich das Leben nahm, schrieb sie an ihre Schwester Emilie:

„Ich kann mich in so einer Welt nicht mehr zurechtfinden und habe keinen einzigen anderen Wunsch, als sie, auf die ich nicht mehr gehöre, zu verlassen. Welchen Sinn hat es – ohne Familie und ohne die einst geliebte Kunst und ohne irgendwelche Menschen – in so einer unbeschreiblichen, dem Wahnsinn verfallenen Welt weiter einsam zu vegetieren … ?“[4]

Ihre Werke sollten 1937 als „entartete Kunst“ aus der Hamburger Kunsthalle entfernt werden. Der damalige Hausmeister der Kunsthalle, Wilhelm Werner, versteckte die Werke Anita Rées in seiner Wohnung und rettete sie dadurch für die Nachwelt. Nach 1945 reihte er stillschweigend alle sieben Gemälde der Künstlerin, die Gustav Pauli in den 1920er Jahren erworben hatte, wieder in den Depotbestand der Kunsthalle ein.[6]

Erinnerungsstätten[Bearbeiten]

Am 7. August 2007 wurde zum Andenken an die verfemte Malerin ein Stolperstein in Kampen auf Sylt verlegt. Ein weiterer Stolperstein in der Straße Fontenay 11 erinnert an Rées letzten Hamburger Wohnort.

Im Hamburger Stadtteil Neuallermöhe wurde eine Straße nach Anita Rée benannt.

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 1986: Eva und die Zukunft. Das Bild der Frau seit der Französischen Revolution, Hamburger Kunsthalle
  • 2001: Anita Rée in der Sammlung Valerie Alport, Galerie 1, Hamburg.
  • 2004: Kunst der 20er Jahre in Hamburg, Hamburger Kunsthalle
  • 2005: Ausgegrenzt, Hamburger Kunsthalle
  • 2006: Künstlerinnen der Avantgarde, Hamburger Kunsthalle
  • 2010: Himmel auf Zeit. Kunst der 20er Jahre in Hamburg, Hamburger Kunsthalle
  • 2011/2012: Die Sammlung des Hausmeisters Wilhelm Werner, Hamburger Kunsthalle

Literatur[Bearbeiten]

  • Carl Georg Heise: Anita Rée. Christians, Hamburg 1968.
  • Bettina Roggmann: Anita Rée. In: Eva und die Zukunft. Prestel, München 1986. (Ausstellungskatalog Hamburger Kunsthalle)
  • Jutta Dick, Marina Sassenberg (Hrsg.): Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-16344-6.
  • Maike Bruhns: Anita Rée. Leben und Werk einer Hamburger Malerin 1885–1933. Verein für Hamburgische Geschichte, Hamburg 2001, ISBN 3-923356-15-3.
  • Annegret Erhard: Anita Rée. Der Zeit voraus. Eine Hamburger Künstlerin der 20er Jahre. Edition Braus, Berlin 2013, ISBN 978-3862280711.
  • Rée, Anita. In: Hamburgische Biografie, Band 3, Wallstein, Göttingen 2006, S. 307–309.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Anita Rée – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dick/Sassenberg: Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. S. 308.
  2. a b Helge Martens: Die Altarbilder der Anita Rée in der Ansgarkirche. Ev.-Luth. Kirchengemeinde Ansgar, abgerufen am 27. Januar 2014.
  3. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatAdriane von Hoop: Anita Rée. fembio.org, abgerufen am 30. April 2009.
  4. a b Egbert A. Hoffmann: Hamburger Kunst hinter Brettern. Hamburger Abendblatt, 27. März 1984.
  5. Denkmalliste (PDF; 915 kB), www.hamburg.de, abgerufen am 21. September 2011.
  6. Katja Engler: Späte Ehre für einen stillen Helden. Anlässlich der Ausstellung der Sammlung Wilhelm Werner vom 18. September 2011 bis 15. Januar 2012 im Hamburger Gang der Kunsthalle. In: Welt am Sonntag, 4. September 2011, abgerufen am 5. September 2011.