Anshu Jain

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Anshu Jain

Anshuman „Anshu“ Jain (* 7. Januar 1963[1] in Jaipur,[2] Bundesstaat Rajasthan, Indien) ist ein britischer Bankmanager indischer Herkunft und seit dem 1. Juni 2012 Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank und des Group Executive Committee.[3]

Herkunft und Schulbildung (1963–1980)[Bearbeiten]

Anshu Jain wurde als älterer von zwei Söhnen des Beamten Ambuj Jain und dessen Frau Shashi 1963 in Jaipur geboren. Er wuchs mit seinem jüngeren Bruder in einer konservativ geprägten Mittelschichtsfamilie in Nizamuddin-West, einem Stadtviertel im Süden von Neu-Delhi, auf. Aufgrund einer beruflichen Versetzung von Jains Vater nach Afghanistan besuchte Anshu Jain von 1975 bis 1977 eine indische Privatschule in Kabul. An der Delhi Public School Mathura Road, einer Privatschule in Neu-Delhi, absolvierte er 1980 das Higher Secondary Exam (Abitur in Indien).

Studium (1980–1985)[Bearbeiten]

Anshu Jain studierte in Indien und in den USA an öffentlichen Universitäten. 1983 schloss Jain ein Bachelor-Studium der Wirtschaftswissenschaften am Shri Ram College of Commerce der Universität Delhi in Indien ab. 1985 erwarb er einen MBA in Finanzen an der Isenberg School of Management der University of Massachusetts in Amherst/USA.

Investmentbanker in Boston und New York (1985 bis 1995)[Bearbeiten]

Nach seinem MBA-Studium 1985 stieg er als Analyst in die damalige Investmentbank Kidder, Peabody & Co. in Boston (heute Teil der UBS) ein. 1988 wechselte er zu Merrill Lynch (heute Teil der Bank of America Corporation) nach New York und baute dort die branchenweit erste Abteilung für spezielles Hedgefonds-Management auf und leitete diese als Managing Director.

Deutsche Bank in London (1995 bis 2012)[Bearbeiten]

1995 verließ Anshu Jain mit seinem Mentor Edson Mitchell Merrill Lynch und ging zur Deutschen Bank nach London. Innerhalb von fünf Jahren, in denen Jain in leitender Funktion im Investmentbanking der Deutschen Bank in London tätig war, soll seine Abteilung mit ihm 16 Milliarden Euro netto, nach Abzug sämtlicher Boni, verdient haben. Grob gerechnet sind laut WirtschaftsWoche rund 50 % des gesamten Gewinns der Deutschen Bank im Jahr 2005 der Abteilung Jains zuzurechnen. Aufgrund dieser Erfolge und der entsprechenden Boni hat Anshu Jain die interne Gehaltsrangliste der Deutschen Bank in den letzten Jahren regelmäßig angeführt und dürfte somit der bestverdienende Angestellte einer deutschen Aktiengesellschaft sein. Von der Zeitschrift eFinancialNews wurde er auf Platz 2 ihrer Liste der „100 Most Influential People“ gewählt.

Vorwürfe[Bearbeiten]

Als Folge der in den USA ausgelösten weltweiten Subprime-Krise wurden Vorwürfe gegen Jain spätestens im April 2008 laut.[4] Die zuvor über Jahre anscheinend erfolgreichste Sparte (Corporate Banking & Securities) der Deutschen Bank AG schrieb unter Jains Führung im ersten Quartal 2008 nach Milliardenabschreibungen auf Kredite zur Finanzierung von Firmenübernahmen und dramatisch eingebrochenen Erlösen einen Vorsteuerverlust von 1,6 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum hatten Jain und Co. noch einen Gewinn von 2,2 Milliarden Euro erwirtschaftet. In einer im Mai 2012 ausgestrahlten Fernsehreportage des WDRs wird Jain auch für Betrügereien bei dem Verbriefen riskanter Hypotheken verantwortlich gemacht. Bei Zwangsvollstreckungen der Deutschen-Bank-Tochter Deutsche Bank National Trust wurden 1,4 Millionen Familien in den USA – unter anderem mit Hilfe von durch CBS recherchierten Dokumenten- und Unterschriftenfälschungen[5] (Robo-Signing) – aus ihren Häusern vertrieben. Die von Jain verantworteten Hypothekengeschäfte brachten der Deutschen Bank Milliarden Euro ein.[5] Der ehemalige Chef der Westdeutschen Landesbank, Ludwig Poullain, wirft in der Reportage der Deutschen Bank vor, missbräuchlich ihre Macht für Geschäfte eingesetzt zu haben, die sich volkswirtschaftlichen Verpflichtungen entziehen.[5] Mit hochriskanten Wettgeschäften, an denen die Deutsche Bank – und andere Unternehmen, darunter JPMorgan Chase & Co. – hohe Provisionen verdiente und die auf falschen Zinsprognosen basierten, verloren Städte – darunter Hagen und Pforzheim, Würzburg, Neuss und Mailand -, Gemeinden und europäische Regionen – darunter die Toskana – Millionenbeträge, welche die betroffenen Kommunen zum Teil ruinierten.[6]

Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank (seit 2012)[Bearbeiten]

Anshu Jain ist seit 2009 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank. Im Juli 2011 gab die Deutsche Bank bekannt, dass Anshu Jain gemeinsam mit Jürgen Fitschen am 1. Juni 2012 den Vorsitz des Vorstandes übernimmt und somit der Nachfolger von Josef Ackermann wird. Als Co-Vorstandsvorsitzender ist Jain zuständig für die Bereiche Corporate Finance, Sales and Trading sowie Global Transaction Banking. Sein Vertrag läuft aktuell bis 2017.[7]

In der über 140-jährigen Konzerngeschichte der Deutschen Bank ist Jain als Brite nach dem Schweizer Josef Ackermann der zweite ausländische Vorstandsvorsitzende bzw. Co-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank.[8] 2012 bekam er wie Jürgen Fitschen ein Gehalt von 4,8 Millionen € (Brutto).[9]

Privates[Bearbeiten]

Anshu Jain ist mit seiner Frau Geetika, einer Sikh, seit über 25 Jahren verheiratet, hat zwei Kinder und lebt im westlichen Londoner Stadtbezirk Royal Borough of Kensington and Chelsea. Er gehört der indischen Religion des Jainismus an. Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft trinken keinen Alkohol, sind Vegetarier und verabscheuen jegliche Form von Gewalt.

Jain ist Einkommensmillionär und Vermögensmillionär. Sein Privatvermögen wird auf ca. 60 Mio. € geschätzt. Er spricht fließend Englisch, Hindi und ein wenig Deutsch. Privat spielt er gerne Golf und Cricket, weshalb er etwa einen Zeitschriftenartikel anlässlich des Cricket World Cup 2011 schrieb.[10] Ein weiteres Hobby ist die Tier- und Landschaftsfotografie in Afrika.[11][12][13]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Deutsche Bank. Abschied von Ackermann, Bayern Plus, 31. Mai 2012, abgerufen am 2. Juni 2012
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatDer Kronprinz erklimmt die Spitze. Handelsblatt, 25. Juli 2011, abgerufen am 6. Juni 2012.
  3. Ackermann-Nachfolger: Anshu Jain – Wider die DeutschtümeleiVorlage:Webarchiv/Wartung/Nummerierte_Parameter bei ftd.de, 31. Mai 2012 (abgerufen am 1. Juni 2012).
  4. Lutz Reiche: „Vision“ geplatzt manager magazin online, 25. August 2012
  5. a b c ARD, WDR, 21. Mai 2012: Verzockt – und verklagt: Die guten Geschäfte der Deutschen Bank, Fernsehreportage
  6. Ethecon Stiftung Ethik & Ökonomie, 2013: Dossier: Black Planet Award 2013
  7. Die perfekte Inszenierung des Anshu Jain Handelsblatt Online, 13.Juni 2012
  8. Gleich zwei neue Chefs für die Deutsche Bank, Neue Zürcher Zeitung (Zugriff am 26. Juli 2011)
  9. sueddeutsche.de 24. März 2013: Jain verzichtet auf zwei Millionen Euro
  10.  Georg Meck: Anshu Jain, der Banker, der „The Deutsche“ umbaut. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Nr. 40, 7. Oktober 2012, S. 28-29.
  11. Das Geheimnis des Geldmachers der Deutschen Bank. Handelsblatt.com vom 9. Juli 2010, S. 2
  12. „Der Favorit für die Ackermann-Nachfolge“ Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 3. Juli 2011
  13. „Cricket, Lovely Cricket“ Newsweek Magazine vom 13. Februar 2011