Bernard Faÿ

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Bernard Faÿ (* 3. April 1893 in Paris; † 31. Dezember 1978 in Tours) war ein französischer Historiker frankoamerikanischer Herkunft, Gegner der Freimaurerei und Kollaborateur im Vichy-Regime.

Leben[Bearbeiten]

Faÿ, der aus einer wohlhabenden royalistisch-katholischen Familie stammte, hatte in Harvard studiert. Seine Spezialgebiete waren amerikanische Geschichte und Kultur, doch setzte er sich auch für avantgardistische Kunst ein. Er schrieb über Benjamin Franklin und über George Washington sowie über die Vereinigten Staaten der beginnenden Roosevelt-Ära. Seit den frühen 1920er Jahren war der homosexuelle Faÿ eng mit Gertrude Stein befreundet; er war einer der wenigen, mit denen Stein sich im Laufe ihres Lebens nicht überwarf. Über Stein lernte er Pablo Picasso kennen.

Faÿ setzte sich für Steins Publikationen in Frankreich ein und übersetzte 1933 einen Auszug aus Steins The Making of Americans ebenso wie ihre Autobiografie von Alice B. Toklas ins Französische.[1] Den amerikanischen Komponisten Virgil Thomson führte Faÿ in die Pariser Künstlerkreise ein, in denen er so gut wie jeden kannte. 1935 machte Faÿ in La Franc-Maçonnerie au XVIIIe siècle die Freimaurer für die Französische Revolution verantwortlich.

1932 wurde er als Lehrer für „Civilisation américaine“ ans Collège de France berufen. Während der deutschen Besetzung wurde Julien Cain, der Direktor der Bibliothèque nationale de France, entlassen und nach Buchenwald deportiert. Faÿ wurde sein Nachfolger und leitete die Antifreimaurer-Behörde des Vichy-Regimes.[2] Das Centre d'action et de documentation (CAD) stellte eine Kartei von 170.000 Mitgliedern von Geheimgesellschaften zusammen, die Faÿ und mit ihm Marschall Pétain für alle Probleme Frankreichs verantwortlich machte, 60.000 davon wurden verfolgt.[3] Während der vierjährigen Besetzung Frankreichs gab Faÿ die freimaurerfeindliche Zeitschrift Les Documents maçonniques heraus. Er war verantwortlich für 520 Deportationen in deutsche Konzentrationslager, wo 117 der Deportierten exekutiert wurden oder umkamen.[4]

Trotz seines Antisemitismus protegierte Faÿ, der von vielen als Agent der Gestapo angesehen wurde, Gertrude Stein und Alice B. Toklas.[5] Dafür erwies Gertrude Stein sich erkenntlich, indem sie Reden von Marschall Pétain übersetzte und dazu ein um Verständnis werbendes Vorwort schrieb.[6] Als Faÿ nach dem Krieg als Kollaborateur der Prozess gemacht wurde, intervenierte Gertrude Stein mit einem Brief zu seinen Gunsten, doch er wurde zu lebenslangem Ehrverlust und zu Arbeitslager verurteilt. Die Professur am Collège de France wurde ihm aberkannt. Nach fünf Jahren konnte er aus der Haft fliehen, angeblich mit Hilfe von Geld, das Alice B. Toklas ihm hatte zukommen lassen. Eine Dozentur an der Universität Freiburg, die er als Freund von Gonzague de Reynold erlangt hatte, musste er auf Grund von Studentenprotesten aufgeben. Er gab amerikanischen Studenten dann Französisch-Unterricht. 1959 wurde er von Präsident Coty begnadigt.

„Faÿ fut un individu peu recommandable et même très déplaisant, un intellectuel qui sacrifia la morale à la politique, mais son itinéraire reste profondément déconcertant, outre qu’il ne fut pas non plus sans quelques épisodes romanesques ni rebondissements passionnés.“

Antoine Compagnon: Le cas Bernard Faÿ [7]
(Faÿ war alles andere als ein vorbildlicher, ja, er war sogar ein sehr unerfreulicher Mensch, ein Intellektueller, der die Moral der Politik opferte, aber sein Lebensweg bleibt zutiefst beunruhigend, darüber hinaus mangelte es ihm weder an romanhaften noch an leidenschaftlichen Episoden.)

Schriften[Bearbeiten]

  • The Revolutionary Spirit in France and America. Tr. Ramon Guthrie. Harcourt, Brace and Company, 1927.
  • The American experiment. (mit Avery Claflin), Harcourt, Brace and Company, 1929.
  • Franklin: The apostle of modern times … Little, Brown, New York, Company, 1929.
  • Die grosse Revolution in Frankreich 1715–1815. Callwey, 1960.
  • Die tollen Tage: Beaumarchais oder die Hochzeit des Figaro. List, 1973, ISBN 3-47177513-7.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Janet Malcolm: Zwei Leben. Gertrude und Alice. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-42034-8, S. 43.
  2. Julian Jackson: The Dark Years: 1940–1944. Oxford University Press, Oxford 2001, ISBN 0-19-820706-9, S. 190.
  3. Carmen Callil: Bad Faith: A Forgotten history of family, fatherland and Vichy-France. Alfred A. Knopf, New York 2006, ISBN 0-375-41131-3.
  4. Unterschiedliche Angaben bei masonic info und der Grand Lodge of British Columbia and Yukon, s. Weblinks
  5. Carmen Callil: Bad Faith: A Forgotten history of family, fatherland and Vichy-France. Alfred A. Knopf, New York 2006, ISBN 0-375-41131-3, S. 204 f: „the murderous Bernard Faÿ, the great friend and protector of Gertrude Stein and Alice B. Toklas.“
  6. Linda Wagner-Martin: Favored Strangers. Gertrude Stein and Her Family. Rutgers University Press, NewBrunswick (New Jersey) 1995, ISBN 0-8135-2169-6, S. 246–247.
  7. Vorwort zu: Antoine Compagnon: Le cas Bernard Faÿ: Du Collège de France à l'indignité nationale. In: L’Express

Weblinks[Bearbeiten]