René Coty

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René Coty (1948)

René Jules Gustave Coty (* 20. März 1882 in Le Havre; † 22. November 1962 ebenda) war ein französischer Politiker und Staatsmann und vom 16. Januar 1954 bis zum 8. Januar 1959 der 17. Präsident der Französischen Republik, beziehungsweise der zweite und letzte der Vierten Französischen Republik und der „Französischen Union“ (die bis 1958 unter Einschluss der früheren Kolonien Bestand hatte).

Leben[Bearbeiten]

Der einer katholischen Lehrerfamilie entstammende Coty studierte Rechtswissenschaft und Philosophie an der Universität Caen. 1907 heiratete er Germaine Corblet, die Tochter eines Reeders. Als Soldat im Ersten Weltkrieg nahm er an der Schlacht um Verdun teil.[1] Von 1923 bis 1940 war er ohne Unterbrechung Mitglied des Parlaments der Dritten Republik, zuerst als zentrumsunabhängiger Abgeordneter für den Wahlkreis Seine-Inférieure, dann als Senator der Normandie. Coty bekleidete zeitweise Staatssekretärsposten in verschiedenen Regierungen und gehörte dem Generalrat seines Heimatdépartements an.[2]

Nach der militärischen Niederlage Frankreichs gegen Nazideutschland votierte Coty für die Ermächtigungsgesetze, auf deren Basis Marschall Philippe Pétain das kollaborationistische Regime des Etat Français in Vichy errichten konnte. René Coty schloss sich aber schon bald dem Widerstand an. Seinen Verdiensten in der Résistance verdankte er nach Kriegsende die Wahl in die Konstituierende Nationalversammlung. In mehreren der kurzlebigen Koalitionsregierungen Ende der vierziger Jahre hatte er Ministerämter inne, unter anderem leitete er das wichtige Ressort für Wiederaufbau und Stadtentwicklung.

Zum Zeitpunkt seiner Wahl zum französischen Staatsoberhaupt durch die beiden Kammern des Parlaments im Dezember 1953 war er Vizepräsident des Senats (Conseil de la République). Nachdem der Exponent des konservativen Lagers, Ministerpräsident Joseph Laniel, in elf Durchgängen am Widerstand der oppositionellen Gaullisten gescheitert war (die ihn wegen seines Eintretens für die heftig umstrittene Europäische Verteidigungsgemeinschaft ablehnten), trat Coty in der 12. Runde als Kompromisskandidat an und wurde schließlich im 13. Wahlgang mit 477 Stimmen (gegen 329 für den Sozialisten Marcel-Edmond Naegelen) zum Staatspräsidenten gewählt. Im Elysée-Palast erwarb er sich durch seine tadellose Amtsführung und sein gewinnendes Wesen außerordentlich große Popularität. Der plötzliche Tod seiner Frau – in der Öffentlichkeit liebevoll „Mémé“ (Oma) genannt – im Jahr 1955 brachte ihm zusätzliche Sympathien. Er galt allgemein als der beliebteste Präsident, den Frankreich bis dahin hatte.

Obwohl die Anfang 1947 in Kraft getretene Verfassung der Vierten Republik die Präsidentenbefugnisse eng begrenzte, konnte Coty aufgrund der Zersplitterung und Handlungsunfähigkeit der Parteien durchaus eine aktive Rolle spielen und eine Reihe von wichtigen Entscheidungen treffen.[3] So berief er 1954 den Radikalen und führenden Reformer Pierre Mendès-France an die Spitze der Regierung. Ihm gelang es, den Indochina-Krieg nach der Niederlage von Điện Biên Phủ zu beenden. Auch die Entlassung der nordafrikanischen Protektorate Tunesien und Marokko in die Unabhängigkeit wurde von Coty forciert. Er setzte sich für die Rückkehr des 1953 entmachteten und nach Madagaskar verbannten Sultans und nachmaligen Königs Mohammed V. nach Marokko ein.

René Coty bei einer Fahnenzeremonie (mittig)

Ende 1955 löste Coty nach einem Geschäftsordnungskonflikt die Nationalversammlung auf, doch führte das Ergebnis der vorgezogenen Wahlen vom Januar 1956 nur zu einer weiteren Verschlimmerung der Unregierbarkeit des Landes. Nach dem relativen Erfolg des Mitte-Links-Zweckbündnisses Front républicain – unter Ausschluss der Kommunisten – beschloss Coty, nicht wie allgemein erwartet Mendès-France, sondern dessen Kontrahenten, den Parteichef der Sozialisten (SFIO), Guy Mollet, mit der Regierungsbildung zu betrauen. Dies erwies sich als richtig, weil Mollet im Gegensatz zu Mendès-France sowohl von den Kommunisten als auch von den Christdemokraten (MRP) toleriert wurde. Mit 16 Monaten hatte er die längste Amtszeit aller Premierminister der Vierten Republik, bevor die Suez-Krise das Ende seiner Regierung zur Folge hatte.

Im Herbst 1957 „erfand“ Coty im Alleingang einen neuen Regierungschef in der Person des jungen Technokraten Félix Gaillard aus den Reihen der Radikalen Partei. Dessen erfolgreiche Wirtschaftspolitik wurde durch außenpolitische Misserfolge, bedingt durch den Algerienkrieg, zunichtegemacht. Auf die „Hardliner“ in der Algerien-Frage wie Georges Bidault versuchte Coty erfolglos mäßigend einzuwirken. Er machte wiederholt von seinem Gnadenrecht Gebrauch, um zum Tod verurteilte Unabhängigkeitskämpfer vor der Guillotine zu bewahren und wurde deshalb von rechten Scharfmachern attackiert.

Coty war sich der institutionellen Schwäche des Regierungssystems bewusst, das auf der Linken von den Kommunisten, auf der Rechten von Gaullisten und Poujadisten erbittert bekämpft wurde, und befürwortete eine Verfassungsreform.

Die Tatsache, dass Coty erst nach 13 Wahlgängen zum Präsidenten gewählt wurde, zeigte deutlich die Dauerkrise der Vierten Republik. Sie zerbrach an den Kolonialkonflikten mit verlorenem Indochina-Krieg 1955, dem Verlust Tunesiens und Marokkos und einer sich radikalisierenden Lage in Algerien, wo die französische Siedlerbevölkerung an ihren Privilegien festhielt. Dort hatten ultrarechte Armeekräfte das Sagen und nach dem Putsch d’Alger am 13. Mai 1958 – in Algier übernahm ein „Wohlfahrtsausschuss“ des Militärs unter Führung von General Jacques Massu die Macht und in der Opération Résurrection wurde Korsika militärisch besetzt – rief Präsident Coty den nationalen Notstand aus und berief Charles de Gaulle zum Ministerpräsidenten mit Sondervollmachten. Dieser strebte eine Präsidialverfassung mit direkt vom Volk gewähltem Staatsoberhaupt an, was in der Volksabstimmung über die Verfassungsänderung im September 1958 eine fast 80-prozentige Mehrheit fand.[4]

De Gaulle löste nach gewonnener Wahl Coty als Präsident der nunmehr Fünften Republik im Januar 1959 ab. Coty gehörte als ehemaliges Staatsoberhaupt automatisch dem neu geschaffenen Verfassungsrat (Conseil constitutionnel) an. Anders als sein Vorgänger Vincent Auriol, der das Gremium boykottierte, nahm Coty an dessen Arbeit teil und brachte seine Stimme deutlich vernehmbar zu Gehör. 1962 widersetzte er sich kurz vor seinem Tod der von de Gaulle gewünschten Verfassungsänderung, mit der die Volkswahl des Staatsoberhauptes definitiv eingeführt wurde.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. René Coty (1882–1962), auf der Webseite des Elyseepalast (Archiv)
  2. René Coty in der französischsprachigen Wikipedia
  3. Centre historique des Archives nationales Paris (CHAN), Une biographie complète et détaillée du Président Coty [Archiv]
  4. Michel Winock: L'agonie de la IVe République. 13 Mai 1958. Gallimard, Paris 2006, ISBN 2-07-077597-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: René Coty – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorgänger Amt Nachfolger
Vincent Auriol Präsidenten der Französischen Republik
16. Januar 1954–8. Januar 1959
Charles de Gaulle
Vincent Auriol Kofürst von Andorra
1954–1959
Charles de Gaulle