Bernhard Weiß (Jurist)

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Bernhard Weiß (1930)
Bernhard Weiß (2. v. rechts, mit Zylinder) neben dem Polizeipräsidenten Albert Grzesinski beim Trauerzug für die beiden von Erich Mielke ermordeten Polizisten, Berlin, August 1931
Gedenktafel am Haus Kaiserdamm 1, in Berlin-Charlottenburg

Bernhard Weiß (* 30. Juli 1880 in Berlin; † 29. Juli 1951 in London) war ein deutscher Jurist und Polizeivizepräsident in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik.

Biografie[Bearbeiten]

Weiß war ein Sohn des Getreidegroßhändlers Max Weiß und seiner Frau Emma. Die Eltern entstammten liberalen jüdischen Familien. Der Vater war Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Fasanenstraße in Berlin und im Beirat der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Nach dem Abitur im Jahr 1900 studierte Bernhard Weiß Rechtswissenschaften in Berlin, München, Freiburg im Breisgau und Würzburg und schloss das Studium mit der Promotion ab.

Wegen der antisemitischen Vorbehalte im preußischen Militär meldete er sich 1904 als Freiwilliger eines leichten Kavallerieregiments in Bayern, erwarb dort 1906 das Reserveoffizierpatent und wurde 1908 Leutnant der Reserve der Königlich-Bayerischen Armee. Im Ersten Weltkrieg stieg er zum Rittmeister auf und wurde mit dem Eisernen Kreuz zweiter und erster Klasse ausgezeichnet.

Im Sommer 1918 wurde er auf Wunsch des preußischen Innenministers Bill Drews in Bayern freigestellt und als Stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei in Berlin in den Polizeidienst aufgenommen. 1925 wurde er Chef der Kriminalpolizei und 1927 Polizeivizepräsident. Die Ehe mit seiner kunstliebenden Gattin Lotte machte ihn mit den führenden Künstlern der Weimarer Republik bekannt. Künstler wie Richard Tauber waren Freunde des Hauses, sodass Weiß zu einer festen Größe auch im Berliner Kulturbetrieb wurde.

Weiß war wie Walther Rathenau Mitglied der DDP, hatte eine Kämpfernatur und griff gemeinsam mit dem damaligen Berliner Polizeipräsidenten Albert Grzesinski als einer der wenigen republikanisch gesinnten höheren Polizeibeamten systematisch gegen Rechtsbrüche durch. Die Ermittlung der Mörder Walther Rathenaus unter ungewöhnlicher Einbeziehung der Presse galt als Weiß’ Verdienst. Er wurde Opfer regelmäßiger Diffamierungskampagnen der aufkommenden NSDAP unter dem Berliner Gauleiter Joseph Goebbels, der Weiß wegen seiner jüdischen Herkunft stets als „Isidor Weiß“ bezeichnete. Besonders in Goebbels’ Hetzpostille Der Angriff war Weiß ständig Gegenstand antisemitischer Diffamierungen in Texten und Karikaturen. In Weiß hatte Goebbels einen Feind gefunden, der seiner nationalsozialistischen Ideologie entsprach: ein Bürger jüdischer Herkunft und Repräsentant der Republik, im NSDAP-Jargon „Vertreter des Systems“. Weiß schlug zurück und überzog Goebbels mit mehr als 60 erfolgreich verlaufenen Prozessen.

Nach dem „PreußenschlagPapens 1932 verlor Weiß – wie die gesamte Regierung Preußens – sein Amt. Nach kurzer Haft wurde er gemeinsam mit Grzesinski und dem Kommandeur der preußischen Schutzpolizei Magnus Heimannsberg freigelassen. Eine der Bedingungen hierfür war, dass er schriftlich seinen Verzicht auf jede weitere dienstliche Tätigkeit erklären musste. Weiß bestätigte: „Nach meiner gewaltsamen Entfernung aus dem Amte erkläre ich mich bereit, mich jeder weiteren dienstlichen Maßnahme zu enthalten.“ Nach der Übertragung der Regierungsgewalt im Deutschen Reich auf die NSDAP am 30. Januar 1933 lebte er bis zum März 1933 zunächst weiter in Berlin. Dann wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen und ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Als seine Wohnung gestürmt und geplündert wurde, entkam Weiß gerade noch durch den Hinterausgang und verbarg sich fortan an wechselnden Orten. Schließlich floh er mit Hilfe auch von Kollegen zunächst nach Prag. Im August 1933 stand sein Name zusammen mit dem von 32 anderen, darunter Albert Grzesinski, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Heinrich Mann, Wilhelm Pieck, Ernst Toller, Kurt Grossmann und Otto Wels, auf der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933. Anfang 1934 gelangte er mit seiner Frau mit tschechischen Pässen nach London, wo er ein kleines grafisches Unternehmen aufbaute. 1949 besuchte Weiß erstmals nach seiner Emigration wieder Berlin. Er äußerte, sein sehnlichster Lebenswunsch sei es, nach Berlin zurückzukehren. Ernst Reuter bot ihm ein Amt mit Beratungsfunktion im Polizeidienst an. Dazu kam es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr: Im Jahre 1951, kurz nach der Wiedererlangung seiner deutschen Staatsbürgerschaft, starb Weiß an Krebs in London.

Die Benennung des Vorplatzes des Bahnhofs Berlin Friedrichstraße nach Bernhard Weiß war geplant, wurde aber im letzten Moment wieder verworfen. Am 31. Oktober 2011 wurde ein Teil der Otto-Braun-Straße am Alexanderplatz in Berlin-Mitte nach ihm benannt.

Der Bund jüdischer Soldaten in der Bundeswehr (RjF) verleiht seit 2007 die Bernhard-Weiß-Medaille für Verständigung und Toleranz. Es sollten in erster Linie nicht militärische Führer geehrt werden, sondern die kleinen Helden, die „couragiert gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ Stellung beziehen, hieß es in der Laudatio vom 18. November 2007.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Berger: Bernhard Weiß, preußischer Jude und Offizier. In: Eisernes Kreuz und Davidstern. Die Geschichte Jüdischer Soldaten in Deutschen Armeen. trafo verlag, Berlin 2006, ISBN 3-89626-476-1, S. 203–207.
  • Michael Berger: Dr. Bernhard Weiß. Sein Kampf für Demokratie und Rechtsstaat in der Weimarer Republik. In: Eisernes Kreuz – Doppeladler – Davidstern. Juden in deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen. Der Militärdienst jüdischer Soldaten durch zwei Jahrhunderte. trafo verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-89626-962-1, S. 146–150.
  • Dietz Bering: Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels. Klett-Cotta, Stuttgart 1991.
  • Joachim Rott: Bernhard Weiß (1880–1951). Hentrich & Hentrich, Berlin 2008, ISBN 3-9384-8554-X.
  • Bjoern Weigel: Bernhard Weiß. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 2: Personen. de Gruyter/Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-24072-0, S. 880–882.

Film[Bearbeiten]

  • Der Mann, der Goebbels jagte. Dokumentation, Deutschland, 2003, 45 Min., Buch und Regie: Reiner Brückner und Mathias Haentjes, Redaktion: Lorenz Beckhardt, Produktion: WDR, Erstausstrahlung: 26. September 2003

Rundfunk[Bearbeiten]

  • Horst Meier: Preuße, Jude, Patriot und Demokrat. Bernhard Weiß, Vizepräsident der Berliner Polizei und die Verteidigung der Weimarer Republik. Hörfunkbeitrag im Deutschlandfunk in der Reihe „Feature“ am 28. Juni 2005, 45 Min.
  • David Dambitsch: „Eine vorbildliche liberale Persönlichkeit“: Berlins Polizeipräsident Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels. Hörfunkbeitrag im RIAS-Berlin im Rahmen der Sendereihe ›Kulturzeit‹ am 8. Oktober 1991.
  • Wiebke Matyschok: Bernhard Weiß – Der Mann, der Goebbels jagte. Hörfunkbeitrag in Bayern 2 in der Reihe ›radioZeitreisen‹ am 10. April 2011 ab 13:30 Uhr.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bernhard Weiß – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweis[Bearbeiten]