Reserveoffizier

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Reserveoffiziere sind Reservisten in den Laufbahnen der Offiziere der Reserve im Dienstgrad Leutnant oder höher. Während eines Wehrdienstverhältnisses haben sie Befehlsbefugnis über Unteroffiziere und Mannschaften.

Geschichte (Deutschland)[Bearbeiten]

Mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Zuge der Preußischen Heeresreform (1807–1814) von Scharnhorst, Gneisenau, Boyen und Clausewitz stieg auch die Bedeutung der Reservisten für das Militär an. Im Kaiserreich genoss der „bürgerliche Reserveoffizier“ hohes Ansehen. Die Bedeutung, die dem Militär zu dieser Zeit zukam, findet sich in den Worten des Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff wieder:[1]

„Ich war damals schon jahrelang Professor wie heute, dachte und denke nicht gering von meinem Lehramte. [...] Aber wie geringfügig kam alles, was unsereiner leisten kann, demgegenüber vor was mein Hauptmann mit seiner [...] Arbeit erreichte, der Erzieher, der Hochschullehrer des Volkes.“

Nach der Beförderung übten die ausgebildeten Reserveoffiziere in der Landwehr. Mit den roonschen Reformen von 1860 dienten sie fortan in allen Waffengattungen. Im Jahr 1914 zählte die Statistik mehr als 120.000 Reserveoffiziere in den Dienstgraden von Leutnant bis Major. Der zeitgenössische Historiker Heiger Ostertag urteilte über ihre Leistungen im Ersten Weltkrieg positiv, nämlich dass sie[2]

„militärische Leistungsträger waren und – unter Berücksichtigung ihrer relativ kurzen Ausbildungszeit – die aktiven Offiziere voll ersetzten.“

Überwiegend stammten die Reserveoffiziere aus bürgerlichen Familien. Ihre Väter waren meist Beamte, Gutsherren, Industrielle und Angehörige der freien Berufe (Rechtsanwälte, Ärzte etc.). Reserveoffiziere nahmen mitunter im zivilen Berufsleben leitende Funktionen in Wirtschaft und Verwaltung wahr. Der Historiker Friedrich Meinecke formulierte 1946 die Stellung des Offiziers in der preußisch-deutschen Gesellschaft in folgendem Satz:[3]

„Der preußische Leutnant ging als junger Gott, der bürgerliche Reserveleutnant wenigstens als Halbgott durch die Welt“

Reserveoffiziere übernahmen allerdings ihre Kosten für Ausrüstung, Bekleidung, Unterbringung und Verpflegung selbst. Die gesamten Aufwendungen beliefen sich je nach Truppengattung auf zwischen 2000 und 3000 Reichsmark. Damit wurden die Angehörigen der unteren Mittelschicht wie Handwerker und Volksschullehrer von dieser elitären Laufbahn de facto ferngehalten. Formal schrieb der Dienstherr den Bewerbern das Erreichen der Obersekundareife eines Gymnasiums vor. Diese sogenannten Einjährig-Freiwilligen dienten gemäß den Richtlinien nur ein Jahr anstelle von drei Jahren im Heer oder bei der Marine.

Dem fähigsten Drittel ermöglichte das aktive Offizierskorps seines Truppenteils durch Zuwahl den Aufstieg zum Reserveoffizier. Die Anwärter erhielten nach bestandener Prüfung das Offizierspatent zum Leutnant der Reserve ernannt. Damit waren sie hoffähig.

Ganze Bevölkerungsschichten wie Katholiken, Atheisten und Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei wurden systematisch diskriminiert und weniger befördert. Allen voran Bürger jüdischen Glaubens wurden vom Offiziersstand fast vollständig ausgeschlossen. Im Jahr 1911 gab es im Königreich Preußen lediglich 21 ältere jüdische Reserveoffiziere, die vor 1885 befördert wurden.[4] Bekanntestes Beispiel für die antisemitische Haltung der Armee wurde der Fall des liberalen Politikers Walther Rathenau, der trotz seiner großbürgerlichen Herkunft nicht in das Offizierskorps aufgenommen wurde. Nur im Königreich Bayern (und bedingt im Königreich Sachsen) zählte man 1912 eine nennenswerte Anzahl von jüdischen Reserveoffizieren, in erster Linie Ärzte und Veterinäre, die Offiziersrang hatten.

1967 wurden im Auftrag des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) wehrsoziologische Untersuchungen durchgeführt.[5] Den Ergebnissen nach wurden Reservisten im Durchschnitt mit 25 bis 26 Jahren zum Reserveoffizier befördert. Sehr häufig wurden die jungen Reserveoffiziere als Zugführer oder stellvertretende Kompaniechefs eingesetzt. Mehrheitlich waren die Befragten Studenten der Rechtswissenschaft, Philologie und Pädagogik, gefolgt von Wirtschafts- und Sozialwissenschaft.

Auslandseinsätze der Bundeswehr[Bearbeiten]

Bei entsprechender Qualifikation können sich Reserveoffiziere für einen Auslandseinsatz im Sinne einer besonderen Auslandsverwendung bewerben. Unter den bisher während der Auslandseinsätze der Bundeswehr ums Leben gekommen deutschen Soldaten sind zwei Reserveoffiziere. Bei Selbstmordanschlägen in Afghanistan fielen 2005 ein Oberstleutnant[6] und 2007 ein Hauptmann[7] der Reserve.

Laufbahn (Bundeswehr)[Bearbeiten]

Für die Deckung des Personalbedarfs der Reserveoffiziere ist das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr (BAPersBw), Abteilung VI zuständig und verfolgt dazu drei verschiedene Wege:

  • Einstellung von als Zeit- oder Berufssoldaten ausgeschiedenen aktiven Offizieren als Reserveoffizier;
  • Einstellung von Reservisten aller Laufbahnen oder Ungedienten nach § 43 Abs. 3 SLV mit einem berücksichtigungsfähigen zivilen Hochschulabschluss;
  • Zulassung, Ausbildung und Prüfung von Reserveoffizieranwärtern.

Voraussetzung für die Ausbildung zum Reserveoffizier ist die Bewerbung und Zulassung zum Reserveoffizieranwärter (ROA). Die Luftwaffe wählt ihren Nachwuchs in einer Eignungsfeststellung der Assessmentcenter für Führungskräfte der Bundeswehr (ACFüKrBw) in Köln aus. Bewerber für die Marine müssen in das Karrierecenter der Bundeswehr (KarrC Bw) in Wilhelmshaven. Das Heer prüft seine Bewerber seit 2011 ebenfalls am der ACFüKrBw in Köln. [8].

Eignung[Bearbeiten]

Schulterklappe eines Majors d.R. mit schwarz-rot-goldener Reservistenkordel (außerhalb eines Wehrdienstverhältnisses)

Das BMVg stellte folgendes Anforderungsprofil für die Laufbahn der Reserveoffiziere auf:[9]

  • eine ausgeprägte Bereitschaft, sich einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen,
  • die besondere Eignung zur Menschenführung,
  • eine hohe Selbstständigkeit und vorbildliches Verhalten, besonders in schwierigen Lagen,
  • Planungs- und Organisationsvermögen,
  • eine ausgeprägte Lernbereitschaft und -fähigkeit sowie
  • eine hohe physische und psychische Belastbarkeit.

Beförderung[Bearbeiten]

Die Reserveoffiziere werden nach Bedarf sowie Eignung, Leistung und Befähigung befördert:

Für die Sanitätsoffiziere (Human- und Veterinärmediziner, Pharmazeuten und Zahnmediziner) gelten eigene Dienstgrade.

Organisation[Bearbeiten]

Viele tausende Reserveoffiziere der Bundeswehr sind im Reservistenverband und den dortigen regionalen Arbeitskreisen Reserveoffiziere (AKRO) organisiert, welche ihrerseits auf internationaler Ebene in der Confédération Interalliée des Officiers de Réserve (CIOR) mit alliierten Reserveoffiziersvereinigungen zusammenarbeiten.

Siehe auch[Bearbeiten]

Rezeption[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Deutsches Kaiserreich[Bearbeiten]

  • Albert Dilthey: Der Einjährig-Freiwillige, der Reserveoffizier-Aspirant und der Offizier des Beurlaubtenstandes der Infanterie. Nach den neuesten Bestimmungen und Kriegserfahrungen in Rücksicht auf die kriegsmäßige Ausbildung völlig umgearbeitet. 54. Auflage, E.S. Mittler & Sohn, Berlin 1918.
  • Emil Hartmann: Handbuch für Einjährig-Freiwillige, Reserveoffizier-Aspiranten und Offiziere des Beurlaubtenstandes der Pioniere. 8. Auflage, E.S. Mittler & Sohn, Berlin 1915.
  • Gustav O. Hilder: Der Reserveoffizier als Kaufmann, Studierter und Staatsbürger. Eckstein, Berlin 1887. (Eckstein'sche Flugschriften-Sammlung, Band 9)
  • Hartmut John: Das Reserveoffizierkorps im deutschen Kaiserreich 1890–1914. Ein sozialgeschichtlicher Beitrag zur Untersuchung der gesellschaftlichen Militarisierung im Wilhelminischen Deutschland. Campus-Verlag, Frankfurt 1981, ISBN 3-593-32952-2.
  • Max J. Loewenthal: Das jüdische Bekenntnis als Hinderungsgrund bei der Beförderung zum preußischen Reserveoffizier. Im Auftrag des Verbandes der Deutschen Juden. Hermann, Berlin 1911.
  • Max J. Loewenthal: Jüdische Reserveoffizier. Im Auftrag des Verbandes der Deutschen Juden. R. Boll, Berlin 1914.
  • Jens Riede: Das vorherrschende Bild des Offiziers/ Reserveoffiziers in der preußischen Öffentlichkeit. In: Jens Riede: Offizier im Kaiserreich – Verkörperung der Gesellschaft? Eine Betrachtung der militärischen Führungskräfte unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1871–1914. Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg 2009, S. 99 ff. (= Hamburger Arbeiten zur Allgemeinen Erziehungswissenschaft Nr. 2)
  • Jacob Rosenthal: Die Kampagne der deutschen Juden für den „Reserve-Offizier“. In: Jacob Rosenthal: Die Ehre des jüdischen Soldaten. Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Campus-Verlag, Frankfurt 2007, S. 17 ff.
  • Paul von Schoenaich: 100 Prüfungsaufgaben zur Reserveoffizier-Aspiranten- und Reserveoffizierprüfung bearb. f. Einj.-Freiw. u. Reserveoffizier-Aspiranten d. Kavallerie. 2 Teile, Fr. Engelmann, Leipzig 1905/06.
  • Paul Spazier: Zivil- und Militärturnen von einem Turnlehrer und Reserve-Offizier. P. Eberhardt, Leipzig 1914.
  • Friedrich-Karl Surén: Der Reserveoffizier und Reserveoffizier-Aspirant auf dem Truppenübungsplatz: Praktisches Handbuch während des Kommandos. Nebst einem Anhang für die Leitung und die Lehrer. E.S. Mittler & Sohn, Berlin 1909.
  • Wolfram Wette: Der bürgerliche Reserveoffizier. In: Wolfram Wette: Militarismus in Deutschland. Geschichte einer kriegerischen Kultur. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2011, S. 60 ff.

Drittes Reich[Bearbeiten]

Bundesrepublik Deutschland[Bearbeiten]

  • Hans-Ulrich Krantz: Handbuch für Reserveoffiziere. Wehr & Wissen Verlagsgesellschaft, Koblenz 1961.
  • Hans Moll, Fried Noxius: Kurzgefasstes Lehrbuch für den Reserveoffizier und (Res.-)Offz.-Anwärter. 2 Teile, E.S. Mittler & Sohn, Frankfurt am Main 1960.
  • Rudolf Warnke: Der übende Reserveoffizier 1967. Aus der Untersuchungsreihe „Der Offizier der Bundeswehr“. Herausgegeben vom Bundesminister der Verteidigung, Führungsstab der Streitkräfte I/7, 1970. (= Schriftenreihe Innere Führung. Reihe: Führungshilfen Wehrsoziologische Studien, Heft 8)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Reserveoffizier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Militarismus und Wissenschaft. In: Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Reden aus der Kriegszeit. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1915, S. 83 f.
  2. Heiger Ostertag: Bildung, Ausbildung und Erziehung im Kaiserreich 1871–1918. Eliteideal, Anspruch und Wirklichkeit des Offizierkorps. Lang, Frankfurt 1990, S. 296.
  3. Friedrich Meinecke: Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen. Brockhaus, Wiesbaden 1946, S. 25.
  4. Esther Schwarz: Militarismus im Kaiserreich. In: Ursula Blömer, Detlef Garz (Hg.): „Wir hatten ein herrliches Leben ...“ Jüdische Kindheit und Jugend im Kaiserreich 1871–1918. BIS-Verlag, Oldenburg 2000, S. 53 ff.
  5. Vgl. Rudolf Warnke: Der übende Reserveoffizier 1967. Aus der Untersuchungsreihe „Der Offizier der Bundeswehr“. Herausgegeben vom Bundesminister der Verteidigung, Führungsstab der Streitkräfte I/7, 1970. (= Schriftenreihe Innere Führung. Reihe: Führungshilfen Wehrsoziologische Studien, Heft 8)
  6. Peter Müller: Deutschlands vergessene Soldaten, Welt Online, 17. Dezember 2006
  7. Rede des Bundesministers der Verteidigung, Franz Josef Jung, anlässlich der Trauerfeier für die am 19. Mai 2007 in Kunduz getöteten Soldaten der Bundeswehr am 23. Mai 2007 in Köln-Wahn, Bundesministerium der Verteidigung, 23. Mai 2007
  8. Reserveoffizier – Praxisorientierte Ausbildung in der Führung von Menschen
  9. Reserveoffizier – Eine Laufbahn mit hohem Stellenwert, nicht nur für die Bundeswehr