Carlos Saura

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Carlos Saura, 2012

Carlos Saura (* 4. Januar 1932 in Huesca/Aragón) ist ein spanischer Filmregisseur und Bruder des Malers Antonio Saura. Seine Filme waren anfangs vom Neorealismus geprägt, später zeigte sich der Einfluss durch den mythischen Stil von Luis Buñuel.

Leben[Bearbeiten]

Sauras Vater war im Finanzministerium angestellt, seine Mutter war Pianistin. Während des Spanischen Bürgerkriegs zog die republikanisch eingestellte Familie zunächst von Madrid nach Valencia, später dann nach Barcelona. Nach Ende des Krieges wurde Saura eine Weile getrennt von seiner Familie bei Verwandten untergebracht, die mit Franco sympathisierten. Diese Erfahrungen waren prägend für sein späteres Filmschaffen. In einem Interview bekannte er 1975: „Niemals habe ich verstehen können, warum über Nacht die Guten die Bösen waren, und die Bösen die Guten.“[1]

Saura studierte zunächst Ingenieurswissenschaften und verdiente sich sein Geld als Fotograf auf Tanzveranstaltungen. Er machte aber auch künstlerische Fotoarbeiten, die er mit Hilfe seines Bruders Antonio Saura ausstellte. 1952 wurde Saura Schüler am Instituto de Investigaciones y Experiencias Cinematográficas (IIEC), der staatlichen spanischen Filmhochschule, an der er Regie studierte.[2] 1957 erhielt er sein Diplom für La tarde del domingo (1957). Der Film hat kein Happy End, was typisch für Saura ist.

Sofort nach seinem Abschluss wurde er Dozent am IIEC, zunächst für den Fachbereich Szenarium/Drehbuch, später dann für Regie. 1959 inszenierte er seinen ersten abendfüllenden Spielfilm Los golfos (deutsch: Die Straßenjungen). Bei der Vorführung des Films auf den Filmfestspielen von Cannes lernte Saura 1960 seinen Kollegen Luis Buñuel kennen, mit dem ihn fortan eine enge Freundschaft und die stilistische Nähe ihrer Filme verband.[3] Die spanische Zensur schränkte die Verbreitung von Los golfos stark ein. Erst 1962 wurde eine geschnittene Version uraufgeführt.[4] Saura machte es sich zur Aufgabe, das autoritäre Franco-Regime in seinen Filmen zu kritisieren. Die staatliche Zensur zwang ihn zu einer unterschwelligen und nicht direkt greifbaren Kritik, die ihn bald zum Aushängeschild antifranquistischer Kunst werden ließ. Dabei wurde er unterstützt von seinem Freund und langjährigen Produzenten Elías Querejeta. Sauras Filme wurden zu dieser Zeit auf internationalen Filmfestivals bekannter als in Spanien selbst.[4]

Als Spiegelbild der spanischen Gesellschaft diente Carlos Saura das spanische Bürgertum. In La Caza (1965, deutsch: Die Jagd) zeigte er das bourgeoise Verhalten einer Jagdgesellschaft. In La prima Angélica (1973, deutsch: Cousine Angélica) wurde eine Bürgersfamilie zum Spiegel der erstarrenden spanischen Gesellschaft. Immer wieder musste er mit der Zensur um einzelne symbolträchtige Szenen ringen, etwa wenn in La prima Angélica der geschiente Arm eines Falangisten an einen Hitlergruß erinnert. Auch nach Bestehen der Zensur wurden die spanischen Aufführungen dieses Films durch falangistische Schlägertrupps attackiert.[5] Zu seinem 1972 entstandenen Film Ana y los lobos (deutsch: Anna und die Wölfe) äußerte sich Carlos Saura: „Ich machte diesen Film, weil meine Mutter, wenn ich damals zu Hause von politischen, sexuellen oder religiösen Problemen reden wollte, immer sagte: Darüber spricht man nicht. Das gleiche sagte dann die spanische Zensur zu mir: Alles, was Sie wollen – außer Sex, Politik und Religion!“[6]

Sauras Kino aus dieser Phase wurde oft auch als Erinnerungskino bezeichnet. Es trug zum Teil autobiografische Züge. So wurden in La prima Angélica Dinge, die Saura als Kind im Krieg gesehen hat, als Filmsequenzen montiert, etwa die Szene eines Mädchens mit Glassplittern im Gesicht. La Madriguera zeigt die Virulenz nicht verarbeiteter, teilweise traumatischer Kindheitserfahrungen in einer späteren Partnerbeziehung. Saura selbst sagte in einem Interview: „Meine Filme sind nie realistisch, vielmehr eine Art Flucht, in dem Sinne, wie Luis Buñuel gesagt hat: Das Reinste ist die Einbildungskraft.“[3] Einer der wichtigsten künstlerischen Bezugspunkte in Sauras Filmen war Geraldine Chaplin, die zur Zeit ihrer gemeinsamen Arbeit Sauras Lebensgefährtin war. In insgesamt neun seiner Film von Peppermint Frappé (1967) bis Mamá cumple cien años (1979, deutsch: Mama wird 100 Jahre alt) wirkte sie als Schauspielerin mit, zumeist in der weiblichen Hauptrolle. In Cría cuervos (1975, deutsch: Züchte Raben...) trat sie in einer Doppelrolle als Mutter und erwachsene Tochter in Erscheinung. Der Film wurde zum bis dato größten Erfolg Sauras und erreichte mit über einer Million Zuschauer erstmals auch in großem Umfang das spanische Publikum.[7]

Nach Francos Tod und der weggefallenen Zensur öffnete sich das Sujet von Sauras Filmen. Sein Werk reichte von der zeitkritischen Studie über kriminelle Jugendliche Deprisa, deprisa (1981, deutsch: Los, Tempo!) bis zu den surrealen Bildwelten des historischen Künstlerporträts Goya en Burdeos (1999, deutsch: Goya in Bordeaux). International bekannt wurden vor allem seine Tanzfilme, in denen Sauras Erfahrung als Tanzfotograf zum Tragen kam. Mit Bodas de sangre (1981, deutsch: Bluthochzeit), Carmen (1983) und El Amor brujo (1986, deutsch: Liebeszauber) legte er in den 1980er Jahren eine erste dem Flamenco gewidmete Trilogie vor. Eine weitere Trilogie erkundete mit Flamenco (1995), Tango (1998) und Fados (2007) moderne städtische Musikstile.

Auch die Würdigung seines Heimatlandes wurde ihm nach der Demokratisierung Spaniens zuteil. 1980 wurde ihm der Nationale Filmpreis Spaniens verliehen „als Anerkennung seines Wirkens für das Ansehen unseres Kinos im Ausland“.[4] Für ¡Ay, Carmela! (1990, deutsch: Ay Carmela! – Lied der Freiheit) erhielt er 1991 den spanischen Filmpreis Goya in den wichtigsten Kategorien. 1992 produzierte Saura mit Maratón den offiziellen Film zu den Olympischen Sommerspielen in Barcelona.

Im Jahre 2000 fand Saura wieder zum Thema des Spanischen Bürgerkriegs zurück, dieses Mal allerdings nicht hinter der Kamera sondern in seinem ersten Roman ¡Esa Luz! (deutsch: Dieses Licht!) in dem er auch literarisch einen Film im Kopf des Lesers entstehen ließ. Carlos Saura sieht sich in der Tradition von drei großen Regisseuren: „Buñuel, Bergman und Fellini“.[8]

Filme[Bearbeiten]

  • 1956: La tarde del domingo
  • 1958: Cuenca (Dokumentarfilm über die Stadt Cuenca)
  • 1959: Die Straßenjungen (Los golfos)
  • 1963: Cordoba (Llanto por un bandido)
  • 1965: Die Jagd (La caza)
  • 1967: Peppermint Frappé
  • 1968: Stress zu dritt (Stress es tres, tres)
  • 1969: Höhle der Erinnerungen (La madriguera)
  • 1970: Garten der Lüste (El jardín de las delicias)
  • 1972: Anna und die Wölfe (Ana y los lobos)
  • 1973: Cousine Angélica (La prima Angélica)
  • 1975: Züchte Raben… (Cría cuervos) (Soundtrack „Porque te vas")
  • 1977: Elisa, mein Leben (Elisa, vida mía)
  • 1978: Mit verbundenen Augen (Los ojos vendados)
  • 1979: Mama wird 100 Jahre alt (Mamá cumple cien años)
  • 1980: Los, Tempo! (Deprisa, deprisa)
  • 1981: Bluthochzeit (Bodas de sangre) (Nach der Tragödie Bluthochzeit von Federico García Lorca)
  • 1981: Zärtliche Stunden (Dulces horas)
  • 1982: Antonieta
  • 1983: Carmen
  • 1984: Zeit der Illusion (Los zancos)
  • 1986: Liebeszauber (El amor brujo)
  • 1988: El Dorado – Gier nach Gold (El dorado)
  • 1989: La noche oscura
  • 1990: Ay Carmela! – Lied der Freiheit (¡Ay, Carmela!) (Gewann 1991 in den meisten Disziplinen im spanischen Filmpreis Goya)
  • 1991: Sevillanas
  • 1991: Der Süden (El sur)
  • 1992: Maratón (Offizieller Film zu den Olympischen Spielen in Barcelona 1992)
  • 1993: Dispara! (¡Dispara!)
  • 1995: Flamenco
  • 1996: Im Schutz der Nacht (Taxi)
  • 1997: Kleiner Vogel (Pajarico)
  • 1998: Tango
  • 1999: Goya (Goya en Burdeos)
  • 2001: Buñuel y la mesa del rey Salomón
  • 2002: Salomé
  • 2004: El séptimo día
  • 2005: Iberia
  • 2007: Fados
  • 2009: Ich, Don Giovanni (Io, Don Giovanni) (Über den Mozart-Librettisten Lorenzo da Ponte)
  • 2010: Flamenco, Flamenco

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Carlos Saura – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Persönlich neige ich zur Anarchie. Interview von Angel S. Harguindey mit Carlos Saura. In: Ursula Beckers, Albrecht Lempp: Carlos Saura: Züchte Raben. Filmland Presse, München 1981, S. 108
  2. vgl. Filmspiegel Nr 3, 1987, Seite 20
  3. a b Carlos Saura zu Gast im Filmmuseum Potsdam. Interview von 2003
  4. a b c Wolfgang Schuch (Hrsg.): Spanische Filmtexte. Henschelverlag, Berlin 1982, S. 260
  5. Dieter E. Zimmer: Ein vergreistes Regime. In: Die Zeit, Nr. 33/1974
  6. Wolfgang Schuch (Hrsg.): Spanische Filmtexte. Henschelverlag, Berlin 1982, S. 254
  7. Paul Julian Smith: The Past is Not the Past. In: The Criterion Collection, 13. August 2007. (englisch)
  8. Persönlich neige ich zur Anarchie. Interview von Angel S. Harguindey mit Carlos Saura. In: Ursula Beckers, Albrecht Lempp: Carlos Saura: Züchte Raben. Filmland Presse, München 1981, S. 109