Geweitete Piercings

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Dehnen eines Lobe-Piercings

Als geweitete beziehungsweise gedehnte Piercings werden solche Piercings bezeichnet, deren Stichkanal beabsichtigterweise vergrößert wurde, häufig in der Absicht Piercingschmuck mit erweitertem Durchmesser tragen zu können. Der Vorgang wird auch Stretching genannt.

Meist wird diese Praxis beim gepiercten Ohrläppchen durchgeführt, grundsätzlich kann jedoch jedes Piercing auf einen gewissen Durchmesser erweitert werden. Knorpelpiercings sind gewöhnlich schwieriger zu dehnen und können dabei Wulstnarben bilden, wenn sie zu schnell gedehnt werden. Problematisch ist auch das Weiten von Oberflächenpiercings, da diese einer starken Spannung ausgesetzt sind. Um den Stichkanal nicht zu verletzen, wird er üblicherweise in kleinen Schritten gedehnt.[1]

Geschichte und Kultur[Bearbeiten]

Tutanchamun mit gedehntem Ohrläppchen

Gedehnte Piercings sind wahrscheinlich so alt wie Piercings selber. Alle modernen Dehnungsmethoden wurden bereits von indigenen Kulturen angewandt.

Die bisher ältesten nachgewiesenen gedehnten Ohrlöcher, sind die der 1991 entdeckten Gletschermumie Ötzi aus der Jungsteinzeit, von ca. 3359 und 3105 v. Chr. Der „Mann vom Hauslabjoch“ trug auf etwa sieben bis elf Millimeter gedehnte Ohrlöcher. Darstellungen des altägyptischen Königs Tutanchamun, der etwa von 1332 bis 1323 v. Chr. regierte, zeigen diesen ebenfalls mit vergrößerten Ohrlöchern. Auch Buddha-Figuren werden in der Regel mit geweiteten Ohrlöchern dargestellt. Historische Funde aus der Moche-Kultur, die sich vom 1. bis zum 8. Jahrhundert in Peru entwickelte, zeugen von geweiteten Labret-Piercings.

Lippenstein bei einer Tonfigur der Moche-Kultur

Stark geweitete Piercings wurden häufig mit der Absicht eingesetzt die Frauen des entsprechenden Volkes für die Männer der Nachbarstämme unattraktiv erscheinen zu lassen und entwickelten sich später trotz dem ursprünglichen Zweck unter den eigenen Stammesangehörigen zum Schönheitsideal.

Aus der Bildhauerkunst ist bekannt, dass besonders in Asien gedehnte Ohrlöcher bereits vor tausenden von Jahren üblich waren. Bewohner der Marschall-Inseln trugen beispielsweise außergewöhnlich große Ohrlöcher, die mit aufgerollten Blättern der Schraubenbäume geweitet wurden.[2] afrikanische und südamerikanische Volksstämme nutzen diese Form des Körperschmucks noch im 21. Jahrhundert, wobei unter anderem die Lippen auf zum Teil enorme Größen gedehnt werden um Lippenteller einsetzen zu können.

Bei den Zo’é-Indianern in Brasilien, auch Lippenpflockindianer genannt, tragen sowohl Männer als auf Frauen bis zu 15 Zentimeter lange Lippenpflöcke mit Durchmessern von bis zu vier Zentimetern.[3] und werden in kleiner Größe bereits im Alter von etwa acht Jahren eingesetzt.[4] Ein Lippenpflock ist bei den Zo’é für die Akzeptanz als Stammesmitglied obligatorisch. Auch bekannt sind gedehnte Lippenpiercings in Brasilien bei Angehörigen der Botokuden, den Kayapo und den Männern der Suyá.

Apatani in Indien mit Holzplatten in den Nasenflügeln

In Asien sind geweitete Ohrlöcher beispielsweise bei den Karen in Myanmar und Thailand bekannt. Die Frauen der Apatani, einem Volksstamm in dem indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh, tragen ihrem Schönheitsideal entsprechend in den Nostril-Piercings beider Nasenflügel eine Holzplatte mit deutlich geweiteten Durchmessern; eine Stelle die für das Dehnen von Piercings in der Regel eher ungewöhnlich ist.

Heutzutage hat die moderne Form des Körperschmucks die jahrhunderte alte Technik erneut populär gemacht und ist in zahlreichen Jugend- und Subkulturen zu finden. Diese Entwicklung wurde besonders von der Bewegung der Modern Primitives vorangetrieben. Steigende Popularität gewinnt seit den 1990er Jahren im Besonderen das gedehnte Ohrloch und seltener auch das Septum- und Brustwarzenpiercing. Intimpiercings werden gerade im BDSM-Bereich typischerweise mit geweiteten Durchmessern getragen. Vor allem das Prinz-Albert-Piercing wird häufig um einige Millimeter gedehnt um den Tragekomfort zu erhöhen.

Methoden[Bearbeiten]

Zur Vergrößerung eines Piercings gibt es verschiedene Methoden unterschiedlichen Ursprungs und für verschiedene Zwecke. Das einfache Dehnen des Stichkanals wird in der Regel schrittweise im Abstand mehrerer Wochen millimeterschritten vorgenommen, um das Gewebe zu lockern und bei weiterer Vergrößerung nicht einzureißen. Der gedehnte Stichkanal bildet sich nach Herausnehmen des Schmucks jedoch nach einiger Zeit wieder und das Risiko des Einreissens zu minimieren. Das Einschneiden des Kanals dagegen ist schmerzhafter und kann nur durch einen weiteren chirurgischen Eingriff wieder rückgängig gemacht werden.

Eine andere Methode der Körpermodifikation mit ähnlichem Effekt ist das Dermal Punching, wobei kein bereits vorhandener Stichkanal vergrößert, sondern ein entsprechend großes Loch direkt herausgestanzt wird. Meist wird diese Methode in der Ohrmuschel angewendet, da sich Knorpelgewebe verhältnismäßig schlecht dehnen lässt. Zudem verläuft der Heilungsprozess in der Regel zügiger, da weniger Druck auf den Schmuck entsteht.[5]

Werkzeuge[Bearbeiten]

Dehnungsstifte[Bearbeiten]

Dehnungsstifte in Millimetern
Hauptartikel: Dehnungsstift

Meist werden Piercings mit Hilfe eines Dehnungsstiftes geweitet. Dabei wird ein mit Gleitgel bestrichener, konisch verlaufender Stift (Taper) in den Stichkanal eingeführt und der Schmuck mit größerem Durchmesser anschließend am Ende des Dehnungsstiftes angesetzt und hinterhergeschoben. Eine Alternative hierzu bildet eine kreisförmige "Dehnungsschnecke". Die Dehnungsstifte sind in verschiedenen Größen erhältlich und werden über das größere Ende definiert. Sie haben dort eine Hohlstelle um den einzuführenden Schmuck besser ansetzen zu können. Meist sind sie aus Edelstahl oder Acryl gefertigt. Die Länge der Dehnungsstifte variiert zwischen fünf und zehn Zentimetern.

Gewichte[Bearbeiten]

Mit Gewichten gedehnte Ohrläppchen einer Lirong

Das Tragen von Schmuck, der Gewebe auf Grund seines hohen Gewichts über einen längeren Zeitraum hinweg ausweitet, ist vor allem als traditionelle Methode verschiedener Ethnien wie den Dayak in Borneo bekannt. Diese Methode wird jedoch auf Grund mangelhaftem Tragekomfort bei modernen Piercings nur selten angewandt. Besonders am Ohr führt diese Methode meist zu einer dauerhaften Verdünnung des Gewebes.

PTFE-Band[Bearbeiten]

PTFE gilt als glatt und hautverträglich. Bei Dehnungen mittels PTFE-Band wird der Schmuck herausgenommen und eine dünne Schicht von nicht-klebendem Teflonband um das Piercing gewickelt. Anschließend wird der Schmuck wieder eingesetzt und der Prozess wiederholt, sobald sich das Piercing an den größeren Durchmesser angepasst hat. Handelsübliches Teflonband hat eine Dicke von etwa 0,1 Millimeter. Um eine durchschnittliche Dehnungsrate von monatlich einem Millimeter zu erreichen, wird bei dieser Methode etwa alle sechs Tage je eine neue Schicht Teflonband um den Schmuck gewickelt.

Weitere Hilfsmittel[Bearbeiten]

In manchen Kulturkreisen werden bereits bei Kindern die Ohren gedehnt

Neben kommerziell hergestellten und vertriebenen Dehnungsstiften werden bei Selbstdurchführung häufig auch verschiedenste Alltagsgegenstände wie einfache Stricknadeln oder Kugelschreiber zum Dehnen verwendet. Entweder handelt es sich dabei um konische Objekte, die zum Ende hin breiter werden und eine glatte Oberfläche aufweisen oder es werden verschiedene kleinere Objekte wie zum Beispiel Streichhölzer eingesetzt und schrittweise um zusätzliche Hölzer erweitert. Dabei ist ein erhöhtes Infektionsrisiko durch mangelhafte Hygiene oder verkratzte Materialien gegeben.

Ohne Verwendung von Hilfsmitteln[Bearbeiten]

Schmuck wird seltener auch ohne Verwendung von Hilfsmitteln durch das vorhandene Piercing gedrückt, was allerdings oft zu Blutungen, Entzündungen oder Vernarbung führt und weiteres Dehnen erschwert. Auch besteht das Risiko den gesamten Stichkanal bei unvorsichtiger Anwendung herauszustülpen.

Manche Piercings dehnen sich auch selbstständig durch das einfache Tragen von Schmuck. Meist passiert dies an Stellen, an denen das Piercing verstärkt Bewegungen ausgesetzt ist oder bei regelmäßiger Zugkraft.

Skalpell[Bearbeiten]

Geweitete Stichkanäle oder nicht gepiercte Körperstellen werden seltener auch mit Verwendung eines Skalpells aufgeschnitten. Häufig wird dieser Eingriff angewandt um das Piercing schnell auf einen größeren Durchmesser zu bringen und besonders große Fleischtunnel oder Earplugs einsetzen zu können. Auch kann die Position eines größeren Piercings damit leicht versetzt werden. Das Einschneiden der Ohrläppchen ist beispielsweise bei den Massai in Ost-Afrika bekannt.

Maße[Bearbeiten]

Der Schmuck wird in Europa in Millimetern gemessen, in den USA dagegen in Gauge, beginnend bei 20 g bis zu 0000g. Größere Durchmesser werden in Zoll (Inch) angegeben.

Die folgende Tabelle zeigt die üblichen Maße der erhältlichen Schmuckstücke.

Millimeter Gauge Zoll
1,0 mm 18 g 5/127″
1,2 mm 16 g 3/64″
1,6 mm 14 g 1/16″
2,0 mm 12 g 5/64″
2,4 mm 10 g 3/32″
3,2 mm 8 g 1/8″
4,0 mm 6 g 5/32″
5,0 mm 4 g 3/16″
6,0 mm 2 g 1/4″
Millimeter Gauge Zoll
8,0 mm 0 g 5/16″
10,0 mm 00 g 3/8″
11,0 mm 000 g 7/16″
12,7mm 0000 g 1/2″
14,0 mm 9/16″
16,0 mm 5/8″
19,0 mm 3/4″
22,0 mm 7/8″
25,4 mm 1″

Schmuck[Bearbeiten]

Für geweitete Piercings gibt es eine große Auswahl an einsetzbarem Piercingschmuck. Sobald das gedehnte Piercing abgeheilt ist, können auch Materialien eingesetzt werden, in denen Schmuck in geringeren Durchmessern nicht erhältlich ist. Neben einfachen Ball Closure Rings und Barbells in größeren Materialstärken, können beispielsweise im Septum-Piercing spezielle Septum Tusks getragen werden.

Im Ohr wird meist ein Plug oder ein durchschaubarer Fleischtunnel getragen. Erhältlich ist der Schmuck in verschiedenen Materialien wie Stein, Holz, Horn, Silikon, Bernstein oder Glas. Da viele Materialien wie Holz oder Horn besser atmen, als dies bei Metall oder Kunststoff der Fall ist, kommt es hierbei zu weniger Talgbildung.

Vergleichbar zu Tunneln existieren sogenannte Plugs, die sich dadurch unterscheiden, dass sie in der Mitte nicht hohl sind. Auch diese können aus unterschiedlichen Materialien gefertigt sein und bilden oft ein Motiv oder Muster ab.

Darüber hinaus existiert auch Schmuck, der auch zum Dehnen verwendet wird. Oftmals in Form von Spiralen kann er in regelmäßigen zeitlichen Abständen weitergeschoben werden, wodurch das Piercing gedehnt wird.

Um den Effekt eines größeren Schmuckstücks zu erzielen, ohne das Piercing zuvor auf eine entsprechende Stärke weiten zu müssen, können spezielle Anfertigungen, sogenannte Fake-Plugs getragen werden, die mit Hilfe eines dünnen Steges in zwei Teile auseinandergenommen und durch ein gewöhnliches Ohrloch mit kleinem Stichkanal gesteckt werden können. So entsteht die Illusion eines durchgängigen Schmucks mit massiver Materialstärke.

Heilung und Pflege[Bearbeiten]

Die meisten Dehnungsmethoden hinterlassen keine Wunde und ordnungsgemäß durchgeführte Vergrößerungen müssen anschließend nicht verheilen, sondern brauchen lediglich eine „Ruhepause“ bevor sie weiter geweitet werden. Soweit es die Elastizität und Beschaffenheit des Gewebes erlauben, können Piercings auf sehr große Durchmesser gebracht werden. Der Vorgang des Erweiterns der Ohren ist nur bedingt reversibel. Bis zu einem Durchmesser des Ohrlochs von 8 mm, lässt sich der Vorgang meist rückgängig machen. Dies kann allerdings nicht ausnahmslos festgelegt werden. Hier ist maßgeblich der physische Zustand des individuellen Bindegewebes ausschlaggebend. Die Geschwindigkeit beim Dehnen bedingt hierbei wiederum diesen Zustand. Je größer und länger ein Piercing gedehnt wurde, desto geringer verkleinert sich der Durchmesser nach dem Herausnehmen des Schmucks, was jedoch auch individuell vom Alter und Gewebe des Trägers abhängig ist. Als durchschnittliche Richtlinie wird gesagt, dass sich Ohrlöcher, die auf acht bis zehn Millimeter gedehnt wurden, nach Herausnehmen des Schmucks wieder vollständig zurückbilden. Schnell gedehnte Kanäle schließen sich in der Regel geringfügiger als langsam gedehnte Kanäle. Übermäßig oder unsachgemäß gedehnte Piercings können irreparable Schäden verursachen. Dabei kann es zu Narbenbildung kommen. Vernarbtes Gewebe ist schwieriger zu dehnen. Besonders bei größeren Durchmessern sollten sowohl das Schmuckstück als auch der Stichkanal regelmäßig gereinigt werden, da es zu erhöhter Talgablagerung und Geruchsbildung kommen kann.

Probleme und Risiken[Bearbeiten]

Besonders bei neu gedehnten Piercings ist die Haut oft dünner und durchlässiger für Bakterien, wodurch ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Bei gedehntem Zungenpiercing kann der massivere Schmuck Zahnschäden verursachen. Bei einem zu großen Stichkanal kann das Sprechen aufgrund der Luftzirkulation massiv beeinflusst werden. Befindet sich nicht ausreichend Gewebematerial zwischen der Hautoberfläche und dem Stichkanal, kann ein Dehnen zum Herauswachsen des Piercings führen. Zu stark gedehntes Bindegewebe und besonders beim Dehnen entstandene Deformationen von Knorpelgewebe sind meist irreparabel, weswegen der Dehnungsprozess nicht zu schnell vollzogen werden darf. Gewebeschäden entstehen meist als Resultat zu großer einzelner Dehnungsschritte. Typische Empfehlungen gehen von 0,2 mm je Monat aus, um das Schadensrisiko möglichst gering zu halten.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Geweitete Piercings – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Elayne Angel: The Piercing Bible: The Definitive Guide to Safe Body Piercing. Crossing Press, ISBN 1580911935 (http://www.piercingbible.com/).
  2.  Augustin Krämer: Hawaii, Ostmikronesien und Samoa; meine zweite Südseereise (1897-1899) zum Studium der Atolle und ihrer Bewohner. Strecker & Schröder, Stuttgart 1906, S. 409 f. (archive.org).
  3.  Roland Garve: Zahnschmuck fremder Kulturen. In: Zahnärztliche Mitteilungen. 98, 1. Januar 2008, ISSN 0341-8995, S. 26–32.
  4. Martina Fritsch: Planet Wissen - Vier Naturvölker. WDR, 1. Juni 2009, abgerufen am 25. Januar 2014.
  5. Ear Lobe Stretching FAQ. OneTribe LLC, abgerufen am 25. Januar 2014.
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