Die Gedanken sind frei

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Die Gedanken sind frei ist ein deutsches Volkslied über die Gedankenfreiheit.

Textgeschichte[Bearbeiten]

Die Gedanken sind frei. Aus: Schlesische Volkslieder mit Melodien: Aus dem Munde des Volkes von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Ernst Heinrich Leopold Richter, S.307; Veröffentlicht: Breitkopf und Härtel, 1842

Um 1780 wurde der Text zum ersten Mal auf Flugblättern veröffentlicht. Im Zeitraum zwischen 1810 und 1820 entstand die Melodie dazu, und das Lied wurde in der Sammlung Lieder der Brienzer Mädchen in Bern gedruckt. Im Jahr 1842 wurde das Lied in Schlesische Volkslieder von Hoffmann von Fallersleben und Ernst Richter veröffentlicht,[1] diese letzte Version stammt von Hoffmann von Fallersleben. Die grundlegende Philosophie ist bereits aus der Antike bekannt.[2] Das Kernmotiv des späteren Liedtextes findet sich schon im 13. Jahrhundert unter anderem bei Freidank (Bescheidenheit, 1229)

diu bant mac nieman vinden,
diu mîne gedanke binden.
man vâhet wîp unde man,
gedanke niemen gevâhen kan [3]

und Walther von der Vogelweide (joch sint iedoch gedanke frî [4] – Sind doch Gedanken frei).

Später wurde dem ursprünglich vierstrophigen Lied eine weitere Strophe hinzugefügt.

Text[Bearbeiten]

Überlieferte Versionen[Bearbeiten]

Heute verbreitete Fassung [5] Fassung um 1800 [6] Fassung von 1856/1865 [7]

1. Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

2. Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

3. Ich liebe den Wein,
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei:
die Gedanken sind frei.

4. Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

5. Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

1. Beleget den Fuß
Mit Banden und mit Ketten
Daß von Verdruß
Er sich kann nicht retten,
So wirken die Sinnen,
Die dennoch durchdringen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

2. Die Gedanken sind frei
Wer kann sie erraten?
Sie fliehen vorbei
Wie nächtliche Schatten;
Kein Mensch kann sie wissen,
Kein Kerker verschließen
Wer weiß, was es sei?
Die Gedanken sind frei.

3. Ich werde gewiß
Mich niemals beschweren,
Will man mir bald dies,
Bald jenes verwehren;
Ich kann ja im Herzen
Stets lachen und scherzen;
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei

4. Ich denk was ich will
und was mich erquicket,
Und das in der Still
Und wenn es sich schicket;
Mein Wunsch und Begehren
Kann Niemand mir wehren;
Wer weiß was es sei?
Die Gedanken sind frei.

5. Wird gleich dem Gesicht
Das Sehen versaget,
So werd ich doch nicht
Von Sorgen geplaget.
Ich kann ja gedenken,
Was soll ich mich kränken?
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

6. Ja fesselt man mich
Im finsteren Kerker,
So sind doch das nur
Vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken
Zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei.

1. Die Gedanken sind frei,
Wer kann sie errathen?
Sie rauschen vorbei
Wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wißen,
Kein Jäger sie schießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

2. Ich denke was ich will
Und was mich beglücket,
Doch alles in der Still
Und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
Kann niemand verwehren.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

3. Und sperrt man mich ein
Im finsteren Kerker,
Das alles sind rein
Vergebliche Werke;
Denn meine Gedanken
Zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei.

4. Nun will ich auf immer
Den Sorgen entsagen,
Und will mich auch nimmer
Mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
Stets lachen und scherzen
Und denken dabei:
Die Gedanken sind frei.

5. Ich liebe den Wein,
Mein Mädchen vor allen,
Die thut mir allein
Am besten gefallen.
Ich sitz nicht alleine
Bei einem Glas Weine,
Mein Mädchen dabei:
Die Gedanken sind frei.

(Das Wort „Grillen“ in der fünften Strophe ist eine alte Bezeichnung für trübe Gedanken.)[8]

Literarische Rezeption: Des Knaben Wunderhorn[Bearbeiten]

Unter dem Titel „Lied des Verfolgten im Turm“ (Nach Schweizerliedern) fand das Lied auch Aufnahme in den dritten Teil der 1806/08 von Achim von Arnim und Clemens Brentano herausgegebenen Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn.[9] Der Text wurde in dieser Fassung zu einem Zwiegespräch zwischen dem Gefangenen und einem Mädchen ausgeweitet, indem zwischen die ursprünglichen vier Strophen des Gefangenen jeweils eine weitere in einem anderen Strophenschema eingeschoben wurde.

Der Gefangene

Die Gedanken sind frei
Wer kann sie erraten?
Sie rauschen vorbei
Wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
Kein Jäger sie schießen;
Es bleibet dabei,
Die Gedanken sind frei.

Das Mädchen

Im Sommer ist gut lustig sein
Auf hohen wilden Heiden,
Dort findet man grün Plätzelein,
Mein herzverliebtes Schätzelein,
Von dir mag ich nicht scheiden.

Der Gefangene

Und sperrt man mich ein
Im finsteren Kerker,
Dies alles sind nur
Vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken
Zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei,
Die Gedanken sind frei.

Das Mädchen

Im Sommer ist gut lustig sein
Auf hohen wilden Bergen
Man ist da ewig ganz allein,
Man hört da gar kein Kindergeschrei,
Die Luft mag einem da werden.

Der Gefangene

So sei es, wie es will
Und wenn es sich schicket,
Nur alles in der Still;
Und was mich erquicket,
Mein Wunsch und Begehren
Niemand kann’s mir wehren;
Es bleibet dabei,
Die Gedanken sind frei.

Das Mädchen

Mein Schatz, du singst so frühlich hier
Wie’s Vögelein in dem Grase;
Ich steh so traurig bei Kerkertür,
Wär ich doch tot, wär ich bei dir,
Ach, muß ich denn immer klagen.

Der Gefangene

Und weil du so klagst
Der Lieb ich entsage
Und ist es gewagt,
So kann mich nicht plagen,
So kann ich im Herzen
Stets lachen, bald scherzen;
Es bleibet dabei,
Die Gedanken sind frei.

Diese Textfassung diente auch Gustav Mahler als Grundlage seiner 1898 entstandenen völligen Neuvertonung, die in seine Sammlung von Liedern aus Des Knaben Wunderhorn aufgenommen wurde.

Melodie[Bearbeiten]

Die Melodie in der Fassung der Schlesischen Volkslieder von 1842 (siehe oben):


\relative c'' {
  \key c \major   \time 3/4   \partial 4   \autoBeamOff
  g8 g  |  c4 c e8[ c]  |  g2 g4  |  f d g  |  e c
  g'  |  c c e8[ c]  |  g2 g4  |  f d g  |  e c
  c'  |  b d d  |  c e e  |  b d d  |  c e
  c  |  a a c8[ a]  |  g2 g8 e'  |  e[ d] c4 b  |  c2  \bar "|."
}
\addlyrics {
  \set stanza = #"1. "
  Die Ge -- | dan -- ken sind | frei, wer | kann sie er -- | ra -- then?
  Sie | flie -- gen vor -- | bei wie | nächt -- li -- che | Schat -- ten.
  Kein | Mensch kann sie | wis -- sen, kein | Jä -- ger sie | schie -- ßen.
  Es | blei -- bet da -- | bei: Die Ge -- | dan -- ken sind | frei.
}
\midi {
  \context { \Score  tempoWholesPerMinute = #(ly:make-moment 132 4) }
}

Historische und politische Bedeutung[Bearbeiten]

Immer wieder war das Lied in Zeiten politischer Unterdrückung oder Gefährdung Ausdruck für die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit.

Der Vater Sophie Scholls wurde Anfang August 1942 wegen hitlerkritischer Äußerungen inhaftiert. Sophie Scholl stellte sich abends an die Gefängnismauer und spielte ihrem dort einsitzenden Vater auf der Flöte die Melodie vor.[10][11]

Am 9. September 1948, auf dem Höhepunkt der Berliner Blockade, hielt Ernst Reuter vor über 300.000 Berlinern vor der Ruine des Reichstagsgebäudes seine Rede, in der er an „die Völker der Welt“ appellierte, die Stadt nicht preiszugeben. Nach dieser Rede erklang spontan aus der Menge u. a. das Lied Die Gedanken sind frei. Auch in der tagespolitischen Auseinandersetzung gegen staatliche Überwachung und Restriktion wird das Lied häufig gesungen.[12]

Aktuelle Verwendung[Bearbeiten]

  • 1972 sang Dean Reed dieses Lied in dem DEFA-Film Aus dem Leben eines Taugenichts.[13]
  • 1976 nahm Leonard Cohen das Lied während seiner Deutschland-Tournee in sein Programm auf.
  • 1981 erschien von der Rockband KeinMenscH! unter gleichnamigem Titel eine assoziative Auseinandersetzung mit der Liedthematik „Vertreibe Gedanken, denn auch sie sind nicht frei ...“, an deren Ende auch eine elektronisch verfremdete Chorversion von Die Gedanken sind frei erklingt.
  • 1990 Die Gedanken sind frei ist die offizielle Bundeshymne der Burschenschaft Jenensia zu Jena.
  • 1990 nahm die Sängerin Nena das Lied für ihre Schallplatte Komm lieber Mai … zusammen mit 22 Kinderliedern auf.
  • In dem Film 23 – Nichts ist so wie es scheint aus dem Jahre 1998 wird das Lied von den beiden Hauptdarstellern während einer Zugfahrt angestimmt.
  • 2002 veröffentlicht die Folkpunk-Band Die Schnitter auf dem Album Fegefeuer eine Version des Liedes.
  • Anfang 2005 veröffentlichte die New Yorker Musikgruppe Brazilian Girls auf ihrem gleichnamigen Album eine Version dieses Liedes.
  • Seit dem Jahr 2005 nutzt der deutsche Internetdienstleister GMX in einer Fernsehwerbekampagne eine von einem kleinen Mädchen gesungene Version von Die Gedanken sind frei zur Hinterlegung von szenischen Bildeindrücken.[14]
  • Im August 2006 veröffentlicht Achim Reichel seine Version des Liedes auf dem Tonträger Volxlieder.
  • Auf der CD Volkslieder wurde das Lied in einer neuen Version mit präpariertem Klavier, Klarinette und Megaphon von Bobo In White Wooden Houses neu eingespielt.
  • 2007 veröffentlicht Evelyn Fischer es auf ihrer gleichnamigen CD mit einer Sammlung von im Pop- und Jazzstil überarbeiteten deutschen Volksliedern.
  • Das Quartett Maybebop veröffentlichte das Lied als A cappella-Arrangement auf ihrer CD Superheld Live (2007) sowie auf der Konzert-DVD Ende September (2009).
  • 2009 verwendete die Piratenpartei Deutschland das Lied als einen ihrer Wahlkampfslogans zur Bundestagswahl 2009.
  • Eine Verballhornung des Liedes ist das Trinklied Die Getränke sind frei.
  • 2010 veröffentlichte die südtiroler Deutschrock-Band Frei.Wild ein Lied mit dem Titel Die Gedanken Sind Frei auf ihrem Album Gegengift. Eine Anlehnung an das klassische Volkslied ist eindeutig.
  • Viele Rechtsrock-Bands veröffentlichten ebenfalls Lieder dieses Namens, z. B. Sleipnir, Sturmwehr und Ahnenkult.
  • Am 10. Dezember 2010 sangen Sympathisanten des inhaftierten Schriftstellers Liu Xiaobo das Lied in englischer Sprache vor dem Gebäude, in dem Xiaobo in Abwesenheit der Friedensnobelpreis verliehen wurde.
  • Der Leiter Peter Kopp des Dresdner Kreuzchors strich im Oktober 2013 das Lied kurzfristig aus dem Programm für eine Chinatournee, um einen Eklat zu vermeiden.[15]
  • Die Musikgruppe Welle: Erdball veröffentlichte auf dem 2014 erschienenen Album Tanzmusik für Roboter eine Version mit abgeänderter vierter Strophe.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrich Otto: Die historisch-politischen Lieder und Karikaturen des Vormärz und der Revolution von 1848/1849. Pahl-Rugenstein, 1982, ISBN 3-7609-5100-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Die Gedanken sind frei – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hoffmann von Fallersleben, Ernst Richter: Schlesische Volkslieder mit Melodien. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1842, S. 307 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  2. Cicero: Liberae sunt nostrae cogitationes („Unsere Gedanken sind frei“).
  3. Georg Friedrich Benecke, Wilhelm Müller, Friedrich Zarncke: gedanc, Mittelhochdeutsches Wörterbuch, Leipzig 1854–1866
  4. Walther von der Vogelweide: ob ich mich selben rüemen sol, Lied der „Neuen Hohen Minne“
  5. Hans Breuer (Hrsg.): Der Zupfgeigenhansl. 90. Auflage. Friedrich Hofmeister, Leipzig 1920, S. 118 (Digitalisat).
  6. Fliegendes Blatt in Achim von Arnims Sammlung Sieben sehr schöne Neue Lieder. (Aus den Jahren um 1800). Zitiert nach: Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Band 2. Akademie-Verlag, Berlin-DDR 1962, S. 163 f.
  7. Franz Ludwig Mittler: Deutsche Volkslieder, N. G. Elwert’scher Verlag, Hamburg und Leipzig 1856, Nr. 996 auf S. 660; Zweite, mit einem Quellenverzeichniss vermehrte wohlfeile Ausgabe, Verlag von Karl Theodor Völcker, Frankfurt am Main 1865, Nr. 996 auf S. 660
  8. Grille. II. B. 4. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Band 9. Hirzel, Leipzig 1935, Sp. 322–323 (woerterbuchnetz.de, Universität Trier).
  9. Achim von Arnim, Clemens Brentano (Hrsg.): Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. 3. Band. Mohr und Zimmer, Heidelberg 1808, S. 38–40 (Digitalisat im Deutschen Textarchiv).
  10. Werner Milstein: Mut zum Widerstand: Sophie Scholl – ein Porträt. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2003, ISBN 3-7975-0056-4.
  11. Hermann Vinke: Das kurze Leben der Sophie Scholl. Maier, Ravensburg 1980, ISBN 3-473-35222-5, S. 112
  12. Malte Lehming: McCarthy in Deutschland, Der Tagesspiegel vom 11. Januar 2011, abgerufen am 30. April 2012
  13. Treffpunkt Kino 3/1973, dokumentiert auf www.deanreed.de
  14. Horizont: GHeye & Partner lässt für GMX die Gedanken fliegen
  15. Kreuzchor wehrt sich gegen scharfe Kritik, mdr.de, 5. November 2013