Charlie Hebdo

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Charlie Hebdo
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Beschreibung Satirezeitschrift
Sprache Französisch
Erstausgabe 1970[1]
Erscheinungsweise Wöchentlich mittwochs
Verkaufte Auflage 60.000[2] Exemplare
Chefredakteur Gérard Biard
Herausgeber Laurent Sourisseau
Weblink charliehebdo.fr
ISSN 1240-0068

Charlie Hebdo [ʃaʁli ɛbˈdo] ist eine französische Satirezeitschrift. Sie wurde zunächst von 1970 bis 1981 publiziert und erscheint seit 1992 wieder mit einer regulären, wöchentlichen Druckauflage von rund 60.000 Exemplaren in Paris. Der Name „Charlie“ stammt von der Comicfigur Charlie Brown von den „Peanuts“ und verweist auf die Ursprünge der Zeitschrift im Bereich der Comic-Magazine bzw. Präsident Charles de Gaulle[3], „Hebdo“ ist die im Französischen geläufige Abkürzung für hebdomadaire (dt. Wochenzeitschrift, Wochenblatt).[4]

Charlie Hebdo wird in Übereinstimmung mit ihrem Selbstverständnis[5] dem politisch linken Spektrum zugeordnet.[6] Eine anfänglich linksradikale Orientierung wurde aufgegeben und man bewegte sich bei vielen Themen in die politische Mitte. Der das Profil prägende, scharfe Laizismus[7] und Antiklerikalismus wurde beibehalten.[8]

Bei einem Terroranschlag auf das Redaktionsbüro von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 wurden zwölf Menschen, darunter fünf prominente Karikaturisten aus dem Redaktionsteam der Zeitschrift, einschließlich des Herausgebers,[9] und somit ein Großteil der Redaktion ermordet.[10]

Geschichte[Bearbeiten]

Anfänge[Bearbeiten]

Ehemaliger Sitz von Charlie Hebdo an der Rue Turbigo in Paris

Die Vorgängerzeitschrift von Charlie Hebdo, das Wochenmagazin L’hebdo Hara-Kiri, ging 1969 aus dem seit 1960 monatlich erscheinenden Anarchomagazin Hara-Kiri hervor, das zeitweilig verboten war; einer der Gründer war François Cavanna. 1986 wurde das Monatsmagazin Hara-Kiri aus Mangel an Lesern eingestellt. Nachdem 1970 die parallel zu Hara-Kiri erscheinende, wöchentliche Ausgabe L’hebdo Hara-Kiri verboten wurde, gründeten die ursprünglichen Mitarbeiter von Hara-Kiri das Wochenmagazin Charlie Hebdo, dessen Name an das Monatsmagazin Charlie mensuel angelehnt war.[1][11]

Wegen fehlender Finanzierung wurde die wöchentliche Ausgabe 1981 nach dem Erscheinen der Nummer 580 eingestellt.[12]

Wiederbelebung[Bearbeiten]

1992 wurde die Redaktion von Charlie Hebdo wiederbelebt und die Satirezeitschrift nach Le Canard enchaîné bald die zweitbedeutendste in Frankreich.[13]

1995 initiierte die Zeitung eine „Petition zum Verbot der Front National“, die insgesamt 150.000 Menschen unterschrieben. Im selben Jahr wurden Abtreibungsgegner der katholischen Kirche zur Zielscheibe des ehemaligen Chefredakteurs Philippe Val. Er kündigte an, statt Anti-Schwangerschaftsabbruch-Kommandos, Anti-Gott-Kommandos aufzustellen. Im Anschluss an eine Fernsehsendung, wo er dies äußerte, wurde er verprügelt.[14]

Die Gendarmerie überwacht das Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo infolge der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen (2006)

Charlie Hebdo gehörte 2006 zu den wenigen Zeitschriften, welche die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Jyllands-Posten nachdruckten, erweitert um eigene Karikaturen über Muslime. Das Redaktionsgebäude wurde daraufhin von der Gendarmerie bewacht. Der Dachverband französischer Muslime Conseil français du culte musulman (CFCM) reichte Klage gegen Charlie Hebdo ein. 2007 sprach das zuständige Pariser Gericht die Zeitschrift vom Vorwurf der Beleidigung frei.

Am 1. März 2006 veröffentlichte Charlie Hebdo das Manifest der 12, in dem sich zwölf überwiegend aus dem islamischen Kulturkreis stammende Intellektuelle gegen den Islamismus als neue, weltweite, totalitäre Bedrohung aussprachen. Zu den Unterzeichnern gehörte neben Ayaan Hirsi Ali, Salman Rushdie und neun weiteren Personen auch der damalige Directeur von Redaktion und Verlag Philippe Val.

2008 wurde der Zeichner und Kolumnist Maurice Albert Sinet („Siné“) aus der Redaktion gedrängt, nachdem er gegen Jean Sarkozy und mittelbar auch seine Verlobte Jessica Sebaoun polemisiert hatte. Seine Gegner warfen Siné Antisemitismus vor.[15]

2010 gewann das Blatt auch einen Rechtsstreit gegen die ultrakonservative, katholische Organisation „Allgemeine Allianz gegen Rassismus und für Respekt der französischen und christlichen Identität“ (Agrif). Diese hatte geklagt, weil in einem Artikel zum Papstbesuch in Frankreich 2008 das Jesuswort „Lasset die Kinder zu mir kommen“ in einen pädophilen Kontext gerückt worden sei.[16][17] Die katholische Kirche führte insgesamt bereits 14 Prozesse gegen die Zeitung, die sie alle verlor.[18]

Brandanschlag 2011[Bearbeiten]

Am 2. November 2011 wurde auf die erst im April 2011 neu bezogenen Redaktionsräume des Magazins am Boulevard Davout in Paris ein Brandanschlag verübt. Der Anschlag stand Medienberichten zufolge in Verbindung mit dem Abdruck einer Karikatur Mohammeds auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe.[19][20] Zudem wurde die Internetseite des Satiremagazins gehackt. Statt der Titelseite der damals neuen Ausgabe war dort einige Stunden lang ein Bild der Moschee im saudi-arabischen Pilgerort Mekka während der Haddsch zu sehen, mit der in türkischer und englischer Sprache verfassten Botschaft: „Unter dem Deckmantel der Pressefreiheit greift ihr mit euren gehässigen Karikaturen den großen Propheten des Islam an. Der Fluch Gottes soll euch treffen. Wir werden in der virtuellen Welt euer Fluch sein. Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.“[21] Eine türkische Hackergruppe, die sich „Akıncılar“ (Sturmreiter des Osmanischen Reichs) nennt, sandte ein Bekennerschreiben[22] an die französische Wochenzeitung Nouvel Observateur, gab aber an, mit dem Brandanschlag nichts zu tun zu haben.[23]

Überreste nach dem Brandanschlag 2011
Bei einer spontanen Solidaritätskundgebung am 7. Januar 2015 in Brüssel zeigt ein Demonstrant die von Luz gezeichnete Titelseite nach dem Brandanschlag von 2011.

Der unter seinem Künstlernamen Charb auftretende Chefredakteur Stéphane Charbonnier sprach auch von Droh-Mails vor dem Erscheinungstermin, die die Redaktion erhalten habe. Man hatte aufgrund des Erfolges der Islamisten (Ennahda) bei den ersten freien Wahlen in Tunesien (23. Oktober 2011) ein Sonderheft angekündigt: In Anspielung auf die Scharia wurde es Charia Hebdo genannt, als Gast-Chefredakteur war scherzhaft Mohammed auserkoren und von dem Zeichner Luz als Karikatur auf der Titelseite abgebildet worden mit den Worten: „100 coups de fouet, si vous n’êtes pas morts de rire!“ („100 Peitschenhiebe, wenn Sie sich nicht totlachen!“). Der Chefredakteur betonte, dass niemand das Scharia-Sonderheft vor dem Brandanschlag gelesen haben konnte, da es erst Stunden später in den Handel kam, doch war die Titelseite schon zuvor im Internet sichtbar. Charbonnier bat nach dem Anschlag in einem Video vor den Trümmern um finanzielle Unterstützung.[24] Publizistisch antwortete Charlie Hebdo mit einer auf den Titel der folgenden Ausgabe gesetzten Karikatur des Zeichners Luz, die einen Moslem mit Takke und einen Karikaturisten der Zeitung mit Charlie Hebdo-T-Shirt bei einem Zungenkuss unter der Titelzeile „L’amour plus fort que la haine“ („Die Liebe ist stärker als der Hass“) zeigte.

Bei dem Anschlag wurde niemand verletzt, doch der durch Brand und Löscharbeiten entstandene Schaden war beträchtlich: Büroräume auf zwei Stockwerken, sämtliches Equipment, das Layout- und das Computer-System wurden komplett zerstört, die Website ging offline. Die Zeitung Libération zeigte sich solidarisch, stellte der Redaktion von Charlie Hebdo ihre Räumlichkeiten zur Verfügung und widmete dem Magazin eine Spezialausgabe. Die Hackergruppe „Akincilar“ drohte Libération daraufhin mit weiteren Cyberattacken.[25] Der belgische Internetprovider Host Bluevision wollte die Website wegen der Morddrohungen nicht mehr online stellen.[26] Auch die Facebookseite der Zeitschrift wurde nach zahlreichen Drohungen aus dem radikalislamischen Umfeld mit der Begründung, Charlie Hebdo sei keine Person, vom Netz genommen.[27] Die Redaktion von Charlie Hebdo arbeitete etwa zwei Monate lang unter dem Dach der Libération und zog dann in ein Gebäude in der Rue Serpollet in Paris.

Die französische Öffentlichkeit reagierte mit einer großen Welle der Solidarität. Presseverbände, der Dachverband der französischen Muslime CFCM und Politiker verurteilten den Anschlag. Der Präsident des CFCM, Mohammed Moussaoui, kommentierte die Anschläge: „Wenn es sich um einen kriminellen Anschlag handelt, verurteilen wir diesen entschieden“, und stellte weiter fest, dass die Tatsache, den Propheten zu karikieren, eine Beleidigung für die Muslime darstelle. Die Karikaturen von Charlie Hebdo hätten für ihn aber keine vergleichbare Bedeutung mit den Karikaturen von 2006.[28] Der Premierminister François Fillon verurteilte in einem Kommuniqué noch am selben Tag „den Angriff auf die Meinungsfreiheit“.

Mohammed-Karikaturen 2012 und 2013[Bearbeiten]

Am 19. September 2012 veröffentlichte Charlie Hebdo neue Mohammed-Karikaturen. Die Karikaturen erschienen zu einem Zeitpunkt, als die Stimmung in muslimischen Ländern aufgeheizt war. Im Internet kursierende Ausschnitte aus dem islamfeindlichen Film Innocence of Muslims hatten in den Tagen zuvor wütende und blutige Proteste in den islamischen Ländern Libyen, Tunesien, Sudan und dem Jemen sowie auch in Frankreich ausgelöst, begleitet von einem bewaffneten Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi (Libyen) am 11. September 2012. Bei den Protesten und dem Angriff wurden mindestens 15 Menschen getötet, darunter der US-Botschafter in Libyen, J. Christopher Stevens, und drei weitere Mitarbeiter der Botschaft.

Das Magazin verteidigte die Veröffentlichung der Karikaturen am Tag zuvor und verwies auf die Rede- und Pressefreiheit. Der Chefredakteur Stéphane Charbonnier sagte, sie seien nicht provozierender als gewöhnlich, und betonte, dass in einer Demokratie auch Satire über Religionen möglich sein müsse. Der Radiosender France Inter zitierte Charbonnier: „Wir veröffentlichen Karikaturen über jeden und alles jede Woche. Wenn es aber um den Propheten geht, wird es Provokation genannt. Erst darf man nicht Mohammed zeichnen, dann nicht mehr einen radikalen Muslim, und jedes Mal wird es heißen: Das ist eine Provokation für einen Muslim. Ist die Pressefreiheit eine Provokation? Ich rufe strenggläubige Muslime ebenso wenig auf, ‚Charlie Hebdo‘ zu lesen, wie ich in eine Moschee gehe, um einen Diskurs anzuhören, der meinen Überzeugungen widerspricht. Wir halten uns an die Gesetze der Republik und des Rechtsstaats.“[29][30] Die Zeichnungen würden nur diejenigen schockieren, die schockiert sein wollen.

Die Polizei ergriff Maßnahmen zum Schutz der Redaktionsräume. Wegen befürchteter terroristischer Ausschreitungen durch islamistische Radikale beschloss die französische Regierung, etwa 20 französische Einrichtungen (Konsulate, Kulturcenter, internationale Schulen und einige Botschaften) zu schließen.[31] Die französische Regierung kritisierte Charlie Hebdo für den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Karikaturen. Die Opposition forderte jedoch mehrheitlich, sich nicht von Drohungen einschüchtern zu lassen und erpressbar zu machen. So verlangte z. B. der ehemalige französische Premierminister François Fillon, man dürfe in diesem Feld nicht nachgeben.[30]

In Deutschland forderten zugleich Vertreter der CSU, darunter Johannes Singhammer und Horst Seehofer, die Verschärfung des § 166 StGB;[32] die Forderung wurde vom Bamberger Erzbischof Ludwig Schick unterstützt, von muslimischen Verbänden, der evangelischen Kirche und Bundeskanzlerin Angela Merkel hingegen abgelehnt.[32][33][34]

Am 2. Januar 2013 veröffentlichte Charlie Hebdo eine Comic-Biographie von Mohammed (La Vie De Mahomet).[35] Die iranische Regierung protestierte dagegen und nannte die Veröffentlichung im Voraus eine „religiöse Beleidigung“[36] beziehungsweise nach dem Erscheinen „Teil einer zionistischen Islamophobie-Kampagne“.[37] Anfang März 2013 wurde Charbonnier als eine von zehn Persönlichkeiten „tot oder lebendig wegen Verbrechen gegen den Islam“ in dem dem Al-Qaida-Zweig AQAP zugeschriebenen Magazin Inspire „zur Fahndung“ ausgeschrieben unter den Slogans „Eine Kugel am Tag schützt vor Ungläubigen“ und „Verteidigt den Propheten Mohammed, Friede sei mit ihm“.[38]

Anschlag 2015[Bearbeiten]

Hauptartikel: Anschlag auf Charlie Hebdo
Stunden nach dem Anschlag

Am 7. Januar 2015 wurde ein Anschlag auf die Mitarbeiter im Redaktionsbüro von Charlie Hebdo in der Rue Nicolas-Appert, mitten im Zentrum von Paris verübt, bei dem zwei maskierte bewaffnete Männer, in die Redaktionsräume eindrangen und mit Sturmgewehren zwölf Menschen erschossen; darunter den Herausgeber und Zeichner Stéphane Charbonnier („Charb“), die Zeichner Jean Cabut („Cabu“), Bernard Verlhac („Tignous“), Philippe Honoré und Georges Wolinski, den Journalisten und Mitinhaber des Blattes Bernard Maris („Oncle Bernard“), die Kolumnistin Elsa Cayat, den Lektor Mustapha Ourrad sowie zwei Polizisten.[39] Mindestens 20 weitere Personen wurden verletzt, einige davon schwer.[40] Während der Tat riefen die Täter Parolen wie Allahu akbar („Gott ist am größten“) und On a vengé le prophète! („Wir haben den Propheten gerächt“).[41][42][6] Die beiden Täter wurden noch während ihrer drei Tage andauernden Flucht als die Brüder Chérif und Saïd Kouachi identifiziert. Am 9. Januar 2015 verschanzten sie sich schließlich in Dammartin-en-Goële nordöstlich von Paris in einer Druckerei.

Ein weiterer Täter, Amedy Coulibaly, ein polizeibekannter Kleinkrimineller und Dschihadist, erschoss am 8. Januar eine Polizistin und verletzte einen Straßenreiniger schwer. Am 9. Januar überfiel er dann gezielt „wegen der Juden“ einen jüdischen Supermarkt im Osten von Paris und nahm dort mehrere Geiseln, von denen er vier während der Geiselnahme erschoss.[43][44] Er forderte freien Abzug für die Kouachi-Brüder.[45] Coulibaly bestätigte einem Fernsehsender gegenüber, dass er sich mit den Kouachi-Brüdern „für den Anfang dieser Operationen abgesprochen“ hätte und er für den Islamischen Staat (IS) kämpfe.[46][43] Bei der koordinierten Erstürmung der beiden Schauplätze am frühen Abend durch die Polizei wurden alle drei Attentäter getötet.[44]

Weltweit gingen Menschen spontan auf die Straße, viele trugen Plakate mit der Solidaritäts­bekundung Je suis Charlie („Ich bin Charlie“)

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Nach dem Anschlag kam es noch am selben Abend und an den darauf folgenden Tagen in zahlreichen französischen und anderen europäischen Städten zu spontanen Solidaritätskundgebungen. Allein in Paris demonstrierten am Abend des 7. Januar etwa 35.000 Menschen; viele zeigten Kerzen oder Stifte und Plakate mit der Aufschrift Je suis Charlie („Ich bin Charlie“). Dieser Ausspruch war zuvor von Redaktionsmitgliedern auf der Internetseite von Charlie Hebdo in mehreren Sprachen veröffentlicht worden.[47] Auch am 9. Januar versammelten sich Menschen zu Solidaritätskundgebungen; diesmal etwa 700.000 in ganz Frankreich.[48] Am 11. Januar beteiligten sich im Land schließlich mindestens 3,7 Millionen Menschen an Trauermärschen, davon etwa 1,2 bis 1,6 Millionen am zentralen Trauermarsch in Paris. Ebenfalls anwesend waren die französische Regierung und etwa 50 Staats- und Regierungschefs.[49]

Das vom Zeichner Luz angefertigte Titelblatt der ersten Ausgabe nach dem Anschlag vom 7. Januar 2015 an einem Zeitungsstand in Paris.

Die überlebenden Redakteure der Zeitschrift kündigten für den 14. Januar 2015 eine reguläre Ausgabe mit dem Titel Le Journal des Survivants („Das Journal der Überlebenden“) an und erklärten, der Zeichenstift werde immer der Barbarei überlegen sein.[50] Die Arbeit begann zwei Tage nach dem Anschlag auf das Bürogebäude in den Räumen der linksliberalen Tageszeitung Libération unter der Leitung des Chefredakteurs Gérard Biard.[51] Am 13. Januar wurde die Ausgabe, die auch Beiträge der getöteten Zeichner und Journalisten enthielt, der Öffentlichkeit vorgestellt. Tags darauf kam sie mit einer geplanten Auflage von drei Millionen Exemplaren in den Handel, die Erstauslieferung von einer Million war innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Daraufhin wurde die Auflage auf zunächst fünf,[52] später sieben[53] Millionen Exemplare erhöht und zudem auf der Webseite als App angeboten.[54] Damit ist sie die historisch meistgedruckte Ausgabe einer Zeitung in Frankreich.[55] Das Titelbild zeigt die Karikatur eines weinenden Mohammed, der unter der Überschrift Tout est pardonné („Alles ist vergeben“) ein Schild mit der Aufschrift Je suis Charlie in den Händen hält.[56]

Am 19. Januar wurde bekanntgegeben, dass der Zeichner Laurent Sourisseau („Riss“), der das Attentat verletzt überlebte, die Leitung des Magazins zusammen mit Chefredakteur Gérard Biard übernimmt.[57]

Rezeption[Bearbeiten]

Die Satirezeitschrift wird seit Anbeginn von verschiedenen Seiten, vor allem von Religionsvertretern, kritisiert. Insbesondere im Zusammenhang mit den veröffentlichten Mohammed-Karikaturen und den Anschlägen kam es neben den vielen Solidarisierungsbekundungen auch zu teils scharfer Kritik und Protesten in einigen muslimischen Ländern.[58]

Der Mitgründer Henri Roussel (Pseudonym „Delfeil de Ton“) erklärte nach dem Attentat 2015, der getötete Chefredakteur Stéphane Charbonnier („Charb“) habe das Team „in den Tod getrieben“. Er frage sich, „was ihn dazu gebracht [hat], zu denken, das Team dazu bringen zu müssen, es zu übertreiben?“ Zuvor schon hatte er „Charb“ vorgeworfen, die Zeitung „in ein zionistisches und islamfeindliches Organ zu verwandeln.“[59]

Der Präsident des umstrittenen[60] Islamischen Zentralrats der Schweiz, Nicolas Blancho, warf der Zeitung vor, mit der ersten Ausgabe nach den Anschlägen weiter „Öl ins Feuer zu gießen“ und „geistige Brandstiftung“ zu betreiben, die „ebenso gefährlich wie Extremismus“ sei.[61] Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu empfand die Mohammed-Karikatur der Titelseite der ersten Ausgabe nach den Anschlägen als eine „schwere Provokation“ und stufte sie als „Beleidigung des Propheten“ ein.[62] Papst Franziskus äußerte anlässlich eines Besuchs auf den Philippinen, man dürfe sich nicht über den Glauben der anderen lustig machen.[63]

In einem Kommentar in der taz wandte sich Deniz Yücel hingegen vehement sowohl gegen die Vereinnahmung der dezidiert linksliberalen Zeitung und der Ermordeten von rechten Islamfeinden, als auch gegen die wieder aufflammende und schon in den Vorjahren regelmäßig vorgetragene Kritik an Charlie Hebdo, religiöse Gefühle zu verletzen, zu „provozieren“ und somit letztlich eine Mitschuld zu tragen. Ebenfalls kritisierte er die Haltung, „die Morde von Paris hätten nichts mit dem Islam zu tun“, da es „den Islam“ nicht gebe. Er erinnerte daran, dass Charlie Hebdo stets alle Seiten verspottet habe.[64]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Charlie Hebdo – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b McNab 2006, S. 26: "Georges Bernier, the real name of 'Professor Choron', [... was] cofounder and director of the satirical magazine Hara Kiri, whose title was changed (to circumvent a ban, it seems!) to Charlie Hebdo in 1970."
  2. Nach Anschlag: „Charlie Hebdo“ erscheint in Auflage von einer Million. In: Spiegel Online. 8. Januar 2015, abgerufen am 9. Januar 2014.
  3. Cavanna et "les cons", Le Monde, 14. Februar 2014
  4. Übersetzung von hebdomadaire auf leo.org
  5. »Wir sind keine Provokateure«, Jungle World (45/2011), 10. November 2011.
  6. a b Anschlag auf die Freiheit. In: FAZ.net. 7. Januar 2015, abgerufen am 7. Januar 2015.
  7. Das Manifest der Zwölf, FAZ, 7. Januar 2015
  8. Frankreich: Ein Blatt für jede Gruppe, Jungle World (11/2013), 14. März 2013.
  9. Moritz Piehler: Getötete „Charlie Hebdo“-Karikaturisten: Vier spitze Federn. In: Spiegel Online. 8. Januar 2015, abgerufen am 9. Januar 2014.
  10. Sascha Lehnartz: Die Reaktion auf das Attentat ist zukunftsentscheidend. Die Welt, 7. Januar 2015, abgerufen am 9. Januar 2015 (Kommentar aus der Welt).
  11. Cavanna et "les cons", Le Monde, 14. Februar 2014
  12. Porträt der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo": Im Clinch mit religiösen Eiferern, Tagesschau.de, 7. Januar 2015
  13. Jane Weston: Charlie Hebdo and Joyful Resistance, S. 209
  14. Was linke Franzosen lesen, jungle-world.com, 7. Juli 2004.
  15. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatDorothea Hahn: Ein unbeirrter Provokateur. In: taz.de. 21. August 2008, abgerufen am 15. Januar 2015.
  16. Anschlag auf französisches Satire-Magazin. Blick, abgerufen am 2. November 2011.
  17. Anschlag auf französisches Satiremagazin. In: dw-world.de. 31. Dezember 2014, abgerufen am 7. Januar 2015.
  18. Porträt der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo": Im Clinch mit religiösen Eiferern, Tagesschau.de, 7. Januar 2015
  19. Anschlag auf französisches Satire-Magazin. Spiegel Online, abgerufen am 2. November 2011.
  20. Brandanschlag auf Satireblatt nach Scharia-Sonderheft. In: welt.de. 2. November 2011, abgerufen am 7. Januar 2015.
  21. Le siège de Charlie Hebdo incendié, son site internet piraté. (Mit der Abbildung der gehackten Site)
  22. AKINCILAR Charlie Hebdo Attack Explanation. Abgerufen am 18. September 2012.
  23. Qui sont les hackers de «Charlie Hebdo»? In: Nouvel Observateur, 3. November 2011.
  24. Aufrecht, furchtlos, radikal
  25. Rudolf Balmer: Islamkritische Karikaturen: Die Hacker des Propheten. In: taz.de. 10. November 2011, abgerufen am 7. Januar 2015.
  26. Morddrohungen von Islamisten: Satire-Zeitung darf nicht mehr online gehen. In: Spiegel Online. 3. November 2011, abgerufen am 7. Januar 2015.
  27. Charlie Hebdo: le compte Facebook bloqué, l’hebdo réimprimé. In: Ouest-France, 4. November 2011.
  28. Rudolf Balmer: Islamkritische Satirezeitung: Brandsatz gegen „Charlie“. In: taz.de. 7. November 2011, abgerufen am 7. Januar 2015.
  29. „Charlie Hebdo“: Pariser Satire-Zeitung zeigt neue Mohammed-Karikaturen. In: Spiegel Online. 19. September 2012, abgerufen am 7. Januar 2015.
  30. a b Stefan Simons: Mohammed-Bilder in Satire-Magazin: Frankreich will nach Karikaturen-Abdruck 20 Botschaften schließen. In: Spiegel Online. 19. September 2012, abgerufen am 7. Januar 2015.
  31. Henry Samuel: France to close schools and embassies fearing Mohammed cartoon reaction. In: The Telegraph, 19. September 2012. Abgerufen am 20. September 2012. 
  32. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatDeutsche Muslime halten Satire aus. In: taz.de. 21. September 2012, abgerufen am 15. Januar 2015.
  33. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Formatmlr/AFP/DPA/Reuters: Kein Blasphemie-Verbot: Merkel will Gotteslästerung nicht unter Strafe stellen. In: stern.de. 20. September 2012, abgerufen am 15. Januar 2015.
  34. Proteste gegen Mohammed-Video: Seehofer will Blasphemie härter bestrafen. In: Spiegel Online. 20. September 2012, abgerufen am 15. Januar 2015.
  35. Huffington Post Uk: French Weekly Publishes 'Halal' Cartoon Life Of Prophet Muhammad. In: huffingtonpost.co.uk. 2. Januar 2013, abgerufen am 15. Januar 2015 (englisch).
  36. Charlie Hebdo – Mohammed wird zum Comic-Helden. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 2. Januar 2013, abgerufen am 9. Januar 2015.
  37. Iran condemns Islamophobic cartoons. In: presstv.ir. 8. Januar 2013, abgerufen am 7. Januar 2015.
  38. Dashiell Bennett: Look Who's on Al Qaeda's Most-Wanted List. In: thewire.com. 1. März 2013, abgerufen am 8. Januar 2015 (englisch).
  39. Tathergang in Paris - Ein schnell und kaltblütig ausgeführter Massenmord. welt.de, abgerufen am 9. Januar 2015.
  40. Par Luc Le Vaillant: En direct – «Charlie Hebdo»: «La France touchée dans son cœur», pour Valls. In: liberation.fr. 7. Januar 2015, abgerufen am 7. Januar 2015.
  41. Anschlag auf „Charlie Hebdo“: Frankreich jagt die Attentäter. Spiegel Online, abgerufen am 7. Januar 2015.
  42. Satirezeitung in Paris angegriffen. tagesschau.de, abgerufen am 7. Januar 2015.
  43. a b Interview mit Amedy Coulibaly in deutscher Übersetzung (online)
  44. a b Geiselnahme in Paris: Wenig Aufmerksamkeit für die jüdischen Opfer. In: Spiegel Online. 10. Januar 2015, abgerufen am 11. Januar 2015.
  45. Weiteres Geiseldrama bei Paris: Terrorist Coulibaly fordert freien Abzug für Kouachi-Brüder - sonst will er Geiseln töten. In: express.de. 9. Januar 2015, abgerufen am 9. Januar 2015 (englisch).
  46. Terror in Frankreich: IS-Video von Coulibaly online. In: sueddeutsche.de. 11. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
  47. Je suis Charlie. Charlie Hebdo, 7. Januar 2015, abgerufen am 7. Januar 2015 (verschiedene).
  48. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatHunderttausende gedachten in Frankreich der Terroropfer. In: derstandard.at. 10. Jänner 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
  49. AFP/dpa: Millionen Franzosen marschieren gegen den Terror. In: FAZ.net. 11. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
  50. Auf Französisch: Le crayon sera toujours au dessus de la barbarie, wobei das Wort barbarie („Barbarei“) rot gesetzt war; auf der Startseite von Charlie Hebdo, abgerufen am 8. Januar 2015.
  51. Rp Online: Charlie Hebdo: Nächste Ausgabe erscheint mit einer Million Exemplaren. In: rp-online.de. 9. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
  52. Von: Ansturm auf „Charlie Hebdo“-Hefte setzt sich fort. In: kurier.at. 15. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
  53. Von: Nach wenigen Minuten ausverkauft. In: tagesschau.de. 17. Januar 2015, abgerufen am 17. Januar 2015.
  54. charliehebdo.fr, abgerufen am 17. Januar 2015.
  55. Von Trauer gezeichnet, FAZ, 13. Januar 2015.
  56. sreu./AFP: Von Trauer gezeichnet. In: FAZ.net. 13. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
  57. Le dessinateur Riss devrait succéder à Charb à la tête de «Charlie Hebdo», liberation.fr, 19. Januar 2015.
  58. Erneut Tote bei Protesten in Niger, tagesschau.de, 17. Januar 2015.
  59. Text erschienen im Magazin Nouvel Obs, zitiert von Telegraph und Spiegel, hier zitiert nach Focus: Schwere Vorwürfe: „Charlie Hebdo“-Mitgründer: Chefredakteur trieb Team in den Tod, FOCUS Online, 15. Januar 2015
  60. Zwietracht unter den Muslimen, NZZ, 18. April 2010.
  61. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatJulian Rohrer: Kritik an der neuen Ausgabe: Schweizer Islamrat: „Charlie Hebdo“ ist vulgär, provokant und ein Brandstifter. In: Focus Online. 14. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
  62. „Charlie Hebdo“ – Davutoglu kritisiert Mohammed-Karikatur auf Titelseite, FAZ, 15. Januar 2015.
  63. Papst Franziskus: „Man darf sich nicht über den Glauben der anderen lustig machen“, süddeutsche.de, 16. Januar 2015, abgerufen am 17. Januar 2015.
  64. Jede Menge falsche Freunde, taz.de, 8. Januar 2015.