E. V. Ramasami

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E. V. Ramasami

E. V. Ramasami (Erode Venkata Ramasami Naicker; auch Ramasamy, Ramaswamy; Tamil ஈ. வெ. ராமசாமி Ī. Ve. Rāmacāmi [ˈraːməsaːmi]; * 17. September 1879 in Erode; † 24. Dezember 1973 in Vellore), genannt Periyar (பெரியார் Periyār [ˈpeɾijaːr] ‚der Große‘) war ein Politiker und Aktivist aus dem indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Er war einer der Vordenker der Dravidischen Bewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Tamil Nadu entstand und eine eigenständige Identität der Tamilen als „Draviden“ im Gegensatz zu den „Ariern“ Nordindiens postulierte.

Ramasami vertrat eine radikale sozialreformerische und nationalistische Ideologie: Er widersetzte sich dem Einfluss der Brahmanen und forderte eine generelle Abschaffung des Kastensystems. Ebenso forderte er die Abschaffung des Hinduismus und lehnte darüber hinaus die Religion als solche ab. Ausgehend vom Gegensatz einer „dravidischen“ und „arischen“ Kultur lehnte er alle „arischen“ Einflüsse ab und forderte für die „Draviden“ Südindiens einen unabhängigen Staat Dravida Nadu.

Nach ersten politischen Aktivitäten in der Kongresspartei gründete Ramasami 1925 die Selbstachtungsbewegung (Self-Respect Movement), aus der 1944 die Organisation Dravidar Kazhagam (DK) hervorging. Ramasami nahm mit seinen Organisationen nicht an Wahlen teil, sondern konzentrierte sich auf politische Agitation und propagandistische Aktivitäten. Aus der DK ging aber 1949 die Partei Dravida Munnetra Kazhagam (DMK) hervor, welche die Dravidische Bewegung später in Tamil Nadu an die Macht brachte und heute zusammen mit der DMK-Abspaltung AIADMK die Politik Tamil Nadus prägt.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft und frühe Jahre (1879–1920)[Bearbeiten]

Porträt E. V. Ramasamis in jungen Jahren

Ramasami wurde am 17. September 1879 in Erode, einer Stadt im Norden des heutigen indischen Bundesstaates Tamil Nadu, als Sohn von Venkata Naicker und Chinna Thayammal alias Muthammal geboren. Sein Vater war ein reicher Händler und orthodoxer vishnuitischer Hindu. Die Familie war kanaresischer Abstammung und gehörte zu den Balija Naidu, einer gesellschaftlich bessergestellten Shudra-Kaste.[1] Den Namenszusatz Naicker, der auf die Zugehörigkeit zu dieser Kaste hinwies, legte Ramasami später als Zeichen seiner Ablehnung des Kastenwesens ab. Allgemein ist Ramasami unter dem Namen Periyar („der Große“) bekannt, ein Ehrenname, den er 1938 verliehen bekam.[2]

Der junge Ramasami genoss nur eine einfache Schulbildung. Schon im Alter von zehn Jahren nahm ihn sein Vater von der Schule, weil er dort mit Jungen aus niederen Kasten Umgang pflegte.[3] Fortan beteiligte sich Ramasami an den Geschäften seines Vaters. Gemäß dem traditionellen hinduistischen Brauch heiratete Ramasami jung: 1898 ehelichte er die damals 13-jährige Nagammal. Im Jahr 1900 wurde dem Ehepaar eine Tochter geboren, die aber im Alter von fünf Monaten starb. Es sollte Ramasamis einziges Kind bleiben.

Im Alter von 25 Jahren wurde Ramasami, der als Händler mittlerweile ein beträchtliches Vermögen angehäuft hatte, zum Sadhu (wandernden Asketen). Während seiner Pilgerreisen besuchte er unter anderem die heilige Stadt Varanasi (Benares). Dort machte er negative Erfahrungen mit der brahmanischen Priesterschaft, die in seinen Augen die Massen ausbeutete, und so kehrte er von der Hindureligion entfremdet nach Erode zurück. Bald zeigten sich erste Zeichen einer Ablehnung hinduistischer Traditionen, etwa als er seine jung verwitwete Nichte zur Wiederheirat ermutigte. Gleichwohl arrangierte sich Ramasami mit dem Hindu-Establishment und war unter anderem Vorsitzender eines örtlichen Tempelverwaltungskomitees.[4]

Erste politische Aktivitäten in der Kongresspartei (1920–1925)[Bearbeiten]

E. V. Ramasami in den Anfangsjahren der Selbstachtungsbewegung

Nach ersten lokalpolitischen Aktivitäten in seiner Heimatstadt Erode schloss sich Ramasami 1920 dem Indischen Nationalkongress an, der zu jener Zeit unter der Leitung Mahatma Gandhis für die Unabhängigkeit Indiens eintrat. Als linientreuer Kongressanhänger trug er demonstrativ Khadi-Kleidung, propagierte die Prohibition und trat für die Rechte von Niedrigkastigen ein. 1924 wurde Ramasami bekannt, als er sich bei einer von Gandhi initiierten Satyagraha-Aktion (ziviler Ungehorsam) zugunsten von Unberührbaren in Vaikom, einer Kleinstadt im heutigen Bundesstaat Kerala, beteiligte und für mehrere Monate inhaftiert wurde. Sein Eintreten brachte ihm den Beinamen „Held von Vaikom“ ein.[5]

Während seiner Zeit im Indischen Nationalkongress wurde Ramasami in seiner Ablehnung des Kastenwesens und des brahmanischen Hinduismus zunehmend radikaler. 1922 verbrannte er öffentlich das Epos Ramayana und den Rechtstext Manusmriti, zwei Werke der altindischen Literatur, die aus seiner Sicht das Kastenwesen förderten. Als Ramasami Quoten für Nichtbrahmanen forderte und gegen die separate Speisung von brahmanischen und nichtbrahmanischen Schülern in einer vom Kongress unterhaltenen Schule protestierte, überwarf er sich mit der von Brahmanen dominierten Kongresspartei und verließ diese schließlich 1925.[6]

Selbstachtungsbewegung und Justice Party (1925–1944)[Bearbeiten]

Nach seinem Austritt aus der Kongresspartei gründete Ramasami 1925 die Selbstachtungsbewegung (Self-Respect Movement / Suyamariathai Iyakkam). Es handelte sich dabei um eine sozialreformerische Bewegung mit dem erklärten Ziel, Nichtbrahmanen ein Gefühl von „Selbstachtung“ auf Grundlage ihrer dravidischen Identität zu verschaffen und gegen die postulierte gesellschaftliche Übermacht der Brahmanen anzukämpfen. Die Selbstachtungsbewegung war nicht in das parteipolitische Geschäft eingebunden, sondern agierte mit öffentlichen Kampagnen und propagandistischen Aktivitäten.[7] Als Sprachrohr dienten Ramasami dabei die Zeitschrift Kudi Arasu („Volksherrschaft“), die er bereits 1924 gegründet hatte, sowie ab 1935 die Zeitschrift Viduthalai („Befreiung“).[8]

E. V. Ramasami mit Muhammad Ali Jinnah und B. R. Amdedkar (1940)

Gleichzeitig mit der Gründung der Selbstachtungsbewegung wandte sich Ramasami der Justice Party zu, in der er bald eine führende Rolle spielte. Die Justice Party war 1917 mit einem dezidiert anti-brahmanischen Programm gegründet worden und stellte von 1920 bis 1926 sowie erneut von 1930 bis 1937 die Regierung des Bundesstaats Madras.[9] 1938 wurde Ramasami zum Parteivorsitzenden der Justice Party gewählt.[10]

1931 brach Ramasami zu einer elfmonatigen Reise auf, in deren Verlauf er mehrere europäische Länder besuchte. In der Sowjetunion kam er in Kontakt mit sozialistischem Gedankengut, das er in der Folgezeit in seine Schriften einfließen ließ.[11] 1937 beteiligte sich Ramasami an den Anti-Hindi-Protesten, die auf die Entscheidung der Kongress-Regierung von Madras folgten, die nordindische Sprache Hindi zu einem Pflichtfach in den Schulen des Bundesstaates zu machen. In der Folge formulierte Ramasami 1938 erstmals die Forderung nach einem unabhängigen Dravidenstaat.[12]

Gründung der DK und Abspaltung der DMK (1944–1949)[Bearbeiten]

C. N. Annadurai und E. V. Ramasami

1944 vereinigten sich die Selbstachtungsbewegung und die Justice Party unter der Führung Ramasamis zur Organisation Dravidar Kazhagam (DK). Die DK war eher eine politische Bewegung als eine Partei und nahm nie an Wahlen teil. Ihre Mitglieder trugen als Erkennungszeichen schwarze Hemden, als Symbol übernahm die DK eine schwarze Flagge mit einem roten Kreis in der Mitte.[13]

Nachdem seine erste Frau Nagammal bereits 1933 verstorben war, heiratete Ramasami 1949 seine Sekretärin Maniammai und erklärte sie zu seiner Nachfolgerin. Die Hochzeit zwischen dem 72-jährigen Ramasami und der rund dreißigjährigen Maniammai stieß auf Ablehnung, da Kritiker durch den großen Altersunterschied das von Ramasami stets befürwortete Prinzip der Gleichheit in der Ehe verletzt sahen.[14]

Ebenfalls 1949 spaltete sich unter der Führung C. N. Annadurais die Partei Dravida Munnetra Kazhagam (DMK) von der DK ab. Hintergrund für die Spaltung waren Auseinandersetzungen zwischen Ramasami und Annadurai, der inzwischen zum zweiten Mann in der DK aufgestiegen war, über Ramasamis autoritären Führungsstil und die Ausrichtung der Partei. Annadurai teilte die anti-brahmanischen und separatistischen Einstellungen Ramasamis, trat aber für einen weniger radikalen Ansatz und die Teilnahme an Wahlen ein. Öffentlich begründete er sein Überwürfnis mit Ramasami indes damit, dieser habe durch die Heirat mit Maniammai seine Ideale verraten.[15] Unter Annadurais Führung entwickelte sich die DMK zu einer effektiv organisierten Partei, die 1957 erstmals ins Parlament einzog und 1967 in Tamil Nadu an die Macht kommen sollte.

Politische Aktivitäten in den späten Lebensjahren (1949–1973)[Bearbeiten]

M. G. Ramachandran erweist Ramasami bei dessen Bestattung die letzte Ehre.

Nach der Spaltung überließ Ramasami der DMK das parteipolitische Feld und konzentrierte sich mit der DK weiter auf propagandistische Aktivitäten.[16] Dabei war er nicht auf eine einzelne politische Partei festgelegt: Ramasami unterstützte wechselweise K. Kamaraj von der Kongresspartei, die vom ehemaligen Kongresspolitiker C. Rajagopalachari neugegründete Swatantra-Partei, Annadurais DMK sowie zuletzt die Partei ADMK des Schauspielers und Politikers M. G. Ramachandran.[17] E. V. Ramasami war bis ins hohe Alter politisch aktiv. Dies geschah nicht durch politische Ämter, obwohl ihm mehrmals Ministerposten angeboten worden sein sollen, sondern durch politische Agitation und Propaganda. Ramasami hielt zahllose Reden, veranstaltete öffentliche Aktionen und Kampagnen und veröffentlichte Pamphlete, um seine Ansichten zu verbreiten.[18] Dabei schreckte er auch vor ikonoklastischen Aktionen wie der Verbrennung von Götterbildern oder der indischen Verfassung nicht zurück.[19] Durch seine bisweilen radikalen Aktionen kam Ramasami wiederholt in Konflikt mit der Obrigkeit: Insgesamt verbüßte er mindestens zehn Haftstrafen.[20]

Ramasami verstarb am 24. Dezember 1973 im Alter von 94 Jahren im christlichen Krankenhaus von Vellore. Am nächsten Tag wurde er in Madras (Chennai) beigesetzt.[21] Nach Ramasamis Tod übernahm seine Frau Maniammai die Führung der DK.

Ideologie[Bearbeiten]

Ramasamis Ideologie beruht auf drei Säulen: Ablehnung des Kastenwesens, Kritik am Hinduismus und dravidischer respektive tamilischer Nationalismus. Das Kernstück von Ramasamis Ideologie ist die Ablehnung der Kaste der Brahmanen, also der Anti-Brahmanismus. Praktisch alle Standpunkte, die Ramasami vertrat, lassen sich auf seinen Anti-Brahmanismus zurückführen und bleiben stets eng mit diesem verknüpft.

Anti-Brahmanismus und Ablehnung des Kastenwesens[Bearbeiten]

Für Ramasami bilden die Brahmanen, die nach dem normativen Varna-Modell die höchste Stellung im Kastensystem haben, eine gesellschaftlich dominierende Gruppe, die das von ihnen geschaffene Kastenwesen benutzt, um die große Masse der Nichtbrahmanen auszubeuten. Diese Dominanz sei zu brechen, das Kastenwesen als Werkzeug der brahmanischen Unterdrückung zu zerschlagen.[22] Ramasamis anti-brahmanische Einstellung kulminiert in dem überlieferten Ausspruch „Wenn du die Wahl hast, einen Brahmanen oder eine Schlange zu töten, verschone die Schlange“.[23]

Ramasami mag in seinen Einstellungen, mindestens aber seiner Rhetorik besonders radikal gewesen sein, die Ablehnung der postulierten Vormachtstellung der Brahmanen war aber nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Frühzeit der Dravidischen Bewegung von zentraler Bedeutung: Der Konflikt zwischen Nichtbrahmanen und Brahmanen war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der dominierende Faktor in der Politik des Bundesstaates Madras.[24] Hintergrund war der gesellschaftliche Wandel während der britischen Kolonialzeit: Die Brahmanen, die nur drei Prozent der Bevölkerung des damaligen Bundesstaates ausmachten, nutzten die Möglichkeiten, die ihnen das britische Bildungswesen bot, und konnten so eine dominierende Stellung in Verwaltung und Politik erreichen. Gleichzeitig untergrub die Urbanisierung die Stellung der bis dahin gesellschaftlich einflussreichen landbesitzenden Kasten, die nach dem Varna-Modell zum niedrigsten Stand der Shudras gehören. Unter diesen entwickelten sich durch die Unzufriedenheit mit der Vormachtstellung der Brahmanen der Anti-Brahmanismus und das Konzept einer „nichtbrahmanischen“ Identität.[25]

Für Ramasami führte der Anti-Brahmanisms zur radikalen Forderung nach einer generellen Abschaffung des Kastenwesens und der Unberührbarkeit. In seiner Agitation gegen das Kastenwesen kristallisieren sich dabei drei Forderungen heraus: Die Einführung von Quoten für Nichtbrahmanen, das Recht für Unberührbare zum Tempelbesuch und die Zulassung von Unberührbaren als Tempelpriester.[26]

Dravidischer Nationalismus und Separatismus[Bearbeiten]

Ramasami vertrat einen dravidischen Nationalismus, der von dem Gegensatz zwischen einer „dravidischen“ oder tamilischen und „arischen“ Kultur ausgeht. Die Begriffe „arisch“ und „dravidisch“ waren geprägt worden, nachdem im späten 18. bzw. frühen 19. Jahrhundert die Existenz der indogermanischen und der dravidischen Sprachfamilie entdeckt worden war (zu ersterer gehören die meisten Sprachen Europas ebenso wie die Nordindiens, zur letzteren Tamil und die übrigen Sprachen Südindiens). Aus diesen Erkenntnissen der vergleichenden Sprachwissenschaft wurde geschlossen, indogermanische Stämme, die sich als „Arier“ bezeichneten, seien von außen nach Indien eingewandert und hätten die einheimischen „Draviden“ unterjocht. Rassisch umgedeutet führten diese Theoriebildungen in Europa letztlich zur Arier-Ideologie der Nationalsozialisten. Aber auch in Indien wurden die Konstrukte „Arier“ und „Draviden“ in identitätsstiftende Diskurse übernommen. So übernahmen die Vertreter der Dravidischen Bewegung wie Ramasami eine „dravidische“ Identität. Die „dravidische“ Kultur wurde gegenüber der „arischen“ als eigenständig, die „Draviden“ mit Verweis auf die arische Einwanderungstheorie als Urbevölkerung Indiens und die „Arier“ als von außen gekommene Fremdlinge angesehen.[27]

Titelseite von E. V. Ramasamis Zeitschrift Kudi Arasu aus dem Jahr 1939 mit einem Leitartikel mit dem Titel „Nieder mit Hindi!“

Der dravidische Nationalismus Ramasamis äußerte sich in einer Ablehnung von allem, was er als „arische“ Einflüsse betrachtete: Den Hinduismus betrachtete er als eine „arische“ Religion, der Einfluss der indischen Zentralregierung war für ihn „arische“ Politik. Das Sanskrit als Kultsprache in den Tempeln lehnte er ebenso ab wie das Hindi als indische Nationalsprache. Vor allem aber identifizierte Ramasami die Brahmanen als Träger der „arischen“ Kultur, folglich konnten für ihn nur Nichtbrahmanen echte „Draviden“ bzw. Tamilen sein.[28] Dabei unterschied er kaum zwischen den Begriffen „Tamile“ und „Dravide“ – letzterer schließt auch Sprecher des Telugu, Kannada und Malayalam mit ein, die sich in der Regel aber nicht mit dem im Wesentlichen auf die tamilischsprachigen Gebiete beschränkten dravidischen Nationalismus identifizierten.[29]

Als Konsequenz seines dravidischen Nationalismus entwickelte Ramasami eine separatistische Position. 1938 formulierte er erstmals die Forderung nach einem unabhängigen Dravidenstaat Dravida Nadu. Analog zu der zu jener Zeit von den indischen Muslimen geforderten Gründung Pakistans sollten die „Draviden“ einen eigenen Staat bekommen.[30] Die indische Unabhängigkeit lehnte Ramasami vor 1947 dagegen ab, da ein unabhängiges Indien seiner Meinung nach wahlweise von Brahmanen oder von Nordindern dominiert sein würde. Den indischen Unabhängigkeitstag und den Tag der Republik erklärte Ramasami zu Trauertagen.[31]

Im Gegensatz zu den späteren Akteuren der Dravidischen Bewegung, die die Sprache zum wichtigsten Identifikationsmerkmal erhoben, die Größe der alten tamilischen Literatur und Kultur glorifizierten und das Tamil geradezu vergöttlichten, maß Ramasami der Sprache keinen besonderen Wert bei. Teilweise äußerte er sich sogar geradezu negativ über das Tamil, das für ihn eine „unzivilisierte“ Sprache darstellte, die dem Fortschritt entgegenstehe und daher am besten durch das Englische ersetzt werden sollte.[32] Auch die alte Tamilliteratur lehnte er, mit Ausnahme des ethisch-moralischen Lehrgedichts Tirukkural, als Ausdruck einer primitiven Gesellschaftsordnung ab.[33] Dennoch wird Ramasami heute im Kontext des tamilischen Sprachnationalismus vor allem wegen seiner Anti-Hindi-Aktivitäten unter weitgehender Ausblendung seiner kritischen Positionen als Kämpfer für die „Sache des Tamil“ verehrt.[34]

Religionskritik und Atheismus[Bearbeiten]

Ramasamis Anti-Brahmanismus und dravidischer Nationalismus führten dazu, dass er den Hinduismus als eine von den Brahmanen eingeführte bzw. aus dem „arischen“ Kulturkreis stammende Religion ansah. Mehr noch, für ihn war der Hinduismus der Grund für die Existenz des Kastensystems und ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der brahmanischen Dominanz. In einem Interview formulierte Ramasami seine Sicht des Hinduismus folgendermaßen: „Der Hinduismus ist keine Religion. Er ist von einer kleinen Gruppe für ihre eigenen Machtinteressen gegründet worden und beruht auf dem Unwissen, dem Analphabetismus und der Ausbeutung des Volkes.“[35]

Moderatere Kräfte in der Dravidischen Bewegung teilten zwar Ramasamis Ablehnung des brahmanischen Hinduismus, traten aber für eine Reform des Hinduismus ein und wandten sich etwa dem tamilischen Neo-Shivaismus zu, der sich auf einen angeblich vorarischen monotheistischen Shivaismus als ursprüngliche „Religion der Tamilen“ rückbesann.[36] Für Ramasami führte der Anti-Brahmanismus dagegen zu einer generellen Ablehnung des Hinduismus und der Religion als solcher. Diese Einstellung formulierte er unmissverständlich in seinem bekannten Ausspruch „Es gibt keinen Gott, es gibt keinen Gott, es gibt absolut keinen Gott“.[37] Ramasami bezeichnete sich aber selbst nicht als Atheist, sondern als Rationalist. Er kritisierte vor allem die hinduistische Gottesvorstellung und den Ritualismus als irrational.[38] Als Alternative zu hinduistischen Riten versuchte Ramasami areligiöse Zeremonien wie die sogenannten „Selbstachtungsheiraten“ (self-respect marriages) einzuführen.[39]

In seiner Kritik des Hinduismus setzte sich Ramasami stark mit den Epen Mahabharata und Ramayana sowie den Puranas auseinander, aber kaum mit religiös-philosophischen Texten wie den Upanishaden oder der Bhagavadgita.[40] Vielmehr versuchte er, die Götter lächerlich zu machen und die hinduistische Mythologie negativ darzustellen. Vor allem das Ramayana, die Geschichte von dem als Gott verehrten Rama, griff Ramasami immer wieder scharf an und deutete es unter den Vorzeichen der dravidischen Ideologie als Beschreibung eines Kampfes zwischen den „Ariern“, geführt von Rama, und den „Draviden“, repräsentiert durch die Dämonen unter Ravana. Diese Umdeutung ging so weit, dass Ravana als der eigentliche Held des Ramayana glorifiziert und Rama zum Schurken degradiert wurde.[41]

Ramasamis Religionskritik zielte vor allem auf den Hinduismus ab. Seine Einstellung zu anderen Religionen war dagegen widersprüchlich. Während er sich anfangs durchaus positiv über den Islam und das Christentum äußerte und sie als rational und egalitär darstellte, übte er später scharfe Kritik etwa an der christlichen Vorstellung vom Menschensohn und der jungfräulichen Geburt. Dem Buddhismus gegenüber war Ramasami wohlwollend eingestellt, weil dieser für ihn keine Religion, sondern eine rationalistische und egalitäre Philosophie darstellte. Ramasami hatte große Sympathien für den von B. R. Ambedkar begründeten Dalit-Buddhismus, der die Emanzipation der Kastenlosen durch Übertritt zum Buddhismus propagierte. Er lehnte es aber ab, selbst zu konvertieren.[42]

Nachleben[Bearbeiten]

Politisches Erbe[Bearbeiten]

Veranstaltung der PMK-Partei anlässlich des Jahrestages von E. V. Ramasamis Geburtstag

Ramasami war einer der geistigen Väter der Dravidischen Bewegung und bereitete den sogenannten dravidischen Parteien den Weg an die Macht im Bundesstaat Tamil Nadu. Die von Ramasami gegründete DK besteht bis heute fort und wird seit dem Tod von Ramasamis Ehefrau Maniyammai von K. Veeramani geleitet. Die DMK-Partei, die unter C. N. Annadurai aus der DK entstand, scharte bald eine große Anhängerschaft um sich und konnte erstmals 1967 die Parlamentswahlen in Tamil Nadu gewinnen. 1972 spaltete sich unter M. G. Ramachandran die Partei ADMK (später umbenannt in AIADMK) von der DMK ab und löste diese 1977 als Regierungspartei ab. Bis heute wechseln sich DMK und AIADMK in Tamil Nadu an der Macht ab. Kleinere dravidische Parteien, die gewisse Wahlerfolge erreichen konnten, sind die MDMK, die sich 1994 von der DMK abspaltete, und die 2005 gegründete DMDK.

Die DMK und AIADMK sind um der Mehrheitsfähigkeit willen von vielen radikalen Positionen Ramasamis abgewichen: Die Sezessionsforderung gab die DMK-Partei bereits 1962 auf. Von der kompromisslosen Ablehnung der Religion bewegten sich C. N. Annadurai und die DMK in den 1960er Jahren zu einem allgemeinen Rationalismus und Säkularismus.[43] Heute bezeichnet sich M. Karunanidhi, seit 1969 Vorsitzender der DMK, noch als Atheist, doch haben M. G. Ramachandran ebenso wie seine Nachfolgerin als AIADMK-Führerin, die amtierende Chief Ministerin Tamil Nadus J. Jayalalithaa, der Religionskritik abgeschworen und des Öfteren öffentlichkeitswirksam Tempelbesuche inszeniert. Auch die Kastenfrage ist in den Hintergrund getreten. Statt einer generellen Abschaffung des Kastenwesens wird seit den 1960er Jahren Chancengleichheit für alle Kasten und die Förderung der unteren Kasten gefordert. Annadurai sprach sich in der Tradition Ramasamis weiterhin gegen den „Brahmanismus“ als Haltung, nicht aber gegen individuelle Brahmanen aus und öffnete den Brahmanen den Zugang zur DMK.[44] Die AIADMK wird heute mit Jayalalithaa sogar von einer Brahmanin geführt.

Trotz aller inhaltlichen Positionsänderungen sehen sich die dravidischen Parteien nach wie vor in der Tradition Ramasamis. So äußert Karunanidhi, die DMK sei die „Erbin der Ideale Periyars [Ramasamis] und Anna[durai]s“,[45] während die Internetseiten der AIADMK, MDMK und DMDK allesamt von den Konterfeis C. N. Annadurais und Ramasamis geziert werden.[46]

Außerhalb Tamil Nadus ist Ramasamis Engagement gegen Unberührbarkeit und Kastensystem von der Dalit-Bewegung gewürdigt worden. So ließ die Dalit-Politikerin Mayawati, Chefministerin des nordindischen Bundesstaates Uttar Pradesh und Führerin der Bahujan Samaj Party (BSP), 1995 ein Periyar-Festival veranstalten.[47] 2002 musste die BSP Pläne, eine Statue Ramasamis in Lucknow aufzustellen, nach Protesten ihres hindunationalistischen Koalitionspartners Bharatiya Janata Party (BJP) zurückziehen.[48]

Würdigungen und Kontroversen[Bearbeiten]

Mit Blumenkränzen behangene Statue E. V. Ramasamis in Thanjavur

Ramasami wird in Tamil Nadu bis heute als Ikone der Dravidischen Bewegung verehrt. In praktisch allen Städten Tamil Nadus stehen Statuen von ihm, die anlässlich des Jahrestages seines Geburtstages regelmäßig mit Blumen bekränzt werden. Verschiedene Institutionen sind nach Ramasami benannt worden, darunter die Periyar University in der Stadt Salem, auch wurde die Poonamallee High Road, eine der Hauptstraßen Chennais, offiziell in E. V. R. Periyar Salai umbenannt. Ramasamis Geburtshaus in Erode wurde zu einer Gedenkstätte umgewandelt. Auch die gesamtindische Regierung würdigte Ramasami 1979 durch eine Briefmarke mit seinem Porträt.[49] 2007 wurde das Leben Ramasamis unter dem Titel Periyar verfilmt. Der Film des Regisseurs Gnana Rajasekaran gewann den National Film Award in der Kategorie „Bester Film in Tamil“.

Gleichwohl ist Ramasami immer noch eine kontroverse Figur. Beispielhaft sind die Vorgänge, die sich 2006 in der Tempelstadt Srirangam abspielten: Dort wurde eine Statue Ramasamis, die an prominenter Stelle vor dem Haupteingang des Sri-Ranganathaswamy-Tempels aufgestellt werden sollte, noch vor ihrer Enthüllung durch Vandalismus mutmaßlicher Aktivisten der hindunationalistischen Organisation Hindu Makkal Katchi beschädigt. Es folgten Ausschreitungen von Sympathisanten Ramasamis gegen Hindu-Stätten an verschiedenen Orten Tamil Nadus.[50]

Literatur[Bearbeiten]

  • Barnett, Marguerite Ross: The Politics of Cultural Nationalism in South India. Princeton University Press, Princeton (New Jersey) 1976.
  • Diehl, Anita: E. V. Ramaswami Naicker-Periyar. A Study of the Influence of a Personality in Contemporary South India. Scandinavian University Books, Lund 1977.
  • Hardgrave Jr., Robert L.: The Dravidian Movement. In: Essays in the Political Sociology of South India. Usha Publications, New Delhi 1979.
  • Hellmann-Rayanayagam, Dagmar: Tamil. Sprache als politisches Symbol. Politische Literatur in der Tamilsprache in den Jahren 1945 bis 1969. Mit besonderer Berücksichtigung der Schriften der Führer der dravidischen Bewegung: E. V. Rāmacāmi und C. N. Aṇṇāturai. Verlag Franz Steiner, Wiesbaden 1984.
  • Irschick, Eugene F.: Politics and Social Conflict in South India. The Non-Brahman Movement and Tamil Separatism, 1916–1929. University of California Press, Berkley/Los Angeles 1969.
  • Richman, Paula: E. V. Ramasami’s Reading of the Rāmāyaṇa. In: Paula Richman (Hrsg.): Many Rāmāyaṇas. The Diversity of a Narrative Tradition in South Asia. Oxford University Press, Delhi 1992, S. 175–201.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: E. V. Ramasami – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anita Diehl: E. V. Ramaswami Naicker-Periyar. A Study of the Influence of a Personality in Contemporary South India, Lund: Scandinavian University Books, 1977, S. 19.
  2. Marguerite Ross Barnett: The Politics of Cultural Nationalism in South India, Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1976, S. 54, Anm. 2.
  3. Barnett 1976, S. 36.
  4. Diehl 1977, S. 19.
  5. Diehl 1977, S. 21–24.
  6. Diehl 1977, S. 25.
  7. Diehl 1977, S. 27.
  8. Eugene F. Irschick: Politics and Social Conflict in South India. The Non-Brahman Movement and Tamil Separatism, 1916–1929, Berkley and Los Angeles: University of California Press, 1969, S. 334 f.
  9. Zur Justice Party siehe Robert L. Hardgrave Jr.: "The Dravidian Movement". In: Essays in the Political Sociology of South India. New Delhi, Usha Publications: 1979, S. 15–24.
  10. Diehl 1977, S. 25 f.
  11. Nambi K. Arooran: Tamil renaissance and Dravidian nationalism, Madurai: Koodal, 1980, S. 177 f.
  12. Barnett 1976, S. 53.
  13. Hardgrave 1979, S. 27 f.
  14. Diehl 1977, S. 28.
  15. Barnett 1976, S. 72–76.
  16. Diehl 1977, S. 28 f.
  17. Diehl 1977, S. 30.
  18. Diehl 1977, S. 30 ff.
  19. Diehl 1977, S. 29, 33.
  20. Diehl 1977, S. 27.
  21. Diehl 1977, S. 30 f.
  22. Diehl 1977, S. 40.
  23. Diehl 1977, S. 41.
  24. Barnett 1976, S. 15.
  25. Barnett 1979, S. 16 f.
  26. Diehl 1977, S. 62.
  27. Michael Bergunder: "Umkämpfte Vergangenheit. Anti-brahmanische und hindu-nationalistische Rekonstruktionen der frühen indischen Religionsgeschichte", in: Michael Bergunder und Rahul Peter Das (Hrsg.): „Arier“ und „Draviden“. Konstruktionen der Vergangenheit als Grundlage für Selbst- und Fremdwahr-nehmungen Südasiens, Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen zu Halle, 2002, S. 135–138.
  28. Diehl 1977, S. 70.
  29. Irschick 1969, S. 275 f.
  30. Barnett 1976, S. 53.
  31. Diehl 1977, S. 74.
  32. Dagmar Hellmann-Rajanayagam: Tamil. Sprache als politisches Symbol, Wiesbaden: Franz-Steiner-Verlag, 1984, S. 52–55.
  33. Hellmann-Rajayanagam 1984, S. 69–72.
  34. Sumathi Ramaswamy: Passions of the Tongue. Language Devotion in Tamil India, 1891–1970, Berkley and Los Angeles: University of California Press, 1997, S. 233–242.
  35. "Hinduism is not a religion. It is founded by a small group for their own power interest and built on the ignorance, illiteracy and exploiting of the people." Diehl 1977, S. 41.
  36. Bergunder 2002, S. 153–157.
  37. Diehl 1977, S. 50.
  38. Hellmann-Rajanayagam 1984, S. 97 f.
  39. Diehl 1977, S. 47 f.
  40. Diehl 1977, S. 46.
  41. vgl. Paula Richman: "E. V. Ramasami’s Reading of the Rāmāyaṇa", in: Paula Richman (Hrsg.): Many Rāmāyaṇas. The Diversity of a Narrative Tradition in South Asia, Delhi: Oxford University Press, 1992, S. 175–201.
  42. Hellmann-Rajanayagam 1984, S. 105 f.
  43. Hellmann-Rajanayagam 1984, S. 101 ff.
  44. Hellmann-Rajayanagam 1984, S. 112 f.
  45. The Hindu: DMK is the true Dravidian movement, says Karunanidhi, 6. Juni 2010.
  46. vgl. www.aiadmkallindia.org, www.vaiko-mdmk.com, www.dmdkindia.org, abgerufen am 22. September 2010.
  47. Christophe Jaffrelot: India's Silent Revolution. The Rise of the Lower Castes in North India, London: Hurst, 2003, S. 415.
  48. The Times of India: No Periyar statue will be installed in state: CM, 2. August 2002.
  49. Hellmann-Rajanayagam 1984, S. 129.
  50. The Indian Express: Tamil Nadu tense after more instances of vandalism, 9. September 2006.
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