Ertuğrul Gazi

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Ertuğrul Gazi (türkisch ‏أرطغرل‎, İA Erṭuġrul; türk. für er / männlich und tuğrul / ein Greifvogel[1]; * 1198 in Ahlat; † 1281 oder 1282 in Söğüt)[2] war ein türkmenischer/oghusischer Clanführer und der Vater Osmans I., der die Dynastie der Osmanen gründete und dem Osmanischen Reich seinen Namen verlieh.

Quellen[Bearbeiten]

Zeitgenössische islamische oder byzantinische Quellen über Ertuğrul existieren nicht. Die zeitgenössische Quelle Pachymeres sowie die späteren Quellen Kantakuzenos oder Ibn Battuta erwähnen Ertuğrul nicht.[2] Es galt als gesichert, dass die früheste Erwähnung am Ende des 14. Jahrhunderts in einem Brief Bayezids I. an Tamerlan erfolgte.[1] Es wurden aber ältere Quellen entdeckt. Zum Einen existiert eine Münze aus Osmans Zeiten (gest. 1324), auf der sowohl Ertuğrul als auch dessen Vater Gündüz Alp verzeichnet ist.[2] Zum Anderen gibt es einen Verweis auf Ertuğrul in einem Katasterheft über ein gestiftetes Landgut in Söğüt (Ertuğrul canı içün / ‏ارطغرل جانى ايچون‎ / ‚Für die Seele Ertuğruls‘). Dieser Katasterhefteintrag gilt heute als früheste Erwähnung Ertuğruls.[3][4]

Ausführliche Informationen über Ertuğrul befinden sich in den ersten Chroniken der osmanischen Dynastie. Diese stammen aus dem 15. Jahrhundert.[2] Die ersten Chroniken klingen weitgehend legendenhaft.[5]

Leben[Bearbeiten]

Ertuğrul war der Führer eines türkmenischen (oghusischen) Clans, der im Zuge mongolischer Überfälle nach Kleinasien migrierte und vermutlich in den Jahren 1234–1235 dort ankam. In Anatolien ließ Ertuğrul sich in Söğüt (bei Kütahya in der Provinz Bilecik) nieder. Dort war Ertuğrul Herrscher eines der Grenzfürstentümer der Seldschuken-Sultane in Ikonion, dem späteren Konya. Er beteiligte sich an den Kriegen seines seldschukischen Oberherrn gegen die Tataren und unternahm Überfälle auf byzantinisches Territorium.[6]

Stammbaum[Bearbeiten]

Die ersten osmanischen Chroniken geben an, dass Osman Gazis Vater Ertuğrul war und dem oghusischen Unterstamm Kayı angehörte. Die Quellen führen Ertuğruls Stammbaum auf Oğuzhan und von dort auf den Propheten im Islam Noah zurück. Die ersten osmanischen Historiker Ahmedî, Enverî, Karamânî Mehmed Pascha geben an, dass Ertuğruls Vater Gündüz Alp war. Andere Quellen besagen, sein Vater sei Süleyman Şah, der Gründer des anatolischen Seldschuk-Sultanats, gewesen. Heute gilt als sicher, dass Gündüz Alp Ertuğruls Vater war. Dies wird auch durch eine Münze von Osman Gazi bekräftigt, auf der Osman bin Ertuğrul bin Gündüz Alp / ‏عثمان بن ارطغرل بن كوندوز آلپ‎ (Osman Sohn des Ertuğrul Sohn des Gündüz Alp) verzeichnet ist.[2]

Die Kayı unter Ertuğruls Vorfahren[Bearbeiten]

Der Überlieferung nach kamen die Vorfahren Ertuğruls bereits während der ersten Eroberung Anatoliens unter den Seldschuken-Sultanen Tuğrul und Alp Arslan nach Ahlat und beteiligten sich hier an Gaza-Kriegen gegen Anatolien. Später führten sie Krieg in Begleitung der Ahlat-Fürsten gegen Georgien und das Kaiserreich Trapezunt. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts geriet Ahlat unter ayyubidische Herrschaft. Mit der mongolischen Expansion nach Westen verließen Ertuğruls Vorfahren Ahlat und siedelten nach Mardin über. Hier verbündeten sie sich mit den Artuksöhnen, die ebenfalls den türkmenischen Kayı angehörten. Als die Mongolen auch Mardin zu plündern begannen, zog Gündüz Alp mit seinem türkmenischen Stamm nach Inneranatolien nach Pasinler weiter. In Pasinler starb Gündüz Alp, Ertuğrul wurde zum neuen Oberhaupt der Kayı. Während der mongolischen Expansion siedelten die Germiyan von Malatya nach Kütahya über.[2]

Verbundenheit mit dem Seldschuk-Haus[Bearbeiten]

Die Überlieferung fährt fort, dass Ertuğruls Brüder Sungur Tegin und Gündoğdu wieder nach Ahlat zurückkehrten, als die mongolischen Angriffe auch in Pasinler spürbar wurden, Ertuğrul aber mit seinem anderen Bruder Dündar Bey weiter nach Westen zog. In der Nähe von Sivas sollen sie auf eine Schlacht der Seldschuken gegen Mongolen gestoßen sein, bei der sie die Seldschuken unterstützten, die dann die Schlacht gewannen. Diese Schlacht wird nur in der Cihânnümâ von Neşrî erwähnt. Historiker meinen, damit kann auch die Yassıçimen-Schlacht zwischen Alâeddin Keykubad I. und den Choresm-Schahs von 1230 gemeint sein. Sultan Alâeddin Keykubad übergab 1230 Ertuğrul als Dank Karacadağ in der Nähe von Ankara, wo er mit seinem Stamm leben sollte.[2]

Nach einiger Zeit in Karacadağ schickte Ertuğrul seinen Sohn Savcı Bey zum Sultan Alâeddin Keykubad, um ein neues Gebiet besiedeln zu dürfen. Den osmanischen Quellen nach bekam Ertuğrul diese Erlaubnis, wonach er mit seinem Stamm sich in der Umgebung von Söğüt, im Sakaryabecken, niederließ.[2]

Nun befanden sich die Kayı an den Grenzen zu Byzanz. Von hier aus überfielen sie byzantinische Dörfer und Städte. Im Jahr 1231 startete Sultan Alâeddin Keykubad eine militärische Operation gegen Byzanz, um die Westgrenzen seines Reiches zu sichern. Der aus Konya kommenden seldschukischen Armee schlossen sich zur Unterstützung des Sultans in Eskişehir auch Ertuğrul Bey und seine Gefolgsleute an. Die Schlacht in Ermeniderbendi (heute: Pazaryeri) gegen die Truppen des byzantinischen Kaisers Laskaris gewannen die Seldschuken mit der Unterstützung der Krieger von Ertuğrul. Alâeddin Keykubad übergab Eskişehir als Auszeichnung an Ertuğrul.[2]

Nach diesem Sieg belagerte Alâeddin Keykubad Karacahisar. Als zu der Zeit die Mongolen (Ilchanisches Herrscherhaus in Persien) Anatolien belagerten, kehrte der Sultan nach Konya zurück und überließ Ertuğrul Gazi das Kommando für die Operation. Nach langen Kämpfen eroberten Ertuğrul und die anderen türkmenischen Fürsten Karacahisar im Jahr 1231/32. Sie teilten die Kriegsbeute untereinander auf und sandten ein Fünftel der Beute sowie den Tekfur (christlichen Burgherren) an den Sultan. Im Anschluss eroberte Ertuğrul Söğüt – die Hauptstadt des späteren Fürstentums Osman. Der Sultan erkannte Söğüt offiziell als Eigentum Ertuğruls an.[2]

Ertuğrul Gazi-Mausoleum in Söğüt

Ertuğrul führte nicht nur Krieg gegen byzantinische Fürsten. Ein freundschaftliches Verhältnis hatte er zu den Fürsten von Belocome (Bilecik) und von Melangeia (Osmaneli). Söğüt war für die Kayı ein Kischlak (Winterresidenz). Domaniç war ihr Yaylak (Sommerweide).[2]

Ertuğrul schlossen sich mit der Zeit andere erfahrene Uc-Beys wie Samsa Çavuş, Aykut Alp, Akçakoca, Kara Tegin, Konur Alp an. Dies hatte zur Folge, dass der oghusische Kayı-Stamm immer mächtiger wurde.[2]

Spätgeschichte[Bearbeiten]

Ertuğrul blieb ein Uc-Bey / Grenzgebiet-Fürst im Dienst des Seldschuken-Sultans. Der Überlieferung nach bekundete er noch 1279 seine Loyalität gegenüber dem Sultan Gıyaseddin Keyhüsrev III. und beschenkte ihn reichlich, als dieser im Jahr 1279 die Westgrenze zu Byzanz besuchte. Nach diesem Datum übergab der gealterte Ertuğrul die Leitung des Kayı-Aşirets an seinen Sohn Osman. Er verstarb einige Jahre danach (1281 oder 1282) mit über 90 Jahren. Andere Quellen geben sein Todesdatum auch mit 1288/1289 an.[2] Eine Türbe außerhalb von Söğüt wird ihm zugeschrieben. Auf ihr befindet sich keine frühe Inschrift.[1] Eine Inschrift stammt aus dem Jahr 1886-1887 zwecks Sanierung.[7]

Verfilmungen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c V. L. Ménage: Artikel Ertoghrul. In: Encyclopaedia of Islam.
  2. a b c d e f g h i j k l m Fahamettin Başar Ertuğrul Gazi in Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi
  3. Halil İnalcık: Osman I. In: Türkiye Diyânet Vakfı İslâm Ansiklopedisi. Band 33, S. 444
  4. Ömer Lütfi Barkan: Hüdavendigâr Livası Tahrir Defterleri (dt.: Katasterhefte Bursas), S. 283
  5. V. L. Ménage: Artikel Ertoghrul. In: Encyclopaedia of Islam.„largely legendary in tone“
  6. J. H. Mordtmann: Artikel Ertoghrul. In: E. J. Brill’s First Encyclopaedia Of Islam 1913–1936. Leiden 1987, Band III
  7. M. Baha Tanman: Ertuğrul Gazi Camii ve Türbesi. In: Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi
  8. Sinematürk.com
  9. Osmancık Online bei Google Video (türk.)

Literatur[Bearbeiten]

  • V. L. Ménage: Artikel Ertoghrul. In: Encyclopaedia of Islam.
  • J. H. Mordtmann: Artikel: Ertoghrul. In: E. J. Brill’s First Encyclopaedia of Islam 1913–1936, Leiden 1987, Band III
  • Hans Miksch: Der Kampf der Kaiser und Kalifen. Bonn 1986