Evangelisation

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Großevangelisation mit Billy Graham (1970)

Evangelisation oder Evangelisierung (eher im katholischen Bereich gebräuchlich) bezeichnet die Verbreitung des Evangeliums von Jesus Christus. Sie kann sowohl im Sinne der Missionierung Nicht- oder Andersgläubiger betrieben werden, die auf die Bekehrung (Konversion) und Taufe der Angesprochenen abzielt, als auch im Sinne einer Katechese zur Neubelebung oder Wiedererweckung des Glaubens bereits getaufter Christen.

In einem engeren Begriffsverständnis benutzt man in evangelischen und evangelikalen Kreisen den Ausdruck Evangelisation häufig als Bezeichnung für mehr oder weniger aufwändige Verkündigungsveranstaltungen, die sich primär an Kirchendistanzierte und Nichtchristen richten. Die Formen dieser Evangelisationen, deren Geschichte ins 18. Jahrhundert zurückgeht, sind vielfältig; sie reichen von Großevangelisationen über Evangelisationswochen in kirchlichen Räumen sowie Zeltevangelisationen bis hin zum so genannten evangelistischen Straßeneinsatz und zur persönlichen Evangelisation.

Theologische Grundlage der Evangelisation (im weiteren wie auch im engeren Sinn) ist der so genannte Missionsbefehl Jesu, mit dem die Jünger aufgefordert werden, hinaus in alle Welt zu gehen und die Frohe Botschaft zu verkünden.

Etymologie[Bearbeiten]

Der Begriff leitet sich vom neutestamentlichen (griech.: εὐαγγέλιον) Evangelium her und bedeutet, Menschen mit dem Evangelium von Jesus Christus bekanntzumachen und sie zu einer persönlichen Glaubensentscheidung einzuladen. Prediger, die bei Evangelisationen auftreten, nennt man Evangelisten.

Geschichte[Bearbeiten]

Petrus Valdes

Als Vorläufer der modernen Evangelisationsbewegung[1] gelten unter anderem Bernhard von Clairvaux (1091–1165), Petrus Waldes (1179–1218), Berthold von Regensburg († 1272), John Wycliff (1320–1384) sowie die Brüder vom gemeinsamen Leben. Vor allem die Reformation und Gegenreformation brachte eine große Anzahl von Verkündigern hervor, die außerhalb ihrer eigenen Kirchengemeinschaft auf evangelistische Weise wirkten und dabei zum Teil große geistliche Bewegungen initiierten. Stellvertretend für die vielen Prediger seien hier der Lutheraner Johannes Brenz (1499–1570), der "Wanderevangelist" Kaspar Schwenkfeld (1489–1561) und der Täufer Balthasar Hubmeier (1485–1528) genannt.[2]

Achtzehntes Jahrhundert[Bearbeiten]

George Whitefield

Ein bedeutsames Datum für die Entstehung der Evangelisationsbewegung im angelsächsischen Raum ist der 17. Februar 1739. George Whitefield, der als einer der ersten Evangelisten im modernen Sinne gilt,[3] predigte an diesem Tag unter freiem Himmel in Kingswood bei Bristol vor kirchendistanzierten Bergwerksarbeitern. Der Erfolg dieser Evangelisation bewog ihn, als itinerant evangelist (reisender Evangelist) zunächst durch England und später durch Schottland, Irland und die nordamerikanischen Staaten zu ziehen. Hier stieß er auf Jonathan Edwards und die 1734 unter dessen Wirksamkeit aufgebrochene Erweckung und motivierte viele Anhänger dieser Bewegung zum evangelistischen Dienst. In enger Verbundenheit mit ihm arbeitete John Wesley, der Begründer der methodistischen Bewegung. Als in der amerikanischen Pionierzeit (1792–1825) Hunderttausende die große Westwanderung antraten, folgten ihnen baptistische und methodistische Laienevangelisten, aus deren Evangelisationsarbeit um 1800 eine neuerliche Erweckungsbewegung entstand.

Neunzehntes Jahrhundert[Bearbeiten]

Dwight L. Moody

Bedeutsame Anstöße zur Entwicklung der Evangelisationsarbeit in Deutschland gab bereits der frühe Pietismus.[4] Die eigentliche Geburtsstunde der modernen Evangelisation wird hier allerdings auf den Anfang des 19. Jahrhunderts datiert. In dieser Zeit begegneten sich der Pietismus und die angelsächsische Erweckungsbewegung. Aus dieser Begegnung gingen zahlreiche Evangelisten und evangelistische Initiativen hervor, deren Nachwirkungen zum Teil bis in die Gegenwart hinein auszumachen sind. Ausgangspunkte evangelischer Evangelisationsarbeit im deutschsprachigen Raum waren zunächst geografisch auf die sogenannten Erweckungsgebiete[5] eingegrenzt. In der Folgezeit entstanden in diesen Regionen Einrichtungen und Werke, deren Wirkung weit über die Grenzen der Erweckungsgebiete hinaus gingen und auch die nationale Grenze überschritten. Zu diesen Werken gehören unter anderem die Evangelische Gesellschaft für Deutschland (1848) und der 1897 gegründete Deutsche Verband für evangelische Gemeinschaftspflege und Evangelisation. Erwähnt werden müssen in diesem Zusammenhang auch die Gründung von Evangelistenschulen – so zum Beispiel in Chrischona bei Basel (um 1841) und das Johanneum in Wuppertal (um 1886). Die im 19. Jahrhundert ins Leben gerufenen Berufsmissionen hatten ebenfalls eine evangelistische Zielsetzung. Ihre Adressaten waren die durch die Industrialisierung entwurzelten und kirchlich distanzierten Berufstätigen.

Träger der Evangelisation waren in dieser Zeit auch die damals im deutschsprachigen Raum noch jungen Freikirchen. Zu ihnen gehörten neben anderen die Baptisten, Methodisten und Adventisten.

Zu den bedeutenden deutschsprachigen Evangelisten dieser Zeit gehörte der überkonfessionell wirkende Prediger Elias Schrenk (1831–1913). Seine Vorbilder, größtenteils Nichttheologen, stammten allerdings aus England und Amerika. Zu ihnen gehörten der Jurist Charles Grandison Finney und der Schuhverkäufer Dwight Lyman Moody, der in seiner 40-jährigen Tätigkeit als Reiseevangelist Millionen von Menschen erreichte.

Zwanzigstes Jahrhundert[Bearbeiten]

In der der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden insbesondere Billy Graham, Oral Roberts und William Branham durch Massenevangelisationen bekannt. Während Billy Graham hauptsächlich mit nichtcharismatischen Kirchen und Gemeinden zusammenarbeitete, waren Roberts und Branham Führer des Heilungs-Revivals der Pfingstbewegung.

In Deutschland führte die Deutsche Zeltmission seit dem Zweiten Weltkrieg evangelistische Großveranstaltungen durch. Ebenso das 1954 gegründete Janz Team. Heute sind in Deutschland Reinhard Bonnke, Andreas Hübner, Wilhelm Pahls und Ulrich Parzany als Prediger auf Großveranstaltungen bekannt, deren Schwerpunkt teils in Afrika liegt. Evangelist Bonnke bringt an Evangelisationsveranstaltungen in Afrika außergewöhnlich viele Besucher zusammen, in Nigeria (Westafrika) wurde die Millionengrenze erstmals überschritten.[6]

In Deutschland finden seit 1993 regelmäßig überkonfessionelle Massenevangelisationen unter dem Namen ProChrist statt, deren Zentralveranstaltung jeweils per Satellit an mittlerweile über 1.300 Veranstaltungsorte in 18 Ländern Europas übertragen wird.

Billy Graham (1966)

Die Erfolge der evangelistischen Arbeit im angelsächsischen und im deutschsprachigen pietistischen und freikirchlichen Raum führten auch in den weitgehend von Orthodoxie und Aufklärung geprägten Landeskirchen zu einem Umdenken. Bereits im Revolutionsjahr 1848 und ein Jahr später in einer Denkschrift hatte Johann Hinrich Wichern gefordert: "Es muss das Evangelium wieder von den Dächern gepredigt werden, es muss auf den Märkten und Straßen frei angeboten und gepriesen werden [...] gleichsam vor den Toren der geordneten Kirche!"[7] Umgesetzt innerhalb der evangelischen Landeskirchen wurden diese Forderungen allerdings erst nach dem Ersten Weltkrieg durch die Gründung der Kirchlichen Volksmission.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts führte der amerikanische Evangelist und Baptistenpastor Billy Graham Großevangelisationen durch, bei denen unter Einsatz moderner Technik Millionen von Menschen erreicht wurden. Von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Evangelisation im deutschsprachigen Raum waren die Großevangelisation Billy Grahams in Berlin 1963 sowie die von der Dortmunder Westfalenhalle aus in viele Orte übertragene mehrtägige Evangelisationsveranstaltung Euro ’70. Die Berliner Evangelisation wurde zum Impuls für die Einberufung des Weltkongresses für Evangelisation, der vom 26. Oktober bis zum 4. November 1966 in Westberlin stattfand und an dem über 1200 Besucher aus über 100 Nationen teilnahmen. Sie gilt als erste Weltkonferenz zum Thema Evangelisation.[8] Die Euro ’70 mit ihren Nachfolgeveranstaltungen wurde zur Keimzelle von ProChrist. Diese überkonfessionelle evangelistische Großveranstaltung findet seit 1993 regelmäßig statt und wird von einem zentralen Ort in mittlerweile 1300 Veranstaltungsorten in 18 Ländern übertragen. Als Nachfolger von Billy Graham evangelisiert hier der landeskirchliche Pfarrer Ulrich Parzany.[9]

Zu beobachten ist, dass in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts immer größere Evangelisationsveranstaltungen weltweit stattfinden. So gab es im Januar 2005 in Indien eine dreitägige Veranstaltung, bei der mehr als 7 Millionen Menschen in drei Veranstaltungen zusammenkamen.

Träger und Praxis evangelistischer Veranstaltungen[Bearbeiten]

Lutherisches Evangelisationszelt in Polen
Straßenevangelisation der Heilsarmee

Evangelisierende Kirchen, Gemeinschaften und sogenannte Freie Werke berufen sich u. a. auf den sogenannten Missionsbefehl Jesu Christi. Typisches Kernstück jeder Evangelisationsveranstaltung ist die Predigt, die in einem Aufruf zur Bekehrung mündet.

Evangelisationen finden gelegentlich in Kirchen und Gemeinderäumen statt, häufiger werden bewusst nichtkirchliche Veranstaltungsorte gewählt, z. B. Stadthallen, Sportstadien und Großraumzelte (siehe Zeltevangelisation). Eine besondere Form sind Fernsehevangelisationen, bei denen ein zentral produziertes Programm via Satellit in Gemeindehäuser und Jugendzentren übertragen wird. Dazu zählen Massenevangelisationen wie ProChrist und JesusHouse.

Eine weitere Form evangelistischer Praxis ist die Straßenevangelisation[10], bei der im öffentlichen Raum durch Kurzpredigten, Musik und kreative Kleinkunst (zum Beispiel Straßentheater, Pantomime, etc.) Glaubensinhalte vermittelt werden sollen.

Auf spezielle Zielgruppen hin orientiert sind die Berufsmissionen sowie eine Vielzahl kleinerer und größerer evangelistischer Organisationen, die sich an spezielle Interessentenkreise richten. Einige Beispiel seien hier erwähnt, um das breite Spektrum dieser Evangelisationsarbeit aufzuzeigen: Christliche Modelleisenbahner (cmt)[11], Kitesurfer Ewigkite[12], Frühstückstreffen für Frauen eV[13] und der christliche Motorradclub Bibel Biker.[14]

Neben den erwähnten evangelistischen Veranstaltungen hat vor allem im evangelikalen Bereich die sogenannte persönliche Evangelisation beziehungsweise die Freundschaftsevangelisation[15] eine besondere Bedeutung. Spezielle Kurse[16] und Literatur[17] sollen dazu motivieren und anleiten, den christlichen Glauben in Alltagsbegegnungen und Beziehungsnetzen zur Sprache zu bringen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul Scharpff: Geschichte der Evangelisation. Dreihundert Jahre Evangelisation in Deutschland, Großbritannien und USA. Herausgegeben durch das Elias-Schrenk-Institut. Mit einem Geleitwort von Billy Graham und Kurt Heimbucher. 2. Auflage. Brunnen-Verlag, Gießen u. a. 1980, ISBN 3-7655-2214-7, (ABC-Team 24).
  • Walter J. Hollenweger: Evangelisation. In: Gerhard Krause, Gerhard Müller (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie. Band 10: Erasmus – Fakultäten, Theologische. de Gruyter, Berlin u. a. 1982, ISBN 3-11-008575-5, S. 636–641, (Überblick im theologischen Referenzwerk).
  • Floyd E. Schneider: Freundschaftsevangelisation. Christliche Verlags-Gesellschaft, Dillenburg 1994, ISBN 3-89436-066-6.
  • Michael Herbst, Jörg Ohlemacher, Johannes Zimmermann (Hrsg.): Missionarische Perspektiven für eine Kirche der Zukunft. Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 2005, ISBN 3-7887-2129-4, (Beiträge zu Evangelisation und Gemeindeentwicklung 1).
  • Jim Petersen: Evangelisation. Ein Lebensstil. Francke, Marburg an der Lahn 2006, ISBN 3-86122-811-4.
  • Klaus Göttler: Für Jesus begeistern. Handbuch Jugendevangelisation. Born-Verlag u. a., Kassel u. a. 2009, ISBN 978-3-87092-446-1.

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Siehe dazu Paulus Scharpff: Geschichte der Evangelisation, Gießen, Basel und Dillenburg 1980, S. 4ff
  2. Paulus Scharpff, a.a.O., S. 10 f.
  3. Heinrich Rendtorff: Artikel Evangelisation, in: RGG 3. Aufl., Bd. II, Göttingen 1958, Sp. 771.
  4. Heinrich Rendtorff, a.a.O.
  5. Zu diesen Erweckungsgebieten gehörten insbesondere Württemberg (Ludwig Hofacker), Baden, Rheinland, das Ravensberger Land, die Lüneburger Heide (Ludwig Harms), die Gemeinden des Wuppertals, Siegerland, Ostpommern, Ostpreußen, später Ostfriesland (Remmer Janssen) uvam; vgl. Heinrich Rendtorff a.a.O., S. 771.
  6. Relinfo: CfaN Reinhard Bonnke
  7. Zitiert nach Heinrich Rendtorff, a.a.O., S. 772.
  8. Vgl. dazu: Homepage der Evangelikalen Bewegung; Artikel Geschichte der Deutschen Evangelischen Allianz; eingesehen am 7. Oktober 2009
  9. Reinhard Hempelmann (Hrsg.): Handbuch der evangelistisch-missionarischen Werke, Einrichtungen und Gemeinden. Christliches Verlagshaus Stuttgart, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-7675-7763-3, S. 86, 292.
  10. Siehe zum Beispiel die Homepage der nondenominationellen Organisation Straßenevangelisation; eingesehen am 6. Januar 2010
  11. Zeitschrift Die Gemeinde vom 17. September 2007; eingesehen am 6. Januar 2010
  12. Homepage der baptistischen Organisation Ewigkite; eingesehen am 6. Januar 2010
  13. Homepage des deutschlandweiten Vereins Frühstückstreffen für Frauen eV; eingesehen am 6. Januar 2010
  14. Homepage der Bibel Biker; eingesehen am 6. Januar 2010.
  15. Floyd E. Schneider: Freundschaftsevangelisation, 1994, ISBN 3-89436-066-6
  16. Zum Beispiel ein Seminarangebot zum Thema Persönliche Evangelisation der Evangelischen Jugend der Lutherischen Landeskirche Sachens; eingesehen am 6. Januar 2010
  17. Bücherangebot der Evangelischen Fernbibliothek zum Thema Persönliche Evangelisation; eingesehen am 6. Januar 2010

Weblinks[Bearbeiten]