Fürstengrab von Leubingen

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51.19027777777811.169722222222Koordinaten: 51° 11′ 25″ N, 11° 10′ 11″ O

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Fürstengrab von Leubingen
Grabhügel von Leubingen

Grabhügel von Leubingen

Lage Thüringen, Deutschland
Fundort Leubingen
Fürstengrab von Leubingen (Thüringen)
Fürstengrab von Leubingen
Wann 1942 ± 10 v. Chr., Frühbronzezeit
Wo Leubingen, Sömmerda/Thüringen
ausgestellt Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar,
Landesmuseum für Vorgeschichte (Halle),
Leubinger Heimatstube

Das Fürstengrab von Leubingen, oder auch der Grabhügel von Leubingen, ist das größte erhaltene frühbronzezeitliche Fürstengrab der Aunjetitzer Kultur. Er befindet sich bei Leubingen, einem Ortsteil von Sömmerda (Thüringen). Diese Fürstengräber der Aunjetitzer Kultur bilden einen besonderen Grabtypus, welcher sich durch die gewaltigen, weithin sichtbaren Grabhügel mit den reichhaltigen Beigaben von den normalen Bestattungen seiner Kultur abhebt, und Anlass war, einen ganzen Kulturkreis als Leubinger Kultur [1] zu bezeichnen.

1877 wurden am Hügel Grabungen durchgeführt. Im oberen Bereich wurden slawische Gräber aus der Zeit zwischen 700 und 1000 n. Chr gefunden. Hierbei handelte es sich um Nachbestattungen in der älteren bronzezeitlichen Hügelschüttung. Auf Bodenniveau stießen die Ausgräber auf eine unversehrte, zeltförmige Totenhütte aus Eichenholz, die in die Aunjetitzer Kultur zwischen 2.200 und 1.600 v. Chr. datiert. Um den Grabhügel als monumentales Denkmal zu erhalten, wurde dieser nach Abschluss der Grabungen wieder auf die ursprünglichen Maße aufgeschüttet.

Lage und Datierung[Bearbeiten]

Holzbohlen der Totenhütte.

Der Grabhügel hatte vor der Ausgrabung eine Höhe von ca. 8,5 m, einen Durchmesser von ca. 34 m und einen Umfang von ca. 145 m. Damit gehört er zu den größten Grabhügeln Mitteleuropas. Die hölzerne Grabkammer konnte dendrochronologisch auf 1942 ± 10 v. Chr. datiert werden[2][3]. Die kleine Unsicherheit der Datierung resultiert aus der Tatsache, dass bei den bearbeiteten Holzstämmen die Waldkante, also die äußeren Jahrringe, nicht mehr erhalten waren.

Der Hügel befindet sich an einem schon damals genutzten Handelsweg in einer Talebene (Thüringer Becken) und stellt mit seiner Höhe einen prominenten Geländepunkt dar.

Die Ausgrabung unter Friedrich Klopfleisch 1877[Bearbeiten]

Skizze aus dem Grabungstagebuch von Klopfleisch. Unten links ist der Querschnitt des Grabhügels abgebildet (A1) mit Steinbedeckung der Totenhütte aus der Bronzezeit im unteren Bereich und den jüngeren slawischen Gräbern im oberen Bereich.
Die Totenkammer und die Steinpackung.

Der Grabhügel wurde 1877 unter Leitung des Jenaer Universitätsprofessors Friedrich Klopfleisch ausgegraben. Dieser dokumentierte und beschrieb in seinem Tagebuch die Beschaffenheit des Hügels und die Anordnung der einzelnen Gegenstände, so dass sich noch heute der Zustand des Grabes gut rekonstruieren lässt.

Zunächst wurden im oberen Bereich der bronzezeitlichen Hügelschüttung siebzig Skelette gefunden. Bestattungssitte und Schmuckbeigaben datieren diese slawischen Gräber in die Zeit zwischen 700 und 1000 n. Chr. Solche Nachbestattungen in älteren Hügelschüttungen sind nicht ungewöhnlich. Auf Bodenniveau stießen die Ausgräber auf eine unversehrte, zeltförmige Totenhütte aus Eichenholz, die in die Aunjetitzer Kultur (2.200 – 1.600 v. Chr.) datiert wurde.

Der Boden war sorgfältig geglättet, mit Steinen ausgelegt und mit Holzdielen bedeckt. Die Grundfläche der Grabkammer maß 3,90 m x 2,10 m und war Nord-Süd orientiert. Die schrägen Seitenwände bestanden aus Eichenbohlen, die mit Zapfen im Boden befestigt waren und an den oberen Enden durch Sparren verankert wurden. Darauf befand sich eine 15 cm dicke Schilflage, die außen mit Kalkmörtel bedeckt war. Über der Totenhütte wölbte sich eine bis 2,5 m mächtige Steinabdeckung aus weißem und rotem Sandstein, welcher aus dem gesamten Umkreis und Entfernungen bis zu 30 km herbeigeschafft wurde. Die Erdschicht über den Steinen war 70 cm dick festgestampft; die äußerste Schichte bestand aus lockerem Boden.

Nachbildungen der Grabkammer befinden sich im Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar, im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale sowie in der Leubinger Heimatstube. Von der Heimatstube leiten Hinweisschilder den Besucher bis zum Grabhügel, der nach der Ausgrabung wieder aufgeschüttet wurde und heute ein Denkmal ist.

Die Bestattung und die Grabbeigaben[Bearbeiten]

Skizze der Totenhütte mit den Beigaben.
Skizze der Grabbeigaben aus dem Grabungstagebuch von Klopfleisch.

Nach den Aufzeichnungen von Klopfleisch barg die Grabkammer eine Doppelbestattung, wobei die Hauptbestattung ein älterer männlicher Erwachsener mit Altersgicht und abgenutzten Zähnen war. Er lag mit ausgestreckten Beinen auf dem Rücken, den Kopf in Richtung Norden.[4]

Kreuzweise, quer über den Hüften des Toten liegend, wurde das Skelett eines etwa zehnjährigen Kindes beschrieben. Es waren nur zwei Röhrenknochen der Arme erhalten, bei denen das Alter bestimmt werden konnte; andere Knochen eines Kinderskelettes wurden nicht gefunden. Da Klopfleisch der Ansicht war, dass die fehlenden Knochen vergangen seien, zeichnete er sie in seiner Skizze mit ein. Zum Zeitpunkt der Graböffnung fand keine anthropologische Untersuchung statt. Der Ausgräber war sich also nicht sicher, ob es sich um eine Totenfolge oder um ein gleichzeitig verstorbenes Kind handelt. Doch da nur die zwei Knochen gefunden wurden ist anzuzweifeln, ob überhaupt ein Kind bestattet wurde – möglicherweise waren die Knochen nur als Beigabe mit im Grab. Die Zeichnung Klopfleischs von der Totenhütte zeigt demnach nicht die tatsächliche Befundsituation, sondern bei den Skeletten eine Rekonstruktion nach Meinung des Ausgräbers.

Unterhalb des linken Fußes des Toten befand sich ein großes Tongefäß (ca. 35 cm hoch), welches mit Steinen umgeben war. Scherben von mehreren anderen Gefäßen fanden sich am Boden der Grablege. Am rechten Fuß lagen ein steinerner Amboss- oder Probierstein und ein Schuhleistenkeil aus Serpentin. An letzterem fanden sich Reste von Riemen zur Befestigung an einem Stiel. Dieser habe, nach Klopfleisch, bis zur rechten Hand des Toten gereicht.

Oberhalb davon wurden ein Stabdolch und drei Dolchklingen aus Bronze gekreuzt und Nord-Süd bzw. Ost-West orientiert niedergelegt. Die Dolche hatten ursprünglich Griffe aus Weißdorn- sowie Eschenholz, die mit breitem Bronzedraht umwickelt waren, und steckten in Dolchscheiden aus Leder und Eichenrinde. Dies konnte durch mikroskopische Untersuchungen festgestellt werden. Nahe beim rechten Fuß lagen zwei gekreuzte Randleistenbeile mit Resten der Holzstiele. Beim oberen Dolchpaar, in Reichweite der rechten Hand, lagen drei Bronzemeißel. Rechts neben dem Toten waren in Kopfhöhe mehrere Goldgegenstände niedergelegt. Dabei handelt es sich um zwei Ösenkopfnadeln, zwei Noppenringe, ein Spiralröllchen sowie einen Armring. Das Gesamtgewicht des Goldes beträgt 256,113 g.

In der Nähe des Grabhügels gab es weitere Funde der Aunjetitzer Kultur. 1953-1955 wurde bei Großbrembach ein Gräberfeld ausgegraben und im Jahre 2011 wurden bei Dermsdorf ein Beilhort sowie die Pfostensetzung eines frühbronzezeitlichen Langhauses entdeckt. Das Gebäude hat ein Fläche von 462 m² und ist damit eines der größten der mitteldeutschen Frühbronzezeit. Keramikfunde machen die zeitliche Nähe zum Fürstengrab wahrscheinlich, denn sie weisen ähnliche Verzierungen und Formen wie die Leubinger Beigaben auf. Vor der Stirnseite des Langhauses wurde ein umfangreicher, aus Bronzebeilen bestehender Hortfund gemacht, der auf eine herausragende Stellung der Bewohner des Hauses schließen lässt[5].

Interpretationen[Bearbeiten]

Interpretation der Beigaben[Bearbeiten]

Klinge eines Bronzedolches
Der Amboss- oder Probierstein aus dem Fürstengrab

Die „normale“ Beigabe in Gräbern der Aunjetitzer Kultur bestand aus nur einem Keramikgefäß. Bei etwa 10 % der Toten fand sich auch ein einzelner Bronzegegenstand, meist eine Axt. Die Toten lagen in der Regel in einfachen Erdgruben auf der linken Seite, die Arme und Beine angewinkelt (Hocker) in Nord-Süd-Ausrichtung.[6]

Der Tote im Grabhügel hingegen lag auf dem Rücken mit ausgestreckten Beinen (Strecker). Ihm wurden mehrere Gefäße sowie mehrere Bronze- und einige Goldartefakte mitgegeben. Diese Überausstattung[7], eine Repräsentation von Reichtum durch eine ungewöhnliche Beigabenfülle, wird vor allem anhand des Goldschmucks deutlich:

„Goldener Armschmuck ist in der entwickelten Frühbronzezeit in Mitteldeutschland und im Karpatenbecken erstmals nachgewiesen und wird sogleich zu einem vorrangigen Symbol von Macht und Status besonderer Vertreter einer männlichen Elite. In Mitteldeutschland wird dies durch eine entsprechende Prunkgrabsitte deutlich, für die es, bezogen auf die gehäufte Beigabe goldener Artefakte, keine Entsprechungen im übrigen zentralen Kontinentaleuropa gibt.“ [8]

Durch die Überausstattung einschließlich des Goldschmucks sowie den aufwändigen Hügelaufbau mit Totenkammer, Steinpackung und Erdaufschüttung hebt sich der Tote deutlich ab. Die ganze Art der Niederlegung kann auch weitergehend interpretiert werden: Als bewussten Rückgriff der neuen Eliten auf alte Bestattungssitten der Schnurkeramik im Neolithikum, um für sich selber eine lange Traditions- und Abstammungslinie zu konstituieren:

„Die in neolithischer Tradition errichteten Gräber der Aunjetitzer Kultur zeigen in direkter Weise die Vermittlung traditioneller Werte durch ein bestimmtes Individuum, sie zeigen auch deutlich dessen Berufung auf Deszendenzlinien im Gegensatz zur ‚Restbevölkerung‘, die in nicht-neolithischer Weise bestattet wurde; ihr scheinen die Abstammungsrechte abgesprochen oder zumindest nur für eine kurze Deszendenzlinie zugesprochen worden zu sein.“ [9]

Für die Traditionsthese spricht auch, dass dem Toten Steingeräte (Ambossstein und Schuhleistenkeil) mit ins Grab gegeben wurden. Der Schuhleistenkeil war eine typische Beigabe der Schnurkeramik, kam in der Aunjetitzer Kultur aber nicht mehr vor – nur in den Fürstengräbern.

Damit wird ein deutlicher Unterschied des Toten im Vergleich zur Restbevölkerung konstatiert. Wahrscheinlich ist diese herausgehobene Stellung auch durch religiöse Rituale betont worden. Die Dolche und Beile lagen in strenger Ausrichtung der Himmelsachsen (Ost-West nach Sonnenauf- und -untergang sowie Nord-Süd nach dem Mittagshöchststand) genauso wie der Tote selbst (Nord-Süd).

Es gibt durchaus unterschiedliche Meinungen, wie dies zu deuten sei. Aber Konsens herrscht darüber, dass der Tote einer Elite angehörte, die religiöse Macht (Kontrolle über Kulte) mit wirtschaftlicher Macht (Kontrolle über Metall-, Bronze- und Salzhandel) verband.

Interpretation der Bestattung[Bearbeiten]

Der Tote war Mitglied einer Elite. Seine Position in der Gesellschaft ist noch nicht endgültig geklärt.

Der Ausgräber Klopfleisch interpretierte ihn als den Herrscher des Gebietes. Er notierte in seinem Tagebuch die Beobachtung, dass die Steine der Grababdeckung aus einem Umkreis von bis zu 30 km um das Grab stammen. Dies stellte für ihn die Ausdehnung des Herrschaftsbereiches dar.

Da viele Beigaben aus Bronze sind bzw. in der Metallbearbeitung verwendet werden konnten, wird die Bestattung auch als ein Metallurgengrab interpretiert. Dagegen argumentiert François Bertemes:

„[Es] fanden sich im Grab drei Metallmeißel […] und ein schachtelförmiger, im Querschnitt rechteckiger Amboss, der eventuell auch als Probierstein gedient haben könnte. Amboss und Meißel lassen sich mit metallurgischen Aktivitäten in Verbindung bringen. Dass dieser `Fürst` aber selbst Schmied war, ist eher unwahrscheinlich. Vielmehr ist zu vermuten, dass die Werkzeuge als Symbole dafür dienen sollten, dass der wirtschaftliche Hintergrund seines Reichtums und seines Standes die Kontrolle der Kupferlagerstätten und der Metallurgiekette war.“ [10]

Martin Jahn sah ihn hingegen als Priester. Das mitgeopferte Kind solle ihn im Jenseits bedienen und für das Weiterleben nach dem Tod gäbe es die Tongefäße, welche Nahrung enthalten hätten.

Für Ilona Knapp ist in Leubingen eindeutig ein Häuptling begraben, der zu seiner Zeit die wirtschaftliche, religiöse und militärische Macht innegehabt habe. [11]

Mit den vielen unterschiedlichen Deutungen konstatiert Svend Hansen, dass die Grabhügel so ungewöhnlich und einzigartig sind, dass wir die Bedeutung des Bestatteten nicht genau erfassen können:

„Die ‚Fürstengräber‘ im Saale-Unstrut-Gebiet, insbesondere die Gräber von Leubingen und Helmsdorf, repräsentieren aufgrund des aufwendigen Grabbaus und ihrer reichhaltigen Bronze- und Goldbeigaben zweifellos die Spitze der frühbronzezeitlichen Sozialstruktur, soweit diese sich im archäologischen Fundniederschlag erfassen lässt. Die Ausstattungsfülle dieser Gräber erscheint im Vergleich sowohl zu zeitlich vorausgehenden Gräbern der Schnurkeramik- bzw. der Glockenbecherkultur als auch zu den zeitgleichen Frühbronzezeitkulturen in Mitteleuropa singulär. Daher fällt es schwer, ihr Erscheinungsbild aus einer historischen Entwicklung herzuleiten und ihr Verhältnis zu den zeitgleichen Bestattungen Mitteleuropas in soziale Termini zu bestimmen.“[12]

Vere Gordon Childe hatte in einem Artikel[13] die Fürstengräber in die historische Entwicklung eingeordnet und den Unterschied zu den zeitgleichen Bestattungen erklärt. Er bezog sich darauf, dass in einer Periode von ärmlich ausgestatteten Gräbern plötzlich so eine Überausstattung auftritt und konstatierte:

“We can thus formulate a general rule as follows: in a stable society the grave-goods tend to grow relatively and even absolutely fewer and poorer as times go on. In other words, less and less of the deceased`s real wealth, fewer and fewer of the goods that he or she had used, worn, or habitually consumed in life were deposited in the tomb or consumed on the pyre. The stability of a society may be upset by an invasion or immigration on a scale that requires a radical reorganisation or by contact between barbarian and civilized societies so that, for instance, trade introduces new sorts of wealth, new opportunities for acquiring wealth and new classes (traders) who do not fit in at once into the kinship organisation of a tribe.”
Sinngemäße Übersetzung: „So können wir die folgende Generalregel formulieren: In einer stabilen Gesellschaft werden die Grabbeigaben mit der Zeit weniger. Sie nehmen sowohl relativ als auch absolut ab. Anders ausgedrückt, von dem wirklichen Reichtum des Toten wird immer weniger mitgegeben. Die Güter, die er oder sie gebrauchten, trugen oder verwendeten, gelangen seltener mit in das Grab oder auf den Scheiterhaufen. Jedoch kann die Stabilität einer Gesellschaft gestört werden. Durch eine massive Einwanderung oder eine Invasion muss sich so eine Gesellschaft radikal neu orientieren. Auch durch Kontakte zu fortgeschritteneren Kulturen können alte Strukturen aufbrechen. Der Handel mit unbekannten Gütern bietet neue Möglichkeiten, Reichtum zu erwerben. Die neue Klasse der Händler, die ihren Besitz zeigt, kann allerdings nicht auf Anhieb in die Verwandtschaftsverhältnisse von Stämmen integriert werden.“

Genau dies scheint bei Leubingen der Fall zu sein: der Kontakt zu einer bronzeherstellenden Kultur in Böhmen und Mähren sowie die Kontrolle des Kupfer- und Zinnhandels nach Süden sowie den Bronzehandel nach Norden ermöglichte es den Zwischenhändlern, für sich Reichtum abzuschöpfen, den es vor der Bronzezeit nicht gegeben hatte. Diese neue Schicht liegt, laut Childe, in den Grabhügeln. Er würde die Toten eher als Händler denn als Fürsten ansprechen. Und es würde auch erklären, warum die Fürstengräber nicht im Zentrum der Aunjetitzer Kultur errichtet wurden, sondern in Kontaktflächen, die von dem Handel profitierten. Und ebenso würde diese Theorie plausibel machen, dass Fürstengräber nur in einer kurzen Epoche erscheinen, nicht in der ganzen Aunjetitzer Zeit. Wenn die neuen Eliten in die Führungsschicht integriert wurden oder der Handel zusammenbrach, wurden keine weiteren aufwändigen Gräber mehr errichtet.

Bis jetzt versuchten die Theorien, dem Bestatteten eine Position in der Stammesgesellschaft zuzuweisen. Einen anderen Ansatz verfolgt Tobias Kienlin, wenn er argumentiert, dass es die damals noch lebenden Menschen waren, die diese Gräber errichteten und den Toten auf seine außergewöhnliche Weise bestatteten. Nicht der Tote bestimmte, wie er niedergelegt würde, sondern die Gemeinschaft bestimmte, wie sie den Toten sah und damit, wie sie ihn ausstattete. Denn kollektive Elemente der Bestattung und die Bedeutung der Bestattungszeremonie seien nach Kienling wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die kulturelle Identität. In einer Zeit des Umbruchs - der Metallverwendung und der Hierarchiebildung – wären die Fürstengräber Ausdruck der Verunsicherung von traditionellen Gruppen (und nicht das Zeichen einer neuen Händlerschicht wie bei Childe). Durch ein gemeinschaftsstiftendes, rituelles Handeln würde versucht, der Verunsicherung zu begegnen.

„[…] noch werden die `Fürstengräber` in erster Linie dazu gedient haben, die noch instabilen Machtansprüche neuer Eliten zu festigen. Vielmehr galt es, in einer Umbruchphase Gemeinschaft zu wahren und kulturelle Kohärenz [Zusammenhalt] – weshalb auch dem Phänomen `Füstengrab` keine allgemeine Verbreitung oder längere Dauer beschieden war. Denn nicht Eliten dauern in erster Linie fort, die sich über kompetitives Handeln [Wettbewerb] oder Bezug zu Ahnen legitimieren mussten, sondern die Gesellschaft – vielleicht mit Ansätzen sozialer Hierarchien -, der die veränderte Welt der Metallzeit wieder zur Normalität geworden war.“[14]

Die unterschiedlichen Interpretationen der aufgefundenen Grabbeigaben zeigen, dass sich die Forschung nicht einig darüber ist, welche Stellung der Tote genau innehatte. Da es jedoch in jedem Fall eine herausgehobene Stellung war, ist die Bezeichnung „Fürstengrab“ eine gute Annäherung.

Vergleichbare Grabanlagen[Bearbeiten]

Der Grabhügel von Leubingen ist der bei weitem größte seiner Art. Ähnliche Grabhügel der Aunjetitzer Kultur existieren bei Helmsdorf (Gerbstedt) mit ebenfalls 34 m Durchmesser und bei Dieskau. Weitere 13 Grabhügel sind im mitteldeutschen Raum luftbildarchäologisch nachweisbar.

In der Leubinger Kultur stehen Grabhügel immer einzeln. Bei Łęki Małe (Klein Lenka) in Polen, etwa 70 km südlich von Posen, existiert eine Gruppe mit elf Grabhügeln der Aunjetitzer Kultur[15]. Sie waren nicht so reich ausgestattet wie das Prunkgrab von Leubingen, doch es fanden sich ebenfalls Bronzebeile, Dolche, Ösenkopfnadeln und einzelne Schmuckstücke aus Gold. Eine andere Gruppe dieser Grabhügel befindet sich im nahe gelegenen Bruszczewo.

Im Gebiet der Wessex-Kultur (2000 - 1600 v. Chr.) im Bereich von Wessex, Cornwall und der Bretagne finden sich ebenfalls Grabhügel. Ein bekanntes Beispiel ist jener von Kernonen, Region Plouvorn/Bretagne. Diese weisen, vergleichbar mit der Leubingen Bestattung, ebenfalls eine Überausstattung mit kreuzförmig übereinandergelegten Dolchen auf.

„Die ‚Fürstengräber‘ in Wessex, der Bretagne und in Mitteldeutschland sind schon lange in einem engen Zusammenhang gesehen worden. Besonders hervorzuheben ist, dass in diesen drei Zentren die Beigabe von `Waffenarsenalen` nachweisbar ist: Insbesondere die bretonischen Gräber repräsentieren einen `Kult um die Klinge`. […] In diesen Oberschichtgräbern der Frühbronzezeit materialisiert sich somit eine Idee, die schwerlich in drei unterschiedlichen Regionen unabhängig voneinander aufgekommen sein dürfte, sondern vielmehr als das Ergebnis eines Kommunikationszusammenhangs gedeutet werden kann.“[16]

Auch in der El-Argar-Kultur, die im Südosten Spaniens zwischen 1800 und 1300 v. Chr. verbreitet war, gab es Gräber mit reicher Ausstattung, inklusive Goldbeigaben, bei denen Tote in Nord-Süd-Ausrichtung niedergelegt wurde.[17]

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Bartelheim: Schmiedefürsten oder Großbauern? Eliten und Metalle in der Frühbronzezeit Mitteleuropas. In: Der Griff nach den Sternen …, Bd. 2, S. 865–880.
  • François Bertemes: Die Metallurgengräber der zweiten Hälfte des 3. und der ersten Hälfte des 2. Jt. v. Chr. In: Der Griff nach den Sternen …, Bd. 1, S. 131–162.
  • Vere Gordon Childe: Directional changes in Funerary Practices during 50.000 years. In: Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland: Man, Vol. 45 (Jan. - Feb. 1945), S. 13 - 19
  • Sigrid Dušek: Ur- und Frühgeschichte Thüringens. Theiss, Stuttgart 1999, S. 74. ISBN 3-8062-1504-9.
  • Svend Hansen: „Überausstattung“ in Gräbern und Horten der Frühbronzezeit. In: Johannes Müller (Hrsg.): Vom Endneolithikum zur Frühbronzezeit: Muster sozialen Wandels? Tagung Bamberg 2001, Universitätsforschung zur Prähistorischen Archäologie 90, Bonn 2002, S. 151-173.
  • Paul Höfer: Der Leubinger Grabhügel. In: Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder, Ausgabe 5, 1906, S. 1-59.
  • Tobias L. Kienlin: Der „Fürst“ von Leubingen – Herausragende Bestattungen der Frühbronzezeit. In: Kümmel/Schweizer/Veit (Hrgg): Körperinszenierung - Objektsammlung – Monumentalisierung, Tübingen 2008, ISBN 978-3-8309-2004-5.
  • Ilona Knapp: „Fürst“ oder „Häuptling“? Eine Analyse herausragender Bestattungen der frühen Bronzezeit. In: Archäologische Informationen 22/2, 1999, S. 261–268.
  • Harald Meller, François Bertemes (Hrsg.): Der Griff nach den Sternen – Wie Europas Eliten zu Macht und Reichtum kamen (= Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale), Bd.5). 2 Bde., Halle 2010, ISBN 978-3-939414-28-5.
  • Carola Metzner-Nebelsick: Die Ringe der Macht – Überlegungen zur Kontinuität frühbronzezeitlicher Herrschaftssymbole in Europa. In: Der Griff nach den Sternen …, Bd. 1, S. 177–198.
  • Volker Pingel: Die Goldfunde der Argar-Kultur. In: Madrider Mitteilungen 33, 1992, S. 6-24.
  • Schwarz: Reich geworden durch Kupfer und Salz? In: Harald Meller (Hrsg.): Schönheit, Macht und Tod. 120 Funde aus 120 Jahren, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Begleitband zur Sonderausstellung, Halle (Saale), 2001, S. 62-63.
  • Christian Strahm: Die ökonomischen und ideellen Bedingungen der Formation frühbronzezeitlicher Eliten. In: Der Griff nach den Sternen …. Bd. 1, S. 163–176.
  • Silvester Tamas: Hort- bzw. Depotfunde der Frühbronzezeit in Mitteldeutschland und ihr indikatorischer Wert für den Nachweis sozialer Eliten. Friedrich-Schiller-Universität Jena 2007 .
  • Herbert Ullrich: Das Aunjetitzer Gräberfeld von Großbrembach. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringens, Weimar 1972.
  • Bernd Zich: Die Fürstengräber von Leubingen und Helmsdorf. In: Harald Meller (Hrsg): Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren. Begleitband zur Sonderausstellung, Halle (Saale), 2004, S. 156-157.
  • Bernd Zich: Studien zur regionalen und chronologischen Gliederung der nördlichen Aunjetitzer Kultur. Berlin-New York 1996, ISBN 3-11-014327-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Fürstengrab von Leubingen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Axel Stelzner: Thüringen. Blätter zur Landeskunde. Tabellen zur Geschichte Thüringens. (PDF-Datei; 57 kB), 'Landeszentrale für politische Bildung THÜRINGEN., 9. überarbeitete Auflage, Jena 2012
  2. Bernd Becker, Rüdiger Krause, Bernd Kromer: Zur absoluten Chronologie der frühen Bronzezeit. In: Germania 67, 2, 1989, S. 421-442. ISSN 0016-8874
  3. Ilona Knapp: Fürst oder Häuptling? Eine Analyse der herausragenden Bestattungen der frühen Bronzezeit. In: Archäologie Digital. T. 1. Freiburg 2001, S. 53. ISBN 3-935846-00-2
  4. Paul Höfer: Der Leubinger Grabhügel. In: Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder 5, 1906, S. 1-59
  5. Katharina Bolle: Fürstliches Wohngebäude aus der Bronzezeit entdeckt. In: EPOC2011, 4. ISSN 1865-5718
  6. Herbert Ullrich: Das Aunjetitzer Gräberfeld von Großbrembach. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringens, Weimar 1972
  7. S. Hansen: „Überausstattung“ in Gräbern und Horten der Frühbronzezeit. In: J. Müller (Hrsg.): Vom Endneolithikum zur Frühbronzezeit: Muster sozialen Wandels?; Tagung Bamberg 2001, Universitätsforschung zur Prähistorischen Archäologie 90, Bonn 2002, S. 151-173
  8. Carola Metzner-Nebelsick: Die Ringe der Macht – Überlegungen zur Kontinuität frühbronzezeitlicher Herrschaftssymbole in Europa. In: Der Griff nach den Sternen …, Bd. 1, S. 194
  9. Ilona Knapp: „Fürst“ oder „Häuptling“? Eine Analyse herausragender Bestattungen der frühen Bronzezeit. In: Archäologische Informationen 22/2, 1999, S. 266
  10. François Bertemes: Die Metallurgengräber der zweiten Hälfte des 3. und der ersten Hälfte des 2. Jt. v. Chr. In: Der Griff nach den Sternen …, Bd. 1, S. 154
  11. Ilona Knapp: „Fürst“ oder „Häuptling“? Eine Analyse herausragender Bestattungen der frühen Bronzezeit. In: Archäologische Informationen 22/2, 1999, S. 261–268
  12. Svend Hansen: „Überausstattung“ in Gräbern und Horten der Frühbronzezeit. In: J. Müller (Hrsg.): Vom Endneolithikum zur Frühbronzezeit: Muster sozialen Wandels?. Tagung Bamberg 2001, Universitätsforschung zur Prähistorischen Archäologie 90, Bonn 2002, S. 151
  13. Vere Gordon Childe: Directional changes in Funerary Practices during 50.000 years. In: Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland: Man, Vol. 45 (Jan. - Feb. 1945), S. 13 - 19
  14. Tobias L. Kienlin: Der „Fürst“ von Leubingen – Herausragende Bestattungen der Frühbronzezeit. In: Kümmel/Schweizer/Veit (Hrsg): Körperinszenierung - Objektsammlung – Monumentalisierung. Tübingen 2008, S. 200
  15. Wolfram Euler, Konrad Badenheuer: Sprache und Herkunft der Germanen - Abriss des Protogermanischen vor der Ersten Lautverschiebung. London/Hamburg 2009, S. 50. ISBN 3-9812110-1-4
  16. S. Hansen: „Überausstattung“ in Gräbern und Horten der Frühbronzezeit. In: Johannes Müller (Hrsg.): Vom Endneolithikum zur Frühbronzezeit: Muster sozialen Wandels? Tagung Bamberg 2001, Universitätsforschung zur Prähistorischen Archäologie 90, Bonn 2002, S. 153-154
  17. Volker Pingel: Die Goldfunde der Argar-Kultur. In: Madrider Mitteilungen 33, 1992, S. 6-24