Mähren

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Mähren (Begriffsklärung) aufgeführt.
Landesteile Tschechiens:
Wappen von Mähren
Historische Flagge von Mähren

Mähren (auch Morawien), tschech. und slowak. Morava, Aussprache?/i; lat. Moravia, ist eines der drei historischen Länder Tschechiens. Im 9. Jahrhundert bestand auf dem Gebiet Mähren und der Slowakei das Großmährische Reich, das den ältesten bedeutenden slawischen Staat darstellt. Anfang des 11. Jahrhunderts wurde Mähren ein Land der Böhmischen Krone.

Mähren liegt östlich von Böhmen und ist heute Teil der Tschechischen Republik. Es grenzt im Norden an Schlesien, im Süden an Österreich und im Osten an die Slowakei. Der tschechische Name des Landes ist gleichlautend mit dem des Flusses March (Morava), dessen nördliches Einzugsgebiet Mähren bildet.

Geografie[Bearbeiten]

Mähren bildet das östliche Drittel Tschechiens. Nicht zum eigentlichen Mähren zählen die Quellgebiete der Oder von Krnov und Opava gegen Ostrava, die historisch zum tschechischen Teil Schlesiens gehören.

Das Statistische Jahrbuch der Österreichischen Monarchie für das Jahr 1864 gibt für das Land Mähren eine Fläche von 403,77 Geographischen Quadratmeilen an, was 22.233 km² entspricht.

Mähren grenzt im Norden an Polen und den tschechischen Teil Schlesiens, im Osten an die Slowakei, im Süden an Niederösterreich und im Westen an Böhmen. Die Nordgrenze bilden die Sudeten, die nach Osten und Südosten in die Karpaten übergehen. Das historische Dreiländereck mit Böhmen und Österreich befindet sich an der Spitze der Böhmischen Saß am Hohen Stein bei Staré Město pod Landštejnem. An der Grenze zu Österreich fließt die stark mäandrierende Thaya; im Umkreis von Hardegg befindet sich der bilaterale Nationalpark Thayatal.

Den Kern des Landes (Höhenlage 180–250 m) bildet das Sedimentbecken der March und teilweise der Thaya. Im Westen (Böhmisch-Mährische Höhe) steigt das Land bis über 800 m, der höchste Berg ist jedoch der im Nordwesten liegende Altvater (1490 m) in den Sudeten. Südlich davon liegt das Hochland Niederes Gesenke (600–400 m), das bis zum Oberlauf der Oder (Mährische Pforte bei Hranice na Moravě) auf 310 m absinkt und weiter zu den Beskiden auf 1322 m (Kahlberg) ansteigt. Diese drei Gebirgsketten, mit der Pforte zwischen den letzten beiden, sind ein Teil der europäischen Wasserscheide. Die Ostgrenze bilden die Weißen Karpaten mit maximal 970 m n.m. (Velká Javořina).

Bevölkerung[Bearbeiten]

Die Bevölkerung besteht heute ganz überwiegend aus Tschechen, die sich auch als Mährer verstehen, um die regionale Eigenständigkeit zu betonen. Hinzu kommen Roma, Slowaken und die alteingesessenen Polen. Fast alle Angehörigen der ethnischen Minderheiten besitzen die tschechische Staatsbürgerschaft.

Bis 1945 bestand die Bevölkerung Mährens zu etwas mehr als einem Viertel aus Deutschmährern. Nach den Ergebnissen der österreichisch-ungarischen Volkszählung 1910 betrug der tschechische Bevölkerungsanteil an der damaligen Gesamtbevölkerung Mährens (2.622.000 Einwohner) 71,8 % und der deutsche Bevölkerungsanteil 27,6 %.[1] Die Deutschmährer wurden 1945/46 infolge der sogenannten Beneš-Dekrete größtenteils enteignet und vertrieben.

Ethnografische Gebiete[Bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Das heutige Mähren entwickelte sich schon in der vorgeschichtlichen Zeit beiderseits der Bernsteinstraße. Um 60 v. Chr. zogen die keltischen Boier aus dem Gebiet ab und wurden durch germanische Markomannen und Quaden ersetzt, welche um 550 n. Chr. zusammen mit den Rugiern in das Alpenvorland weiterzogen. Im 6. Jahrhundert besiedelten die slawischen Mährer die Region. Im 7. Jahrhundert gehörte das heutige Mähren zum Reich des Samo. Anfang des 8. Jahrhunderts stand der südliche Teil im Einflussbereich der Awaren. Nachdem Karl der Große die Awaren vertrieben hatte, entstand gegen Ende des 8. Jahrhunderts im heutigen südöstlichen Mähren, Teilen der südwestlichen Slowakei (Záhorie) und später auch in Teilen Niederösterreichs das Mährische Fürstentum. Aus ihm wurde im Jahre 833 durch die Eroberung des Fürstentums Nitra (die heutige Slowakei und Teile des nördlichen Ungarns) der Staat Großmähren, der später zeitweise auch verschiedene große Nachbargebiete (Teile Böhmens, heutiges Ungarn, Weichsel-Gebiet u. a.) beherrschte. 863 berief der mährische Herrscher Rastislav die beiden byzantinischen Mönche Kyrill und Method, die das Christentum einführten.

Mittelalter[Bearbeiten]

Das Großmährische Reich unterlag um 907 im Kampf gegen die vordringenden Ungarn. Die heutige Slowakei wurde in das von der Dynastie der Arpaden beherrschte ungarische Fürstentum (später Königreich) eingegliedert und blieb bis 1918 unter dem Namen Oberungarn ein Land der Stephanskrone.

Das heutige Mähren war nach der verheerenden Niederlage gegen die Ungarn für kurze Zeit noch unabhängig und kam etwa 955 unter böhmische Oberhoheit. Nachdem es von 999 bis 1019 kurzzeitig von Polens Herrscher Boleslaw Chrobry regiert wurde, wurde Mähren 1031 endgültig zu einem Land der Böhmischen Krone (Wenzelskrone). Das Fürstentum und nachher Königreich Böhmen wurde von der Dynastie der Přemysliden regiert, und zwar bis zu ihrem Aussterben in männlicher Linie im Jahr 1305 (Ermordung des Königs Václav III.) Über längere Zeit bestanden in Mähren drei regionale Fürstentümer, deren Herrscher allesamt aus der Dynastie der Přemysliden stammten. Die Zentren dieser Fürstentümer waren Brünn (Brno), Olmütz (Olomouc) und Znaim (Znojmo).

Seit dem Jahr 1031 verläuft die mährische Geschichte fast ununterbrochen parallel zur Geschichte Böhmens. 1182 wurde Mähren zur Markgrafschaft erhoben und damit reichsunmittelbar, jedoch 1197 wieder der böhmischen Lehnshoheit unterstellt. Nach dem Aussterben der Přemysliden wurde das Königreich bis 1437 vom Haus Luxemburg regiert. Die Dynastien der Přemysliden und der Luxemburger stellten auch die mährischen Markgrafen, so u.a. den späteren König Ottokar II. Přemysl, den späteren König und Kaiser Karl IV. und dessen Neffen, den größtenteils selbständig herrschenden Markgrafen Jobst von Mähren. Während der bewegten Hussitenzeit blieben die meisten mährischen Adligen dem katholischen Glauben und dem böhmischen sowie ungarischen König und späteren Kaiser Sigismund von Luxemburg treu.

Auch während der Herrschaft des minderjährigen böhmischen Königs Ladislaus Postumus (eines Habsburgers, * 1440, + 1447) und der Regentschaft und nachfolgenden Regierungszeit des utraquistischen Königs Georg von Podiebrad (* 1420, + 1471) blieb Mähren eher auf der katholischen Seite.

Karten Mährens von 1742
Historisches Wappen von Mähren

1469 rückte der ungarische König Matthias Corvinus mit seiner Streitmacht nach Mähren ein, um seinen Schwiegervater Georg von Podiebrad, dessen Tochter Katharina er 1461 geheiratet hatte, als böhmischen König zu stürzen. Auf Wunsch der Grünberger Allianz ließ er sich in Olmütz 1469 zum böhmischen Gegenkönig wählen. Papst Paul II. unterstützte seinen Kampf gegen die Türken und die böhmischen "Häretiker". Der plötzliche Tod Podiebrads 1471 kam Matthias Corvinus bei der Durchsetzung seiner Ziele zu Hilfe. Matthias konnte aber das eigentliche Böhmen nie erobern, seine Herrschaft erstreckte sich nur über die böhmischen Nebenländer Mähren, Schlesien (mit Breslau), Ober- und Niederlausitz. Trotzdem nannte er sich seit 1469 böhmischer König und ließ sich 1471 krönen. Der Kampf um den böhmischen Thron wurde erst 1479 durch den Frieden von Olmütz beendet, in dem das Königreich Böhmen zeitweise unter Vladislav II. und Matthias Corvinus aufgeteilt wurde.[2] In Böhmen selbst behauptete sich der von den dortigen Ständen erwählte Vladislav II. Jagellonský, der später auch die Nachfolge des Matthias Corvinus in Ungarn antreten sollte.

Es war noch der weitsichtige Georg von Podiebrad, der den Weg auf den böhmischen Thron für die beiden Jagiellonen, die Könige Vladislav II. und seinen Sohn Ludwig Jagellonský ebnete. Nach den langen Jahren der Herrschaft von Vladislav II. kam jedoch der plötzliche Tod (Ertrinken in einem Fluss) von Ludwig II. nach der Niederlage des ungarischen Heeres in der Schlacht bei Mohács (1526) gegen die Osmanen. Aufgrund der vorher geschlossenen Verträge trat nunmehr das Haus Habsburg die Herrschaft sowohl im Königreich Böhmen mit allen seinen Nebenländern als auch in Ungarn an. Das Königreich Böhmen und mit ihm die Markgrafschaft Mähren wurden von diesem Haus in der Folgezeit fast ununterbrochen bis 1918 regiert. Zunächst war noch Prag effektiver Regierungssitz, insbesondere in der Zeit des Königs und Kaisers Rudolf II., der selbst in Prag residierte. Nach 1621 wurden die böhmischen wie auch die mährischen Regierungsgeschäfte größtenteils nach Wien verlagert.

Historische Hauptstadt Mährens und formeller Sitz der Markgrafen war seit der Herrschaft der Luxemburger bis 1641 das zentral gelegene Olmütz. Danach wurde das größere Brünn die formelle Hauptstadt des Landes.

Neuzeit[Bearbeiten]

Als Markgrafschaft Mähren bildete das Land im Kaisertum Österreich bzw. seit 1867 in der westlichen Reichshälfte Österreich-Ungarns ein eigenes Kronland. Nach dem Ausscheiden Ungarns aus dem Kaisertum und der Schaffung der Realunion Österreich-Ungarn 1867 wurden die verbliebenen Kronländer amtlich als Cisleithanien bzw. die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder bezeichnet.

Karte der böhmischen Länder von 1892, die Grenzen Mährens sind gelb dargestellt

Mähren wählte Abgeordnete in den Wiener Reichsrat und besaß einen eigenen Landtag und eine Landesausschuss genannte Landesregierung. 1905 wurde ein Kompromiss zwischen den beiden stärksten Ethnien in Mähren geschlossen, der als der Mährische Ausgleich in die Geschichte eingegangen ist, wonach die Landtagsabgeordneten der Deutschen und der Tschechen in ethnisch getrennten Wahlkreisen gewählt wurden. Im Sinne eines angestrebten österreichisch-tschechischen Ausgleichs zielte dieser Kompromiss auf ein konfliktfreies Zusammenleben der beiden Völker in Mähren. Tomáš Garrigue Masaryk meinte:[3]

„Meine Heimat war nie so glücklich wie als Bestandteil der österreichisch-ungarischen Monarchie.“

Tomáš Masaryk

Nach 1918[Bearbeiten]

Mit der Gründung der Tschechoslowakei am 28. Oktober 1918 wurde Mähren Teil des neuen Staates, der sich einerseits als Nachfolgestaat des Königreiches Böhmen mit seinen Nebenländern verstand, andererseits auch die Idee des Tschechoslowakismus in die Wiege gelegt bekommen hatte. In seinen Grenzgebieten gab es jedoch seitens der deutschsprachigen Bevölkerung zunächst Bestrebungen, diese Landstriche von der Tschechoslowakei abzutrennen und den benachbarten Staaten, d.h. dem Deutschen Reich und der Republik Österreich (Deutschösterreich) anzugliedern. Alle diese Gebiete, so auch die von Deutschmährern besiedelten südmährischen Gebiete, wurden jedoch schnell von tschechoslowakischen Truppen besetzt. Die Teilnahme an der Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung Deutschösterreichs Anfang 1919 wurde in Südmähren von der Tschechoslowakischen Republik verhindert. Letztlich trog auch die Hoffnung, das von US-Präsident Woodrow Wilson beworbene Selbstbestimmungsrecht der Völker würde sich bei den 1919 geführten Friedensverhandlungen (siehe: Friedensvertrag von Saint-Germain) zu Gunsten der deutschen Südmährer durchsetzen. Den Bestrebungen, das Gebiet der Republik Österreich de facto um historische Gebiete Mährens zu vergrößern, standen die beiden europäischen Siegermächte Vereinigtes Königreich und insbesondere Frankreich ablehnend gegenüber.

In der Tschechoslowakischen Republik behielt Mähren seine Stellung als Land. Den westlichen Teil der Tschechoslowakei bildeten die mehrheitlich tschechisch besiedelten Länder Böhmen und Mähren, deren Grenzgebiete jedoch einen hohen Anteil von Deutschböhmen und Deutschmährern aufwiesen, sowie das mehrheitlich von deutschsprachiger Bevölkerung besiedelte Land Mährisch-Schlesien. Das Gebiet des letztgenannten, relativ kleinen Landes entsprach dem Großteil des ehemaligen Österreichisch-Schlesiens. Mährisch-Schlesien, in dem auch viele ethnische Tschechen und Polen lebten, wurde nach einigen Jahren in die mährische Landesverwaltung eingegliedert. Die deutschsprachige Bevölkerung Böhmens, Mährens und Mährisch-Schlesiens sowie der Slowakei erhielt, wie auch die meisten anderen nicht zum offiziell proklamierten tschechoslowakischen Volk gehörenden Einwohner, die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit. Die deutschsprachige Bevölkerung blieb bis zu ihrer Vertreibung (sog. odsun) in den Jahren 1945/46 zahlenmäßig weitgehend intakt. Über ihre staatsbürgerlichen, kulturellen und sonstigen Rechte und deren Wahrung in der sog. Ersten Tschechoslowakischen Republik wird noch immer kontrovers geurteilt.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

In der Zeit des Nationalsozialismus gingen am 1. Oktober 1938 auf Grund des zu Lasten der Tschechoslowakei geschlossenen Münchner Abkommens überwiegend deutsch besiedelte Gebiete in Nord- und Südmähren an das Deutsche Reich über und wurden bis zum 10. Oktober militärisch besetzt. Diese Gebiete wurden damals (und werden in der Literatur außerhalb Tschechiens vielfach auch heute) zusammen mit den deutsch besiedelten Randgebieten Böhmens unter dem Begriff Sudetenland subsumiert. Die restlichen, ganz überwiegend von Tschechen besiedelten Gebiete Böhmens und Mährens wurden am 15. März 1939 von der deutschen Wehrmacht besetzt und von Nazi-Deutschland zum Protektorat Böhmen und Mähren erklärt.

Am 14. April 1939 wurde das nordmährische Annexionsgebiet dem neu gebildeten Reichsgau Sudetenland zugeteilt. Das südmährische Gebiet wurde dem Reichsgau Niederdonau, dem vormaligen Niederösterreich, zugeschlagen. Im Nordosten des tschechoslowakischen Landes Mähren-Schlesien wurde ein kleiner Gebietsteil dem Reichsgau Oberschlesien angeschlossen. Die so genannten Sudetendeutschen bzw. Deutschmährer waren seit 1938 deutsche Staatsbürger und hatten in der Wehrmacht zu dienen; 1945 diente unter anderem dies als Argument für ihre Vertreibung.

Die mährischen Ressourcen und Industriebetriebe wurden für die deutsche Kriegswirtschaft genutzt. Die tschechische Bevölkerung sollte nach dem Krieg zum Teil germanisiert, zum Teil ausgesiedelt werden. Die tschechische Protektoratsregierung in Prag war vom „Reichsprotektor“, wie der oberste deutsche Funktionär im Gebiet genannt wurde, völlig abhängig. Bereits vor dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich wurde gegen die tschechische Bevölkerung des Protektorats mit sehr repressiven Maßnahmen vorgegangen. Nach diesem gelungenen Attentat wurden im ganzen Protektorat mehrere Hundert Personen, die mit dem Attentat selbst in keiner Verbindung standen, widerrechtlich zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die tschechischen Universitäten und Hochschulen im gesamten Protektorat Böhmen und Mähren wurden bereits im Jahr 1939 von der Besatzungsmacht verboten und aufgelöst. Die tschechischen Gymnasien und sonstigen Bildungseinrichtungen unterhalb des Hochschulniveaus durften bis 1945 bestehen bleiben. Hingegen funktionierte z.B. die Deutsche Technische Hochschule Brünn während der gesamten Protektoratszeit bis 1945.

Nach 1945[Bearbeiten]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 kamen die durch das Münchener Abkommen von 1938 an das Deutsche Reich 1933 bis 1945 gelangten Territorien wieder zur Tschechoslowakei zurück.[4]

In den Jahren 1945 und 1946 entlud sich die während der Protektoratszeit ständig gewachsene Spannung zwischen den tschechischen und deutschen Bevölkerungsteilen. Bis auf eine relativ kleine Anzahl von Personen, etwa aus ethnisch gemischten Ehen oder wichtigen Berufen, wurden die deutschmährischen Bürger, beginnend bereits Mitte Mai 1945, sowohl spontan als auch vorsätzlich wild über die Grenze nach Österreich und Deutschland vertrieben.[5] Andere wiederum flüchteten vor den Misshandlungen und Gewalttaten. Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges nahmen am 2. August 1945 im Potsdamer Protokoll, Artikel XIII, zu den wilden und kollektiv verlaufenden Vertreibungen der deutschen Bevölkerung konkret nicht Stellung. Explizit forderten sie jedoch einen „geordneten und humanen Transfer“ der „deutschen Bevölkerungsteile“, die „in der Tschechoslowakei zurückgeblieben sind“.[6][7] Zwischen dem Februar und Oktober 1946 erfolgte die offizielle ordnungsgemäße und humane Zwangsaussiedlung der deutschen Bürger aus Mähren.[8] Im Bericht von Francis E. Walter an das US-Repräsentantenhaus wurde vermerkt, dass die Transporte keineswegs dieser Bestimmung entsprachen.[9] Alles private und öffentliche Vermögen der deutschen Mährer wurde durch das Beneš-Dekret Nr. 108 konfisziert[10], das Vermögen der deutschen evangelischen Kirche durch das Beneš-Dekret Nr. 131 liquidiert.

Die Zahl der Vertreibungstoten, deren Namen und Schicksal bekannt sind, wird für Südmähren mit 637 Personen angegeben.[11] Weiters forderte der „Brünner Todesmarsch” (30. Mai 1945) nach heutigen Erkenntnissen zwischen 1.700 und 5.200 Menschenleben, davon sollen mindestens 890 im Lager Pohořelice ums Leben gekommen sein. Eine juristische Aufarbeitung des Geschehens hat nicht stattgefunden. Das Beneš-Dekret Nr. 115/1946 erklärte bis 28. Oktober 1945 begangene Handlungen im Kampfe zur Wiedergewinnung der Freiheit ..., oder die eine gerechte Vergeltung für Taten der Okkupanten oder ihrer Helfershelfer zum Ziel hatte, ... für nicht widerrechtlich.[12][13]

Die noch heute in Mähren lebenden Angehörigen der deutschen Minderheit in Tschechien, für die oft der Überbegriff Sudetendeutsche verwendet wird,[14] identifizieren sich selbst häufig nicht mit dieser Bezeichnung.

Die nach 1945 ausschließlich vom tschechischen Klerus geführte römisch-katholische Kirche wurde während der kommunistischen Ära in allen Landesteilen der Tschechoslowakei weitgehend enteignet. Eine Entschädigung ihres Vermögens ist seitens der Tschechischen Republik bisher nicht erfolgt. Sie ist jedoch nach langen parlamentarischen Beratungen im Jahr 2013 für alle anerkannten kirchlichen Gemeinschaften gesetzlich verankert worden, so dass vielfach mit der Rückgabe des konfiszierten Eigentums der Kirchen gerechnet wird.

Seit dem 1. Januar 1993 ist Mähren integraler Bestandteil der Tschechischen Republik, eines der zwei Nachfolgestaaten der Tschechoslowakischen Föderativen Republik, die zum Jahresende 1992 einvernehmlich und völkerrechtsverbindlich aufgelöst wurde.

Verwaltungsgliederung[Bearbeiten]

Alte mährische Kreise[Bearbeiten]

Der böhmische König, gleichzeitig Markgraf von Mähren und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Karl IV. begann in der Mitte des 14. Jahrhunderts, sein Königreich in große Verwaltungseinheiten einzuteilen. Eine solche Verwaltungseinheit hieß in den Urkunden auf deutsch Kreis, auf tschechisch kraj und auf lateinisch circulus. In Mähren bestanden zwischen zwei und sechs solcher Kreise.

Die Anzahl der Kreise und somit auch deren Größe änderte sich mehrmals. Diese Kreiseinteilung galt bis 1862, spielte aber schon kurz nach der Revolution von 1848 praktisch keine Rolle mehr für die Verwaltung.

Politische Bezirke und Gerichtsbezirke ab 1850[Bearbeiten]

Ab 1850 wurden in allen Gebieten der Monarchie außer Ungarn die alten großen Kreise durch politische Bezirke (der Exekutive) ersetzt, von denen jeder aus einem oder mehreren Gerichtsbezirken (der Judikative) bestand. In den österreichischen Bundesländern besteht diese Einteilung bis heute. Normalerweise war ein politischer Bezirk (tschechisch: politický okres) kleiner als ein ehemaliger alter Kreis, und ein Gerichtsbezirk (tschechisch: soudní okres) ist kleiner als ein Politischer Bezirk. Mähren hatte 32 politische Bezirke.

Die nachfolgende Bezirkeinteilung galt, abgesehen von kleineren Änderungen, auch in der Ersten Tschechoslowakischen Republik weiter:

Datschitz, Iglau, Trebitsch, Mährisch Budwitz, Neustadtl in Mähren, Groß Meseritsch, Tischnowitz, Mährisch Kromau, Znaim, Mährisch Schönberg, Hohenstadt, Mährisch Trübau, Boskowitz, Brünn, Auspitz, Nikolsburg, Römerstadt, Sternberg, Littau, Olmütz, Prossnitz, Prerau, Wischau, Kremsier, Ungarisch Hradisch, Gaya, Göding, Bärn, Neutitschein, Mährisch Weißkirchen, Wallachisch Meseritsch, Holleschau, Ungarisch Brod, Mährisch Ostrau, Mistek, Wesetin.

Für die gleichzeitige Entwicklung in Böhmen und der Slowakei, siehe Okres.

Kreise und Bezirke unter deutscher Besatzung[Bearbeiten]

Aufgrund des Münchner Abkommens vom 29. September 1938 wurde der vorwiegend deutschsprachige Teil Nordmährens dem Reichsgau Sudetenland des Deutschen Reichs zugeschlagen, südmährische Gebiete mit deutscher Bevölkerungsmehrheit wurden dem Reichsgau Niederdonau angegliedert. Das annektierte Gebiet wurde in Stadt- und Landkreise eingeteilt; übergeordnet waren Regierungsbezirke. Der restliche Teil Mährens im Protektorat Böhmen und Mähren blieb weiterhin in politische Bezirke und Gerichtsbezirke eingeteilt, wobei allerdings über je einer Gruppe von Politischen Bezirken noch ein Oberlandratsbezirk eingeführt wurde.

Im gesamten Reichsgau Sudetenland gab es 5 Stadtkreise und 52 Landkreise. Im Protektorat Böhmen und Mähren gab es 67 böhmische und 30 mährische politische Bezirke. Diese Verwaltungsgliederung galt bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Heutiger Stand[Bearbeiten]

Die Gebiete der heutigen tschechischen Kreise (okresy, diese wurden jedoch formell aufgelöst) bzw. Bezirke (kraje) spiegeln nur teilweise die Gebiete der historischen Länder wider. Einige Bezirke umfassen aus historischer Sicht sowohl mährische als auch schlesische Gebiete oder vielfach mährische und böhmische Gebiete. Das historische Mähren ist heute auf folgende Bezirke verteilt (vom Westen nach Osten und vom Norden nach Süden): Ostteil des Bezirkes Pardubice, Südostteil des Südböhmischen Bezirkes, die Osthälfte des Bezirkes Vysočina, der gesamte Südmährische Bezirk, Mehrheit des Olmützer Bezirkes, Teile des Mährisch-Schlesischen Bezirkes sowie der gesamte Bezirk Zlín.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Im Süden bei Hodonín und Břeclav hat Mähren Anteil am Wiener Becken, in dessen tieferen Sedimenten nach Erdöl, Erdgas und Lignit gebohrt wird. Es gab dem Moravikum seinen geologischen Namen. Bei Ostrava (Nordosten) wurde bis etwa 1995 intensiv Steinkohle abgebaut.

Als wichtige Industriezweige sind in Mähren Eisen- und Stahlindustrie, Maschinenbau, Chemische Industrie wie auch die Herstellung von Bekleidung, Leder und Baustoffen hervorzuheben. Wichtige Wirtschaftszentren sind Brno (früher mährisches Manchester genannt), Olomouc, Ostrava und Zlín. Die moderne Stadt Zlín wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von den Tomáš Baťa-Werken geprägt. Das nordmährischen Schwerindustrie- und Bergbaugebiet gehörte bereits zu der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie zu den wichtigsten Industrieregionen Europas. In einer der modernsten Autofabriken weltweit, gelegen in der Industriezone Nošovice (Kreis Frýdek-Místek), werden seit September 2009 Personenwagen des koreanischen Konzerns Hyundai Motor Company überwiegend für den Export auf westeuropäische Märkte hergestellt.

Die Wirtschaft Tschechiens und somit auch Mährens ist seit den umfangreichen Privatisierungen und Restitutionen der frühen 90. Jahre des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich privatwirtschaftlich organisiert. Sie ist vor allem auf die Märkte in der Europäischen Union ausgerichtet, davon zum erheblichen Teil auf die Märkte Deutschlands und Österreichs. Dies ist auch dadurch bedingt, dass zahlreiche Betriebe sich im Besitz von Unternehmen aus EU-Ländern befinden.

Neben der intensiven, z. T. großflächigen Landwirtschaft (Getreide, Raps, Zuckerrüben usw.) im Gebiet der Hanna (Mähren), in der Mährischen Slowakei und in anderen Gebieten ist Mähren für seinen Weinbau und den Obst- und Gemüsebau bekannt. Das südmährische Weinanbaugebiet bringt rund 90 % des in Tschechien produzierten Weines hervor. In den letzten 23 Jahren, d.h. seit der Privatisierung der gesamten Wirtschaft, wurden im Weinanbau große Fortschritte im Hinblick auf die Qualität der hauptsächlich erzeugten Weiß- wie auch der Rotweine erreicht.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Geschichte
Kulturgeschichte

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mähren – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Chmelar: Höhepunkte der österreichischen Auswanderung. Die Auswanderung aus den im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern in den Jahren 1905–1914. (=Studien zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie. Band 14) Kommission für die Geschichte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 1974, ISBN 3-7001-0075-2, S. 109.
  2. František Palacký: Archiv český
  3. Lothar Selke: Die Technische Hochschule zu Brünn und ihr Korporationswesen. Einst und Jetzt, Bd. 44 (1999), S. 106
  4. Detlef Brandes: Der Weg zur Vertreibung 1938–1945. Oldenbourg, München 2005, ISBN 3-486-56731-4.
  5. Cornelia Znoy:Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach Österreich 1945/46, Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades der Philosophie, Geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Wien, 1995
  6. Charles L. Mee: Die Potsdamer Konferenz 1945. Die Teilung der Beute. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979. ISBN 3-453-48060-0.
  7. Emilia Hrabovec: Vertreibung und Abschub. Deutsche in Mähren 1945–1947. Frankfurt am Main/Bern/New York/ Wien (=Wiener Osteuropastudien. Schriftenreihe des österreichischen Ost-und Südosteuropa Instituts), 1995 und 1996.
  8. Archiv Mikulov: Odsun Nĕmců – transport odeslaný dne 20. kvĕtna 1946
  9. Walter, Francis E. (1950): Expellees and Refugees of German ethnic Origin. Report of a Special Subcommittee of the Committee on the Judiciary, House of Representatives, HR 2nd Session, Report No. 1841, Washington, March 24, 1950.
  10. Ignaz Seidl-Hohenveldern: Internationales Konfiskations- und Enteignungsrecht. Reihe: Beiträge zum ausländischen und internationalen Privatrecht. Band 23. Berlin und Tübingen, 1952.
  11. Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band III. Maurer, Geislingen/Steige 2001, S. 244, ISBN 3-927498-27-0, S. 206.
  12. Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band III. Maurer, Geislingen/Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0.
  13. Emilia Hrabovec: Vertreibung und Abschub. Deutsche in Mähren 1945–1947, Frankfurt am Main/Bern/New York/ Wien (=Wiener Osteuropastudien. Schriftenreihe des österreichischen Ost-und Südosteuropa Instituts), 1995 und 1996.
  14. Konrad Badenheuer: Die Sudetendeutschen. Eine Volksgruppe in Europa. Sudetendeutscher Rat, München 2007, ISBN 978-3-00-021603-9.