Felix Linnemann

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Felix Linnemann (* 20. Oktober 1882 in Steinhorst; † 21. März 1948 ebenda) war ein deutscher Fußballfunktionär und von 1925 bis 1940 vierter Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Leben[Bearbeiten]

Linnemann wuchs als Sohn eines Architekten in Essen auf und besuchte dort bis zur Reifeprüfung 1902 das Burggymnasium. Anschließend studierte er in München, Münster und Berlin Jura und Medizin, erlangte jedoch keinen akademischen Abschluss. 1902 war er Mitglied des Berliner FC Preussen geworden und wurde 1908 in dessen Vorstand gewählt. Vom 1. Oktober 1904 bis zum 30. September 1905 diente er als Einjährig-Freiwilliger im Deutschen Heer. 1910 wurde er als Kriminalkommissar-Anwärter in den öffentlichen Dienst übernommen und bestand am 31. Mai 1912 die Fachprüfung mit der Note ausreichend. Im August 1914 wurde er als Soldat für den Ersten Weltkrieg eingezogen und erhielt bereits nach drei Monaten das Eiserne Kreuz II. Klasse. Nachdem er im Juli 1917 an Typhus und Ruhr schwer erkrankt war, wurde er nach Berlin in eine Überwachungsabteilung versetzt. Nach Kriegsende versah er weiter seinen Polizeidienst in Berlin und wurde nach seiner Beförderung zum Kriminalinspektor in der Abteilung für Hochstapelei und Scheckbetrug eingesetzt.

1918 übernahm Linnemann den Vorsitz im Verband Brandenburgischer Ballspielvereine. In dieser Eigenschaft setzte er sich bei der Tagung des DFB-Bundesausschusses im April 1919 nachdrücklich für die Stärkung des DFB als Dachorganisation des deutschen Fußballsports ein und wurde daraufhin als 2. Bundesvorsitzender des DFB berufen. Zu dieser Zeit vertrat er bereits die Ansicht, dass der Fußball eine klassenüberwindende Funktion ausüben müsste. 1925 löste Linnemann Gottfried Hinze als Vorsitzenden des DFB ab. Mit Blick auf eine drohende Heranziehung zur Vergnügungssteuer sprach er sich vehement gegen die Einführung des Profifußballs aus, forcierte aber andererseits die Kommerzialisierung des Fußballsports, unter anderem durch die Gewinnung von Sponsoren, um die Vereine finanziell zu stärken. Auf Betreiben von Linnemann wurde 1926 mit Otto Nerz erstmals ein hauptamtlicher Reichstrainer für die Fußballnationalmannschaft berufen. Bis zur Auflösung des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen (DRL) im Jahre 1933 war Linnemann dessen 3. Vorsitzender.

Nach der Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Organisationen durch die Nationalsozialisten wurde Linnemann am 30. Mai 1933 vom Reichssportkommissar von Tschammer und Osten mit der Leitung des DFB beauftragt, die er beim DFB-Bundestag am 9. Juli 1933 formell übernahm. In Personalunion wurde er 1934 Leiter des Fachamtes Fußball im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen, der an die Stelle des DRL getreten war. Unter der Leitung von Linnemann wurde 1933 das Ligensystem im Fußball neu organisiert. Die sieben regionalen Mitgliedsverbände des DFB waren aufgelöst, an die Stelle ihrer zumeist kleinteiligen Ligastrukturen traten 16 zentrale Gauligen, deren Sieger in einer Endrunde den deutschen Meister ermittelten. Regionale Meisterschaften fanden nicht mehr statt.

In Linnemanns Verantwortungsbereich im Fachamt Fußball fiel auch die Fußballnationalmannschaft. Mit viel propagandistischem Aufwand wurde sie in der deutschen Öffentlichkeit zum Favoriten für das olympische Fußballturnier 1936 in Berlin hochstilisiert. Die Nationalmannschaft startete mit einem 9:0-Sieg über Luxemburg verheißungsvoll in das Turnier. Anschließend ordnete Linnemann an, im nächsten Spiel gegen Norwegen die etablierten Spieler zu schonen und durch junge Spieler zu ersetzen. Als Reichstrainer Nerz Bedenken äußerte, wischte Linnemann diese mit der Bemerkung „Ich bin dem Reichssportführer verantwortlich“ von Tisch. Deutschland verlor unter den Augen von Adolf Hitler mit 0:2 und schied aus dem Olympiaturnier aus. Obwohl Linnemann danach alle Schuld auf Nerz abwälzte, leitete seine Entscheidung seine schleichende Entmachtung ein.

Zunächst leitete Linnemann, begleitet von undurchsichtigen Umständen, die sich von 1936 bis 1938 hinzogen, die Ablösung von Nerz und dessen Nachfolge durch Sepp Herberger ein. Durch seine Fehlentscheidung bei den Olympischen Spielen war er angreifbar geworden, außerdem war er nach wie vor weder Mitglied der NSDAP noch der SS, für einen Polizeibeamten ungewöhnlich. Dieses Manko wurde schließlich als Grund angeführt, dass er als bisheriger Chef der Berliner Kriminalpolizei zum 1. April 1937 zur Fachschule für Kriminalpolizei nach Stettin versetzt wurde. Damit war er von den Berliner Entscheidungsabläufen im Fachamt und beim DFB abgeschnitten, und er nahm in der Folgezeit nur noch repräsentative Aufgaben wahr, wenngleich er seiner Führungspositionen in beiden Bereichen nie enthoben wurde. Er blieb weiter Kurator an der Berliner Hochschule für Leibesübungen und Mitglied der Amateurkommission der FIFA.

Als Leiter der Stettiner Fachschule trat er 1937 der NSDAP (Mitgliedsnr. 4.652.107) bei.[1] 1939 wurde Linnemann als Leiter der Kriminalpolizeileitstelle nach Hannover versetzt und dort zum Regierungs- und Kriminaldirektor befördert. Als Dienststellenleiter war er auch verantwortlich für die Deportation der in der Hannoveraner Region ansässigen Sinti und Roma in die Konzentrationslager (vgl. Porajmos). 1940 wurde er Mitglied der SS (SS-Nr. 353.496) [2] und stieg dort zum SS-Obersturmbannführer und nach seiner Versetzung ins Reichssicherheitshauptamt in Berlin am 30. Januar 1945 zum SS-Standartenführer auf.[1]

Am 27. April 1940 löste sich der DFB formal auf, Linnemann wurde zu einem der drei Liquidatoren bestimmt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Linnemann am 26. Mai 1945 wegen seiner Mitgliedschaft in der SS von der britischen Militärregierung verhaftet und für sechs Monate im Lager Westertimke interniert. Auf Drängen der FIFA sollte er künftig keine nationalen und internationalen Ämter mehr in Fußballgremien ausüben. Nach seiner Entlassung aus der Internierung lebte er zusammen mit seiner Frau in seinem Geburtsort Steinhorst, wo er am 21. März 1948 verstarb und anschließend begraben wurde.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Hubert Dwertmann: Sportler – Funktionäre – Beteiligte am Massenmord: das Beispiel des DFB-Präsidenten Felix Linnemann. In: SportZeiten 5. Nr. 1, Die Werkstatt, Göttingen 2005, ISSN 1617-7606, S. 7–46.
  •  Dirk Bitzer, Bernd Wilting: Stürmen für Deutschland: Die Geschichte des deutschen Fussballs von 1933 bis 1954. Campus, Frankfurt, New York 2003, ISBN 9783593371917.
  • Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz. Campus Verlag Frankfurt/New York, 2005

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 370.
  2. Sicher und versichert, Der Spiegel 20/1975.