Gigue

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Die Gigue (französisch, [ʒiːɡ]), italienisch Giga, englisch Jig oder Gique, ist ein lebhafter Tanz aus dem 17. und 18. Jahrhundert, der im zusammengesetzten Zweiertakt steht.[1] Er verbreitete sich von den Britischen Inseln aus. Dort gab es bereits im 15. Jahrhundert Melodien und Tänze, die als Jig bezeichnet wurden.

Namensherkunft[Bearbeiten]

Die mittelalterliche italienische Giga und französische Gigue war ein Streichinstrument. Andererseits wird die Wortherkunft vom altfranzösischen giguer, herumtollen, abgeleitet.

Nationale Ausprägungen[Bearbeiten]

England[Bearbeiten]

Hauptartikel: Jig

In der englischen Literatur des 16. Jahrhunderts finden sich Hinweise zum Jig, die auf einen pantomimischen Tanz mit schnellen Schritten hindeuten. Ferner gab es im England der elisabethanischen Epoche eine Form der improvisierten Posse, die Jigg genannt wurde. Sie enthielt gesungene und getanzte Jigs, zu deren Musik und Tanz wenig bekannt ist. Es ist jedoch bekannt, dass dabei Verse zu populären Melodien gesungen wurden, die uns teilweise überliefert sind. In der englischen Instrumentalmusik des 17. Jahrhunderts finden sich mit Jig überschriebene Variationssätze zu überlieferten Melodien, beispielsweise in Sammlungen wie in William Byrds Fitzwilliam Virginal Book oder in Anthony Holbornes The Cittharn Schoole. Diese Tänze weisen einen einfachen oder zusammengesetzten Zweiertakt auf. Charakteristika, die sie eindeutig von anderen schnellen Tänzen unterscheiden, sind schwer herauszufinden.

Diese frühen Formen des Jig in England galten als vulgär. In Shakespeares Komödie Much Ado About Nothing findet sich das Zitat: „Wooing is hot and hasty like a Scottish jigge.“ Thomas Morley schloss sie 1597 aus seiner Aufstellung der wichtigsten Tanzformen aus; Thomas Mace schloss sich 80 Jahre später dieser Auffassung an. In Streichersuiten jener Zeit stehen Jigs nach ernsthafteren Sätzen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erschienen Jigs, die zum Tanz bestimmt waren, in verschiedenen Tanzmusiksammlungen.

Bei Henry Purcell finden sich Jigs in seiner Theatermusik und seiner Musik für Tasteninstrumente. Die Jig aus seiner Suite The Fairy Queen ähnelt rhythmisch den französischen Gigues jener Zeit. Die Abschnitte aus seinen Jigs waren allerdings tendenziell kürzer als die der Gigues auf dem Kontinent.

Im frühen 18. Jahrhunderts hatte der Jig seine fragwürdige Reputation abgelegt. 1711 publizierte Edward Pemberton eine Sammlung von Tänzen für junge Damen höheren Standes. Sie enthielt vier Jig-Choreographien. Die Musik steht im 6/4-Takt und ähnelt im Rhythmus den Jigs von Purcell.

Frankreich[Bearbeiten]

Der Lautenist Jacques Gaultier, der von 1619 bis 1648 am englischen Hof musizierte, brachte die Gigue Mitte des 17. Jahrhunderts nach Frankreich. In stilisierter Form verbreitete sie sich rasch: die klare Unterteilung des Originals in Abschnitte wurde verwischt, und der Satz wurde komplexer. Solche Gigues finden sich in den Kompositionen von Jacques Champion de Chambonnières, Louis Couperin und Jean-Henri d’Anglebert. Gelegentlich wurden Allemanden in Gigues umgeschrieben und unter der Bezeichnung allemande en gigue oder allemande giguée geführt.

Charakteristisch für die französische Gigue sind punktierte Rhythmen im 6/4- oder 6/8-Takt, ausschweifende, unregelmäßig lange Phrasen und Imitationen zwischen Melodie- und Basslinie. Sie finden sich beispielsweise zahlreich bei Jean-Baptiste Lully, André Campra Pascal Collasse und Jean-Philippe Rameau. Die Gigues besitzen häufig den sogenannten Sautillant[2]-Auftakt.

Italien[Bearbeiten]

Auch die italienische Giga stammt offensichtlich von der englischen Jig ab. Die Übernahme konnte jedoch nicht im Einzelnen erklärt werden. Das früheste bekannte Beispiel ist der dritte Satz von Giovanni Battista Vitalis Opus 4 von 1668. Später findet sie sich häufig in Sonaten und Concertos von Arcangelo Corelli, Giuseppe Tartini und Antonio Vivaldi. Die italienische Giga läuft meist im 12/8-Takt in regelmäßigen Achteln statt in punktierten Rhythmen. Die Abschnitte sind ebenfalls regelmäßig, die Harmonien sind einfacher als bei der französischen Gigue, und Imitationen kommen im Allgemeinen nicht vor.

Adaption in Deutschland[Bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten]

Sowohl die französische Gigue als auch die italienische Giga fanden Aufnahme in die deutsche Instrumentalmusik der Barockzeit. Ab 1657 nahm Johann Jakob Froberger regelmäßig Gigues des französischen Typs in seine Musik auf. In der Folgezeit bevorzugten norddeutsche Komponisten wie Dieterich Buxtehude, Georg Böhm und Johann Kuhnau die französische Gigue. Auch in den Orchestersuiten von Heinrich Ignaz Franz Biber, Georg Muffat, Philipp Heinrich Erlebach, Johann Heinrich Schmelzer und anderen findet sich bevorzugt diese Form. Süddeutsche Komponisten wie Johann Pachelbel hingegen bevorzugten einfachere Gigues ohne Imitationen.

Eine Vielfalt von Satzbezeichnungen, Metrum, Struktur, Takt und Auftakt findet sich in den 42 überlieferten Gigues von Johann Sebastian Bach. Sechs der Stücke sind vom französischen Typ, die anderen sind von italienischer Art oder vermischen die Formen. Ein Teil der Stücke weist Dreierrhythmen auf und ist kontrapunktisch und imitatorisch gesetzt. Ein anderer Teil der Stücke unterteilt die Dreierschläge und ist so komplex, dass ein langsameres Tempo erforderlich ist.

Viele Suiten von Georg Friedrich Händel enden mit einer Giga im italienischen Stil. In seinen Bühnenwerken, beispielsweise in Terpsichore von 1734, finden sich auch Gigues des französischen Typs. Auch von Georg Philipp Telemann[3] gibt es zahlreiche Beispiele, häufig mit der Satzbezeichnung Allegro oder Allegro assai statt Gigue. Eine der bekanntesten Gigues von Telemann ist der 9. Satz seiner Festouvertüre Hamburger Ebb’ und Fluth.

Notenbeispiel[Bearbeiten]

Aus einem Duett von Georg Philipp Telemann

Hörbeispiele[Bearbeiten]

Die folgenden beiden Stücke wurden komponiert von Johann Sebastian Bach beziehungsweise Georg Philipp Telemann.

Choreographie[Bearbeiten]

In der Notation von Pierre Beauchamp und Raoul-Auger Feuillet sind 14 französische Gigues überliefert. Sie stehen im 6/4- oder 6/8-Takt; 12 von ihnen haben den charakteristischen Auftakt. Die Choreographien haben überwiegend theatralischen Charakter. Sechs Solotänze werden alleine von Tänzerinnen ausgeführt. Vermutlich wurde dieser Tanztyp ähnlich wie die Chaconne für Damensolos bevorzugt.

Die Gigue verfügt über keine charakteristische Schrittkombination. Jede Choreographie ist auf ein spezielles Stück zugeschnitten und verwendet viele verschiedene Schritte. Generell werden bei der Gigue mehr Sprünge und Hüpfer ausgeführt als in anderen Barocktänzen. Die Schnelligkeit der Sprünge erfordert Wendigkeit und Geschicklichkeit. Durch das Gegeneinander von Dreierrhythmus und zusammengesetzten Schritteinheiten wie dem aus drei Elementen bestehenden Fleuret und dem aus vier Elementen bestehenden Contretemps entstehen Unregelmäßigkeiten, die zum leichtfüßigen Eindruck beitragen.

Formen[Bearbeiten]

Grundform[Bearbeiten]

In der Literatur des 18. Jahrhunderts wird die Gigue als lebhafter, heiterer Tanz beschrieben. Antoine Furetière beschreibt sie als gaye et éveilée.[4] Johann Mattheson schrieb, dass die „gewöhnliche Gigue“ sich durch ihren „hitzigen und flüchtigen Eifer“ auszeichne, die „Giga“ durch „äusserste Schnelligkeit oder Flüchtigkeit ... etwa wie der glatt fortschiessende Strom-Pfeil eines Baches.“ Als Tempo für die französische Gigue wurden 100 bis 120 Metronom-Schläge einer punktierten Viertelnote oder halben Note angegeben.

Loure und Canarie[Bearbeiten]

Johann Mattheson zählte neben der Gigue und der Giga auch die langsame Loure und die Canarie zu den Varianten der Gigue.

Zweihebige Gigue[Bearbeiten]

Einige als Gigue bezeichnete Kompositionen sind im zweihebigen Takt notiert, darunter auch zwei Stücke von Johann Sebastian Bach. Wie diese Notation zu interpretieren ist, ist umstritten. Eine Theorie besagt, dass der Komponist trotz zweihebiger Notierung eine Umsetzung in triolische Figuren intendierte. Als Argument werden Kompositionen von Froberger ins Feld geführt, die in zwei verschiedenen Fassungen überliefert sind: Zweihebig von der Hand des Komponisten, und dreihebig in späteren Bearbeitungen. Die Gegenthese behauptet, dass der eckige, härtere Ausdruck der punktierten Zweierfiguren beabsichtigt sei, und dass diese nicht in ein Dreiermetrum gezwängt werden sollen.

Franko-Kanada[Bearbeiten]

Im kanadischen Québec wird auch eine dem heutigen irischen Jig sehr ähnliche Tanzform als Gigue bezeichnet. Sie hat mit den anderen hier beschriebenen Formen praktisch nur den Namen gemein.

Literatur[Bearbeiten]

  • Rainhard Gerlach: Gigue. In: Willibald Gurlitt: (Hrsg.): Riemann Musiklexikon. Sachteil. Schott, Mainz, 12. Auflage 1967.
  • Clemens Kühn: Formenlehre der Musik. Bärenreiter, Kassel, 7. Auflage 2004.
  • Werner Danckert: Geschichte der Gigue. (Veröffentlichungen des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Erlangen aus dem Nachlaß Gerhard Löwenthal) Kistner & Siegel, Leipzig 1924.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Carol G. Marsh: Gigue. in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Band A3, Sp. 1324–1329. Der Artikel folgt, soweit nicht ausdrücklich anders angegeben, der Darstellung dort.
  2. frz. sautillant: hüpfend
  3. Siehe Beispiele im Artikel. Erstaunlicherweise erwähnt der Aufsatz von Carol Marsh Telemann nicht.
  4. Fröhlich und aufgeweckt

Weblinks[Bearbeiten]