Hans Staden

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Kannibalismus in Brasilien beschrieben von Hans Staden, de Bry Kupferstich 1557

Hans Staden (* um 1525 in Homberg (Efze); † 30. Juli 1576 in Wolfhagen (ungesichert)) war ein deutscher Landsknecht in Diensten portugiesischer Siedler. Hans Staden verfasste die Warhaftige Historia (1557) über seine zwei Reisen nach Brasilien. Es war das erste ausführliche Buch über Brasilien in Deutschland im 16. Jahrhundert.

Leben[Bearbeiten]

1548 reiste er als Landsknecht nach Brasilien und kämpfte dort 1549 bei Pernambuco gegen aufständische Indianer. Nach seiner Rückreise entschloss er sich 1550 mit Spaniern in das Gebiet von La Plata zu fahren. Er erreichte aber nur die Küste Südbrasiliens. Da alle Schiffe bald gesunken waren, hoffte er über zwei Jahre auf Rettung. Als sie nicht erfolgte, fuhr er mit einem kleinen Boot nach Norden und kam nach São Vicente. Um diese wichtige Siedlung zu schützen, wurde er von den Portugiesen als Kommandant einer kleinen Festung angestellt. Sie lag auf der im Norden vorgelagerten Insel Santo Amaro.

Hans-Staden-Relief in Homberg (Efze)

Die Insel war Angriffen der Tupinambá-Indianer ausgesetzt, die Kannibalen waren. Bei einem Ausflug von seinem „Bollwerk“ wurde Staden von Indianern gefangen genommen, die ihn zu ihrer Siedlung Ubatuba verschleppten. Er sollte bald an einem Festtag von den Tupinambá rituell getötet und verspeist werden. Glücklicherweise konnte er diesen Termin immer wieder hinauszögern. Diesen Umstand hatte er seiner Physiognomie zu verdanken, die überhaupt nicht der portugiesischen glich, galten diese bereits jetzt schon als die Hauptfeinde der Tupinambá.[1] Die Indianer wurden danach von einer Seuche heimgesucht. Staden versprach dem Häuptling, sich bei Gott für die Heilung einzusetzen. Der Häuptling überlebte die Seuche und der Status von Staden als Heiler und Schamane rettete sein Leben.

Staden musste mit ansehen, wie die Tupinambá mehrere Portugiesen gefangen nahmen, töteten und verspeisten. Nach über neun Monaten konnte er vom Kapitän eines französischen Schiffs befreit werden.

Staden beschrieb als erster die Fruchtbarmachung des Bodens durch die Indios, die bis heute noch im Amazonas beobachtet werden kann: "Dort, wo sie pflanzen wollen, fällen sie zuerst die Bäume und lassen sie ein bis drei Monate trocknen. Dann wird die Fläche angezündet und zwischen den halbverkohlten Stämmen pflanzen sie ihre Wurzeln."[2]

Sein 1557 in Marburg erschienenes Buch Warhaftige Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen, Grimmigen Menschfresser-Leuthen in der Newenwelt America gelegen ist heute ein außerordentlich wichtiges Werk für die Brasilien-Forschung. Den Druck der Reisebeschreibung veranlasste der Marburger Mediziner Johann Dryander. Dryander wird in der Fachliteratur zum Teil sogar als eigentlicher Autor des Berichtes von Staden angesehen.[3] Begründet wird dies u. a. mit den Publikationsumständen und dem Bildungsgrad von Hans Staden. Die geschickte und durchdachte Erzählweise des Berichtes und die vielen Details des Buches, wie die Erwähnung des medizinischen Fachbegriffes Median-Ader, lassen vermuten, dass der Bildungsgrad eines Landsknechtes nicht ausreichend war, so ein Werk in dieser Form zu verfassen. Die neuere Stadenforschung (Obermeier, Harbsmeier, Tiemann) widerspricht dieser Vermutung.[4] Die stilistisch-syntaktische Monotonie mit parataktisch reihenden Hauptsatzkonstruktionen lässt einen ungeübten Schreiber erkennen. Deutlich zu unterscheiden ist dagegen die gelehrte Diktion Dryanders in seinem ausführlichen Vorwort. Seine Funktion ist mit der eines Lektors zu vergleichen, der die Anlage des Werkes mitbestimmte und wohl nur an einigen Stellen korrigierend eingriff. In zwei erhaltenen Schreiben, mit denen Staden sein Werk an adelige Gönner schickte, unterschreibt er als Autor des Werkes.[5]

Nach der Veröffentlichung des Buches lernte Hans Staden in Marburg das Salpetersieden. In seiner wahrhaftigen Historia und einem um das Jahr 1557 an den Grafen von Waldeck verfassten Brief gab er Wolfhagen als seinen Wohnort an.[6] 1558 wurde er als Salpetersieder „vonn Corbach“ zuletzt genannt. Somit ist es unklar, wo er starb. Sein Vater besaß seit 1551 das Bürgerrecht in Korbach. Dass Staden im Jahr 1576 der Pest zum Opfer fiel, ist historisch sehr unwahrscheinlich.

Hans-Staden-Denkmal in Wolfhagen

Posthume Ehrungen[Bearbeiten]

Hans Staden ist – mit Carl Friedrich Philipp von Martius – Namensgeber des Instituto Martius-Staden / Martius-Staden-Institut in São Paulo, das sich der Erforschung der Geschichte der deutschen Einwanderung nach Brasilien und dem deutsch-brasilianischen Kulturaustausch widmet.[7]

Straßennamen in Homberg (Efze), Kassel, Korbach, Ubatuba (Brasilien) und Wolfhagen erinnern an Hans Staden. Zudem ist ihm in Wolfhagen ein Denkmal gewidmet. Auch in Homberg gibt es ein Relief.

Schriften[Bearbeiten]

  • Warhaftige Historia. Zwei Reisen nach Brasilien (1548–1555). Historia de duas viagens ao Brasil. Kritische Ausgabe durch Franz Obermeier. Fontes Americanae 1. Westensee-Verlag, Kiel 2007, ISBN 978-3-931368-70-8.
  • Brasilien – Die wahrhaftige Historie der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute – 1548–1555. hrsg. und eingeleitet von Gustav Faber. Thienemann, Edition Erdmann, Stuttgart 1984, ISBN 3-522-60460-1.

Literatur[Bearbeiten]

(in der Reihenfolge des Erscheinens)

  •  Richard Andree: Hans Staden von Homberg unter den kannibalischen Tupinambas (1547–1554). In: Otto Spanner (Hrsg.): Wirkliche und wahrhaftige Robinsonaden, Fahrten und Reiseerlebnisse aus allen Zonen. Otto Spanner’s Jugend- und Hausbibliothek. Zweite Serie, Elfter Band, Verlag Otto Spanner, Leipzig 1868, S. 17–40 (books.google.de).
  • Friedrich RatzelStaden, Hans. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 35, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 364–366.
  •  Kurt Salecker: Ubatuba – Aus dem abenteuerlichen Leben des deutschen Brasilienfahrers Hans Staden. R. Brockhaus, Wuppertal 1967.
  • Georg Bremer: Unter Kannibalen: Die unerhörten Abenteuer der deutschen Konquistadoren Hans Staden und Ulrich Schmidel. Schweizer Verl.-Haus, Zürich 1996, ISBN 3-7263-6705-5.
  • Michael Harbsmeister: Von Nutzen und Nachteil des Studiums älterer Reiseberichte. Zur Wiederentdeckung Hans Stadens im 19. und 20. Jahrhundert. In: Walther Bernecker, Gertrut Krömer (Hg.): Die Wiederentdeckung Lateinamerikas. Die Erfahrung des Subkontinents in Reiseberichten des 19. Jahrhunderts. Vervuert, Frankfurt am Main 1997. 3-89354-738-X. S. 79–105.
  • Franz Obermeier: Hans Staden: Warhaftige Historia. Zwei Reisen nach Brasilien (1548–1555) História de duas viagens ao Brasil. Kritische Ausgabe/Edição critica: Franz Obermeier. Übertragung ins heutige Deutsch: Joachim Tiemann. Tradução ao português: Guiomar Carvalho Franco. Revisão: Augusto Rodrigues. Westensee Verlag, Kiel 2007, ISBN 978-3-931368-70-8.
  • Wolf Lustig: A Junesche been ermiuramme. Die Umsetzung von Hans Stadens 'Wahrhaftige[r] Historie der wilden, nackten grimmigen Menschenfresser-Leute' als 'Re-Tupierung' der europäisch-brasilianischen Begegnung. In: Fendler, Ute (Hg.): Entdeckung, Eroberung, Inszenierung : filmische Versionen der Kolonialgeschichte Lateinamerikas und Afrikas. Meidenbauer, München 2007. S. 77-100.
  • Wolfgang Schiffner u. a.: Unter Menschfresser-Leuthen. Entre as gentes antropófagas. O livro de Hans Staden de 1557. Hans Stadens Brasilienbuch von 1557. Regionalmuseum Wolfhager Land, Wolfhagen 2007, ISBN 978-3-924219-20-8.
  • Franz Obermeier, Wolfgang Schiffner (Hrsg.): Die Wahrhaftige Historia – das erste Brasilienbuch. Akten des Wolfhager Kongresses zu 450 Jahren Hans-Staden-Rezeption. Fontes Americanae 2. Westensee-Verlag, Kiel 2008, ISBN 978-3-931368-68-5.
  • Franz Obermeier: Staden, Hans. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 784 f. (Digitalisat).
  •  Markus Klaus Schäffauer: Die Vision der Gegessenen: Hans Staden, Autor des Kannibalismus. In: Alexandra Curvelo u. Madalena Simões (Hrsg.): Portugal und das Heilige Römische Reich (16.-18. Jahrhundert). Aschendorff, Münster 2011, ISBN 978-3-402-14901-0, S. 105–126.
  • Eve M. Duffy, Alida Metcalf: The Return of Hans Staden. A Go-between in the Atlantic World. The Johns Hopkins University Press, Baltimore 2012, ISBN 978-1-4214-0346-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hans Staden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Werke im Volltext

Sonstiges

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Thales de Azevedo:Povoamento da Cidade do Salvado. Publicação da Prefeitura Municipal do Salvador Comemorativa do IV Centenario da Cidade, Salvador 1949, ISBN 978-85-61458-16-4, S. 33.
  2. Thales de Azevedo: a. a. O, S. 365 f.
  3. Annerose Menninger: Die Macht der Augenzeugen. Neue Welt und Kannibalen-Mythos, 1492–1600. Steiner Verlag, Stuttgart 1995, ISBN 3-515-06723-X, S. 184. (Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte, 64)
  4. Franz Obermeier, Wolfgang Schiffner (Hrsg.): Die Warhaftige Historia – Das erste Brasilienbuch. Akten des Wolfhager Kongresses zu 450 Jahren Stadenrezeption. Westensee-Verlag, Kiel 2008.
  5. Gerhard Menk: Die beiden Widmungsschreiben Hans Stadens an die Grafen von Waldeck und Nassau. In: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde. 1989, S. 63–70.
  6. Paul Görlich: Wolfhagen. Geschichte einer nordhessischen Stadt. Wolfhagen 1980, S. 433.
  7. O Instituto Martius-Staden de Ciências, Letras e Intercâmbio Cultural Brasileiro-Alemão, abgerufen am 27. Februar 2014.