Honda Gold Wing

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Die Gold Wing ist ein schweres Reisemotorrad mit wassergekühlten Vier- oder Sechszylinder-Boxermotor und Kardanantrieb von Honda. Das erste Modell GL1000 wurde im Herbst 1974 auf der IFMA in Köln präsentiert. Die Fertigung erfolgte anfangs in Japan und ab 1979, vor allem für den dortigen Markt, in Marysville (USA). Mitte 2009 wurde das Werk Marysville geschlossen und die Produktion nach Kumamoto (Japan) verlegt.

Entstanden ist die Gold Wing aus dem nie in Serie gegangenen Prototyp M1/AOK. 1972 wollte Honda der Konkurrenz der Hersteller Kawasaki und BMW-Motorrad Paroli bieten und baute einen Sechszylinder-Boxermotor mit 1470 cm³ in einen neu konstruierten Rahmen ein. Die Heckpartie inklusive Getriebe, Kardan, Bremse, Auspuffanlage und Sitzbank wurde kurzerhand aus BMW R 75-Teilen „gefertigt“, der Vorderradbereich entstammt dem bisherigen Topmodell CB 750.

GL1000 (1974–1980) (GL1)[Bearbeiten]

Honda Goldwing GL1000 (1975)

Die erste offizielle Gold Wing hat einen wassergekühlten Boxermotor mit 1000 cm³ Hubraum bei 61 kW (82 PS) Leistung und wurde 1975 in Deutschland für 9268 DM angeboten, was heute circa 12.300 Euro entspricht.[1]

Die GL 1000 war die erste „japanische“ Serienmaschine mit Kardanantrieb - bei BMW war dieser Antrieb bereits seit 1923 in der R32 in Form eines Wellenantriebs verwendet worden. Neu bei einem Motorrad war die Bremsanlage mit drei Scheibenbremsen. Das Fahrwerk war wegen des hohen Gewichts in schnellen Kurven überfordert und kam gefährlich ins Schwimmen[2].

Unter dem Deckel der Tankattrappe mit Kraftstoffanzeige vor dem Fahrer ist ein Ablagefach und der Benzinstutzen; der 19 Liter fassende Kraftstoffbehälter selbst liegt im Rahmendreieck unter der Sitzbank, womit zusammen mit dem unterhalb der Kurbelwelle angebrachten Getriebe ein möglichst tiefer Schwerpunkt gewährleistet wird. Dieses Bauprinzip wird bis zu den heutigen Modellen beibehalten. Die Seitendeckel der Tankattrappe lassen sich bei der GL1000 noch seitlich herunterklappen; dies ist bei den nachfolgenden Modellen nicht mehr möglich. Links befinden sich die Bordelektrik mit Blinkgeber, Lichtmaschinen-Laderegler und Sicherungen, rechts der Kühlmittel-Ausgleichsbehälter und ein Not-Kickstarter.

Die Modelle K0/K1/K2 können noch per aufsteckbarem Not-Kickstarter gestartet werden. Der Kickstarter wird hinter der Lichtmaschine an eine Welle gesteckt und der Fahrer kann im Falle einer leeren Batterie den Motor starten. Nach dem Start wird der Kickstarter abgenommen und in eine Halterung in der rechten Seite der Tankattrappe gesteckt.

Die GL1000 wurde während ihrer Bauzeit in jedem Jahr mit einem neuen internen Modellnamen bedacht:

Baujahr Modell hervorzuhebende Verbesserung/Änderung
1974–1975 K0 Die "Urmaschine", vorgestellt 1974 auf der IFMA in Köln
1976 K1/LTD Limitierte Auflage von 1.295 Stück, goldeloxierte Speichen und Felgen, verchromte Schrauben
1977 K2 Kegel- statt Kugellager im Lenkkopf, Tacho mit mph und km/h
1978 K3 Comstar-Felgen (vorne Stahl, hinten Alu), Chrom-Auspuff, längere Gabel, FVQ-Dämpfersystem,
1979 K4/KZ rechteckige Blinker, Halogenscheinwerfer

Traurige Berühmtheit erhielt die Gold Wing wegen drei spektakulärer Unfälle ohne Fremdeinwirkung, einer davon tödlich, im Zusammenhang mit der vom TÜV Bayern abgenommenen „Windjammer“-Lenkerverkleidungen der Firma Krauser. Honda wurde trotz persönlicher Anschreiben seiner Gold Wing-Kunden, in denen vor der Verwendung der Verkleidung ausdrücklich gewarnt wurde, zu einer Schadenersatzzahlung verurteilt.

Da 1980 bereits die GL1100 ausgeliefert werden sollte, wurde in diesem Jahr der Kaufpreis drastisch reduziert. So wurden die letzten GL1000 bei einem bekannten Motorradhändler für 6666,66 DM verkauft.

GL1100 (1980–1983) (SC02)[Bearbeiten]

GL1100 Interstate, SC02, 1982

Der auf 1085 cm³ Hubraum vergrößerte Motor hat bei etwa gleicher Leistung ein höheres Drehmoment von 90 N m (GL1000: 80 Nm) und ein verbessertes Fahrwerk. Später kamen zusätzliche Ausstattungen hinzu: Frontscheibe, Vollverkleidung, Koffersatz bis hin zum Luxus-Tourenmodell „Aspencade“.

Zudem wurde bei dem Modell Aspencade ab Baujahr 1982 eine Integralbremse verbaut, die bei Betätigen der Fußbremse sowohl die hintere als auch die vordere rechte Bremse betätigte. Allerdings wurde dieses Modell nie offiziell nach Deutschland importiert – wer die Aspencade kaufen wollte, musste auf Grauimporte zurückgreifen.

GL1200DX (1984–1988) (SC14)[Bearbeiten]

GL1200 Aspencade, SC14, 1986

Die letzte Gold Wing mit Vierzylindermotor wiegt 333 kg und hat einen Motor mit Hydrostößeln, der 70 kW (94 PS)bei 7000 U/min leistet.

Die GL1200 ist die erste Goldwing, bei der die Armaturen fest in der Verkleidung anstatt auf dem Lenkkopf verbaut sind (Ausnahme ist die Standard ohne Verkleidung). Außerdem wurde ab dem Modell Aspencade die bei der GL1100 eingeführte Integralbremse verbaut. Wie schon bei der GL 1100 wurde nur das Modell Interstate offiziell nach Deutschland verkauft und somit blieb das Integralbremssystem wieder nur den Grauimporten vorbehalten.

Von der GL1200 gibt es vier verschiedene Ausführungen mit folgenden Unterscheidungsmerkmalen:

Ausführung
Standard „Nakedbike“ ohne Verkleidung und Koffer, analoge Rundinstrumente
zusätzlich bei
Interstate Vollverkleidung, Seitenkoffer und Topcase
Aspencade Digitalinstrumente, Integralbremse, Radio/Cassette, eingebauter Kompressor für Luftfederung
LTD u. SE-i Einspritzanlage, Niveauregulierung, Tempomat, Kurvenlichter, Bordcomputer, CB-Funk

GL1500 (Sechszylinder, 1988–2001) (SC22)[Bearbeiten]

GL1500 SE-US, SC22, 1998

Als Nachfolger erschien 1988 die GL1500 mit Sechszylindermotor und 74 kW (100 PS) Leistung. Das nun 394 kg schwere Motorrad war erstmals mit einem Rückwärtsgang (nicht beim Modell Interstate) ausgestattet. Die GL1500 SE (Special Edition) für den amerikanischen Markt hat 98 PS, Tempomat sowie ein Radio mit Kassettenlaufwerk. Die Wiedergabe erfolgt über vier offen eingebaute oder im Helm einzubauende Lautsprecher. Über ein am Helm befindliches Mikrofon kann mit Sozia oder Sozius gesprochen werden. Die Verbindung zwischen Helm und Motorrad erfolgt über ein Spiralkabel mit (je nach Hersteller) bis zu drei Steckkupplungen, die bei einer eventuellen Zwangstrennung von Fahrer und Motorrad abreißen. Durch ein wahlweise angebotenes CB-Funkgerät ist eine Kommunikation mit anderen Gold-Wing-Fahrern möglich. Die amerikanischen Modelle haben optional ab Werk auch noch zwei Kurvenscheinwerfer, die leuchten, sobald der rechte bzw. linke Blinker betätigt wird.

Erst 1993 wurden auch die Modelle in Deutschland offiziell mit hoher Scheibe und Topcase ausgeliefert. Bis dahin wurden aufgrund der StVO sowohl Scheibe als auch Topcase in nur geringer Höhe an den GL1500 verbaut, was speziell dem Topcase den Spitznamen „Pizzakoffer“ einbrachte. Im Nachhinein können die GL1500 von vor 1993 als Vorläufer der 2012 erschienenen F6B betrachtet werden.

Die GL1500 wurde auch als unverkleidetes Modell auf den Markt gebracht: die Valkyrie oder auch F6C. Der Name Gold Wing blieb aber den verkleideten Modellen vorbehalten.

GL1800 (seit 2001) (SC47, SC68)[Bearbeiten]

GL1800, SC68, 2012

Das aktuelle Modell ist die GL1800 mit Sechszylinder-Boxermotor und 87 kW (119 PS). Sie ist weiterhin mit einem Rückwärtsgang ausgerüstet und bleibt der hohen Ausstattung der „Gold-Wing-Linie” treu. Es gibt eine Zentralverriegelung für das Koffersystem, CBS-ABS (Serie ab 2004; siehe auch: Antiblockiersystem für Motorräder) und ein Surround-Sound-Audio-System mit iPod-Anschluss (bis 2011 CD-Player (gegen Aufpreis)). Das Trockengewicht der GL1800 lag in der Basisversion bei 363 kg, die Handhabung ist gegenüber der GL1500 erheblich besser geworden, auch weitere Details wurden überarbeitet. Mit Airbag und Navigationssystem ausgestattet wiegt die Maschine vollgetankt 421 kg und kostet über 31.000 Euro (2014).

Aufgrund der Werksverlegung von Maryland nach Kumamoto wurde die SC47 nur bis 2009 produziert. Auslieferungen bis 2012 wurden mit Lagerverkäufen realisiert. Mit Aufnahme der Produktion in Kumamoto wurde ein neues Modell ausgeliefert und die GL1800 erhielt eine neue interne Modellbezeichnung: SC68. Neben gravierenden Verbesserungen des Fahrwerks und neuer Motorsteuerung wurde das Design so stark abgeändert, dass eine neue Bezeichnung für das immer noch als GL1800 verkaufte Motorrad notwendig war. Somit war die Unterscheidung bei der Ersatzteilbeschaffung wieder gewährleistet.

2013 kam eine weitere Gold Wing auf den Markt – die F6B im Bagger-Style.

Eine „nackte“ Version der GL1800, wie es sie bis zur GL1200 und bei der GL1500 als F6C gab, wurde 2003 mit der Honda Valkyrie Rune umgesetzt. Von dieser Ausführung wurden allerdings lediglich 1500 Stück gebaut und sind dementsprechend selten zu finden.

Motorradairbag[Bearbeiten]

Nach 15-jähriger Entwicklungsarbeit brachte Honda im September 2006 den ersten serienmäßigen Airbag in einem Motorrad in der Gold Wing 1800 (Modell 2007) auf den Markt. Das V-förmige Airbagmodul sitzt vor dem Fahrer, fasst 150 Liter und ist fest mit dem Motorrad verbunden. Ausgelöst wird es über ein elektronisches System mit vier Sensoren in der Vordergabel, die Änderungen im Beschleunigungs- und Bremsverhalten registrieren. Fünfzehn Hundertstel Sekunden nach Erfassung eines Aufpralls wird der Schwung des nach vorne geschleuderten Fahrers von dem Airbag aufgefangen. Die Wirkung wurde u.a. vom ADAC bei 72 km/h getestet und positiv bewertet.

Gold-Wing-Vereine und Szene in Deutschland und Europa[Bearbeiten]

Deutsche Goldwings mit Motorradanhängern unterwegs zu einem Treffen in England

Die Gold-Wing-Fahrer bilden in Deutschland und Europa eine sehr aktive Vereinsszene. In Deutschland gibt es zur Zeit circa 70 lokale Clubs und Stammtische, von denen die meisten in ihrem Dachverband, der Gold-Wing-Föderation Deutschland e.V. organisiert sind. Diesem Verband gehören zur Zeit über 1000 Mitglieder an, von denen etwa die Hälfte aus den lokalen Clubs und Stammtischen kommen. Der zurzeit etwas größere Teil der Mitglieder sind Einzelfahrer, die zwar keinem Club angehören, jedoch die Vorteile einer Interessenvertretung und einer aktiven Szene nutzen möchten. Die Gold-Wing-Föderation Deutschland ist zugleich Mitglied der Gold Wing European Federation (GWEF), in der noch 22 andere europäische Länder vertreten sind.

In der deutschen Szene finden jährlich circa 20 sogenannte „nationale“ Treffen statt, in denen sich vorwiegend befreundete Winger aus den Clubs und nicht organisierte Fahrer treffen. Diese meist mehrtägigen Veranstaltungen werden von den lokalen Clubs und Stammtischen veranstaltet und haben oft mehrere hundert Teilnehmer. Einzelne Anfahrten von einigen hundert bis tausend Kilometern sind bei solchen Veranstaltungen eher die Regel als die Ausnahme.

In der internationalen Szene veranstalten alle Mitgliedsländer meist jährlich sogenannte „internationale“ Treffen. Auf diesen mehrtägigen Treffen finden sich Gold-Wing-Fahrer aus allen 22 Ländern von Finnland bis Portugal, von der Ukraine und Russland bis Italien zusammen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Joachim Kuch: Typenkompass Honda Motorräder seit 1970, 1. Auflage, Motorbuch Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-613-02061-0
  •  Alan Ahlstrand (Übertragen und bearbeitet von Udo Stünkel): Wartung und Reparatur – Honda GL 1800 Gold Wing (2001-2011). Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-7688-5335-4.
  • Pascal Szymezak: Honda Gold Wing - Geschichte eines Kultmotorrads. Heel, Königswinter 2008, ISBN 978-3-86852-038-5

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Honda Gold Wing – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Diese Zahl wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, auf 100 EUR gerundet und bezieht sich auf den vergangenen Januar.
  2. Limmert, Peter: Test Honda GL1000 Das Motorrad 1975 Heft 23