Johann Gottfried Seume

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Johann Gottfried Seume, Gemälde von Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld, 1798, Gleimhaus Halberstadt
Denkmal in Bremen
Denkmal in Teplitz

Johann Gottfried Seume (* 29. Januar 1763 in Poserna, Kursachsen; † 13. Juni 1810 in Teplitz, Böhmen) war ein deutscher Schriftsteller und Dichter; vor allem bekannt durch seinen Spaziergang nach Syrakus.

Leben[Bearbeiten]

Seume wurde im Jahre 1763 als Sohn des Landwirts und vormaligen Böttchers Andreas Seume und der Bauerntochter Regine Liebing geboren. Er besuchte die Dorfschule und die Lateinschule des Rektors Korbinsky in Borna. Von 1776 bis 1777 war er Schüler an der traditionsreichen Nikolaischule in Leipzig.

Seume studierte 1780/81 an der Universität Leipzig Theologie und wurde 1781 auf dem Weg nach Paris von Soldatenwerbern ergriffen, zum Dienst in der Armee gezwungen und vom Landgrafen von Hessen-Kassel an England für den Kampf im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg vermietet. Nach monatelanger Überfahrt[1] landete er im August 1782 bei Halifax in Kanada, wo es jedoch nicht mehr zu Kampfhandlungen kam. Seine Bewunderung für die natürliche Ungezwungenheit der Einwohner schlug sich in seinem oft zitierten Gedicht Der Wilde nieder: „Ein Kanadier, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte …“ In Halifax schloss er Freundschaft mit dem hessischen Offizier Karl von Münchhausen.

Im August oder September 1783 wurde er nach Bremen zurücktransportiert und nach der Flucht aus der hessischen Armee von Werbern des Preußenkönigs Friedrich II. nach Emden gebracht, wo er bis 1787 als Musketier diente. Zwei Fluchtversuche aus dem preußischen Dienst scheiterten; ihm drohte die nicht selten todbringende Strafe des Spießrutenlaufens, die durch Vermittlung von Oberst Wilhelm René de l’Homme de Courbière in eine Kerkerstrafe umgewandelt wurde.

Als ihm gegen Kaution Urlaub aus dem preußischen Dienst gewährt wurde,[2] ging er nach Sachsen und studierte dort an der Universität Leipzig von 1789 bis 1792 weiter und zwar Jura, Philosophie, Philologie und Geschichte. Er beendete das Studium mit dem Magister, habilitierte sich und arbeitete danach wie schon während des Studiums als Hofmeister. Seine Anstellung im Dienste eines Grafen von Igelström verschaffte ihm bald eine Stelle als Sekretär mit Offiziersrang von dessen Bruder, dem russischen General von Igelström. Als solcher erlebte er die Niederwerfung des polnischen Aufstandes auf der Seite der herrschenden Russen, doch wurde er 1796 aus der russischen Armee entlassen. Dennoch blieb ihm zeitlebens ein großes Interesse an militärischen Fragen erhalten, so dass er in seinen Reiseschriften wiederholt darauf eingeht, wie viele Soldaten man zur Verteidigung oder Eroberung der jeweils besichtigten Festung oder Stadt benötige.

Seume arbeitete von 1797 an bis zu seiner ersten großen Wanderung (1801) in Grimma als Korrektor bei seinem Freund, dem Verleger Georg Joachim Göschen, nachdem dieser sein Verlagshaus nach Grimma verlegt hatte. 1797 veröffentlichte er mit Münchhausen den gemeinsamen Gedichtband Rückerinnerungen.

In den folgenden Jahren ab 1801 unternahm er zwei große Reisen, die ihn in weite Teile Europas führten, so nach Syrakus, nach Russland, Finnland und Schweden. Am Ende seines Werkes Spaziergang nach Syrakus schrieb Seume nicht gleich eine Elegie auf seinen Schuhmacher namens Heerdegen (wie Goethe auf Mieding), doch gedachte er seiner in folgenden Worten: „...Zum Lobe meines Schuhmachers, des mannhaften alten Heerdegen in Leipzig, muß ich Dir noch sagen, daß ich in den nämlichen Stiefeln ausgegangen und zurückgekommen bin, ohne neue Schuhe ansetzen zu lassen, und daß diese noch das Ansehen haben, in baulichem Wesen noch eine solche Wanderung mitzumachen.“ Dazu kam es dann in den folgenden Jahren wohl auch. Allerdings musste er ihre Besohlung während seines Spazierganges in Palermo zum zweitenmal reparieren lassen, wie er selbst schrieb.

Seine Eindrücke auf diesen Reisen beschrieb er mit besonderem Blick auf die jeweiligen sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse. Johann Gottfried Seume gilt demnach als kulturhistorischer Reiseschriftsteller, der mit Genauigkeit und Nüchternheit über die Verhältnisse in fremden Ländern berichtete. Aufgrund seiner eigenen Erlebnisse als Soldat in Nordamerika und Deutschland, setzte er sich besonders für die Freiheitsrechte einzelner Menschen und ganzer Völker ein. Die ersten zwanzig Lebensjahre bis zur Rückkehr aus Amerika schildert Seume in seiner Autobiographie Mein Leben.

Obwohl er wohl recht umgänglich war, stieß er mit der Entschiedenheit seiner Anschauungen viele ab. Über seine asketische Lebensweise sagte er:

„Ich trinke keinen Wein, keinen Kaffeeh, keinen Liqueur,
rauche keinen Tabak und schnupfe keinen,
eße die einfachsten Speisen,
und bin nie krank gewesen, nicht auf der See und unter den verschiedensten Himmelstrichen.“

Ein weiteres, sehr berühmtes Zitat, das ihm zugeordnet wird, lautet:

„Wo man singt, da laß' dich ruhig nieder,
böse Menschen haben keine Lieder.“

Hierbei handelt es sich mit einiger Sicherheit um eine im Volksmund entstandene Abwandlung einer Strophe seines Gedichtes Die Gesänge von 1804:

„Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder.“

Wirkung[Bearbeiten]

Der Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 beschreibt in neuer Weise die Eindrücke des Schriftstellers als Reiseerlebnis: subjektiv, eigenwillig, politisch, kritisch, alltagsnah. Dem Vorbild Seumes folgte eine Vielzahl weiterer Autoren, die in ihren Werken die jeweiligen Verhältnisse und die sich andeutenden Umbrüche des 19. Jahrhunderts anschaulich darstellten. Beispielhaft sind hier Ferdinand Freiligrath und Carl Schlickum zu nennen. Ab 1839 durchwanderten sie Westfalen. Die Reiseeindrücke wurden später, nach Vollendung des Werkes durch Levin Schücking, in dem Buch Das malerische und romantische Westfalen wiedergegeben.

In Friedrich Christian Delius’ Erzählung Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus (Rowohlt 1995) reist der Protagonist auf Seumes Spuren - frei nach den wahren Erlebnissen von Klaus Müller, der vom 8. Juni bis zum 19. Oktober 1988 die DDR illegal verließ, um seinen Jugendtraum zu verwirklichen.

Der Internationale Johann-Gottfried-Seume-Verein „Arethusa“ e.V. in Grimma vergibt seit 2001 regelmäßig den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis. Nach Seume sind diverse Schulen und Straßen in Deutschland und Österreich benannt.

Das Museum im Schloss Lützen verwahrt 66 Originalbriefe und etwa zwei Dutzend Originalhandschriften des Dichters. Es ist im Besitz der größten handschriftlichen Seumesammlung und widmet ihm eine eigene Ausstellung.[3]

In Bremen wurde auf Initiative und durch eigene Finanzierung des Schriftstellers Hermann Allmers am 12. Juni 1864 ein Portraitmedaillon[4] aus Bronze nach dem Entwurf des Künstlers Victor von Meyenburg (Einfassung aus hellgrauem Granit) für Johann Gottfried Seume am Arbeitshaus an der Straße Herrlichkeit angebracht, weil sich hier die Stelle befand, an der dem zum Militärdienst gepressten Dichter mit Hilfe von Bremer Bürgern die Flucht gelungen war: Seume soll an dieser Stelle vom Schiff gesprungen sein. Nach der Kriegszerstörung des ursprünglichen Standorts wurde ein Neuguß der Plakette aus Bronze nach vorhandenem Modell auf einer von August Traupe entworfenen Stele realisiert. Die Aufstellung als eigenständiges Denkmal erfolgte am 23. Juli 1963 am Bremer Werderufer. 1. Inschr.: Johann Gottfried Seume 1783 durch Bremer Bürger vor seinen Verfolgern gerettet. 2. Inschr.: Johann Gottfried Seume 1763-1810 (Vorderseite); 1783 wurde der Dichter auf seiner Flucht von Bremer Bürgern gerettet (Rückseite).[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Zweiundzwanzig Wochen waren wir herumgeschwommen, ohne das geringste Land gesehen zu haben.“ Seume: Mein Leben; S. 131
  2. sieh: Fortsetzung zu Seume: Mein Leben von C.A.H. Clodius
  3. Museum im Schloss Lützen
  4. Wolfgang Biehusen: Drei Männer und ein Denkmal: Seume, Allmers, Meyenburg, in: Jahrbuch der Männer vom Morgenstern 83, 2004, S. 123-150
  5. Beate Mielsch: Denkmäler Freiplastiken Brunnen, Bremen 1980, S. 19, 51, Abb. 20, 21

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Gedichte
  • Über das Leben und den Karakter der Kaiserin von Russland Katharina II., 1797. (Digitalisat bei der Universitätsbibliothek Bielefeld)
  • Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, 1803. (s. Abb.) (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Apokryphen, postum 1811. Textkritische Neuausgabe: Lumpeter & Lasel, Eutin 2013. ISBN 978-3-9812961-9-8.
  • Mein Sommer 1805, 1806.
  • Mein Leben (Autobiographie), postum 1813. (s. Abb.)
  • Seumes Werke in zwei Bänden. 4. Auflage. Ausgewählt und eingeleitet von Anneliese und Karl-Heinz Klingenberg. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1983. (Die Ausgabe enthält folgende Werke: Mein Leben, Gedichte, Spaziergang nach Syrakus, Mein Sommer, Apokryphen, Vorwort zu einem Bändchen Bemerkungen und Konjekturen zu schwereren Stellen des Plutarch.)
  • Prosaschriften, mit einer Einleitung von Werner Kraft, Joseph Melzer Verlag, Darmstadt 1974. (Enthält u.a. die fünf oben genannten Titel und Briefe.)
  • Briefe. Hg. v. Jörg Drews. Frankfurt 2002.
  • Aus meiner Welt, Hg. Heide Hollmer, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Inge Stephan: Johann Gottfried Seume. Ein politischer Schriftsteller der deutschen Spätaufklärung. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1973.
  • Jan Carstensen: Wer gut geht, dem geht es gut. Landwirtschaftliches Wochenblatt Westfalen Lippe 49/2008, S. 96.
  • Wolfgang Griep: Ausflucht in den Norden. Über Johann Gottfried Seumes Reise im Sommer 1805. Eutiner Landesbibliothek, Eutin 2004, ISBN 3-9808529-6-2.
  • Albert Meier: Seume, Johann Gottfried. In: Walther Killy (Hrsg.): Literaturlexikon. Bd. 11, S. 16–18.
  • Urs Meyer: Politische Rhetorik. Theorie, Geschichte und Analyse der Redekunst am Beispiel des Spätaufklärers Johann Gottfried Seume. mentis, Paderborn 2001.
  • Urs Meyer: Der Kanon der Spätaufklärer – zum Beispiel Johann Gottfried Seume. In: Anett Lütteken, Matthias Weishaupt u. Carsten Zelle (Hrsg.): Der Kanon im Zeitalter der Aufklärung. Göttingen: Wallstein, Göttingen 2009, S. 146–163.
  • Johannes Paul: Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus. In: Abenteuerliche Lebensreise - Sieben biographische Essays. Wilhelm Köhler Verlag, Minden 1954, S. 113–139.
  • Jakob Starzinger: „Felsenwand“ vs. „Blumental“. Fremdwahrnehmung und Selbststilisierung in J. G. Seumes „Mein Sommer 1805“. In: transit, 2. Jg. (2006), H. 1 (Volltext, PDF)
  • Rudolf WolkanSeume, Johann Gottfried. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 34, Duncker & Humblot, Leipzig 1892, S. 64–67.
  • Eberhard Zänker: Johann Gottfried Seume. Eine Biographie. Faber & Faber, Leipzig 2005.
  • Dirk Sangmeister: Seume und einige seiner Zeitgenossen. Beiträge zu Leben und Werk eines eigensinnigen Spätaufklärers. Ulenspiegel, Erfurt 2010, ISBN 978-3-932655-39-5. (= Deutschlands achtzehntes Jahrhundert, Studien 2.)
  • Dirk Sangmeister: Seume, Johann Gottfried. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 281–283 (Digitalisat).
  • Robert Eberhardt: Seume und Münchhausen. Mit dem Neudruck der Rückerinnerungen von 1797. Wolff, Schmalkalden 2010, ISBN 978-3-941461-03-1.
  • Drei Männer und ein Denkmal: Seume, AIlmers, Meyenburg. Karl Wolfgang Biehusen, 27. November 2008, abgerufen am 9. September 2010.
  • Bruno Preisendörfer: Der waghalsige Reisende. Johann Gottfried Seume und das ungeschützte Leben. Galiani, Berlin 2012, ISBN 978-3-86971-060-0.
  • Volker Ebersbach: Seume in Teplitz. Popp, Grimma 1999, ISBN 3-932960-07-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Johann Gottfried Seume – Quellen und Volltexte
 Commons: Johann Gottfried Seume – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien